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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ^ Nr. 18
zwei Mandate und diaS Proßortionalwahlrecht er¬
hielte». Mer Umi Monat« Mter beschlossen die
Führer her BkichÄrteien, die Listenwahl ein¬
zuführen. Diese plötzliche AMderung kant daher, daß
Herr Löwenstein seine Partei und die'anderen
Parteien zu überzeugen verstand, daß bei dem Prv-
portionalwahlsystem die Juden Zionisten oder So¬
zialisten, die Polen Allpolen wählen würden.. . .
Löwenstein und die BloDarteicn find
darum gegen das Prvportionalwahlrecht, weil sich
die Zionisten dafür ausgesprochen haben. Ich und
meine Partei aber sagen: Die Situation muß ge¬
klärt Werden. Wenn die jüdische!» Massen tat¬
sächlich den Zionisten und nicht Len Assi-
milanten Gefolgschaft leisten, so müssen
wir uns ynt dieser Tatsache abfinden, Mag sie uns
auch unangenehm sein. ...
Die Entwicklung hat gezeigt, daß die jüdi¬
schen Massen sich nicht assimilieren
wollen, die Assinnlanten,vermögen über die jüdi-
schen Massen nur mit unserer und der Regierung
Unterstützung zu herrschen. Das mag vielleicht für
uns traurig sein, es ist aber eine.Tatsache. Meiner
Ueberzeugung nach kann man niemandem eine Na¬
tionalität aufzwingen. . . .
Wenn Herr Löwenstein im Landtage es
als Gefahr bezeichnet, daß Zionisten gewählt wer¬
den können, so betrachte ich das als einen Beweis
der assimilatorischen Ohnmacht und als
Beweis, daß sich die Assimilanten nur mittels
Terror und Korruption an der Ober¬
fläche des politischen Lebens halten.
Eben aus diesem Grunde möchte ich durch das
Prvportionalwahlrecht die Polen von den Juden
und die Juden von den Polen unabhängig Mache».
Ich habe nämlich die Ueberzeugung, daß gesunde
politische Verhältnisse sich nicht dauernd auf Korrup¬
tion und Unterdrückung gründen können."
Me Worte Glombinskis zeigen wieder einmal,
daß uns Juden die größten Schädigungen aus un¬
seren eigene» Reihen zugefügt werden. Unser Un¬
glück sind unsere führenden Kreise, sind diejenigen,
- deren Intelligenz oder deren soziale Macht unser
Glück sein müßte, — und die Ursache zu unserem
Unglück heißt Assimilation, welche heute aM stärk¬
sten in den führenden Kreisen herrscht.
Selbstverständlich fühlen diese führender Kreise
sich in ihren ^jüdischen Ehrenämttrn meist nicht als
Gewählle und Verwaltende, sondern als Herrschende.
So nur ist ein Vorgang zu erklären, Är sich eben
im Wiener Kulturvorstand abgespielt
hat. Der allgewaltige 60jährige Kultuspräsident
Dr. Stern hat sich mit aller Macht dem selbst¬
verständlichen Verlangen, ein Preisausschreiben für
den Bau des Kinderspitals zu erlassen, widersetzt,
und. als ihm in der letzten Plenarsitzung des Vor¬
standes dessen Vorwürfe wegen dieses unerhörten
Verhallens zu Gunsten seiner Paschalaune oder
irgendwelchen Proteges zu stark wurde», da hat
er einfach die Sitzung geschlossen und damit die
ganze Angelegenheit möglichst auf Monate -hinaus
vertagt.
Der «eue Kurs
hiufichtlich -er russischen Studeuteu.
Ein jMscher Student, der in Rußland ein
Gymnasium absolviert und in Bern sein erstes
Semester verbracht hat, «hielt auf sein Gesuch
um Immatrikulation an der Universität Mün¬
chen folgende gedruckte Erwiderung:
„Universität München.
Immatrikulation von Studierenden
aus Rußland und aus den Balkan¬
staaten.
Für die an der hiesigen Universität studie¬
renden russischen Staatsangehörige» wurde von
her bayerischen Regierung im Frühjahr 1911 eine
Höchstzahl festgesetzt. Diese Ziffer ist zurzeit
noch weit überschritten, da aus frühereil
Gemütern noch viele russische Studenten imma¬
trikuliert sind; es ist auch für die nächsten Se¬
mester kein solcher Abgang z» «warten, daß Neu¬
aufnahmen stattfinden können. Wenn wieder Plätze
frei werden, so können nur- solche russische Studie¬
rende ausgenommen w«den, die sich üb« eine
ausreichende Kenntnis d« deutschen Sprache sowie
darüb« ausweisen, daß sie ein achtklassiges Knaben-
gymnafium abfolviert und schon an ein« russi¬
schen Universität oder russischen technischen Hoch¬
schule studiert haben. h
Auch für die Studierenden aus den Bal¬
kanstaaten sind Höchstzahlen festgesetzt und
können riur insoweit Aufnahmen fiattfinben, als
Abgänge stattfinden; Gesuche um Vormerkung auf
freiwerdende Plätze können unt« Beifügung der
Zeugnisse an das Universitäts-Rektorat gerichtet
werden." ...
Mit dieser Verfügung hat die Reichstags¬
debatte *) über die Zulassung russisch« (lies:
russisch-jüdischer) Studenten bereits ihren Kommen¬
tar für die Praxis gefunden. Es ist traurig, daß
Deutschland sich damit zum Helfershelf« der russi¬
schen Judenpolitik gemacht hat.
*
Soeben wird aus Leipzig berichtet, daß be¬
reits mit dem beginnende» Sommersemester die
dortige Universität von russischen Studierenden den
einjährigen Besuch einer russischen
Universität und die Beherrschung d« deut¬
schen Sprache fordert.
Diese Entschließung kann nur anttsemitischc!
Motive haben, denn der Beweis des einjährigen
Besuchs einer russischen Univ«sität kann von den
russischen Studierenden nur der Jude nicht er¬
bringen; wären ihm die russischen Universitäten
nicht verschossen, er brauchte nicht ins Ausland
zu gehen.
Wichtige Eutschlietzung.
Aiu'5. März d's. J's. hat der Herr Minister
für geistliche und. Unterrichtsange¬
legenheiten zu B«lin an die Provinzial-
Schulkollegien zur Mitteilung an die Anstaltsdirek¬
toren verfilzt, däß bei den schriftlichejn Exa¬
mensarbeiten derjenigen Mischen Schüler,
welche während ihrer Schulzell am Sonnabend und.
den Festtagen nicht geschrieben haben, auch beim
Examen zur Verletzung ihrer religiösen Verpflich¬
tungen nicht gezwungen werde» sollen, sondern daß
die Arbeit an einem anderen Tage ge¬
schrieben werden soll.
Wo dies nicht tunlich, soll der betreffende
Schüler ebenso behandelt werden wie ein Schüler,
der infolge plötzlicher Erkrarckung die Arbeit nicht
mitschreiben konnte. Jedenfalls aber wünscht der
Erlaß des Ministers, daß die jüdischen Schul«
durch das Nichtschreiben am Sonnabend vor Ver¬
lust eines halben Jahres geschützt seien.
Rabbiner Dr. Bamberger-Schönlanke.
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OeffentL Probestunden Mittwochsum 11, 5,7 n. 9 Uhr. M
Mrs aller Wett.
Deutsches Reich.
Berlin. Im Landtag fand zwischen dem Abg
Cassel (Fortschr. Vp.) und dem Abg. H o f f in a n n (Soz.)
wieder einmal ein
Disput.
statt. Wir- geben hier als das Wesentliche die Antwort
Hoffmanns wieder. Er sagte:
Dem Abg. Cassel muß ich erwidern, daß es mir
nicht eingefallen ist, den Juden irgendwie nahezutreten.
Es ist mir auch nicht eingefallen, gegen eine ansgleichende
Gerechtigkeit zu sprechen, sondern ich habe nur gesagt,
daß es ungerecht ist, einzelne Konfessionen mit öffentlichen
Steuermitteln zu unterstützen.
Wir haben nicht dagegen Front gemacht, daß die
Juden sich die Gleichberechtigung erkämpfen wollen. Ich
habe mich nur gegen die Erkriechuug der Gleichberechti¬
gung gewandt. Männer erkämpfen sich die
Gleichberechtigung, aber erschmeicheln und
erkriechen sie nicht.
Ich habe schon früher als eine Schande der preußi¬
schen Geschichte erklärt die Art, wie man die Juden
verfolgt hat. Die Versprechungen, die man früher den
Juden gemacht hat, sind nicht gehalten worden. Die
Juden sind von de» Junkern, der Regierung und den
S ohenzollern betrogen worden. (Pfuirufe rechts- Präsident
raf v. Sch wer in-Lö witz: Sie haben das nationale
Empfinde» des Hauses aus das schwerste verletzt. Ich rufe
Sie deshalb zur Ordnung.)
Ich habe nicht den Glauben des Herrn Cassel in
die.Debatte gezogen. Ich habe yur gesagt, daß man
nicht zu den Leuten geht, die diesen Glauben als minder¬
wertig ansehen, und um Unterstützung eines solchen
Glaubens bittet. Die Religion ist heute noch Staats¬
*) Siehe p.nter der Rubrik „Aus aller Welt".
und Wychtsache, und, weil sie das nicht noch mehr werbe»
soll, deshalb -widersprechend wir dem Anträge Cassel..
Selbstin- keinem Kriegerverein, .bei der größten Hurra
stiiirmnng hohe ich noch keine solche Rede gehört/-, wie
die von Herrn Cassel, die von Uebertreibung und Urber¬
schwang strotzt. Herr Cassel ist selbst dem Herrn v-
Oldcnburg-Januschau um eine Pferdelänge voraus.
Bon einem Staate, der die Juden unterdrückt,'soll¬
ten diese keine Geldmittel annehnlen. Dazu sollte n
diese zu st o l z sei n. Ich würde ein solches Almosen
mit Entrüstung zurückweisen. Den ärmeren
j ü d i s ch e n S y n a g o g e n g e m e i n d e n wäre geholfen:
reiche Juden brauchten nur die Hälfte der Gel¬
der für ihre Genteinden auszuzahlen, die sie für
Ko m m c r z i en r a ts t i te l für evangelische
Kirchen (z. B- die Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche mit
der Kamelinschrist) geben, die „T. d- W."-Kirche (Taus-
Hans. des Westens) und dergleichen, in der sich-die
Jude» mit Borliebe taufen lassen: Leise zieht durch, mein
Gemüt stiller Gottessrieden. Oben sitzt die Fürstin Wied,
unten lauter Jüden! (Schallendes Gelächter.)
Dem Kampf der Sozialdemokratie gegen den Anti¬
semitismus .verdanke ich einen ersten Erfolg; aber gegen
das rnckgratlose Juden tum habe ich allcrdingo
etwas, und ich werde es ehrlich' bekämpfen. (Beifall bei
den Sozialdemokraten.)
Berlin. Der Ausschuß d es Deutsch-Israeli
tischen G e m e i n d e b u u d e s hat in seiner letzten Sitz¬
ung einstimmig — auch mit Einschluß seiner ortho¬
doxen und zionistischen/. Mitglieder — den Beschluß gefaßt,
die Angelegenheit dckr jüdischen Bolksschule zunächst der
sachverständigen Beratung des Verbandstages sei¬
ner Gemeindeverbände. zu unterbreite». Der Ausschuß
steht nach wie vor.auf dem Standpunkte,
die jüdische Volksschule in mittleren und
kleinen Gemeinden zil erhalten und auszu-
dehnen;
in betreff der jüdischen Elementarschulen in beu Groß-
gemeinden sind die Anschauungen geteilt. Es ist letzteres
aber auch von keiner Bedeutung, da der Ausschuß auf
die Lösung dieser Frage in den Großgemeinden nicht den
mindesten Einfluß besitzt.
Berlin. Die diesjährige
Generglversammlung des Hilssvereins der
Deutschen Iuden
findet Sonntag, den 13. April er. in Berlin, Logenhaus
der Logen U. O. B- B., Kleiststr. 10, vormittags 11t/-
Uhr, statt.
Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan
werden den Bericht über die Tätigkeit des Hilssvereins
im abgelaufenen Jahre erstatten. ' '
Berlin, 9. Aplil. In der Budgetkommission
des Reichst ags brachte Abg. Gothcin wieder die
Zulassung jüdischer Reserveoffiziere
zur Sprache.
Der Kriegs ml n i st e r gab seine stets gleiche Ant¬
wort: Die Militärverwaltung trete durchaus für die völlige
Gleichberechtigung ein und sei auch jederzeit bereit, Einzcl-
fälle zu prüfen. Er sei aber nicht in der Lage,
direkt in die O s f i z i e r s w a h l einzugreifcn.
Auch Vertreter des Zentrums wandten sich mit
großer Schärfe gegen die zweifellos vorhandene Zurück¬
setzung jüdischer Offiziersaspiranten. Vom Zentrum wurde
angeregt, ob nickst die Wahl der Reserveoffiziere dem
Offizierskorps entzogen und dem aktiven Offizierskorps
überwiesen werden könne. Es würden dadurch manche
Beschwerden, sei es über Zurücksetzung einer Konfession,
sei es 'über ungleichmäßige Behandlung aus politischen
.Gründen, verschwinde».
Gegen diesen Vorschlag hatte der Kriegsminisier
Bedenken. Bei der Marine liege die Sackst ganz anders,
weil die in Betracht kommenden Persönlichkeiten vielfach
schon durch den Beruf als Kapitäne rc. ihre Qualifika¬
tion erweisen, während das aktive Offizierskorps der Armee
die persönlichen Verhältnisse der Bewerber nicht kenne.
Ein Sozialdemokrat verlangt für die Anfnahmc
in Kadettenhäuser eine Vorschrift über die Mindestzahl
aufzunehmender jüdischer Bewerber. Von freisinniger Seite
wird dein widersprochen,' da inan iir dieser Partei solche
Anstalten überhaupt nicht wünsche.
Berlin. Bei der Beratung des Kultusetats im
Abgeorductenhanse präzisierte cher Kultus¬
minister den Standpunkt der Regierung in der
Frage der ausländischen Sind eilten ans
preußischen Hochschulen
folgendermaßen: „Wir müssen daran sesthalteii, den Aus¬
ländern an unseren.Universitäten Gastfreundschast zu er¬
weisen, wie wir es von jeher getan haben. Aber selbst¬
verständlich darf diese Gastfreundschast nicht so weit gehen,
daß unsere eigenen Studenten darunter leiden. Dagegen
wird Vorsorge getroffen werden müssen. Darauf ist auch
die Aufmerksainkeit der Unterrichtsverwaltung dauerild ge¬
richtet.
Wir haben schon geeignete Maßnahmen getroffen,
- und ich stehe augenblicklich in der Prüfung, ob noch
w e i t c r.g e Heu de Maßnahmen zu treffen sind, um
'namentlich den großen Andrang der russischen Stu¬
denten zu beschränke». Gerade die Zahl der russischen Stu¬
denten an unseren Universitäten ist in den letzten Jahren
an mancher Stelle so groß gewordeii, daß inan sich frage»
muß, ob es »och nröglich ist, ihnen in unbeschränkte m
Umfange Gastfreundschaft zu gewähren, ohne daß unsere
eigenen Studenten und die anderen Ausländer darunter
leiden. Ans den anderen Ländern kommen die Studenten
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