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Nr. 33
Frankfurter Israelitisches Familienblatt.
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die Stärke seines Hasses war ein Mutterteil. Sie selbst
dämmte hinter scheinbarer Ruhe eine gewalttätige Natur,
das war ihr Sohn, von ihr hatte er die Rasse, die
Leidenschaft seiner Empfindungen. Er war in heftiger
Aufregung mit großen Schritten hin und. her gerannt,
jetzt stand er vor ihr und begann rauhen Tones:
„Ich muß Dir einen großen Schmerz bereiten,
Mutter, ich habe Dir etwas verschwiegen."
„Sprich."
„Ich hin seit Wochen mit Marie von- Mühlen¬
feld verlobt."
„So wirst Du dieses Verhältnis lösen."
„Mutter!"
„Wqil Du sie nicht heiraten kannst. Es gibt keine
Marie voir Mühlenfeld. Du meinst Marie Mncha, das
uneheliche Kind der langen Käthe, der Schwester des
Apothekers. Mariens Mutter war eine Leichtsinnige
und lief kaum sechzehnjährig mit einem Offizier davon.
Als sie nach Jahr und Tag mit ihrem Kinde zurückkam,
nahm sie ihr Bruder, der Apotheker, auf, nicht um¬
sonst, ihr Geliebter, ein Herr von Mühlenfeld, hielt
sie noch eine Zeitlang aus und zahlte Sündengeld die
schwere Menge. Später haben sie Mühlcnfeld wegen
allerhand Schwindeleien vom Militär entlassen, und
Käthe wurde die Schande der Stadt."
„Das sind alles Verleumdungen", rief der Doktor
zornig. „Mühlcnfeld war ein gutherziger Mann, der
von aller Welt ausgebeutet wurde, wie mir Mncha unter
Tränen erzählte. Uald nach Mariens Geburt hat- er
Käthe in aller Form geheiratet. Er hatte seine Frau
glühend geliebt und zeigte sich rein verzweifelt über
ihren frühen Tod."
„Jawohl, hier unten im Erdgeschoß hat sie sich er¬
hängt, als hie Polizei sie wegen ihrer schlechten Auf¬
führung ins Arbeitshaus stecken wollte."
„Mutter, Mutter, wer hat Dir denn diese gehässigen
Märchen aufgebunden?" . °
„Leute, welche diese Märchen miterlebt haben. Wisse
nur, die Muchas und ich stammen aus einem Ort,"
erwiderte Lea. „Wir waren Jugendgefährten, bis mein
Vater Käthen ob ihres schlimmen Betragens für immer
das Haus verbot."
„Und angenommen, diese Vorkommnisse seien nicht
aufs Ungeheuerlichste übertrieben, — welche Schuld trägt
Marie daran?" sagte er warm. „Sind wir denn des
alten Gottes Büttelknechte, daß wir die Sünde der
Eltern an ihren Kindern zu rächen haben? Ist es nicht
edler und. auch frömmer, gut zu machen, was jene ver¬
brochen und die hilflose Ranke an uns aufzurichten?"
„Heuchle nicht," sprach Lea streng, „sprich nicht:
die Lust an einer guten Tat ist's, die mich hier bewegt,
da Dü nur sinnst, dem eignen, ungezähmten Herzen
zu willfahren. Bist Du so reich, daß Du die Schulden
anderer bezahlen kannst, so rejn, uni frenide Frevel
zu sühnen? Ich will nun einmal das wilde Reis an'
meinem Stamm nicht haben! Sieh Dich um in unfern
Kreisen, die Frauen, der Deinen haben Fehler und Ge¬
brechen wie andere Menschen auch, aber eines preist der
Jude mit Recht an seinem Weibe: ihre Keuschheit.
Bist Dü sicher, daß die Tochter der liederlichen Käthe
Dir ihre Treue wahren werde?"
„Marie liebt mich," rief er voll Zuversicht.
„Kann sein, aber wir lieben Dich doch auch und
noch um ein weniges länger. Wie vermochtest Du nur
so viel Bitternis uns nachzutragcn? Mein Sohn, mein
Sohn, Deine Anklagen haben mich schwer getroffen.
Ich will Dir zugeben, daß wir unrecht hatten, von
Deiner Zukunft auch einen Anteil für uns zu begehren.
Aber wir dachten doch zumeist nur an Dich und Dein
eigenes Glück. Es ist wunderlich, ich spüre es erst
heute, es gebe zweierlei Lehre, das alte, einfältige Wort:
Jeder ist seines Glückes Schmied. Man kann auch
wirklich einem anderen sein. Glück nicht schmieden, es
paßt gewöhnlich nicht und wird dem einen schnell zu
eng oder zu weit. So grolle denn Deinen armen Eltern
nicht mehr, sie handelten doch nicht ganz so voll Selbst¬
sucht, wie Dü annimmst. Wir wollen es vergessen, daß
wir auf Dich hofften, gehe Du Deinen eigenen Weg.
Aber Max, Max, lasse es keinen Irrweg sein. Ich
sehe wohl, bei Menschen wie Du gilt das Fremde
oft als das bessere. Hättest Dü wenigstens Frieda
Schmidt gewählt. Sie ist brav und ordentlicher Leute
Kind. — Leider hat Dich das adlige Fräulein bestochen."
„Dü hassest Marie, weil sie eine Christin ist,"
sprach Max finster.
„Da sie Dein Weib werden, soll, haß' ich sie, ja."
„Was heißt denn das: Jud' und Christ. Erst
. bin. ich Mensch, und meiner Menschlichkeit will ich leben.
Kann ich für uieine Abstanimung? Was ist denn Haus
oder Kunz schlechter oder besser als ich, weil sie als
Christ geboren wurden? Soll dieses feurige Rad, unter
dem Tausende von großen Seelen ächzten, soll es wieder
und immer wieder die Emporstrebenden zermalmen?
Sollen diese Wälle, die Haß und Stmnpfsinn in Jahr¬
tausenden aufgeworfen haben, niemals nicdergerissen
werden? O, Du einziger, heiliger Lessing, da suchen
sie immer nach dem verlorenen Ring, und auch wir
gehören zu den Geistig-Blinden, die ihn nienials, nie¬
mals finden werden! Und wie denn, Mutter, wenn
dieser Ring gar nicht existierte? Denn das echte Kleiimod
ruht sicher noch in des geheimnisvollen Unendlichen
Schoß, und wir vernünftelnde, klügelnde Irre würden
wahrscheinlich keiner sein mächtiges Glänzen ertragen.
Wie, Mutter, wenn wir nun unrecht hätten und die
Christen auch nebst allen anderen Glaubenssklaven auf
dieser Erde? Mutter, Mutter, wenn nun Dein eigener
alter Kinderglaube von der reinen Wahrheit so unendlich
entfernt wäre wie [bau ^einzige Sternlein hier, auf welchem
wir unser Jnfusiorendasein uns selbst noch so zwangvoll
verkümmern von der urewegen Sonnenwelt?"
Aber Lea brach jn Tränen aus und rief schluch-
zeird: „Hör' auf, ich kann Dir nicht folgen! Ich ver¬
nehme Deine Worte, aber ich verstehe Deine Gedanken
nicht mehr. . . Was so tief und hoch ist, wie soll
sich das auffinden? Ich weiß nur eines: der alte Gott,
den Du für abgesctzt erklärst, vor dreiundzwanzig Jahren
bat ich ihü so herzlich, Dich mir zu schenken, ach, ich
hin Mutter, wie könnte ich an ihm nicht hängen?
Mein Sohn, mein Sohn, wenn auch Dein Denken an¬
ders geworden, Dein Fühlen blieb, es wechselt, forscht
und zweifelt nicht. Dein Herz ist ja ein Teil von
meinem Herzen, geliebtes Kind, wende Dich nicht von
nns . . ich . - ich kann nun einnial die Frenide als
Weib nicht segnen, ich bin eine schwache, unwissende
Frau, wohl, ich verstehe nicht zu überzeugen, aber Dich
zu bitten weiß ich noch!" — Sie hatte ihn an sich
gezogen, und mit beiden Händen seinen Kopf umfassend,
suchten ihre Lippen seine Stirn, ihre Tränen fielen
auf sein Har. Max wußte nur zu gut, wie unend¬
lich schiver die stolze Frau weinen konnte, es erschütterte
ihm das Herz, wieder drängte und mahnte in ihm ein
gebieterisches Gehorche, — als Lea plötzlich mit eineni
halblaut gemurmelten „Was ist das?" ihre Arme von
ihm sinken ließ.
„Nun, Schätzel, schon zurück?"
Die Nichte des Apothekers hatte den blonden Kopf
durch die Tür gesteckt und schlüpfte ins Zinimer. Im
bequemen Morgenrock, der bequem und lose sie um¬
hüllte, die langen Zöpfe aufgcbunden, ein wenig lässig die
Haltung und Gang, war sie auf Max zngeschritten,
hielt aber verblüfft inne, als sie die frenide Frau ge¬
wahrte, welche jetzt hoch aufgerichtet ihr gegenüber stand.
Erschrocken faßte Marie des Doktors Arm und tat,
jn sein Ohr wispernd, eine leise Frage nach dem selt¬
samen Besuch. Darauf wollte Mx ihre Hand ergreifen
und sie in Lea's legen. Er wollte sagen: „Mutter, hier
ist meine Braut, gib Deinen Segen über uns," er stand
wie gelähmt, er brachte kein Wort hervor. Die Augen
Lea's flogen Prüfend über das junge Mädchen und
hafteten jetzt an den Liebenden, groß, durchdringend,
jn tödlicher Verachtung. Der Blick dieser Frau wirkte
wje ein Fluch. Marie begann zu zittern, sie fühlte,
wie unter der Macht dieser Augen etwas in ihr erstarb.
„Mutter!" stammelte Max.
„Genug!" winkte Lea mit eisiger Geringschätzung.
„Du mußt. . . ."
Er sah mit flammendem Gesicht zu Boden und
schwieg.
Als er aufbljckte, war er mit Marien allein. Von
der Straße herauf hörte man das „Hüh, los!" des
Bauernfritzen, der Wagen rollte davon.
Marse hatte sich auf das Sopha geworfen; die Hände
vor ihr Gesicht geschlagen, weinte sie bitterlich vor
Schande und Zorn. Max stand neben ihr tief gedemütigt,
und suchte nach einem Trostwort. Er schalt sich selbst,
daß er .im Augenblick ihr nichts Herzlicheres zu sagen
wußte, aber wider Willen drängte sich vor allem andern
dje Frage über seine Lippen: „Warum kamst Du herein,
Marie?"
„War's Dir nicht etwa recht?" begehrte sie auf.
„Mach's mit dem Onkel aus, der kam zu mir und
hieß mich eiligst herzulaufen, es säße eine Judenfrau
bei Dir, mit der es nicht richtig sei. . . gewiß eine
Vermittlerin oder so . . . konnte ich ahnen, daß ich auf
Deine Mutter treffen würde —"
Sie schluchzte aufs neue und !var gar nicht zu
beruhigen.
„Und so abstoßend zu sein, — mich nicht eines
einzigen Wortes zu würdigen," jammerte sie wieder, „ist
das eine fürchterliche Frau, wenn sie es verlangt hätte,
wäre ich sogar Jüdin geworden."
Er sah gerührt zu ihr auf. Wie innig mußte sie
.ihn lieben, um chm dieses Opfer zu bringen. „Ich glaube
nicht, daß sie das versöhnt hätte," erwiderte er trau¬
rig. „Weine nicht mehr. Liebste. Wir wollen um
so fester und treuer aneinanderhalten. Du mußt mir
jetzt viel, sehr viel ersetzen, Marie."
„Wird sie uns niemals verzeihen?"
„Wie ich meine Mutter kenne, niemals."
(Fortsetzung folgt.)
Kunst und Literatur.
Haus Garten und Feld. Illustrierte Halbmonats¬
schrift. Vierteljährlich 75 Pfg. Stuttgart, Franckh'sche
Verlagshandluug.
Auch die vorliegenden jüngsten Hefte zeichnen sich durch
eine Fülle-von Aufsätzen uiü» Notizen aus, die die Auf¬
merksamkeit nicht rare des Fachmanns, sondern auch des
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lehre. Die Normen. 144 Seiten. Leinwandband 3V Pfg.
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Hebräisches Uebungsbuch von v, kOr. Georig
Beer. 136 Seiten. 90 Pfg. Sammlung Göschen
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Die Bemltzung dieser Lehrbücher setzt eine höhere
Schulbildung voraus. Sie sind ^deshalb wohl für Gym¬
nasiasten und besonders für Studenten gedacht. Wir glauben
aber, daß sie auch der (jüdische Letzter und der gebildete
jüdische Laie, der bereits einen hebräischen Sprachschatz be¬
sitzt, 'wohl mit Vorteil durcharbeiten würde. Die Uebungs-
stncke sind freilich zum Teil nicht gut gewählte
Bemerkt sei: Beer ist christlicher Theologe, uiü» der jüdische
Gebraucher seiner Bücher hat an pinigen Stellen Veran¬
lassung, sich diesen Umstand tzu vergegenwärtigen.
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Samstag, 26. August (— 27. Aw.)
Sabbat-Anfang in Frankiurt a M. 7 Uhr 30 Min.
Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 10 Mm.
in Berlin 8 Uhr 55 Min.
Wochenabschnitt: Re-ei. — Segnungen und Flüche.
Verbot des Blutgenusses. Festtagskompendium.
Aus dem Prophetenabfchnitt des Sabbats:
„. . . . und hätte dein ganzes Gebiet zu. Edelsteinen
gemacht; — was bedeutete es?
Doch sind alle deine Kinder Schüler Gottes, so ist
groß der Friede deiner Kinder.
Gründe dich auf Pflichttreue Und halte dich fern
vom Unrecht, beim du hast nicht zu siirchten. ..."
Rausch-Chaudesch: Dienstag und Mittwoch.
Wochengottesdienste in Frankfurt a. M.
Morgens: 61/4 Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheim,
Unterlindau 6 3 /i Uhr, Hauptsynagoge 7 Uhr, König-
steiuerstraße 7 % Uhr).
Abends: 7h» Uhr in den meisten Synagogen (Haupt¬
synagoge 4 Uhr, Königsteinerstraße 7 Uhr).
Vereins-Kalender.
Samstag. Mekor Chajim, 12hh' Uhr: Sefer Melo-
. chim (Prof. Weyl); 4 3 /i Uhr: Mikroh-Vortrag (Prof.
Bender).
Hraukfurter FamiNemrachrichte».
Geboren. Eine Tochter Fritz Lehr, Sophienstr. 16.
Gestorben. Leopold Hofmann, 53 I., Parkstr. 53.
— Friedericke Mayer geb. Heumann, Finkenhofstr. 4. —
Vizefeldw. Sally Hammel, i. Feld. — Willy Kruskal,
Uhlandstr. 38.
Auswärtige Familiennachrichte»
Geboren. Ein Sohn Moritz Weißmaun (Pulver¬
mann), Leipzig.
Verlobte. Irma Goldmann mit Referendar Hans
Pfeffer, Breslau. — Meta Steinweg, Dortmund mit Her¬
bert Klein, Berlin. -r- Else Schwarz, Schwiebus mit Willi
Pinkus, Beelitz. '
Gestorben. Hugo Marchand; Vizefeldw. Otto
Marum, Köln, i. Fell». Alfred Nehab; Fritz Josef
Adler, .22 I.; Julius (Schloß;' Erwin Palmtzkr; Max
Lehmann; Heinrich Juliusberg, Berlin, i. Feld. — David
Blum, 71 I., Stettin. — Herni. Fraenkel, 83 F., Rati-
bor. — Herrn. Leipziger, ,69 <J., Breslau. — Theodora