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£eiie 2--
gegenüber dem tJeneral-Anzeiger
Vornehmstes Familien-Kaffee
Eröffnung Samstag, den 2. September.
und „demokratisch" hatten übrigens nicht viel zu
sagen. Eigentlich umfaßte das nationale Komi¬
tee die ^,Paffivisten" und das demokratische die
„Aktivisten" oder — wie man sic anders be¬
zeichnet — die „Russophilen" und.die „Anhänger
der Zcntralmüchte". Die Alt-Affimilanten erließen
eine Erklärung!: die Juden als „Polen mosaischer
Konfession" hätten die patriotische Pflicht entweder
für die Kandidaten des „nationalen" oder des
„demokratischen" Komitees zu stimmen. Ganz
anderer Ansicht waren die Juden, die sich als
„Bereinigung der jüdischen Wähler" zusaminenge-
schlossen haben. Sie führten mit Recht aus, daß
in hezug auf die Judenfrage die Demokraten nicht
weniger — oder jedenfalls nicht viel weniger —
antisemitisch gestimmt seien als die Nationalisten!;
um die Müschen Rechte gehörig zu verteidigen,
müßten daher die Jüden jüdische Ratsmänner
wählen. Dies verstoße übrigens auch nicht gegen
den polnischen Patriotismus, denn in der prak¬
tischen Arbeit erst, würden die Inden zeigen können,
daß sie nicht schlechtere Bürger des Landes sind
als die Grnndpolen. Unter dieser Losung haben
die „Bereinigten" die Mische Bevölkerung aufge¬
fordert, sich in die Wahllisten einzuschreiben, und
dank dem hat sich erwiesen, daß die Juden —
trotz aller Schwierigkeiten, die man ihnen in den
Weg gÄegt hat — etwa 50 Prozent der zum
Stimmen berechtigten Wähler haben. Nebenbei
gesagt, beträgt jetzt die Zahl der Juden im, eigent¬
lichen Warschau ungefähr 50 o/o, in Großwarschau
(d. h. nach der kürzlichen Einverleibung der Vor¬
städte) etwa 42 o/o'; vor dem! Kriege betrug die
'Zahl der Juden in Warschau auch nicht weniger
als ein Drittel. Die Juden waren deshalb nicht
nur imstande, sondmm auch berechtigt, wenn
nicht 45, so wenigstens 35 Ratsmänner von
der G^amtzahl 80 durchzubringen. Und min¬
destens auf diese letztere Zahl rechneten die jüdi¬
schen Wähler, als Je sich in die Listen esntrggen
ließen. ^
Mötzlich jebbdj erfolgte seitens der „Jüdischen
Vereinigung" eine .sonderbare SchwenÜrng. Ms
die jüdische Bevölkerung bereits* das Stimmrecht
sich gesichert hatte und somit ihre Kilfe schon
nicht mehr nötig war, erklärten die . Führer der
„Bereinigung"» daß sie sich mit den Polen „ver¬
ständigt" hätten, und .zwar mit ällen Polen,
denn noch vorher hatten sich die beiden polnischen
Komitees zusammengeschlossen, um'eben gegen
die „jüdische Gefahr" zu kämpfen. Zuge-
WMrrffe haben tzie ,Mereinigten Wischen Wähler"
seitens der Polen nicht erlangt. Die „Berstündi-
gstng" mit den Polen bestand vielmehr eigentlich
üur darin, daß sich die „Jüdische Vereinigung"
einverstanden erklärte, sich' mit 15 Man-
dchen in den ersten 4 Kurien Zu begnügen und
das. Recht zu haben, in Ler sechsten.Kurie nicht
mehr als noch 5 Mandate zu erkänrpfen. Von
diesen 15 Mandaten verpflichtete sich dabei die
„Vereinigung" 3 an die Orthodoxen und 3 .an die
Alt-Assimilanten abzugeben, die im ersten
Stadium mit der „Bereinigung" infolge ihres
^„separatistischen Charakters" nicht Zusammengehen
wollten, sie vielmehr auf das heftigste bekämpft
hatten.
Auf die Frage, was sie durch die „Versöhnung"
mit den Polen erzielt und um welchen Nutzen
Je die Hälfte der jüdischen Mandate prcisgc-
geben hätten, erwiederten sie, sie wüßten! Wohl,
daß die neue polnische „Konsolidation" nach wie
vor judenfeindlich sei. Für den Sall, daß die
Juden gesondert von den Polen zur Wahl ge¬
gangen wären, hätte man ihnen gedroht, eine
heftige antisemitische Wahlaktion zu entfalten, die
mit Boykott oder mit nM schlimmeren Gewalttaten
enden könnte. Anders gesagt: während man der
Orffentlichkit die schönsten Worte Mer Frieden,
und Einheit als Wechllosung auftischte, Ersuchte
FrawffurterJfraelitisches"Fannlienblatt.'
Nr. 34
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Denn
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auch
man, den jüdischen Wähler im Namen der altbe¬
kannten „Fensterscheibentzolitik" zu gewinnen.
Die Mischen Wähler-hat man übrigens nun
gar nicht mehr zu gewinnen brauchen, denn laut
Wahlordnung ist es zulässig, gar nicht zu wählen,
falls eine einheitliche Liste besteht. Anders gesagt:
nachdem zum ersten Male der Bevölkerung die
Möglichkeit gegeben ivurde, einen gewählten
Stadtrat zu haben, betrachtete man .es als Pflicht
des Patriotismus, eben nicht zu wählen und wiede¬
rum einen selbsternannten Staditrat zu schaffen,
wie es das Bürgerkomitee unseligen Andenkens
gewesen war.
So sieht die Idylle aus, die das
V o l k s k o m i t e e z c r st ö r e n wollte. Aber
nicht dies allein hat das Volkskoinitee erstrebt.
Die sogenannte „JWsche Vereinigung" hat nicht
nur die jüdischen Interessen verraten, sondern sie
selbst hat gar .keine Vertretung der polnischen
Judcnheit dargestellt. - '
Wie bekannt, gibt cs bei uns keine politischen
Parteien, die sich auf Grund von Wahlen bilden
und mit dem Publikum immer in Fichlung stehen.
Me „Bereinigung" bildete sich, indem einige Leute
zusammenkamen und sich ganz willkürlich als Ver¬
treter aller Richtungen airgaben. Am ehesten konn¬
ten als Vertreter die Zionisten gelten, aber glich
sie wurden von ihren Anhängern nicht als Rats¬
männer gewählt, sondern nur zur Leitung des
zionistischen Komitees berufen, welches ganz andere
Zwecke verfolgt und Menschen von.ganz anderer
Beschaffenheit erfordert. Me wirklichen politischen
Führer der Zionisten sind zur Zeit in Warschau
nicht -anwesend, .pnd deshalb gelang es ganz zu¬
fälligen Personen, das Ruder in die Hand zu
nehmen.
Jedenfalls hat die „Vereinigung" Vertreter
der national-jüzdischen Richtung gar nicht ausge¬
nommen, dieser Richtung, die wie die letzte Volks¬
zählung in Lodz bewiesen Lat, .Mer 98y 2 0 /o der
Judenschaft umfaßt, welche als Muttersprache das
Jiddische und als Nationalität — die Jüdische an¬
gegeben hat. Auch! von einer Verständigung mit
den Nationaljuden wollte die „Vereinigung" nichts
wissen; sie schlug ihnen einfach vor, den Platz
zu räumen, — und als einzigen Grund führte sie
die Furcht vor „eingebrochenen Fensterscheiben" an.
In Wahrheit war aber auch eine Programm«-,
tische. Einigung beider Gruppen kaum möglich, denn
es handelt sich im Grunde um zwei entgegengesetzte
politische Programme: Die Nationaljuden
wollen die jüdische Fahne hoch halten, und meinen,
daß eben jetzt in diesem geschichtlichen Atoment die
richtigste Zeit sei, die Mischen nationalen Forde¬
rungen zu verkünden und um ihre Erfüllung zu
kämpfen. Sic wollen der ganzen Welt sagen, daß
die polnische Judenheit sich wohl politisch als
Polen Mit, als Bürger des Landes, und um sein
Wohl und sein Gedeihen nicht minder als die Grund-
pölen sorgen. Sie wollen-aber zugleich betonen,
daß die polnische Jndenheit sich n a t i o n a l j ü d i s ch
fühlt, daß ihr also die national-kulturellen Rechte
verfassungsmäßig zugesichert werden muffen.
Sic sagen, daß diese Bedingung eben zum besten
Zusammenleben der Polen mit den Juden führe,
weil sic den Ueberlieferungen der Vergangenheit im
unabhängigen Polen entspreche. Sie meinen, daß
ohne die Zusicherung der jüdischen Rechte in Polen
überhaupt keine Autonomie, sondern eine der schreck¬
lichsten Gewaltherrschaften einer Nationalität über
die andere herrschen werde. Sie sagen schließlich-
daß cs auch im Interesse der Polen liegt, den
Juden Minderheitsrecht zu gewähren, denn die¬
selben Rechte wie die Juden in Kongreßpolen
müßten die Polen in Litauen und Der Ukraine for¬
dern, um der Gewaltherrschaft der Litauer und
Ruthenen nicht zu verfallen.
Hingegen fühlen sich die Assimilanten als Polen
mosaischer Konfession. Sie wissen sehr wohl, daß
sie die.Massen nicht vertreten, und daß für das
Häuflein Kapitalisten, die der Assimilation ange¬
hören, tatsächlich die nationalen Rechte unnötig
und sogar schädlich sind. Sie werden sich sehr leicht
immer an den Stärkerey. assimilieren können: an
die.Polen, die Russen oder die Deutschen. Die
Richtung, .welche man die Orthodoxie nennt, ist
politisch überhaupt nicht organisiert. Die breiten
jüdischen Massen sind religiös, aber je mehr sie
politisch reifer werden, je emsiger sie die Mischen
Zeitungen lesen, desto stärker werden sie für den
jüdisch-nationalen Gedanken gewonnen uns desto
weiter Entfernen 'sie sich von'den „offiziellen" ortho
doxen Führern, die eine kleinliche Sonderpolitik be
treiben und' oft mit den Assimilanten zusammen-
gchen. -
Die Zionisten sind p r o g r a m m ä ß i g der¬
selben Meinung wie die Nationäljuden. Sie könne»
allerdings in. manchen Fragen nicht ganz mit den
Nationaljuden übercinstimmen, da sie in erster Reihe
die hebräische, ein Teil der Nätionaljnden hingegen
vor allem die . jüdische Sprache betonen. Aber das
ist telinc Frage, in der man sich ganz leicht einigen
kann, und die praktisch nicht zu Differenzen zu
führen braucht. In der allgemein jüdischen Politik
jedoch kann von einer Meinungsverschiedenheit gar
nicht die Rede sein. Ter Zionismus hält die Judcn-
frage für eine internationale Frage und nicht für
eine interne Frage der polnischen Nationalität. Aber
wie gesagt, haben die zeitweiligen Warschauer zio¬
nistischen Führer ihr ganzes Programm in Stich
gelassen und haben sich mit den Assimilanten ver¬
einigt.
Das Volkskomitee hatte somit nicht nur das
Recht, sondern die Pflicht, gesondert aufzutretcn. In
den ersten vier Kurien war es. jedoch zurückgetretcn.
Es erlag einerseits dem Terrorismus, und anderer¬
seits wollte cs selbst keinen Anschein geben,
daß es den Frieden und die Einigkeit gestört hatte.
Lediglich in der sechsten Kurie ist es selbständig
aufgetreten, und das Ergebnis hat gezeigt, auf
wessen Seite die polnische Judenheit steht. Als es
zu tatsächlichen Wahlen kam, erwies es sich, daß
trotz aller Hetze und falschen Losungen die Ver¬
einigung kein einziges Mandat zu erhalten vermochte,
'hingegen erhielt das Volkskomitce vier und der
ebenfalls nationalistische Bund ein Mandat; —
d. h. alle Mandate, über welche die Juden verfügten,
haben die Nationaljuden erworben.
Die Notwendigkeit einer tatsächlichen Volksver¬
tretung ist am deutlichsten bei der alltäglichen Ar¬
beit des Stadtrates ersichtlich. Die „Vereinigten"
hüben damit angefangen, ^eine gemeinsame Dekla-
ration mit den Polen abzugeben, welche wirtschaft¬
lich und kulturell die Stadt im national-pol¬
nischen Geiste zu führen verhieß. Die „Natio¬
nalisierung der Wirtschaft" ist uns aber als eine
alte Losung der Boykottisten bekannt, die gegen
die Juden gerichtet ist. Die Polonisierung der
Kultur bedeutet die Unterdrückung der jüdischen
Kultur durch Zwangsmittel, über die der Stadtrat
verfügt. Es sind dieselben Losungen, die die echt-
^ russischen Leute in Kongreßpolen und teilweise
die Hakatisten in Posen gepredigt haben, und Mer
welche die Polen vor der ganzen Welt Klage führten.
Die Zionisten haben keine besondere Deklaration
abgegeben, sondern sie ließen sich durch den pol¬
nischen Vorsitzenden vertreten, der ihre „Hoffnung"
zum Ausdruck gebracht hat, daß im k ü n ft i g cm
rrn a b h ä n g i g e n Polen die jüdischen Rechte be¬
rücksichtigt würden. Das bedeutet, daß sie die Juden-
, frage in Polen als eine.'int er ne Frage der
' polnischen Nationalität hinstellen. In der weiteren
Tätigkeit sieht man überhaupt, daß sowohl die Assi¬
milanten'- wie die Zionisten den Mund nicht öffnen.
' Die Wahriwhmung der jüdischen Interessen ruht
ausschließlich auf den Schultern der jüdische» Volks¬
gruppe.
Daraus geht klar hervor, daß die Volksgruppe
keine leichte Aufgabe hat. Ob es ihr gelingen wird,
für die polnische Judenheit etwas' zu erreichen,
hängt von vielen Umständen ab, über die sie nicht
bestimmen kann, weil sie eng mit den Weltereig¬
nissen Zusammenhängen. Sie kann aber entweder
siegen oder zusammenbrechen, — ihre Prinzipien
preisgeben wird sie nicht!
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Die Spende der Fra« Fels.
Wie wir bereits niitgeteilk haben, speildete
Frau Joseph Fels, Mitglied des Exekutiv¬
komitees der Föderation. der amerikanischen Zio¬
nisten, eine Million Dollar für die Errich¬
tung einer jüdischen Kolonie in Palästina.
Frau Fels hat nun an ihre fürstliche Gabe
eine Bedingung geknüpft, die vom jüdischen Stand¬
punkte pus aufs froheste zu begrüßen ist. Die
Kolonie soll sich nämlich auf den Grundsätzen der
Henry George'schen Bodenreform auf¬
bauen, deren Anhänger ihr verstorbener Gatte war.
Henry George hat an dem Bodenreform¬
gedanken der Bibel, daß der Boden Eigentum der
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