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Frankfurter Israelitisches Familienblatt.
Die Hexe von Askalon.
v v n Peter U j v ä r i.
küßte er alle drei recht zärtlich, ohne sich im mindesten
vor dem Gast zu zieren und sagte nur, als Mutter
und Kinder im Schlafzimnier verschwunden waren:
„Mau lvird recht närrisch, wenn man verheiratet
ist. Aber sie hät niitnnter ihre schönen und gemüt¬
vollen Augenblicke, diese Narretei."
Max schwieg. Er wußte nicht, was er antworten
sollte. Bor seinen Augen saß ein fröhlicher, sorgloser
Mann, den er im Geist mit dem trüben, melancholischen
Gesellen verglich, der ihm an jenem Skatabcnd bei
Hans so verzweiflungsvoll sein Herz ansgeschüttet hatte.
Und jenen Unglücklichen hatte er doch eigentlich heute
aufsuchen wollen, um ihm, der selbst als Opfer gesell¬
schaftlicher Mißstände litt) zu erzählen, wie er sich los-
gerjssen und hinweggesetzt hatte über alle Vorurteile
und Abhängigkeit. Der Amtsrichter würde jubeln über
diese Tat, würde ihm raten, sein Beistand sein . . .
„Darf ich erfahren, was Sie in so tiefes Nach¬
denken versetzt, lieber Herr Doktor?"
Max fuhr auf. Und während er seine Gedanken
sammelte, sagte er sich, daß er mit diesem Verbündeten
seht bald ins Reine kommen werde.
„Gewiß, Herr Amtsrichter, ich erinnerte mich eben
der eigentlichen Ursache meines Besuches. Ich komme, -
um Ihnen eine Einladung zu überbringen."
„Und die lautete?"
„Sich heute in drei Wochen, also am 3. Januar,
bei meinem Hochzeitsdiner gefälligst ein finden zu wollen."
„War' auch nicht schlecht. Wird man über dies
interessante Ereignis keine näheren Einzelheiten zu hören
bekommen?"
Den Gcsichtsansdruck des Fragenden zeigte Nerigier
und große Spannung; wenn Max einige Teilnahme
für sich vorausgesetzt hatte, so hielt sie der Herr Amts¬
richter noch ganz vorzüglich verborgen.
„Natürlich heirate ich nicht unter dem Siegel der
Verschwiegenheit," antwortete der Doktor ein ivenig spöt¬
tisch, „ich bin seit Wochen mit Fräulein Marie von
Mühlenfeld verlobt."
„Aber lieber Goldmann, solche Verlobungen nimmt
doch kein vernünftiger Mensch ernst."
„Herr Amtsrichter..."
„Seien Sie kein Kind, Doktor, ich kenne solche
Affären und habe mehr als einmal Hals oder Kopf
darin gesteckt. Jeder junge Mann knüpft mehr oder
weniger in seinem Leben Beziehungen an, die zu reali- ,
sieren ihm durch die Verhältnisse einfach unmöglich ist.
Ich bitte Sie, diesen Einfall, die blonde Marie zu hei¬
raten? Eine leidliche Figur ja,ja, aber s'ist zu lächer¬
lich! Was beabsichtigen Sie denn damit? Corriger la
race? Unsinn? Sie täten klüger, Ihre Kasse zu ver¬
bessern. Was glauben Sie wohl, wieviel heute zu einem
Hausstande gehört? Geld, Geld und noch einmal.Geld,
und alsdann reicht es zuweilen auch noch nicht. Wie
weit werden Sie kommen mit Ihrer Vraxis und der
Liebe in der Hütte? Ach, das ist ja überspannt."
Max stand sprachlos. Aber der Amtsrickiter. der
sich des Doktors Schweigen durchaus nicht als eine
verächtliche Kritik der eigenen manteldreherischen An¬
schauungen auslcgte, sondern nur Max für geschlagen
und entmutigt hielt, fuhr gutmütig fort:
„Folgen Sie mir, mein Bester, rcdressieren Sie
die Geschichte so schnell wie möglich. Ich fühle mich
aUerdings ein Ivc.nig schuldig Ihnen gegenüber, ich
fürchte, sch habe Sie durch meine Klagen in Ihrer
Uebereilung bestärkt. Das sollte mir leid sein. Aber
Sie haben zu schwarz gesehen, wenn Sie eine flüchtige
Verstimmung meinerseits so tragisch genommen haben.
Meine Frau und ich leben ganz glücklich mit cinaiider.
Und wenn wir uns auch von Zeit zu Zeit ein wenig
zanken, dergleichen ereignet sich in jeder Ehe, im Gegen¬
teil, mein Weibel und ich, ivir vertragen uns nur
allzuschncll. Wirklich Goldniann, ich meine cs sehr gut
mit Ihnen, lösen Sie das Verhältnis auf, es finden
sich tausend Vorwände für einen — ich spreche ganz
offen. . . meine Frau hat eine Kusine . . . ein sehr,
reiches Mädel . . wir hatten an Sie gedacht."
Max hatte genug, er konnte dieses Geschwätz nicht
mehr ertragen. Er war kein Diplomat; die schwere
Kunst, seinen Aerger hinabznwürgen, ist einem dreiund-
zwanzigjährigcn Brausekopf selten gegeben. Er stand
auf mib verabschiedete sich mit dürren Worten, so¬
gar ohne sich der gnädigen Frau zu empfehlen.
* *
*
Es sah bös aus in des Doktors Kopf. Trotz
mannigfacher Verkehrtheiten und eigensinniger Schrullen
hatte Max ein grundehrliches .Herz; es trieb ihn zu
Hans, er fühlte, daß er den:' Treuen etwas abznb.itten
habe, ,in einer Art Galgenhumor wollte er dem dicken
Menschenkenner sein Kompliment machen. Der Amts¬
richter war wirklich samt seiner rührseligen Empfindelei
nichts wie ein charakterloser Heuchler. Leider traf er
Hans nicht zu Haus.
„Der Herr Sekretär wären in den Wald gegangen,"
sagte Frau Schmidt.
„Schön, Frau Schmidt, ich werde ihir erwarten."
„Ob der Herr Doktor die Lampe ivünschen?"
Wer der Doktor dankte, er wollte im Dunkeln
bleiben, und wie Frau Schmidt schnell begriff, allein
sein. Das grüne Ledersofa tvar ein guter Platz zum
Ausruhen und zum Nachgrübeln. Hier faßte Max
den löblichen Entschluß, sich mit seinem schmol¬
lenden Freunde wieder zu verständigen. Er ver¬
zieh cs Hans, daß er' Recht behalten hatte; wenn nun
jener aber für diese ein ivenig fragliche Großmut kein
Verständnis zeigte und trotzdeni ihm fern blieb, ja viel¬
leicht absichtlich fernbleiben ivollte!
Es wurde Max ganz heiß bei diesem Gedanken,
er sprang auf und schritt in der Stube umher. Daß
er einzig Mal dem Wille» dieses pedantischen Dick¬
kopfs zuwidergehandelt hatte, ja handeln mußte, ivar
doch kein Grund, eine langjährige Freundschaft aufzu¬
geben, er wollte Hans überzeugen, ausschelten, versöhnen,,
und vor allem andern wollte er sich eine Zigarre an¬
zünden.
Er schritt zuni Schreibtisch und nahm von dessen
reichgeschnitzter Holzgallerie eine Zigarrenkiste herab. Ta
er aber dabei eine ungeschickte Bewegung machte, was
Dank seiner Kurzsichtigkeit und der Dezembersinsternis
in dem tief gelegenen Zimmer wohl zu verzeihen war,
warf er zugleich einen ganzen Stoß Bücher und Schrif¬
ten herunter und verbreitete so auf dem kleinen Schreib¬
tisch eine gräuliche Unordnung. „Der Kerl ist ein
schändlicher Intrigant, der seine elenden Hawansennros
mit Fleiß so verbarrikadiert hat," brummte er ärgerlich,
zündete aber doch die Lampe an und legte fein säuber¬
lich Bücher und Blätter an ihre alte Stelle. Auch. ein
Paket Briefe mußte eingereiht werden, leider war der
Faden, der es nmspaimte, gerissen und der Doktor
bemühte sich sogar cifrigst, ihn wieder zusammenzn-
knupfen. Das oberste Blatt lag ohne Kuvert, und
seine geraden starken Schriftzeichen fielen ihm zicui-
lich bekannt in die Augen. Merkwürdig auch sein Name
fand sich hier erwähnt; kein Zweifel, der Brief stammte
von seiner Schwester Johanna. Max dachte für den
Augenblick nicht daran, daß er eine schauderhafte In¬
diskretion begehe, er vergaß alles um sich her und
. las wie folgt:*)
„.Einwilligung geben, trotz Deiner so be¬
redten Verteidigung und meiner eigenen Vorstellungen
und Bitten. Und ich muß Dir sagen, Hans, ich kämpfe
noch obendrein gegen «meine lleberzeugung, die Mutter hat
es sehr Wohl herausgefühlt.
Mir fiel ein, >vie jüngst der Herr von . . . ., der
aus unserer Stadt eine Enkelin des reichen Werth-
he.im heiratet, feinen Abschied nehmen mußte, da es
ja in Offizierskreisen für eine Schande gilt, ein jüdisches
Weib zu haben. Begreifst Dü nun, daß bei solchen An-
schauungen sich mein Gefühl der Mißbilligung für meines
Bruders Vorgehen noch erhöhen muß? Dü hast gut
meinen, lieber Hans. Das Aufheben aller jener Unter¬
schiede sei eine schöne Tat. Sie wird noch Jahrhunderte
lang eine schöne Phrase bleiben. Auf das Entgegenkom¬
men der Mächtigen ist nicht zu hoffen. . . Und jede
freundliche Annäherung, die von der christlichen Majori¬
tät - ausfließend ein Akt der geistesreifen Großnnit wäre,
wird sich, sobald der Einzeljude sie erringen will, als
armseligste Eitelkeit und abstoßende Kriecherei be¬
kunden."
„Sie ist schier unheimlich diese Superklugheit meiner
Schwester," lachte er bitter vor sich hin und zerriß das
Blatt in tausend kleine Stücke. Die Lust, ans Hans
zu warten, war ihm gründlich vergangen, er eilte in
fürchterlichster Laune nach Hans.
Ws am nächsten Morgen der Sekretär bei dem
Doktor vorsprach, traf er Herrn Mncha anwesend, der
ihn mit strahlendem Lächeln auf dem rötlichen Bieder¬
mannsangesicht empfing.
„Sic müssen mit mir vorlieb nehmen, mein bester
Herr Scholz," schmunzelte.er, sich vergnügt die Hände
reibend, „soeben hat ßch' hss Mur Doktor mit meiner
Nichte auf das Rathaus verfügt, das Aufgebot zu
bestellen."
(Fartleduna folgt.)
*) Das Blatt war durch ngend ein Vorkommnis von
der anderen Bogenhälfte losgetrennt; der Anfang des Briefes
schien verloren.
Einzig berechtigte Ucbersctzung aus dem
Magyarischen von Tr. Adolf Kohut.
(Nachdruck Verb.)
Groß war die Trauer in den Tälern Jeschuruns;
sechsmal schon hatte der Mond sein Angesicht gelecchselt,
und dennoch ioar kein Tropfen vom Himmel gefallen.
Weder Regen noch Tau näßten die durstigen Gräser,
und die dürre Erüe barst infolge der großen Trockenheit.
Da kam das Volk zu dem wundertätigen Abu Hilkia,
daß er Gott um Gnade anflehc. Hilkia aber blieb
taub gegen alle Bitten und'sagte:
„Bevor nicht in Askalon roter Tau fällt, lvird
dieser Schlag von Judäa nicht abgewcndet werden."
Die Leute kleideten sich in Sack und Asche und
gingen 10 000 Seelen stark zum Statthalter, der die
Untertvürfigen hochmütig empfing-
„Herr und Gebieter," begann der älteste Wort¬
führer, „wenn Du nicht andere Anstalten triffst, wird
man's in Rom erfahren, daß Du den Kaiser nicht
richtig vertrittst."
„Sklave!" schrie ihn der mächtige Mann an. „em¬
pöre Dich nicht, sonst mußt Du elend sterben!"
„Herr und Gebieter, ich bin kein Empörer, sondern
sage Dir nur die Wahrheit. Siehe, der Kaiser har
Dir ein Land reich an Flüssen und Bächen übergeben,
und Du nimmst garnicht gewahr, daß diejenigen, welche
Dir untergeben sind, die Flüsse und Bäche, vor Dir
fliehen? Begreife nur, was ich sage! Alle Flüsse
sind schon wegen der großen Dürre ausgctrvcknet. Unsere
Kornkammern sind leer, und unsere Lebensmittel werden
immer geringer. Bist Du ein guter Statthalter des
Kaisers, gieb uns Regen!"
„Ich bin kein Gott, daß ich Regen spenden könnte!"
„Dann gieb uns wenigstens Tau."
„Auch der kommt vom Himmel."
„Run, gieb uns eine Flüssigkeit, die, ans der Erde
emporsteigt!"
„Eine solche giebt es nicht."
„O doch, hoher Herr. Wir hätten Regen, nur
hätten auch Tau in diesem Lande, aher solange in 'As¬
kalon nicht roter Tan fällt, wird das Schicksal vom
Haupte Israels nicht abgewendct werden. Dies hat
Abu Hilkia, der Wundertäter, prophezeit."
Mn Hilkia wurde sofort vor den Statthalter be¬
fohlen, damit er sich über die dunklen Andeutungen,
die er gemacht hatte, äußere.
„Herr und Gebieter," sagte der Wundertäter, „in
der heiligen Schrift heißt es: „Mahasefu lo tehajn"
(eine Hexe sollt ihr nicht am Leben lassen), rmd den¬
noch hast Du gestattet, daß die Frauen Askalons
Zaubereien tteiben. Es tmrb solange nicht regnen, bis
in Askalon kein blutiger Tau herniederfällt."
Nun verstand der Statthalter den Orakelspruch, und"
er gab Befehl, daß man in Askalon alle Hexen verhaften
solle. Es waren 70 an der Zahl. Am 17. Tainuß
wurde das Urteil über sie gefällt; der Statthalter selbst
saß zu Gericht.
Nun fiel roter Tan in Askalon, und die Wolken
versammelten sich grollend hinter den Bergen. Jetzt
sollte auch die letzte Hexe gerichtet werden, nämlich
die schönste Jungfrau von Askalon, Bcruria.
„Hier kommt Bernria, die Kräutersammlerin!" johlte
die Menge. „Die in den Höhen wohnende Bernria, die
Braut von Asmodai!"
Anmutig wie eine Gemse schritt Bernria an der
Seite der Büttel. Ihr Antlitz zeigte keine Furcht, und
ihr Herz empfand keine Feigheit. In ihren Augen
blitzte kriegerischer Trotz. '
„Ich bin keine Teufelsbraut, sondern die Verlobte
von Hanfna! Er befindet sich jetzt zwischen den Bergen,
damit er für seine greife Mutter Kräuter sammle, denn
die Erde ist gut, und sic versagt denen, die sich an sie
um Hilfe lvenden, kerne Nahrung."
Hinter den Bergen öffneten sich die Schleusen des
Himurels. Am Firmament zuckten Blitze, und es don¬
nerte mächtig in den Wolken.
„Seht!" riefen schadenfreudig die Einfältigen, „seht,
die Hexen führen Krieg, sie känipfen für Bernria; —
auch sie muß ans Kreuz."
Die Büttel gehorchtcu dem Befehl des Pöbels und
schleppten Bernria, die Kräuter sammelnde Jungfrau,-
unter das Kreuz.
In diesem Augenblicke erwachte im Herzen des
Statthalters, als er daS Mädchen in ihrer makellosen
Schönheit erblickte, die Liebe, und er gebot den Gerirhts-
dienern Einhalt.
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