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14. Jahrgang. Freitag, de» 3 . Elul S676 (1. September 1916) Nr. 34
Rumänien
Nach mehr als zwei blutigen, grausigen
Kriegsjahren, nachdem man glauben sollte, das;
kein Volk mehr es wagen werde, sich nach all den
furchtbaren Erfahrungen dieser beiden Jahre selbst
in den 'Krieg zu stürzen, ist das zwar schon
lang Erwartete und doch bis zum letzten Augen¬
blick kaum für glaubhaft Erachtete Wirklichkeit ge¬
worden: Rumänien ist an der Seite der Entente
iit den Krieg eingetreten.
In einem gewissen Sinne atmet man be¬
befreit, erleichtert auf. Denn es war schon nahezu
unerträglich geworden, moralisch und seelisch un¬
erträglich, dieses infame, niedrige Doppelspiel, das
dieser Staat seit- nunmehr zwei Jahren treibt.
Mit jeder der beiden Parteien feilschend und
handelnd wie ein gieriger Krämer, von vorn¬
herein entschlossen, auf die Seite des Siegers zu
treten, um leichte, mühelose Beute zu, machen, an
der Spitze von Männern geleitet, die aller Be¬
stechung zugänglich, aller Niedrigkeit fähig waren,
hatte sich die rumänische Politik während des
Krieges in eine Sphäre von Korruption und
zynischer Unanständigkeit gehüllt, die selbst in
diesen Kriegsmonaten, da alle sittlichen Ge¬
setze auf dem Kops zu stehen scheinen, bei jedem
anständiger Denkenden fast Üebelkejt erregen mußte.
Und es ist darmn fast wie eine Befreiung, daß
djjese ganze schmutzige Komödie von Hinterlist,
Täuschung und Verstellung ein Ende gefunden
hat und klare Zustände geschaffen sind.
Man darf behaupten, daß/ niemand in
Deutschland und - außerhalb unseres Vaterlandes
das abstoßende Schauspiel, das die rumänisch?
Politik seit 2 Jahren bietet, mit stärkerem Ekel ver¬
folgt hat als wie wir Juden. Denn wir kennen
dieses Land von der Seite, die es in diesem Kriege
enthüllt hat, schon seit langem; und unsere Ab¬
neigung und unser Haß gilt schon lange diesem .
Lande, das von allen Ländern der Welt unser
gehässigster Feind und Unterdrücker - .ist. Von
allen, Rußland nicht ausgenommen.
Denn trotz aller Pogrome und Ritualmord¬
märchen war die Lage der Juden im Zarenreiche
doch besser, würdiger als die unserer- Brüder in
Rumänien. In Rußland sind sie doch Bürger, in
vielem entrechtet, aber grundsätzlich doch Bürger,
die zur Dunra wählen, die als Bürger anerkannt
sind- In Rumänien aber sind sie „Fremde", wer¬
den zu alleu Pflichten in der stärksten Weise
herangezogen, ohne auch nur das Mindestmaß
an Rechten zu besitzen. Der Zynismus, der
schamlose Hohn, den sich Rumänien seinen jüdi¬
schen Untertanen gegenüber erlaubt, steht bei¬
spiellos da in den Blättern unserer Geschichte.
Und tvas dieses Verhalten krönt, ist der
offenkundige Rechts- und Wortbruch, den es dar¬
stellt. Sollen wir nochmals hier die alte Geschichte
von der Verpflichtung, die Rumänien auf, dem
Berliner Kongreß aus sich genommen hat, er¬
zählen? Sollen wir hier nochmals diese grobe
Verletzung ! seiner Verpflichtung, die es seitdem
dauernd begeht, im einzelnen wieder darstellen?
Sollen tvir wieder von all den neuen unerfüllten
Versprechen und frech gebrochenen Zusicherungen
berichten, die es inzwischen den alten zugefügt
hat, so von dem letzten, schamlosesten Fall, da
es im Balkankrieg seinen jüdischen Soldaten, als
cs sie zur Fahne rief, die Gleichberechtigung zu-
' sicherte, diese aber nach dem raschen Siege wieder
.verweigerte?
Es ist nicht nötig, all diese Dinge,, all
diese Einzelheiten, des einen, fortdauernden Ver¬
brechens, dessen sich Rumänien seinen jüdischen
Untertanen gegenüber seit Jahrzehnten schuldig
macht,' wieder auszufrischen, denn sie leben in
unser aller Erinnerung. Wut, Ekel, Haß durch¬
fuhr uns jedesmal, wenn wir den Namen dieses
Staates vernahmen.
Und zu diesem alten Komplex von Anti¬
pathien geselle;! sich nun die neuen, die sein
schnödes Verhalten in diesem Kriege unserem
Vaterlande gegenüber auslöst. Uns war dieses
Verhalten kein Rätsel ivie so vielen. Waruni sollte
ein Staat, der die feierliche Verpflichtung des
Berliner Kongresses so frech verletzt hat, nicht
auch einen alten Bündnisvertrag brechen, wenn
er ihm nicht mehr als seinen Interessen ent¬
sprechend erscheint? Einem Lande mit solcher
Jndenpolitik war alles zuzumnten. Unsere alte
Erfahrung, daß die schlimmsten, rohesten Anti-
seiniten auch die unanständigsten Kerle sind, hat
sich hier neu bestätigt. Nicht nur für Rumänien
als Ganzes, sondern auch bis in seine einzelnen
Parteiverhältnissc hinein. Es ist kein Zufall, daß
der alte König Karol, der so unbedingt seinen
Bundesgenossen die Treuier wahren wollte, auch'
stets die Lage der rumänischen Juden bessern
-wollte, aber gegen die Parteien des Landes es
nicht durchzusetzen vcnnochte; kein Zufall, daß
Peter. Carp, der greise, ehrwürdige Führer
der deutschfreundlichen Richtung, auch der juden¬
freundlichste rumänische Politiker war; kein Zufall
endlich, daß die schlimmsten, wütesten Antisemi-
tenschreier mit zu den wichtigsten Kriegshetzern
gehörten. Es ist überall die alte, gleiche Er¬
fahrung.
So können wir als Juden mit einein be¬
sonderen Gefühl der Befreiung den Anschluß Rumä¬
niens an die Gegner unseres Vaterlandes hinnehmen.
Gestehen wir es uns ein: der umgekehrte Fall,
Rumänien als Verbündeter unseres Vaterlandes
wäre uns doch in mancher Hinsicht ein peinlicher
Gedanke gewesen; und die Möglichkeit, daß es
durch den Anschluß au die Zentralmächte Bessara-
bien gewinnen könnte, schien uns fiir das Los der
zahlreichen jüdischen Bevölkerimg eine schlimme
''Aussicht zu sein. All diesen Möglichkeiten und
Befürchtungen ist nun der Boden entzogen, und
Mit gutem Grunde -dürfen - wir unsere Abneigung
gegen Rumänien verdoppeln und verdreifachen, cs
als Feind- unseres jüdischen Volkes, es als Feind
unseres deutschen Vaterlandes hassen.
So bekräftigt auch dieser letzte Akt dieses
ungeheuren Kanrpfes, was das Judentum der ge¬
samten Welt fast von Anbeginn mit untrüglicher
Sicherheit erkannt und enrpsunden hat: daß die
Interessen des Judentums in diesem Kriege mit
denjenigen der Zentralmächte parallel gehen. Bis¬
her war es vor allent Rußland als militärische
Vormacht der Entente, worauf sich diese Erkennt-
gründete; der Anschluß Rumäniens an die Entente
verleiht ihr eine Stütze und Begründung.
Darum gilt auch diesem neuen Gegner gegen¬
über, was für die gesamte Entente gilt: als Juden
wie als Deutsche können wir nur einen Wunsch
und eine Hoffnung haben: daß in diesem schweren
Kampfe unserem Vaterlande der unbedingte Sieg
zufallen möge; dies fordert die Zukunft des
Judentums, dies fordert die Zukunft des
Deutschtums, wir dürfen, ohne Ueberhebung
sagen:'dies fordert die Zukunft der Menschheit.
Die„Vereinig«trrg"«uddie„Volksgrrrppe^
im Warschauer Stadtrat.*)
Von I. Hirschhorn, Ratsmann der Residenzstadt
Warschau.
In der deutsch-jüdischen Presse — und vor
allem auch in diesem gesch, Blatte — sind manche
Artikel erschienen, die hinsichtlich der Wahlen zum
Warschauer Stadtrat für die „Vereinigung der
jüdischen Wähler" und gegen die „Volksgruppe"
Stellmig nehmen. Dieser Standpunkt ist an sich für
mich durchaus verständlich. Die deutsch-jüdische öffent¬
liche Meinung, die unsere Angelegenheiten von der
Ferne beurteilt und vollen Grund hat, von den pol¬
nischen Juden zu—fordern, best ihrem Kampf um
die .jüdischen Rechte in.geschlossenen Reihen auf¬
zutreten, handelt nur logisch, wenn sie jeder
„Vereinigung" Beifall spendet und jeden Bruch
der Einheit mißbilligt. Ueberdies unterliegt es
keinem Zweifel, daß es eine der wichtigsten Auf¬
gaben der polnischen Juden ist, sich mit den
Polen auszusöhnen. Wenn die deutschen Juden
daher hören, daß die „Jüdische Vereinigung" zwei
so große Ziele verfolgt wie den Zusammenschluß
der verschiedenen jüdischen Richtungen und die
Versöhnung mit den Polen und das Bolkskomitee
„den Frieden und die. Einheit" zerstören wollte,
— was Wunder, daß ihre Sympathien auf seiten
der „Vereinigung" sind!
Hat aber die „Vereinigung" wirklich die
Juden vereinigt und nnt den Polen eine Ver¬
söhnung herbeigeführt?
Wie bekannt bestanden bei den Polen zwei
Wählkomitees, deren jedes verschiedene Jdeenrich-
tungen umfaßte: das „nationale" Komitee und
das „demokratische". Die Schlagworte „national"
*) Unser geschätzter Mitarbeiter verwirft entgegen den;
in unserer Beurteilung der Warschauer Stadtratswahlen
vertretenen Standpunkt die Politik des „Vereinigten jüd.
Wahlkomitees" und verteidigt jene des ,^Volkskoinitees".
Da der Artikel manches interessante Material zur Be-
leuchwng der genannten Frage enthält, veröffentlichen
wir ihn gerne, müssen aber .erklären, dag wir grund¬
sätzlich an unserem Standpunkt festhalten, daß eine Ver¬
ständigung mit den Polen notwendig und förderlich war.
Allerdings geben wir.aus Grund der Angaben dieses
Artikels wie auch anderer Mitteilungen, die wir von
verschiedenen Seiten aus Warschau erhalten haben» zw
daß das „Bereinigte jüdische Wahlkomitee" in seinem Be¬
streben, mit den Polen ein Kompromis zu schließen, allzu
nachgiebig und schwach ansgetreten ist und bei stärkerer
und energischerer Wahrung der jüd. Rechte sehr wohl eine
weitaus größere Zahl von jüd. Mandaten hätte durchsetzen
können. Ueberhaupt müssen >vir trotz m., des „Sach,
verständigen" auf dem zionistischen Gebiete des
„Hazisiroh" die Haltung der Zionisten Warschaus — laut
m in Haz-firoh haben wir ne als Fühier avzuseben.
es ist ja Krieg und wir gehorchen — gegenüber den
jüdischen Nationalisten des Volks ko mitees während per
Wahlen, insbesondere aber ihr Verhalten im Warschauer
Stadtrat mißbilligen. Wir hätten diess an Hand dei> Ab¬
stimmung im dortigen Rathaus.beweisen können, allein
die Warschauer Zeitungen liegen für jedermann offen; man
lese und staune. Es muß.ein Weg der Verständi¬
gung in den meisten wesentlichen polnisch-
jüdischen Fragen zwischen den dortigen
Zionistennnd Nationalistendes Volks kouri-
tees gefunden werden können! Es ist die ern-
steste Pflicht der zionistischen Ratsmänner, die Rechte
und die Ehre der nationalistischen Ratsmänner zu schützen.
Dies, gebietet die jüdische Ehre, da muß die persönlich«
Rivalität schweigen!
Die Warschauer Zionisten mögen uns unsere „Ein¬
mischung" in „ihre" Angelegenheiten verzeihen; auch wir
unsererseits gestatten ihnen, in „unsere" Angelegenheiten
so diel sie wollen hineinznreden. Sb sei es ihnen z. B.
gestattet, die separatistisch^ und eMusive Politik zionisii-
Führer Deutschlands im .Gegensech zu ihrer Politik zu
tadeln. >
Die Redocktivwi >