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Preis 30 Groschen
V. b. b.
BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50,
vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich
Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei
monatlich Kc. 8.—, vierteljährig Kc 24—; Jugo¬
slawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—;
Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—.
BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich
Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monat¬
lich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.— ; Italien
monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz
und die übrigen Länder monatlich Schweizer
Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50.
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8. Telephon: 25-2-82. — Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 1
Freitag, den 23. September 1927
Nr. 7
An die Leser der
„Wiener Morgenzeitung"!
Die „Wiener Morgenzeitung" hat sich genötigt
gesehen, ihr Erscheinen als Tagesorgan bis auf
weiteres zu unterbrechen/
Trotz aller Opferfreudigkeit der Angestellten
war es nicht möglich, den Betrieb aufrecht zu er¬
halten.
Wir hoffen, daß wir in kürzester Frist in der
Lage sein werden, wieder als Tagesorgan zu er¬
scheinen.
Es ist bereits eine Aktion eingeleitet, um aus¬
reichende Mittel für die Wiederaufnahme des Be¬
triebes und für die ungefährdete Führung des Blattes
als Tageszeitung sicherzustellen.
Wir sind überzeugt, daß wir die Unterbrechung
sehr bald werden beendigen können, und rechnen
dabei auf die in neun Jahren bewährte Anhänglichkeit
und Treue unserer Leser und Freunde.
Um unsere Leser nicht ohne Organ zu lassen,
wird eine Wochenausgabe unter dem Titel
ß*
>Die Neue Welt
erscheinen, deren Herausgabe von. Personen aus dem
Kreis der „Wiener Morgenzeitung" besorgt wird.
Wir danken allen unseren Freunden 'und Lesern
für das Vertrauen, das sie uns durch neun Jahre be¬
wiesen haben, und werden alle Anstrengungen machen,
um das jüdische Tagesorgan bald wieder erscheinen
zu lassen.
Verwaltung und Redaktion der
„W d e n e r M o r g e n z e i tun g".
*
Ab heute erscheint „Die neue Welt" als wöchent¬
liches Organ. Es wird im Sinne ( der „Wiener Morgen¬
zeitung" geführt werden.
Den Postabonnenten der „Wiener Morgen¬
zeitung" wird dieses Organ bis auf weiteres zugestellt
Die Zeitung ist, in allen VerscMeißstellen der „Wiener
Morgenzeitung erhältlich.
Verwaltung und Redaktion
4 „Die neue Welt"
, Wien, IX.i Universitätsstraße 6-8.
*
Die Aufgabe, die uns gestellt ist, wird, von dem
Charakter eines jüdischen Organs bestimmt. Wir
haben für das jüdische Recht zu kämpfen, dessen Ver¬
künder wir sein wo\len. Je schärfer wir dies zum Aus¬
druck bringen, je mehr wir das Kompromiß mit der
Macht ablehnen, umso, größer wird die Wirkung sein.
Wir kämpfen für, das freie Wort und werden
mit '■ Fäulnis 1 und Sicfi-Abfinden keinen Vergleich
schließen; Wir wissen, \Jaß die Lage des Judentums
sehr schlimm geworden ist. Aber wir meinen, daß
sie nur darum schlimm ist und noch schlimmer
werden muß, weil im Judentum die Tendenz des
bescheidenen Verzichtes« sich wieder vorwagt. Dieser
Erscheinung wollen wir \ entgegentreten und 'der
Ueberzeügurig Raum schaffen, daß das Verhältnis des
Judentums zu seiner Umgebung nur durch Verständi¬
gung von Volk zu Volk unter» Ausschaltung jedweder
würdeloser Angleichunf sich bessern kann. Wir
treten ein
' für die Versöhnung der Völker,
für einen ehrlichen Frieden,
für Demokratie und Völkerbund,
' für die Aufrichtung des Judenstaates in Palästina.
Wir hoffen, solcherart unserem Volkstum.am
besten zu dienen, und sind deri Ueberzeugung» daß
wir die Mitarbeit aller finden werden, die »ehrlichen
Willens sind,
Palästina - ein britisches Dominium?
Ein Vorschlag Wedgwoods.
London, 18. September. (J. T. A.) Colonel Josiah
W e d g w o o d, der gewesene Minister im Kabinett
Macdonald, veröffentlicht im „Jewish Chro-
nicle" einen Aufsatz, in welchem er ausführt: Mag
Herr G u e d a 11 a (der Vorsitzende der englischen
Zionisten) recht haben — was ich nicht glaube —,
daß die britische Regierung in der Erfüllung des
Mandats und der Balfour-Deklaration nachlasse —
eine wirkliche Gefahr würde
eine übereilte Einrichtung einer verantwortlichen
Regierung in Palästina
sein, bevor das westliche und erfahrene
Votum stark genug ist, um eine friedliche jüdische
Entwicklung zu sichern. Die Zionisten müssen sich
vor allem /darüber klar werden, daß in der gegen¬
wärtigen (■ Epoche das Regime einer Kron¬
kol o n i ef den Verhältnissen am besten-angepaßt ist.
. Es würde, glaube ich, für die zionistische Be¬
wegung! nicht verletzen^.' seiu. wenn, man ihr klar
müchte, daB'^^tc /Jä des^iortJnuis dies \Jjäre:
Palästina ein sich selbst regierendes Dominium
innerhalb des British Empire.
Würden sich die Zionisten dazu bekennen, so
würden sie in einem w>eit höheren Maße als jetzt die
britischen Sympathien besitzen und auch eine bessere
Atmosphäre in Jerusalem schaffen. Eine Kooperation
ist um so leichter, als beide Teile sich darüber
klar sind, daß sie auf das gleiche Ziel losstreben. Ist
über diese Angelegenheit einmal Klarheit geschaffen,
dann können alle Zionisten — Angelsachsen wie
Juden — mit sicherer Wirkung alles kritisieren* was
von der palästinensischen Regierung schlecht ge¬
macht wird. Vieles ist dort schlecht: Steuern, Boden¬
politik, Landwirtschaftspolitik, Einwanderungs- und
Gemeiiidepolitik etc. Aber wir sind heute so wenig
miteinander vertraut, daß die britische Regierung
einerseits und die Juden andererseits stets davor
Angst haben, die Gefühle des anderen zu verletzen.
In der heutigen Zeit können nur englische Zionisten
mit ruhiger Sicherheit eine englische Regierung
„anbellen", weil die Regierung sehr wohl weiß, daß
sie dies nur deshalb tun, damit die Regierung es
besser mache und dadurch das englische Ansehen
steigere.
*
> Herr Wctlgwood ist als ein warmer Freund
des Zionismus bekannt. Seine Ausführungen rühren
an empfindliche Nerven der jüdischen Palästina¬
politik. Sie decken sich nicht mit dem zionistischen
Endziel. Deshalb sind Wedgwoods Anschauungen
von sehr größer Wichtigkeit und wir werden darauf
noch zurückkommen.
Unter Bezugnahme auf die nebenstehende Er¬
klärung gibt die gefertigte Verwaltung der Erwartung
Ausdruck, daß alle Leser und Freunde der „Wiener
Morgenzeitung" dem neuen Blatte „Die Neue Welt"
ihr Interesse und ihre Freundschaft zuwenden
werden.
„Die Neue Welt" wird bemüht sein, durch
reichhaltigen und aktuellen Inhalt, durch vielseitige
Beleuchtung aller Probleme der zionistischen Be¬
wegung und aller jüdischen Fragen sich das Ver-»
trauen der Leserschaft zu erwerben.
Wir richten an alle Leser das Ersuchen, ihre
Abohnementbestellungeri ungesäumt an die Verwal¬
tung „Die Neue Welt", Wien, IX., Universitäts¬
straße 6—8, zu richten. Abonnementspreise siehe
Kopf des Blattes.
Die Verwaltung
„Die Neue Welt".
Es ist auch ein zweiter da. Monsignore Barlas«
sina ist ehrlich bemüht, alle Zweifel an seiner Juden-
freundlichkeit zu zerstreuen. Er hat es niemals unter¬
nommen, den Frieden zwischen Juden und Arabern
zu stören und die Feindschaft zwischen ihnen zu
vertiefen. Wie kann man nur! Es gibt zw^r eine
Menge von Tatsachen aus der Geschichte der letzten
Jahre, die ein ganz anderes Bild liefern. Der Mon¬
signore hat seine priesterlichen Hände in jeder Stän¬
kerei gegen die jüdische Arbeit in Palästina gehabt.
Er ist der Förderer aller antijüdischen Agitationen
im Orient, denen mit .seiner Mithilfe ;die'\arabisc^e
Uebersetzung der Protokolle der Weisen von Zion
zugrunde gelegt wurde. Das ist das' Paniphlet, dem
Henry Ford einen so ansehnlichen Raum in seiner
Zeitung und seinem Buche hat widmen lassen.
Man sieht, wie der protestantische Eiferer aus De¬
troit und der katholische Kirchenfürst einander auf
dem Schindanger des Judenhasses begegnen. Ein
Ozean an Raum und Weltanschauung liegt zwischen
ihnen, aber gemeinsam auf Grund der gleichen
geistigen Einstellung operieren sie gegen „das Volk
der Bibel", das sie doch beide so sehr verehren. Der
Monsignore hat verkünden lassen, daß der arabische
Bauer durch die jüdischen Siedler von Heim und
Hof gedrängt wird (und er hat;es dann dementiert).
Er hat die Begründung für die These geliefert, daß
der Zionismus einen Angriff auf die der Christenheit
heiligen Stätten bedeutet, er hat die Kampagne gegen
die Eröffnung der Universität auf dem Skopusberg
vorbereitet. Die Eröffnung ging vor sich, Lord Bäk
four war da und in Palästina geschah nichts. Aber
die Araber in Damaskus fanden, daß der Besuch des
greisen Lords sie beleidige und sie rebellierten gegen
Barlassina und Ford.
—y Wien, 23. September.
Henry Fords Widerruf hatte seinerzeit viel Auf¬
sehen erregt. Große und führende Organe des amerika-'
nischen Judentums hatten sich vor Freuden kaum
fassen können und sie hatten ihre dicksten Lettern
aufgeboten. Ein maßgebender Mann des amerika¬
nischen Wirtschaftslebens hatte öffentlich verkünden
lassen und sogar durch Unterschrift vor einem
Rechtsanwalt bekräftigt, daß er alles bereue, was
an giftigen Lügen unter seinem Namen in die Welt
gegangen war und daß er sich nunmehr dazu ent¬
schlossen habe, anzubeten, was er gestern verbrannt
hat. Er widerruft, schlägt reuig an die Brust und
wird von nun ab die Juden, die er verlästert, lieben.
Er selbst, erklärte er, habe nichts gegen # sie ge*
schrieben, seine Angestellten hät f en dies getan. Die
Zeitung werde er einstellen und das Buch „Der
internationale Jude, ein Weltproblem" aus dem Ver¬
kauf zurückziehen. Es herrschte große Freude. Aber
das Fordsche Blatt erscheint weiter und die Leipziger
geistige Zentrale, des Judenmordes, der „Hammer¬
verlag" teilt mit, es sei kein Auftrag ergangen;' das
Buch nicht mehr auszubieten, Das ist also der Wider¬
ruf Nummer eins,
BuKowinaer Zentralverband Wien
Sonntag, den 25 September 1927.
präzise 9 Uhr vormittags im Wiener
Bürgercafe, II., Praterstraße Nr, 11
Monatsversammlung
, Refeiat de§ Herrn Minibterlaisekretär ,
Dr. Ferdinand Kleinwächter
Uber Wirtschaftsfragen