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Nr. 15 . - r; ~
lange nicht nir. dein Maße huf unsere Universitäten wie
ans- Rußland. Wir werden vielleicht für die russischen
Ltudenten eine Bestiinmung erlassen müssen, wie sie in
anderen Staaten besteht. Das wird bei dem großen
Andrang der russischen Studenten unbedenklich sein, einem
mäßigen, Besuch der russischen Studenten Nwlle» wir Hinder¬
nisse nicht in den Weg legen."
Rrrtzlaud. -
Kiew. Der Gouverneur hat die Polizei beauftragt,
1700 jüdische freie Zuhörer
des Handels-Instituts auszuweisen,
da diese in Kiew kein Wohnrecht haben. Die Direktion
des Handels-Instituts bemüht sich, die.Ausweisung rück¬
gängig zu machen.
Warschau. Nicht nur außerhalb des Anstedlungsrayons,
sondern auch innerhalb desselben kommen seht
ständig Ausweisungen
vor. So sind jetzt im tzomeler Gebiet 18 kleine Wald-
Händler mit kurzer Frist' ansgewicsen worden.
Amerika.
New-Aork. Nachdem im gesellschaftlichen und geschäft¬
lichen Leben Amerikas seit geraumer Zeit ein ständig
wachsender Judenhaß zu verzeichnen ist, zeigen sich letzt¬
hin auch im politischen Leben der Bereinigten Staaten
bedrohliche Anzeichen für einen
f o rt s ch r e i t c.n d e n A n t i s e m i t i s m u s.
So brachten dieser Tage Newyorker Zeitungen die Auf¬
sehen erregende Nachricht, daß der Republikaner-
Klub der Newyorker W c st s e i t e künftig keine
Juden mehr aufnehme. Diesem Klub gehörten
bisher 20 jüdische Mitglieder an, die sich sämtlich eines
hohen Ansehens erfreuten. Kürzlich nun empfahlen zwei
dieser jüdischen Mitglieder zwei andere Inden zur Aus¬
nahme in den Klub; ihre Namen standen mit denen von
25 nichtjüdischen Kandidaten ans der Älbstimmungsliste,
aber während die übrigen 25 einstimmig ausgenommen
wurden, wies man die beiden jüdischen Kandidaten ab.
Auf Befragen erklärte der Borsitzende denn auch, daß
eine Gruppe von Klubmitgliedern sich gegen die Auf¬
nahme weiterer Juden sträube. Einige der bisherigen,
dem Republikaner-Klub seit Jahren angehörenden Mit¬
glieder sind infolgedessen ansgetreten.
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Ü MlTefon. 11
Das „Scheker-Bilbirl".
Bon C. B e r gv
<10. Fortsetzung).
„Wie konnte es geschehen, daß die Leiche nicht
schon gestern aufgefunden wurde?" fragte Philipp.
„Zu Befehl, cs war Erntefest und Kirmes in
Powidz," erwiderte Quitte prompt.'
„Er meint damit, daß alles, was über zwei Beine
verfügt, schon in früher Morgenstunde zuni großen
Sonntag- nach Powidz gelaufen oder gefahren war," er¬
gänzte der Amtsrichter die Antwort des Gendarmen; „da¬
her ist cs lvohl erklärlich, daß der Wald imd vornehm¬
lich dieser, von der Stadt lveit abgelegene Teil, wenig
betreten 'wurde. Unerklärlich bleibt es mir nur, daß
niemand bei der gestrigen Gcneralschmauferei und Lust¬
barkeit Julek, den flottesten Vortänzer, vermißt haben
sollte."
„Das Mädel, nämlich die Franja . . ." nahm
Tiilmann schwerfällig das Wort.
„Na, was ist's mit der Franja?" ermunterte der
Amtsrichter den Unbeholfenen.
„Geschimpft hat sie auf den Julek."'
„So, so. Ei, lvarum denn?"
„Weil er wieder mit der Pelagia mitgelaufen
war," antwortete Friedrich statt Tilmaiins, blöde
lachend. 1 '
„So, mit der Pelagia," wiederholte der Amtsrich¬
ter zögernd und fragte daun recht behutsam: „Habt
Ihr etwa gesehen, wohin sic miteinander gegangen
H»d, und wann das lvar?"
„Nee, das weiß ich nicht." Friedrich zuckte mit
den Achseln.
„Nee, gesehen habe ich sie auch nicht," verwahrte
sich Tfllmann gleichfalls, „die Franja hat halt so
gesagt."
„Nun, wenn die Franja so was behauptet, muß
sie doch etwas darüber wissen," ries der.Bürgermeister.
„Man wirö die Weiber verhören müssen," ent¬
schied der Amtsrichter, „die Franja wie die Pelagia."
„Herr lAmtSrichler," ftagte der Bürgermeister offi-
iiös,, „chan ei^ählt in der Stadt, Pelagia wäre davon-
Frankfurter Israelitisches Familienblatt.
gelaufen; Iat Ihre werte Frau Gemahlin Grund zur
Unzufriedenheit mit ihr gehabt, oder, hm, hm?"
„Der verfluchte Kerl weiß auch allen Klatsch zu¬
erst," dachte Müller erbost. „Welches alte Weib hat
ihm Las wohl schon wieder zugetragen?" Doch er be¬
herrschte sich und antwortete kühl: „Durchaus nicht.
Pelagia ist eine brave Person. Ich halte es nicht für-
ausgeschlossen, daß sie im Laufe des Tages wieder in
mein Haus zurückkehrt. Auf jeden Fall werde ich
nach ihr recherchieren."
Im Stillen' kam ihm ein starkes Unbehagen, daß
irgend etwas mit denk Mädchen nicht geheuer sei, und
was Frau Christine sagen werde, wenn sie erfahren
würde, daß das Gericht auf ihren Schützling fahnde.
Einerlei, er mußte seines Amtes walten. Er ließ den
Referendar an Ort und Stelle den Leichenbefund ge¬
hörig schriftlich aufnehmen, das Protokoll wurde noch
einmal verlesen und von allen Anwesenden unterzeich¬
net, dann befahl er, den Toten nach dem katholischen
Friedhof zu tragen, wo. er zuvörderst bleiben solle.
Tilmann, der Holzhauer, trat schüchtern an den
Amtsrichter heran und fragte, auf das Messer deutend.
Las möge ja doch keiner mehr, ob er es nicht be¬
halten dürfe.
Die Frage brachte den Gendarm gewaltig in Har¬
nisch. Der Brave hatte im Laufe seiner Dienstjahre
einige juristische Sprachbrocken aufgespeichert und fuhr
nun im 'Amtseifer den Holzfäller an: „Was wohl dem
Kerl einfalle, sich ein Corpus delicti einstecken zu wol¬
len ; das nehnie das Gericht in Verwahrung."
„Die Fußspuren müssen genau ausgezeichnet wer¬
den," gebot Müller eben, als ihm der Gendarm das
Messer nebst dem einige Schritte daneben gefundenen
Streifen Papier überbrachte.
„Wird etwas ungeheuer _ Gravierendes enthalten,"
brummte der Amtsrichter und strengte sich an, den von
Erde, Schmutz und Feuchtigkeit befleckten Fetzen zu be¬
trachten. Plötzlich rief er erstaunt: „Meine Herren, das
scheint ein Rezept!" .
„Wahrscheinlich von nur!"
„Die beiden Doktoren griffen zu gleicher Zeit da¬
nach und rissen es mitten durch. Verwischt, beschmutzt,
wie sehr auch das beschriebene Blatt zum Geschmier ent¬
stellt war, erkannte man nach etlicher Mühe doch die
Form von Thorners Schriftzügen.
„Sie müssen den Kopf mit Ramien /und Datum
haben, Herr Kreisphysikus," rief der Doktor.
„Jawohl, jawohl," gab der zurück, in das Blättchen
vertieft. „Merdvürdig unleserlich, Ihre Handschrift, für
Frau —" er beäugte den Fetzen kreuz und quer, der
Kneifer .fiel ihm bei der Anstrengung herunter, im
selben Augenblick, da er nach dem Glase griff, kam
ein Windstoß und wirbelte das Blatt davon. Alles
Nachlaufen, Suchen (Mediziner wie Juristen kamen in
Schweiß) war erfolglos.
„Werden Sie aus Ihren Büchern den Namen des
Patienten registrieren können?" fragte der Anitsrichter
den Doktor Thorner.
Der Doktor hörte zerstreut zu, Müller mußte seine
Frage wiederholen.
„Kaum," sagte der Doktor.
„Der Teufel hole die Doktors," knurrte Quitte,
als er das abgerissene Papier behutsam dem Protokoll
becheftete, „da haben sie uns den schönsten Indizien¬
beweis in den Wind gejagt!"
Das Scheker-Bilbnl.
Perez war des Sonntags den ganzen geschlagenen
Tag innerhalb seiner vier Pfähle zu. Haus geblieben,
ein in Len Annalen seines Lebenswandels bis dato
geradezu unerhörtes Ereignis; er sah selbst ein, daß
er sich ob dieser beispiellosen Unordnung wohl vor
seiner Mutter entschuldigen, eigentlich rechtfertigen
müsse. Am klügsten schien es ihm, wenn er sich
einmal krank stellte; kranke Leute läßt mau nicht
Wasser tragen, kranke Leute brauchen nicht auszu¬
gehen, und Perez hatte seit gestern eine unüberwind¬
liche Scheu vor der Straße. Er klagte denn auch über
Kopf- und Zahnweh, über dies und das, fingierte
sechs Uebel in fünf Minuten, sodaß die besorgte Mutter
ihn am Mittag, da das große Kind ganz gegen seine
gewohnte Art weder essen noch sprechen wollte, instäu-
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' Seite 3
digst bat, zum Arzt "zu gehen und diesen um Rat
zu fragen. .
Bei dem Gedanken aber, auf die Straße zu treten
und sich unter Menschen begeben zu sollen, bekam
Perez einen so wahrhaften Fieber-, Frost- und Schüttel¬
anfall, daß er sich zu Bett legen mußte, worauf ihn
dann nach geraumer. Zeit ein tiefer, traumloser Schlafe
umfing, der alle eingebildeten und wirklichen Leiden,
des alten. Jungen in ein paar glückliche Stunden gänz¬
licher Gefühl- und Bewußtlosigkeit auflöste.
Gegen Abend erwachte er, Lurch den langen, un¬
gewohnten Schlaf gekräftigt und neu gestärkt; nun mel¬
dete sich auch ein ganz ungewöhnlich gesunder, bislang
unterdrückter Appetit, aber, aber — wer nicht arbeitet,
soll nicht essen, hat auch in den meisten Fällen nichts
dazu. Diesmal bewahrten Glück und Mutterliebe den
Tagedieb noch vor Hunger und Not. Frau Röschen er¬
innerte ihren Sohn, daß das Sabbatgeschenk der Dok¬
torin, der Korb mit allerhand Leckereien, iwch un¬
berührt im Wandschrank stehe, er möge doch die guteil
Sachen nicht ungenossen verderben lassen und zur Kräf¬
tigung seines schwachen Magens verwenden.
Bei Erwähming des Korbes stieg Perezens Fieber
wieder zum Paroxismus, — Himmel, wenn er des Nachts
rechtzeitig an den Wein in diesem Korbe, der zur Her¬
stärkung für die Kranke bestimmt war, gedacht hakte,
dann hätte er nicht znm 'Apotheker zu laufen brauchen
und hätte von all dem Gräßlichen nichts erlebt. . .
Er rang die Hände, weinte u nd schrie, — die Mutter,
erschreckt über sein entsetztes Aussehen, begann zu jam¬
mern und wollte bei den Nachbarsleuten, um Hflfe
rufend, anllopfen, da stieß die Schusterftan die Tür
auf und sagte: „'Allmächtiger, was ist hier los? Das
hört sich an, als ob einer umgebracht würde . . ."
„Nichts, nichts."
„Weil Ihr so jammert und schreit."
„Ich habe Kopfweh," murmelte Perez.
„Ei, da mußt Du Zitronenscheiben "auflegen und
rohes Sauerkraut," rief die Schusterin gutnüitig. „Des
'Amtsrichters Pelagia hat es meinem Jnjn einmal ge¬
raten, dem ward es auf der Stelle gut; ja nun," fuhr
sie geschwätzig fort, „wißt Ihr schon, daß die Pelagia
weggelanfen, stockstill in der Nacht, auf und davon?
Ich kann mir wohl denken, warum siie ausgerückt ist."
„Raus, raus," schrie Perez, am ganzen Leibe
zitternd, und schlug der erschrockenen Frau die Tür
vor der Nase zu.
Die Nachbarin stand tiefgekränkt auf dem Flur und
bot mit schallender Stimme unter allen Tieren des
Feldes die düimnsten und niedrigsten auf, um sie mit
dem unmanierlichen Wasserträger zu vergleichen, dann
besann sie sich eines andern, schlich schweigend zu der
ungastlichen Tür zurück und legte behutsam ihren Kopf
an das Schlüsselloch. „Was hat er nur mit dem
Wein? . . . So, so, fortgelaufen ist er des Nachts!"
Sie konnte jedoch aus seinem Lamento nicht recht klugr,
werden, schloß aber, da sie Perez immer wieder um
den Wen», jammern hörte, daß ihr Mietsmann wohl
über Nacht ein Trunkenbold geworden sei, daß sie ihrem
Manne klagen werde, wie sie der Wasserträger ungehörig
behandelt habe, nicht zuletzt meinte sie, daß es diesen
Juden sehr wohl erginge, wenn sie Wein trinken
könnten, andere Leute hätten »ur Brunnenwasser oder
Zichorienkaffee.
Perez nahm sich endlich zusammen, beruhigte seine
Akutter, so gut er es verstand, aß und trank und' ließ
sich's wohl sein, ja, ein Gläslern Wein, das er auf
dringendes Verlangen der ..bekümmerten Frau leeren
mußte, niachte ihn wieder ^ganz fidel, er hatte freilich
keine Llhmmg, daß ihn durchs Schlüsselloch ein paar:~
gierig funkelnde Augen beobachteten. Warum versteckte
er sich? Bor was fürchtete er sich denn? Seine Hand
war rein. Mer auch einer fremden Schuld bewußt
sein, verniag ein Gewissen zu beschweren. So kämpfte
Perez einen harten Kampf zwischen der Furcht vor den
Menschen und der Furcht vor der Not um des Lebens
Unterhalt, schließlich siegte die Sorge, seine Mutter
durch längeren Müßiggang noch mehr zu betrüben,
und drängte ihn, seinem Alltagsgeschäst nachzugehen.
Mit einem Gefühl dumpfer Verzweiflung schnallte er
die Tragriemen um und trottete um Stunden später,
als es sonst seine gewöhnliche Zeit war, zum Brunnen.
„Perez, wo hast Du gesteckt?"
„In meiner Haut," murrte er verdrossen.
Da ließen ihn die Neugierigen laufen; man hatte
heute Interessanteres vor, als sich um den Narren zu
kümmern; war doch die ganze Stadt voll von JuleE Töd.
Ueberüies ging Perez hätte seinen besten Freunden
aus dem Weg, vermied, sich in ein Gespräch einzn-
lassen und strich scheu die Häuser entlang.