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schen Juden, geht sie ab. Erst nach Wlegung ihrer
Gebrechen nnd Beseitigung ihres Aberglaubens, erst
wenn sie sich den höher stehenden Nichtjuden ge-
; nähert haben und in ihnen aufgegangen_ sind —
? erst dann werden sie die wahre Sittlichkeit erlan-
k gen. Wir verweisen dabei auf ein E inaestrndt in
der vorletzten Nummer unseres zeigt,
l- wie gering PH. die polnischen Juden bewertet!
K Gleichzeitig aber legen wir energischen Protest ein
7' gegen diese häßliche und feindselige Verallge-
i|* meinerung, gegen die sonderbare orü-
i% derliche Art, den noch so geringsten
-\ Fehler tausendfältig vergrößert zu
' sehen und die größten Vorzüge zu über-
> sehen.
' Es muß endlich einmal offen.gesagt werden,
daß unsere polnischen Brüder uns an Seclenrein-
heit in gar keiner Weise nachstehen und in gar
manchen jüdischen Tugenden uns weit, weit über¬
legen sind. Was ihnen abgeht, ist das bischen
.Benehmen, das auf Schein beruht; —_ doch
dieser Mangel an europäischer Tünche
hindert uns nicht, auf sie stolz zu sein und
-S* ihre Seelengröße und Seelentiefe zu
bewundern.
Es bliebe iwch die jüdische Ethik. Nach Aus¬
schaltung der besonderen jüdischen Merkmale wie
z. B. Gerechtigkeit u. dgl. m. und ihre Ein¬
schränkung auf die. im Judentum andersge¬
artete und von den liberalen Juden mißverstan¬
dene Barmherzigkeit fallen die Hindernisse für ein
Aufgchen ins Christentum der Liebe und Barm¬
herzigkeit weg!'
Wir haben uns bemüht, in billiger Weise
die gedanklichen Motive der jüngsten Aktion Philipp-
sons zur Assimilierung der „schear jaschub" (des
iwch gesunden, an der Rückkehr festhaltenden Restes)
zu folgen. Wir können jedoch nicht umhin, zu konsta¬
tieren, daß diese philippsonischen Gedankengänge aus
einer starken inneren Abneigung gegen
d-as östlich e Judentum sowie aus ulitaristischer
Gemütsart herrühren. Glücklicherweise aber ist
die weitaus große Mehrzahl des jüdischen Vol¬
kes ganz anders als Prof. Philippsohn ver¬
anlag und daher auch ganz anders orientiert.
Diese Mehrheit hält fest zu ihren historischen
Idealen und zu ihren ethischen Postulaten, so
daß sie stets ohne Schwanken bereit ist, alles irdi-
scheGut auf den Altar dieser ihrer Heiligtümer zu
opfern.
Gestatten Sie, Herr Professor, zum Schluß Ihnen
eine kleine, von unserem Herzblut jedoch diktierte
Bitte zu übermitteln: Mischt Euch nicht in
unsere geheiligten Angelegenheiten!
Wir sind mündig, laßt uns also gehen
und legt uns keine Steine in den Weg.
Auch wir durchkreuzen Eure Wege nicht,
auch wenn sie uns mißfallen.
Die Deutsch-Israelitisch-Osmarrische
Union.
Es war zu erwarten, daß die bedeutsame
Neuorientierung der deutschen Politik, die diesen
Krieg gebracht hat und die in erster Reihe im
deutsch-türkischen Bündnis ihren Ausdruck findet,
auch auf die Gestaltung- der jüdischen Politik und
Wohlfahrtspflege ihrsen Einfluß ausüben würde. Der
Anschluß der Türkei an die Zentralmächte mußte
ganz naturgenmß die Aufmerksamkeit der Mrenden
jüdischen Persönlichkeiten und Organisationen in
Deutschland auf sich ziehen und den Gedanken einer
eifrigen Betätigung in der Türkei noch stärker her¬
vortreten lassen, als es bisher geschehen ist. Und
eine stärkere Verbindung und Zusammenarbeit mit
der türkischen Judenheit war von selbst geboten;
denn wenn auch die jüdische Politik als solche ihre
eigenen Wege gehen muß und die Freundschaft und
Feindschaft der Staaten keinesfalls maßgebend sein
darf für den Zusammenschluß der Judenheiten der
verschiedenen Länder, so ist cs doch nur ganz
naturgemäß, daß die jeweilige politische Konstella¬
tion auch von Einfluß sein muß auf die Methoden
der jüdischen politischen Arbeit, uird dies gilt ganz
besonders in diesem Falle, da diese Konstellation
- Acankftwtä: Israelitisches FannlienVlatt.
nicht das. Produkt einer monrentänen,'bald vorüber¬
gehenden Gruppierung ist, sondern das Resultat
einer dauernden und bleibenden Interessengemein¬
schaft- ,
Die Türkei kommt für die jüdisch e Politik und
Philanthropie vor allem als Einigrations- und
Kolonisationsland in Betracht, und fast alle bis¬
herige jüdische Arbeit in der Türkei bewegte sich
ja auch in dieser Richtung, Uttd daher mutzte das
Interesse für oie Türkei in jüdischen Kreisen in
diesen Moimten auch noch von einem anderen Ge¬
sichtspunkte her besonders wachsen: auf Grund der
sicher bevorstehenden großen ostjüdischen Emigra¬
tionsbewegung, die nach dem Kriege entsetzen wird.
Diese Emigration nach Möglichkeit nach der Türkei
zu lenken, das ist ein Gedanke, der in diesen Tagen
förmlich in der Luft liegt und zu selbstverständ¬
lich, zu einleuchtend ist, als daß er nicht früher
oder später den Ausgangspunkt zu einer größeren
Aktion seitens der deutschen'Judenheit bilden sollte.
Das Naheliegende und sicher zu Erwartende
ist nunmehr Ereignis geworden; eine Konferenz, be¬
stehend aus vielen der bekanntesten und angesehen¬
sten deutschen Juden, hat in B«rlin getagt und die
Gründung einer Organisation beschlossen, die diesen
jüdisch-politischen Gedanken einer starken Emigra¬
tions- und Kolonisationsarbeit in der Türkei im
engsten Einvernehmen mit der türkischen Judenheit
verwirklichen und durchführen will; sie nennt sich
etwas umMndlich: „D eu t s ch-Js r aelf tisch -
Osmanische Union."
Die Grüitdung dieser Organisation müßte
eigentlich von der jüdischen Presse und Oeffentlich-
keit mit größter Genugtuung begrüßt werden; statt
dessen kann man eine gewisse kühle Reserve, ja
eine Art von Mißtrauen wahrnehmen, die bewei¬
sen, daß die Zufriedenheit mit der Gründung der
„Union" keine restlose ist, vielmehr mit starken
Zweifeln gepaart ist. So sehr der Gedanke, der
ihr zugrunde liegt, allgemein gebilligt wird, so
sehr stehen viele der Art der Gründung, vor allem
aber der Person des eigentlichen Gründers , mit
Bedenken und Zweifel gegenüber.
Wir müssen gestehen, daß wir diese Bedenken
und Zweifel teilen. Für den Kenner der Verhält¬
nisse ist alles gesagt, wenn man mitteilt, daß Herr
Dr. Alfted Nossig der eigentliche Gründer und
Führer der neuen Vereinigung ist, Es soll hier
nichts gegen die Person des Herrn Dr. Nossig ge¬
sagt werden, dessen Energie und Geschicklichkeit man
durchaus anerkennen muß, aber die Vergangenheit,
die -Herr Dr. Nossig in seiner jüdisch-politischen
Betätigung hinter sich hat, läßt sich nicht über¬
sehen, und Jie ist cs, die all jene Zweifel und
Bedenken hervorruft. Herr Dr. Nossig hat nämlich
schon recht viel auf jüdisch-politischem Gebiete an¬
gefangen, durchgeführt aber hat Herr Dr. Nossig
nur sehr wenig, im Vergleiche zu dem, was er^gc-
wollt, so gut wie gar nichts. Es gibt politische
Köpfe, die wohl reich sind an Ideen, Initia¬
tive, fähig, andere anzuspornen und zu beein¬
flussen, unfähig aber, das begonnene Werk in
stiller, zäher - Arbeit nun zu Ende zu führen.
Herr Dr. Nossig scheint auf Grund seiner bisheri¬
gen Leistungen zu dieser Kategorie zu gehören.
Man erinnert sich seiner Tätigkeit innerhalb des
Zionismus: ewige Opposition und Kritik bis zu
jener großen Auseinandersetzung mit Herzl in der
Cypernftage, die für ihn so kläglich endete. Man
erinnert sich heute noch lebhaft seiner letzten großen
„Leistung", der Gründung der A. I. K. O., die
mit so viel Getü und Ambition' ins Leben trat
upd doch nichts zustande gebracht hat. Man ver¬
saht es so, daß sehr viele mit Skepsis und Reserve
diese neue Gründung des Herrn Dr. Nossig bc-,
trachten, von der man sich unwillkürlich ftagen
muß, ob sie nicht das Schicksal der anderen teilen
wird.
Und diese zweiflerische Frage wird noch, ver¬
stärkt durch die Art der Gründung. Sie erinnert
mit fataler Aehnlichkeit an jene der U. I. K. O.
(deren Wiederauferstehung sie-fast zu sein scheint);
dieselben großen Konferenzen, Kommissionen und
Komitees, dieselben vielversprechenden Zeitungs¬
notizen, wörterreichcn Kommuniguäs, himmelhohe
Versprechungen, kurzum: dieselben Prunkstücke einer
effekthascherischen Regie, hinter der doch selft oft
nichts steckt als wertlose Pappkulissen. Es klingt
sehr verdächtig wenn die „Deutsch-
Stödt- u. Univ.-Bibi.
. Frankfurt am Main
Jsraelitisch-Osmanische Union." gleich mit dein An--. ^
spruch aüftritt, eine Art Zentrale und Ueberwack)--^
ungsstellc aller in der Türkei arbeitenden jüdi- 7
schen Organisationen zu jein; wer denkt da nickst.-
an den guten alten jüdischen Satz:, „Sofaßto unt- ,
boh, lau tofaßto" (Hast Du zuviel ergriffen, so
hast Du nichts ergriffen). Es erhöht nicht' das'
Vertrauen in die neue Gründung, wenn man ijt •
in ihren Kommuniques liest, die türkische Regie-,'
rung habe parallele Schwesterorganisationen in . .
Konstantinopel bereits legalisiert, hinterher aber
erfährt, diese Ankündigung fei zumindest noch ver¬
früht. Und es ist vollends sehr. bedenklich, wenn
man hört, daß der von Herrn Dr. Nossig in Kon¬
stantinopel angestellte Sekretär der Union", der
eigentliche Leiter ihrer Arbeit dort, soeben zum
Islam übergetreten ist, also jedenfalls in jüdi¬
scher Hinsicht kein sehr zuverlässiger Charakter
sein muß. Alle diese Dinge sind geeignet, die 7
Zweifel, mit denen man vielfach der neuesten Grün¬
dung des Herrn Dr. Nossig gegenübersteht, zu ver¬
stärken und die Befürchtung zu erhöhen, daß wir
hier eine zweite Auflage der A. I. K. O. erleben
werden.
Wir wollen damit uns nicht etwa endgültig
gegen die „Deutsch-Jsraelitisch-Osmanische Unimt"
ausfprechen. Der Gedanke, der sie entstehen ließ, ,
ist zu groß und schön, auch der Name so man¬
cher an ihr beteiligten jüdischen Persönlichkeiten
von zu gutem Klang, als daß man gleich von .
vornherein den Stab über sie brechen könnte.
Aber die Zweifel, die man hegen muß, gleich zu
Beginn offen .auszusprechen, ist doch notwendig,
schon damit keine übertriebenen Erwartungen au -
die neue Gründung geknüpft werden, deren Ent-,
täuschung dann ungünstig auf den Gedanken einer
eifrigen jüdischen Kolonisationstätigkeit in Palästina
zurückivirken könnte. Zunächst ist es geraten, der
neuen Organisation abwartend und aufmerksam
verfolgend geqenüberzus tehe n und zu sehen, was
sie leisten wird. Der Gedanke, von dem sie ge-, !
tragen ist, kann wir wiederholen es — als -s
solcher nicht warnt genug begrüßt werden. Hoffen. ,
. wir, daß die „Deutsch-Jsraelitisch-Osmanische :
Union" in ihrem Wirken und Wesen sich dem ;
großen Gedanken, den sie verwirklichen helfen soll, i
würdig erweisen wird. ,' i
Brief aus Oesterreich.
In „Blochs Wochenschrift"' beschwert sich eine christ¬
liche Hausfrau, daß die Jüdinnen die Wcihnachts--
bäume verteuert hätten. Sie schließt Ihre Klage:
„Gibt es da keine Abhilfe? Wir bauen uns doch auch keine
Laubhütten und backen keine Mazzes!" — Das wohl-
Aber die Inden, die sich Laubhütten bauen nnd MazzeS.
backen, machen die Wcihnachtsbäüm'e nicht teurer, das sind
die anderen. ' •
Konteradmiral Geza dcll' Adami v. Tarczal
wünscht in einer Zuschrift an die „Nene Freie Presse" die
Herausgabe eines Werkes über die Inden Oesterreich-Un-
gärns iin jetzigen Weltkriege, ihre Heldcnmtttigkeit nnd.
ihr Patriotismus erforderten dies. — V
Der Gemeinsinn der Juden hat sich in den ätz¬
ten 'Wochen wieder in einigen großen Spenden betätigt/
So übergab die Firma Julius Wolfner & Co. in
Budapest dem Ministerpräsidenten eine Ijalße Million
Kronen für eine Kriegs-Witwen- und Waisen-Stiftung.
Der Großindustrielle^ernhard Wetzler stiftete eine
halbe Million Kronen zur Errichtung eines naturwissen¬
schaftlichen Instituts, das die technische Seite der Er-
nährnirgsfrage pflegt. Die Eheleute Leon und Betty P a r -
n c s in Lemberg habe» im Hinblick auf die Not der
jüdischen Bevölkerung mit einer Summe von 10000
Kronen eine Teehälle errichtet. V
In Wien verschied int 71. Lebensjahre SDrt
Jecheskicl Caro, Oberrabbiner von Lemberg. Eo
wurde in Pimie geboren, studierte in Breslau und amtierte
in Lodz, Di'rschän, Erfurt Sind Piksen; 1891 kam er nach'
Lemberg.
Brief aus Palästina.
' Die türkischen Behörden haben den Kolonisten
von R i s ch o n l e - Z i o n die Dünen längs ihrer Kolo¬
nie abgetreten. Diese Konzession winrde von tot Be¬
hörden als Zeichen der Anerkennung des' Wertes der
jüdischen Kolonien für das Land gewahrt. Die Mgrech-
znng der abgetretenen Dünen wird in den nächsten Wochen.
vorgenomNten werden. ~ ki
Der Frauenverein in Jerusalem beschloß, einen ZhkltS
von Borträgen Kbcr Geschichte, Naturwissenschaft nnd Kunf
zu veranstalten. Gis jetzt haben die folgenden Borlcsnngesl
stattgcfnrchen: Schriftsteller A. M. 'Woruch ow itbfi
Soziologie; Dr. A Be ha nt über die Entdeckungen hzK
verstorbenen Prof. Ehrlich, und Prof. Boris Schätz
über Antokolsky. Die Borträge, die in hebräischer Sprachv
abgehalten nnd durch Lichtbilder illustriert wurde», zogen
Scharen von Besuchern an. ,U
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