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11. Jahrgang.
Freitag, den 4. Nissan 5673 (11. April 1913)
Nr. 15
Eine grotze jüdische Kulturaufgabe
in Palästina.
.Die palästinensische jüdische Presse hat end¬
lich deir Kampf gegen den Besuch der von Missions-
gescllschasten unterhaltenen jüdischen Schulen be¬
gonnen. Doch was kann die Agitation nützen, wenn
nicht die Ursachen beseitigt werden, ans denen her¬
aus die jüdischen Eltern veranlaßt worden sind,
ihre Kinder diesen Schulen anzuvertrauen?
Die annen Inden schicken ihre Kinder aus
Not in diese Schulen. Dort erhalten die Kinder
kostenlos Unterricht und Bücher und häufig auch
Kleider. Die reichen Juden dagegen schicken ihre
Kinder in die christlichen höheren Schulen, damit
sie sich Bildung und vornehmes Auftreten an-
eignen.
Wohl gibt es eine Anzahl Schulen jüdischer
philantropischcr Gesellschaften. Doch ihre Zahl ist
einerseits viel zu gering, und andererseits ge¬
nießen sie zum großen Teil nicht das religiöse Ver¬
trauen der Blasse. Auch müßten die Schulen so ge¬
stellt sein, daß, sie die armen Kinder auch noch be¬
köstigen.
Die schnelle Errichtung guter jüdi¬
scher Volks- und Mittelschulen erscheint
als die dringendste jüdische Knltnranf-
g ä b iv die in Palästina zu leisten wäre.
Und an diesen Schulen sind wesentlich Lehrer aus
Westeuropa nötig, da der russische jüdische Lehrer
meist als „Poschc" gilt und viele ihre Kinder lieber
von einem Missionar als von einem „Posche"
unterrichten lassen.
Eine glänzende Aufgabe harrt also ihrer
Vollführung, eine Ausgabe, mit der die Frage der
jüdischen Zukunft Palästinas aufs engste verknüpft
ist! Hier ist der Prüfstein gegeben, wieviel wahr¬
haft jüdisches Interesse, wieviel ehrliche Jüdisch-
keit 'in der traditionell gesinnten Judenheit unserer
Zeit vorhanden ist!
„Agudas Jisroel" und „Misrachi" haben das
Schulwerk in Palästina in die erste Reihe ihres
Programms gestellt; — doch daß es nun auch wirk¬
lich der Ruhm ihrer Organisationen werde, das
liegt in dem Willen der traditionell gesinnten
Judenheit.
Freilich, die „Agudas Jisroel" ist eine junge
-Organisation, die noch für längere Zeit hinaus
mit ihrem Ausbau zu tun haben dürfte. Und was
noch bedeutungsvoller ist: mit dem Tods ihres
Präsidenten, Kommerzienrats Feist s. A., hat sie
Den Mann verloren, dessen Liebe zur Sache, Auf¬
opferungsfähigkeit und Großzügigkeit ihr auch die
Erfüllung dieser Kulturmission in Palästina er¬
möglicht hätten. Und der „Misrachi" . hat aus
Mangel an Mitteln seine Fürsorge bisher nur
einer Schule, der Tachkentoni-Schule in Jaffa,
widmen können.
. So darf man denn wohl an das Gewissen
der traditionell gesinnten Judenheit appellieren,
muß sich aber doch auch nach anderen Wegen Um¬
sehen, denn jeder Tag, der vorübergeht, ist un¬
einbringlicher Verlust.
Uns scheinen zwei Möglichkeiten als ge¬
geben: Das Geld der Chalukahverwaltungen muß
in ständig stärkerem Maße für Schulzweckei frcige-
macht werden, und es muß versucht worden, von der
„Jca" ein Darlehen von mehreren Millionen zn er¬
halten. Wenn die maßgebenden Herren der „Jca" auch
meist dem linken Flügel der religiösen Judenheit
ängehören, so werden sie dennoch darin überein-
stimmcn, daß es im Lande der Bibel ein schweres
Unrecht wäre, die Jugend nicht auf dom Boden der
Tradition zu erziehen, und Sicherheit für das Dar¬
lehen können die Agudas Jisroel und die Chaluka-
verwaltungen mit ihren Einnahmen genügend
bieten.
Möge die Leitung der „Agudas Jisroel" die
Situation in ihrer ganzen Schwere erfassen, damit
sie unter diesem Eindruck das Menscheninögliche
nach jeder Richtung tue. Die „Agudas Jisroel"
wird dann in glänzendster Weise einen weiteren
Beweis für ihre Existenzberechtigung erbracht haben
und die Sympathien noch weiterer Kreise sich er¬
werben.
Aus de« Ereignissen des Tages.
Nochmals der verhängnisvolle Beschluß
der Centralvereinler!
In unserem vorwöcheutlicheu Artikel behandel¬
ten wir die neue Phase im „Centralverein deut¬
scher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Doch der
neue Lauf der Dinge im Ceutralverein ist zn ernst,
als daß man ihn mit einem Artikel erledigt haben
dürste.
Wir sagten bereits, daß, die Wendung im
Centralverein weder im Interesse des Deutschtums
noch in dem der Erlangung der Gleichberechtigung
der Juden gntgehcißen werden kann. Das Deutsch¬
tum hat vom Zionismus eher Vorteile als Nach¬
teile zn erwarten, und die Erlangung der Gleich¬
berechtigung bekommt einen stärken Stoß durch das
Gcbnhreu des Centralvereins. Tenn wenn Juden
ihren eigenen Briidern die Rechte streitig machen,
— warum sollen die Geber der Rechte, die deut¬
sche C h r i st e n sind und sich von den empfangen-
beu Juden sowohl ihrer Rasse als auch ihrer
Religion nach unterscheiden, nicht das Gleiche tun
dürfen? Warum sollen die deutschen Christen
Leuten Rechte Anerkennen, die selbst zugebcn, daß
sie keinen Rechtsanspruch darauf besitzen? Verkün¬
den doch die Centralvereinler, daß die deutschen
Juden nicht als I uden, sondern nur als Deut¬
sche den Anspruch aus Gleichberechtigung Haben!
All' dieses ist sonnenklar und kann nnmög-
lich den Centralvercinlern entgangen sein. Doch
die Angst ob der durch den um sich greifenden
Zionismus gefährdeten A ssimilatio n machte
alle Bedenken zunichte.
Es gab eine Zeit, da glaubte man, den
Zionismus totschweigen zn können; mau vertraute
darauf, daß die Assimilation festen Fuß gefaßt habe
und daß das Ende des Judentums nur noch eine
Frage der Zeit sei. Als der Zionismus ins Leben
trat, da dachte man, in ihm das letzte Ausflackern
des im Erlöschen begriffenen Lichtleins des Juden¬
tums zn sehen. Die flammenden Reden der Zio¬
nisten bewirkten nur ein spöttisches Lächeln, man
lächelte über die Phantasten, denn man sagte sich:
Geiger hat nicht umsonst gewirkt, die Reform hat
ganze Arbeit gemacht und das in Agonie be¬
griffene Judentum gesundet von glühenden Redens¬
arten nicht mehr!
So ungefähr dachten die Feinde des Juden¬
tums von innen und außen bei seinen! ersten Fall
durch die grausame Hand Babylons, so ungefähr
bei seinem zweiten Fall durch die grausame Hand
Roms, so auch bei seinem dritten Falt durch die
zarte Hand der Emanzipation!
Doch das Fallen des Judentums ist nur ein
Ausgleiten; cs fällt und steht, fällt und steht!
Zu ihrem unsäglichen. Schmerz erleben unsere
Assimilanten eine Wiederholung desselben Schau¬
spiels. Der Totgesagte srtbacht zum neuen Leben,
— und deshalb die Verwirrung und Kopflosigkeit
der Assimilation. Aus Kopflosigkeit sucht man die
Reformarbeit wieder aufzufrischen, aus Kopflosig¬
keit sucht man die Einheit Israels 'und sogar .die
der deutschen Inden zu sprengen. Man ist bemüht,
nicht nur die Gegensätze zwischen Liberalen und
Konservativen zu verschärfen, solidem man sucht
sogar einen Keil in die Einheit der Liberalen zu
treiben, und selbst zwischen den Freiheitlichen will
man künstlich durch „Richtlinien" Gegensätze
schaffen.
Und auch der unnötige, vorn Zaun gebrochene
Kampf gegen die Zionisten seitens eines neu¬
tralen Vereins, wie es der Centralverein Jahr¬
zehnte hindurch war und leider nicht mehr ist,
ist nur ein w-eiteres Gtied in frei Kette
der systematischen Sucht der Verhetz¬
ung, des Haders, der Z e r r e i f s u n g und
Zerbröckelung des einheittichcn Iuden-
tums in unzählige losgelöste, sich ein¬
ander widerstrebende, totfcindlich be¬
kämpfende Indentümer, damit ein ba¬
bylonisches „Tauhu wobauhn" entstehe
und alles, was nur Judentum ist und
jüdisch benannt werden sann, für
immerdar im Wirrwarr zugrunde gehen
soll. .
Ein köstliches Bild, eine grandiose Aufgabe!
Dazu haben die Centralvereinler, wenn auch
unbewußt, ihre Hand gereicht!' Sic-».»lögen noch
so schön von „jüdischem Selbstbewußtsein" und
„glorreicher Vergangenheit" reden. Schöne Redens¬
arten sind nur Seifenblasen, wenn die Taten das
Gegenteil beweisen. Die neue Phase des Cen--
tralvereins kann nur als Produkt des eben gezeich¬
neten Systems der bewußten Assimilation von
heute bezeichnet werden!
Kann unter solchen llinständeri der Ccntral-
verein, der heute nur eine Filiale"der
k r a s s c n A s s i m i l a t i o n ist, und in. dem die
„Staatsbürgcrzeitung", das Organ des
christlichen Antisemitismus, einen B nndesgenos-> -
s e n, allerdings für j ü d i s ch c n Antisemitismus,
erblickt, aus das allseilige Wohlwollen, aus Wohl¬
wollen überhaupt Anspruch erheben? Muß nicht,
dieser Verein nunmehr bis aus Messer bekämpft
werden? Können positiv gesinnte Juden ihm
angehören? Kann die Orthodoxie einem Verein, der
sich zn „M a l s ch i n i t", zur Denunziation von
Tausenden von treuen, opsörsreudi-
Juden hergibt, ihre Unterstützung leihen ? Nimmer¬
mehr !
Der Centralverein hat sich selbst sein Todes¬
urteil gesprochen, sobald er sich seiner Neutralität
begeben hat. Jetzt kann nur noch der „B e r b a n d -
der d e u t s ch e n I u d e n" die Rechte der Juden
wahrnehmen; der Centralverein siir die Erkäntps-
ung der Gleichberechtigung der Juden existiert nicht,
darf unmöglich weiter existieren!
Brief aus Oesterreich.
In einem Interview, das der Redakteur des
Lemberger Tagblattes mit Minister a. D. Exzellenz
Dr. S t a n i s l a u s G l o m b i n s k i, dew -Führer
der Allpoleu, hatte, äußerte sich letzterer über das
Thema Politische Landtagswahlreform
und I u d e n wie folgt:
„Ich verlangte, daß in de» fünf Städten
mir Doppelmandateu das Proportional wa h l-
recht eingesiihrt werde, und sämtliche polnische.
Parteien einigten sich dahin, daß sechs Städte je
F;
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