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DIE NEUE WELT
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Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8. Telephon: 25-2-82. r- Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 1
Freitag, den 30. September 1927
Nr. 2
Aus dem Inhalte:
r. st.: Rothschild und Horthy.
Dr. Leo Goldhamraer: Bevölkerungsprobleme.
Die große zionistische Anleihe.
Der Judenprozeß in Konstantinopel.
Antisemitische Exzesse in Bulgarien.
Sind die Wiener Hochschulen verludet?
o. a.: Wiener Theaterbrief.
Dr. Sanel Beer: Judenkrankheiten.
Rothschild und Horthy.
r. st. Wien, 29. September.
Vor ungefähr zwanzig Jahren gab es einen gro¬
ßen jüdischen Skandal. Kurz nach den blutigen, von
der russischen Regierung veranstalteten Pogromen
geriet der Zar aller Reußen in-schwere Geldverlegen¬
heiten und sandte Agenten nach allen europäischen
Hauptstädten, um eine : Anleihe aufzunehmen; Die Un
terhändler erfuhren bei vielen jüdischen Finanz,
männern Absagen, so bei den englischen, französi¬
schen ; und österreichischen Rothschilds. Trotzdem
sich .die geheiligte russische'- Majestät^rbot, durch Er¬
höhung desfZinsfußesum ein viertel ..Prozent das. Ent¬
setzen über die fäfaleii Jude^sohlächtereien zu dämp¬
fen, wollte kein großer jüdischer Fisch 'anbeißen. Nur
in Wien hatte der Zarenagent Glück. Der damalige
Direktor der Bodenkreditanstalt, ein Herr von T a u s-
s ig, erklärte sich bereit, das Geschäft zu machen.
Die österreichische Judenschaft geriet darob in große
Empörung, in um so größere, als Taussig damals die
EhrensteMe.eines Vizepräsidenten der Wie¬
nerjudengemeinde innehatte. Die Zionisten
beriefen . große Protestversammlungen ein, und die
jüdischen Börsebesucher verkündeten den Boykott
der Taussig-Anleihe. Der Ruf nach Abdankung Taus;
sigs wurde immer lauter. Wohl ließ Taussig, ein Mann
von großer Tatkraft und riesigem Einfluß, durch seine
journalistischen und politischen Handlanger die Kunde
verbreiten, er habe von der russischen Regierung Zu¬
sicherung, einer besseren Behandlung der russischen
Juden verlangt und. erhalten. Aber auch dieser feine
Hieb ging fehl. Die Erregung wollte sich nicht legen.
Taussig mußte seine jüdische Ehrenstelle niederlegen.
Wenige Wochen nach Abschluß der Anleihe durch
Taussig.kamen Berichte über neuerliche antisemitische
Metzeleien. Die Pogrome in Hornel und Bialystok
erbrachten den blutigen Beweis, daß jüdische Würde-
losigkeit die Antisemiten nicht gnädiger stimmt, Taus¬
sig aber verschwand aus dem jüdischen Leben.
Nach zwanzig Jahren bietet uns die Geschichte
eine :,■ Wiederholung des :Taussig«-Skanda , ls. ■ Nur in
etwas veränderter Form, unter..Umständen, welche
die - Rolle des jüdischen - Heldenspielers noch erbärm¬
licher .wirken lassen. Wieder hat sich ein Herrscher,
selbst Judenschinder und Schutzherr judenmörderi¬
scher Banditen, aufs Schnorren um eine Anleihe ver¬
legt. Der blutige Horthy braucht Geld für seine Wirt¬
schaft. Auch er sandte Agenten aus. Aber mit mehr
Glück als der Zar. Auf den ersten Zug ging ihm der
große, jüdische Fisch ins Netz. Der Londoner
Rothschild erklärte sich sofort und mit Ver¬
gnügen bereit, Seiner judenschindenden Hoheit dem
fauchten Herrn Horthy die zur Fortführung seiner
glorreichen Regierung notwendigen Moneten proinpt,
wenn auch nicht allzu billig, zur Verfügung zu stellen.
Der Londoner Rothschild von heute scheint bessere
Nerven: und ein dickeres Fell zu haben, als der vor
zwanzig Jahren. Dem .Rothschild von anno dazumal
ist'der Judenblutgeruch scheußlich in die Nase, ge¬
stiegen--und ' die Vorstellung zerfetzter und ver¬
brannter Jud'enleiber-und zerhäuter Judenschädel- hat
ah 1 seinen »Nerven- gerüttelt und seine Börse zu¬
schnappen "■■ lassen;' - Dem Londoner Rothschild von
he'ute kann so was nicht passieren. Der denkt: Ge¬
fühl und Geschäft sind zwei Dinge, und man soll sie
nicht vermischen. Daß Horthy die juden zu Hun¬
derten mit glühenden Schürhaken und'Bajonetten bis
in die Eingeweide kitzeln und mit nägelgespickten
Hirnschalen in die Donau hat schmeißen lassen, das
ist ein Ding für sich. Und daß Horthy Geld braucht
und fette Zinsen zu schwitzen verspricht, ist wieder
ein anderes Ding für sich. So'kalkuliert der Londoner
Rothschild von heute und seine Börse schnappt auf
und speit goldenen Segen in die Würgerkrallen.
Auch der Taussig von damals ist einem Ver¬
gleiche mit dem Helden von heute nicht ohneweiters
auszusetzen. Er hat mildernde Umstände für 'sich.
Taussig war ein Emporkömmling, der nach dem
Höheren gierte. Er wollte ins Russengeschäft hinein;
weil er damit der österreichischen Regierung zu im¬
ponieren glaubte. Das Russ.engeschäft sollte ihn zum
Gipfel der Sehnsucht aller Finanzbarone tragen, ins
österreichische Herrenhaus und in die Reihen der die
Welt und den Anleihemarkt . beherrschenden Geld¬
potentaten. Ihm ging's wirklich nicht nur um die Göld-
pro'zente, ihm ging's auch um Ehre, um eine zweifel¬
hafte, aber ihm schien sie gewaltig. Unter dem blu¬
tigen. Schmutze seines üblen Petersburger. Geschäftes
glimmte ein Fünkchen nichtmateriellen Strebens. Um
was geht's aber diesem Londoner Rothschild? Der
ist kein Emporkömmling, welch um volle und letzte?.
Anerkennung ringt. Alle Welt J weiß,, daß schon 4e£
Großvater Pferde aus^grjld'ej&fi Ejmern v hätte saufen
lassen könnefty daß er int 'englischen Herrenhaus
sitzt oder ' sitzen kann, daß er das W'e\&6r-$hiti)&r6?.
m'ete nach Belieben tanzen läßt. Da geht's wirklich
nur um Prozente, um fette, nackte Prozente. Das 1
Budapester Geschäft ist nur Schmutz, massiver
Schmutz, ohne die geringste Beimengung nichtmate^
riellen Strebens.
Auch das jüdische Gewissen und die jüdische
öffentliche Meinung von heute schneiden bei einem
Vergleiche nicht gut ab. Als Taussig dem Blutzären
Geld lieh, schrien die Juden auf, sogar die • Börse
schrie. .Die Lüge von ders Besserstellung der russi¬
schen Juden blieb wirkungslos. Bei Rothschilds Kuh¬
handel gab's nur ein schwaches Protestieren, ein
ärgerliches Räuspern da und dort im, jüdischen
Blätterwald. Ein leiser Hinweis darauf, daß nunmehr
die Horthy-Regierüng vielleicht doch glimpflicher mit
ihren Juden verfahren würde, erstickte auch diese
schüchternen Regungen des engbrüstigen jüdischen
Gewissens und — erweckte hellen Jubel bei den, un¬
garischen Juden. Die Budapester Juden schwuren'
fest darauf, daß nun — da ein Jude dem heiligen
Vaterlande mit Geld beigesprungen ist — ihr golde¬
nes Zeitalter angebrochen sei.
$
Aber es kam anders, ganz anders. Der letzte
Freitag hat den Traum vom Anbruch des goldenen
jüdischen Zeitalters gründlich zerrinnen lassen, er
hat den ' magyarischen Antisemiten neues reiches
Futter gebracht. Im Budapester Gemeinderate sind
die Einzelheiten der Rothschild-Anleihe gründlich be¬
sprochen und beleuchtet worden und zum Schlüsse
gab's einen allgemeinen Schrei: „Rothschild hat
unsere. Führer, den Ministerpräsidenten -und den
Innenminister bestochen und uns beschwindelt!" Und
heute schallt überall im Lande der Ruf: „Der eng¬
lische Jude hat das arme ungarische Vaterland be¬
trogen!" Den ungarischen Juden wird die Sache noch
lange in den Knochen liegen. Und das Blatt, auf
welchem das Ereignis verzeichnet steht, wird kein
Ehrenblatt 'der jüdischen Geschichte sein. .Die 'bittere
Lehre: Der Antisemit kann: Juden/begeiferiwind zer¬
treten; wenn er Geld -braucht, findet : sichMmmer ein
Jade, der' ihm Geld gibt. Der Antisemit nimmt das
Geld und sagt: „Der Jud hat mich betrogen 4 ', und be¬
geifert x die'Juden und zertritt sie. 5
- ■ ' ■ ' ."" * ,.
Pas Qeschlecht der Rothschilds ist 'keines,
dessen sich cfie Juden zii schämen? haben.*' Der Pariser
Rothschild: hat dem jüdischen Volke Qineiv-Dienst von
unermeßlichem" Werte geleistet, er hat? in;Palästina
die jüdischen Kolonien geschaffen, ein Werk, das dem
Namen Rothschild unvergängliche Ehre bringt. Auch
die Tradition der Wiener und der Londoner Familien
ist durchaus jüdisch und ehrenhaft. Nun hat ein Roth¬
schild schwer an der Ehre und den Interessen des
jüdischen Volkes gesündigt. Die Anklage trifft nicht
das Haus Rothschild, die Anklage trifft das jüdische
Volk. Dieses Volk, das in der Wahrung seiner Ehre
lässig ist, das Volk mit dem schlafenden' Gewissen,
das Volk, das seine Verräter, das die Schänder seines
Namens nicht zu ächten versteht, das Volk, das jede
Ausrede gelten läßt und gerne verzeiht und rasch
vergißt, wenn es um Verbrechen an seiner Ehre geht.
Jagd auf Juden in Ungarn.
Aus Budapest wird berichtet: In den öst¬
lichen und nördlichen Komitaten Ungarns gehen auf
Befehl des Ministers des Innern Razzien vor sich, die
nicht durch die örtlichen Polizeiorgane durchgeführt
werden. Aus der Hauptstadt Budapest werden ganze
Schwärme von Detektiven in die betreffenden Ge¬
biete entsandt, die dort brutal zu Werke gehen. So
wurde auch jüngst wieder aus Nagykallo berichtet,
daß die aus Budapest eingetroffenen Polizeiorgane
sofort nach Verlassen des Bahnhofs auf offener
Straße alle irgendwie jüdisch aus-
s e h en d e n P e r s o n e n anhielten und sie zur Aus¬
weisung aufforderten. Der Abgeordnete der Regie¬
rungspartei Ändör Nanassi teilt den Zeitungen mit;'
Ja^aU.e-.-Gerüchte^ als ob sich aus Galizien Juden in
großer iZatii eingeschlichen hätten, grundlos seien.
Der Präsident der Nagykalloer Judengemeinde Her¬
mann Mandel hat sich nach der Razzia in seiner Ge¬
meinde bei der Polizeibehörde eingefunden und hat
gemeldet, daß es in der ganzen Stadt bloß einen ein¬
zigen Menschen gibt, dessen Naturalisierungssache
noch nicht ganz erledigt ist. Der von der Polizei vor¬
geladene Rabbiner übergab der Behörde die Namens¬
liste seiner Zöglinge und konnte nachweisen, daß
kein einziger unter ihnen einem fremden Staatsver¬
bande angehört. — Die Hetze in der Zeit, da der
Jude Rothschild dem Horthy eine Anleihe gewährt,
spricht Bände. Noch ein schönes Detail: Der Bruder
des antisemitischen Innenministers Scitovsky ist
Generaldirektor der Budapester Rothschild-Bank,
der Allgemeinen Kreditbank. Wie man sieht, ein lieb¬
liches Gemisch von magyarischem Antisemitismus,
magyarischer Korruption und jüdischer Würde-
losigkeit.
Einstellung der Razzien.
Budapest. (J. T. A.) Der Minister des Innern
Bela S c i t o v s k y erklärte den Zeitungsberichterstattern,
er habe alle Provinzbehörden telegraphisch angewiesen,
die Razzien gegen Fremde am Samstag mittags 12 Uhr
auf der ganzen Linie einzustellen. Der Minister sägte
weiter, er hoffe, daß künftig sich keine Notwendigkeit
mehr für derartige Maßnahmen ergeben werde. — Der Rück¬
zug des anläßlich der Rothschild-Anleihe in einen Be¬
stechungsskandal verwickelten Innenministers (sein Bruder
ist Generaldirektor der Budapester Rothschild-Bank) ist
nicht verwunderlich. Nach Abflauen des Skandales werden
die Razzien wieder beginnen.
Probleme der jüdischen
Bevölkerungsbewegung.
Von Dr. Leo Goldhammer.
Die ungeheure Zunahme der Bevölkerungszahl
Europas in den Jahren 1800 bis 1920 (sie stieg in diesem
Zeitraum von 187 auf 447 Millionen an) gab allen Stati¬
stikern und .Nationalqkonorrien Anlaß, unter, Annahme des
gleichbleibenden Vermehrungstempos Berechnungen- über
die künftige Bewohnerzahl anzustellen und damit die
Frage zu behandeln, ob die Steigerung der Nahrungs-
mittelproduktiou eine derartige sein könnte, um > diesen
erhöhten'Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Das Ergebnis
■ war ein äußerst pessimistisches und; drückte sich, in dem
sogenannten.,.Malthus'schen Gesetz" aus. Das letzte Jahr¬
zehnt vor dem Kriege und die Kriegsjahre selbst lassen
aber eine vollständige Wendung in den Verhältnissen be¬
obachten: Einen stetigen, dabei starken Geburtenrückgang
bei allen s Kulturvölkern, wenn auch bei diesen die Sterb¬
lichkeit eine immer geringere wird, so daß der Geburten-