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nach der historischen als nach der, rein geistigen
Seite herauszuarbciten. Es sei vorweg gesagt, -daß
dieses Buch durch seine edle, tiefe, den Wortwert
oft vis zur äußersten Grenze erschöpfende Sprache,
durch weite und an das Innerste von Welt und
Menschensecle rührende Gedanken, durch das Fehlen
jeder Polemik, durch liebevolles Versenken in das-
üjm teuere Judentum, durch das Leben und
Aufgehen des Verfassers in seinem Stoff zu
einer Quelle reinsten Genusses wird. Hier versucht
ein Mann, Unsagbares zu sagen; die. Buntheit
und Mangelhaftigkeit der Dinge schwindet, die
Schwere des Körpers versinkt, der Geist schwingt
sich in die höchsten Höhen und sucht in den
unergründlichsten Tiefen. Es ist eine Weltbe¬
trachtung, wie sie Spinoza will: sab specie'
aeternitatis.
Versuchen wir zunächst eine kurze Ueber-
sicht über Buber's Werk zu geben, so schwierig
das auch gerade bei einem solchen Buche ist,
dessen Wert und Schönheit vor allem in der künst¬
lerischen Gestaltung liegt, die eine Zergliederung
verbietet. Buber stellt zwei große Kulturgebiete
gegensätzlich einander gegenüber: den Menschen
/des Orients, von China bis Judäa, den
motorischen Menschen, dem Willensantrieb und
Handlung, Werden und Werten die Grundelemente
von Seele und Welt bilden, der seine Seele
in alles hineinträgt — und den Menschen, dem
Bild und Empfindung, Sein und Genießen die
naturgemäßen Formen geistigen Lebens sind, der
zu einer außerhalb des Ich liegenden Einheit
der Welt durch philosophische und künstlerische
Abstraktion vorzudringen sucht. Dem Orientalen
und hier im höchsten Grade dem Juden, ist
. die Einheit des .Ich primär; die Einheit der zer¬
splitterten Welt ist von hier aus zu schaffen.
Aber in sich selbst findet er Zwiespalt und
Henmiung. So wird die Vereinheitlichung der
Welt bedingt durch die Schaffung einer Einheit
in ihm selbst. Indem er den „Weg Gottes" für
sich wählt, alle Hemmungen und abwegigen
Antriebe in sich ausschaltet, schafft er die
Einheit und Vollendung der Welt. Die Voll¬
kommenheit der Well ist dem Griechen etwas
Seiendes, ihm etwas Werdendes, dem Griechen
Grund, ihm Zweck. Hier liegt die religiöse
Wurzel des Juden. -Die Wahl der unbedingten
Gotteskindschast, die aus allen Hemmungen sich
losreißende Umkehr (Teschuba) ist für den
Juden die entscheidcirde religiöse Tat. — Dieses
religiöse Grundempfinden kehrt beim Juden in allen
Zellen wiSer, nur in verschiedenen Formen. Der
Mensch wirs göttlich, indem er die göttliche Einheit in
sich verwirklicht. Die Kabbala steigert diesen Gedanken
dahin, daß erst durch die Tat des Menschen Gott
zur Wirklichkeit wird. Die Menschentat hat ab¬
soluten Wert: Auf mir steht die Welt, soll jeder
denken.
Gegenüber einer festen, dogmatischen Volks¬
religion werden diese religiösen Triebkräfte im
alten jüdischen Reich von den Propheten ver¬
treten, im zweiten ' jüdischen Staat von . der
Hagada, den Essäern und dem Urchristentum vor
Paulus, im Diaspora-Judentum von der "Kabbala
und dem Chassidismus.
Sehr Wahres sagt Buber über den Mythos
im Judentum. Mythos ist „ein Gericht von gött¬
lichem Geschehen als sinnlicher Wirklichkeit," und
wer die Bibel unbefangen und mll Verständnis
liest, wird tausendfache Ansätze des Mythos finden.
Das Märchen von der Mythenlosigkcit des Juden¬
tums war durch Goldziher („Der Mythos bei den
Hebräern, Leipzig 1876) längst widerlegt, als' es
durch Chamberlain wieder aufgefrischt wurde Der
Mythos ist eine so - notwendige Entwicklungsstufe
jedes religiösen Lebens, daß er bei keinem Volke,
am wenigsten bei einem so stark religiösen wie
den Juden,, fehlen kann. Nach der Sublimierung der
Gottesidee und der Kanonisierung der Bibel
flüchtete er sich in die Hagada und die Mid¬
raschin und ging später in die mystische Lehre
der Kabbala und des Chassidismus, ein, wie
Buber im folgenden Kapitel seines Buches zeigt.
In diesen unterirdischen mystisch-mythischen
Strömungen im G^ensatz zur rationalen rab-
binischen Lehre, in 'diesem geheimnisvollen Jn-
Beziehung-Setzen der Einzelseele zum Gottesgeist
des -Ms sicht Bicher fern wahren „Geist des.
Judentums." Wir müssen es uns hier versagen,
auf den zweiten Teil seines Buches, der beit Ge¬
stalten und -Lehren des Chassidismus gewidmet
ist, einzugehen; über wir möchten jeden Leser mit
Nachdruck gerade auf diese von Buber neu ge¬
hobenen Schätze einer dichterisch inbrünstigen, Welt
und Menschensecle pantheistisch verknüpfenden Reli¬
giosität Hinweisen. Dieser lose angchängte zweite
Tjeil der Schrift gibt in vi.lem erst die Erläillerung
der allgemein gefaßten, weitgespannten Thesen,
die Buber aus Eigenem im ersten Teil des Buchus
zusammenstellt.
Uno nun die Frage: Ist uns durch den
großzügigen Versuch Buber's der „Geist des Juden¬
tums" llarer, zuverlässiger, wahrer, überzeugender
aufgezeigt worben als in den bisherigen Ver¬
suchen, die ihn in anderer Richtung suchte»:?
Wir sagtet: schon im Eingang: Der Geist eines
Volkes ist schwer, sehr schwer zu fassen. Mcht
mit Unrecht sagt Buber (S. 76) von der modernen
rassenpsychologischen Behandlung des Judentums:
„Solche — zumeist recht wirksame — Versuche,
das Wesen von Völkern zu bewerten, statt es
zu erkennen, sind intmcr töricht und unnütz; am
meisten dann, wenn sie wie hier auf Unkenntnis
oder Entstellung der geschichtlichen Realität ge¬
gründet sind." Um diesen Fehler zu vermeiden,
gibt es nur einen Weg: Vor der Synthese, die
den „Volksgeist" darstellen will, muß die aus¬
reichende Analyse seiner Erscheinungs- und Aus-
drucksformen stehen, wie sie in Litteratur und
Geschichte niedcrgelcgt sind. Wer aber über Geist
des Judentums schreibt, wird vor allem anderen
— fast klingt es banal, das zn betonen — seine
Meinungen auf die Bibel gründen und aus ihr
erweisen müssen. Es kann jedoch Buber der Vor¬
wurf nicht erspart werden, daß er dieser Forde¬
rung nicht gerecht geworden ist. Gerade wer so
eindringlich wie Buber davon überzeugt ist, daß'
der Verlust der nattonalen Selbständigkeit das
Judentum auch in seinem geistigen Schaffen aufs
schwerste erschüttert und beeinträchttgt Hat, muß dem
Judentum des Altertums, dem klassischen Juden¬
tum in erster Linie Rechnung tragen.' Und da-
rüber kann doch wohl - kein Streit sein, daß
die weltgeschichtliche Wirkung des
Judentums auf dieses klassische Judentum
und auf seine Bibel zurückgcht. Wird aber dieses
zu wenig berücksichtigt (in Buber's Buch ist er¬
staunlicherweise kaum ein einziges Bibelwort
zu finden!) nick» dafür vorwiegend die späte
Hagaocr, der Midrasch, die Kabbala und die chassi-
dische Literatur, herangezogen, so besteht die Ge¬
fahr, daß der so aufgezeigte Geist des Judeiv-
tums in Wahrheit nur Geist des Exils-Judentums
ist; nur abnorme, verzerrte Reaktion auf abnorme,
verzerrte nationale und geistige Lebensbedingungen
ist. Buber selbst ist die enge ursächliche Beziehung
zwischen dem Aufflammen mystischen Feuers und
den Zuckungen messianisch.er Bewegungen durch¬
aus nicht entgangen. Ich bin aber tief überzeugt,
daß in der Tat nicht nur einzelne Erscheinungen
jüdischer Mystik nur als Produkte des Galuth
zu verstehen sind. Es liegt mir durchaus fern,
die große Bedeutung dieser Mystik innerhalb des
jüdischen Geistes leugnen zu wollen, und cs wird
stets! ein hohes Verdienst Buber's bleiben, sie wie¬
der ans Licht gezogen zu haben. Wohlverstanden:
als eine von vielen Kräften im „Geist des
Judentums." Wer in diese Richtung gradezu den
Geist des Judentums zu setzen, — das muß jedem,
der sich den unbeirrten Blick für das historisch ge-
gegebene ganze Judentum . und sein klassisches
Schrifttum -bewahrt hat, alseineun ge heuere
Einseitigkeit erscheinen!
(Schluß folgt.)
Der Progrom.
Eitt Beitrag zur Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts
von M. Riwkeß.
Ein Pogrom ist in Rußland eine fast alltägliche
Erscheinung für die jüdische Bevölkerung. Der Pogromteufel
schwebt in der Luft, läßt sich' auf die jüdischen Bewohner
ab und zu herab und erfüllt seine Mission. Mimmt er aber
selber nicht, so sucht er die Einwohner mit einem Pogrom-
schrecken heim.
Systematisch wird im russischen Bolle von der Re¬
gierung - der Haß gegen die Juden groß-gezogen, und sie
bedient sich dazu aller Mittel: Presse, Agitation,- Flug¬
blätter. Es werden dem Volke Märchen über Ritualmord
und mittelalterliche Greuelgeschichten erzählt; jeder unauf¬
geklärte Todesfall wird dem Juden in die Schuhe geschoben.
Verläuft sich z. B. ein Kind oder xs rückt den Eltern
aus, gleich wird.die Polizei in Bewegung gesetzt und der
Verdacht auf den einen oder J anderen Juden gelenkt.
Ohne weitere Untersuchung wird der verdächtige Juden ins
Verhör geirommen und unter Drohungen aufgefordert, das
Kind herauszugeben. Um einen Juden zu beschuldigen,
genügt eine Anzeige von irgend einem xbeliebigen Ein¬
wohner. Solche Fälle werden sofort durch die Presse unter¬
stützt, und diese gibt nur gar zn gern ihre „eigenen Er¬
klärungen" dazu. Kommt das g. B. verloren geglaubte
Kind wieder zum Vorschein, dann wird darüber seitens
der Polizei und der Presse nicht mehr gesprochen. Mll
jemand einem Juden einen Schabernack spielen oder möchte
er aus Ehrgeiz in der Presse genannt sein, so schickt er
heimlich' sein Kind nach der benachbarten Stadt oder zu
entfernten Verwandten und meldet sofort das angeblich
verschwundene Kind der Polizei. Solche Fälle wieder¬
holen sich' des öfteren, denn der Behörde sind derartige
Fälle sehr willkommen, und eine Bestrafting ist nicht zu be¬
fürchten. .
Besonders 'vor dem jüdischen Osterfest entfaltet die
antisenntische Presse eine lebhafte Agitation, sie ist auf
dem Posten — und versteht den Wink von oben. . . .
Leitartikel mit großen Ueberschriften erscheinen in.den
Zeitungen. „Hütet Eure Kinder, das jüdische Osterfest ist
nahe", solcher Art Agitation erscheint wiederholt in den
Spalten der Presse. Dies 'bringt innner wieder neue Auf¬
regungen der Masse. Daher kommt es, daß Pogrome in der
jüdischen Bevölkerung Unvermeidlich sind. '
Den ersten Wink auf eine Stadt, welche siir einen
Pogrom ausersehen ist, gibt meistenteils die Zeitung
„Nowoje Wremja". In krassen Farben wird die jüdische
Bevölkerung von einer oder der anderen Stadt geschil¬
dert. Sie schließt ihre Artikel oft mit dem Satz: „Es wird
die Zeit kommen, wo das Volk selbst mit den Inden ab¬
rechnen wird; der Zorn des Volkes wird so groß sein, daß
die Regierung selbst nicht imstande sein wird, die Juden
zu beschützen." Und daraufhin setzt auch die Lokalpresse
ein, und alle kommen zu dem BeMuß, daß nur Pogrome
das Land retten »könnten. Die Zensur läßt alles still¬
schweigend durch. Die Regierung verhält sich ganz passiv.
Tausende Proklamationen werden im Volke verbreitet; in
Restaurants, in Teehallen werden Versammlungen über
Pogrome abgehalten; Agitatoren verhetzen die Massen;
aufreizende Bilder über Ritualmorde werden im Volke ver¬
teilt. Die Behörden schließen die Augen, — denn überall
herrscht „Ruhe". . '
Der Tag des Pogroms rückt Immer näher heran.
Agitatoren beginnen in Droschken ihre Rundfahrt durch
die Stadt zu machen. Mit gierigen Blicken werden die
jüdischen Schilder und Geschäfte studiert; zuweilen wird
auch Halt gemacht vor den Türen einiger höherer Beamten.
Dies alles kann nicht unbemerkt an der jüdischen
Bevölkerung Vorbeigehen. Der Jude, der in seinem Leben
schon so viel „Erfahrungen" gemacht hat, merkt und fühlt
das nahende Verhängnis. Er sieht den Pogromtcufel immer
näher kommen und sucht sich zu retten. Die jüdische Bevöl¬
kerung fängt an, nach Hilfe zu schreien. Die .Vorsteher der
jüdischen Gemeinde mit dem Rabbiner' an der Spitze fangen
an, Ln Droschken herumzufahren, der Behörde Vorstellung
zu machen und um Hilfe zu bitten, klopfen an alle Türen,
aber leider ohne Erfolg, überall die gleiche Antwort: „Der
Gouverneur ist verreist, der Polizeimeister ist nicht anfzu-
findcn, oder man ist mit einer jvichtigen Konferenz be¬
schäftigt". Ueberall werden sie mit derartigen Ausflüchten
abgewiesen. Man versucht auch nach Petersburg zu tele¬
graphieren, um von dort Hilfe zu erlangen, aber die
Telegrammabnahme wird Verweigert oder nicht rechtzeitig
abgeschickt.
Da wird es der jüdischst Bevölkerung klar, was ihr
bevorsteht. -
Die Straßen, besonders in denen die jüdische Be¬
völkerung wohnt, bekommen ein ganz anderes Bild. ES
zeigen sich unbekannte Gesichter, Chuligans, (dies sind
Leute aus der niedrigsten Schicht der Bevölkerung, Nichts¬
tuer und Amhertreiber), sie sind mit Knütteln bewaffnet.
Die jüdische Bevölkerung fängt sich an vorzubereiten. Jeder
einzelne sucht sich mit.seiner Familie zu vereinigen. Der
Vater rennt nach Hause, um bei hen Seinen zu sein. Die
jüdischen Knaben suchen schnell nach' Hause zu kommen, um
den Eltern zu berichten, was' auf den Straßen vorgeht,
daß „Kapazen, Chuligans auf den Straßen herumgehen
und singen". Es jucht sich zu retten, wer kann, um das
Schlimmste tzu vermeiden. Man flüchtet auf den Boden, in
die Keller, in die Schornsteine. Die Mutter sucht vor allem
ihre Kinder zu schützen. Inzwischen wird das Gejohle
der Chuligans stärker und stärker. Die Geschäfte und Wohn¬
häuser sind, wenn es möglich war, unter Riegel gebracht
worden.
Angsterfüllt sitzen die Juden beisamwen und lauschen
angespannt, was draußen vorgeht.
Es ertönen Hurrarufen, Bravos, zynische Gelächter,
Nei Schidow („Schlagt den Juden") lauter und lauter
durch die Straßen.' .
Krach) trrr, die Scheiben klirren. Jammergeschreie
von Niedergehauenen, die Ruse „Schwa Israel", ertönen.
Der Ruf „SchMa Israel", dieser letzte Ausruf des Juden
vor seinem Tode, ist das Signal für die jüdische Bevöl¬
kerung, daß der Pogrom begonnen hat. Die Luft ist erfüllt
mit Jammern, Geschreien, Bravorufen, zynischen Geläch¬
tern, Hilferufen, Rettet, Scheibenklirren, Schlagt den'
Inden, Schwa Israel, im wüsten Durcheinander. Mn hpllen
Sommertage fitst» 5>ie Straßen mit Schnee bedeckt; das
sind die Federn aus den Betten, die von den CHNligans zer¬
schnitten worden sind. Zerbrochene Möbelstücke liegen um¬
her, auch ein Werk der Chuligans.
Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern auf den
Armen sieht wie eine Tigerin verstört um sich, weiß nicht
wohin, ob sie aus dem Boden; oder im Keller Rettung
suchen soll. Eine andere Mutter, auf dew Boden.versteckt.
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