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DIE NEUE WELT
BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50,
vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich
Zloty 2.—, vierteljahrig Zloty 6.—; Tschechoslowakei
monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15 -; Jugo¬
slawien monatlich Dinar 14.—, vlerteliahrlg Dinar 40.—;
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REVUE
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße fj— 8. Telephon: 25-2-82.
BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich
Mark 1.— vierteljährig Mark 3.— ; Bulgarien monat¬
lich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.— ; Italien
monatlich Lire,5.—,. vierteljährig Lire 14 —; Schweiz
und die übrigen Länder mo atllch Schwel/er
Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50.
Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 1
Freitag, den 7. Oktober 1927
Nr. 3
Aus dem Inhalte:
—y.: Jüdische Manieren.
Robert Siricker: Judenstaat oder englische Kron¬
kolonie.
Adolf Böhm: Die Majorität in Palästina.
Der Konflikt Weizmann—Wise.
Kein Arierparagraph in der deutschen Studenten,
schaft.
Die Massenflucht aus dem Judentum.
Walter Rathenau.
Vom jüdischen Leben in Argentinien.
Dr. Otto Abeles: Ein Jargonstück.
Dr. Sanel Beer: Judenkrankheiten.
Mitteilungen des Verbandes jüdischer Kaufleute.
Jüdischer Humor. — Jüdischer Sport.
Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien.
Abonnement'
Einladung
Wir laden zum Bezüge der Revue
»DIE NEUE WELT
ein, dte sich bereits in der kürzen Zett ihres
Bestandes überall Freunde , erworben hat
„Die Neue Welt* 4 informiert ihre Leser aus¬
führlich über alle Ereignisse im jüdischen
Leben und will die nichtjüdische Welt über
die Forderungen der jüdischen Gemeinschaft
unterrichten.
Dte Bezugsbedingungen für Oesterreich
sind: monatlich 5 1.50, l /Jähr. S 4.20,
\jahr. S 8. —. Die Bezugspreise für das
Ausland sind am Kopfe des Blattes ersichtlich.
! l Probenummer auf Verlangen 11
Dia V«rwal w>g
„DIE NEUE WELT"
Wien, IX. tfnlversItfitastraBe «- 8 T«l. 20-2-82
Jüdische Manieren.
—y. Wien, 7. Oktober.
Es ist noch erinnerlich, daß vor zwei Jahren
der Favoritner Bezirksrichter N e u d e c k eine Dame,
die gegen einen Belästiger das Wort „jüdische Frech¬
heit" gebraucht hatte, freigesprochen hat. Oberbaurat
Stricker, der in der „Wiener Morgenzeitung"
dieses Urteil kritisierte, wurde von der. Staatsanwalt¬
schaft angeklagt, von den Geschworenen jedoch frei¬
gesprochen. Seither hatte man keinen Anlaß, sich mit
solchen Urteilen zu beschäftigen. Erst jüngst hat
wieder ein Richter es für notwendig gehalten, seine
höchst persönlichen Anschauungen , über Juden und
Judentum auch von seinem Richterstuhl aus zu ver¬
künde*?. Es ist der Oberlandesgerichtsrat S i e b e r. Er
hat einen Mann, der einem anderen, in der. Absicht des
Beleidigens, „jüdische Maniereh" vorgehalten hat,
freigesprochen. Dazu erging die famose Erklärung,
daß der Tatbestand der Beleidigung an sich nicht
festgestellt sei; sollte aber trotzdem das Wort ge¬
fallen sein, so sei mit Freispruch vorzugeben, da;
dpch darin nur die Konstatierung liege, daß sich der
Gegner seine Jüdischen Rasseftmerkmale bewahrt
habe. „Und das kann doch nur schön sein," fügte der
Qberlandesgeriolitsrat Sieber hinzu. Wenn also
jemand einen Juden Im Verlaufe eines Streites durch
Hervorhebung der jüdischen Abkunft beleidigen will,
so findet der Richter, daß er doch nur einen schönen
Charakterzug zugestehen wollte. Das heißt, der
Richter findet dies nicht. Er weiß ganz genau, was
beleidigende Absicht ist, aber da es sich um einen
Juden handelt, so ist der Richter bereit, eine mi߬
verständliche Begründung zu finden, um nur dem
Juden zu zeigen, wie es um ihn bestellt ist. Wie würde
derselbe Oberlandesgerichtsrat urteilen, wenn er sich
mit dem Schimpfwort „boche" zu befassen hätte?
Es wäre natürlich vergebliche Mühe, dem Herrn
Oberlandesgerichtsrat Sieber bessere Manieren, vor
allem aber eine bessere Logik beibringen zu wollen.
Er kann nicht aus seiner Haut heraus und er ist nun
einmal einer jener österreichischen Richter, die sich
über die Vertrauenskrise beschweren und denen so
viel Unrecht geschieht. Er soll, wie es im Gesetze so
hübsch heißt, ohne Ansehung der Person Recht
sprechen. Aber er hat nun doch einmal die Gewohn¬
heit,, sich die Personen anzusehen und speziell darauf
zu prüfen, ob sie ihre Rassenmerkmale behalten
haben. . Deutsche Intellektuelle sind in der Rasseri-
kunde gut beschlagen und haben die Literatur von
Bartels bis Fritsch im kleinen Finger. Sie wissen
also genau, was jüdische und was, nichtjüdische
Manieren, sind. Ein Irrtum ist freilich nicht ausge-
schJossen.i.aber in solchen Fällen .findet sich immer
rechtzeitig ein Sachverständiger^^Wennvi-.sich ... ein
Jude-nicht f&eleidigen lasser^vvilJ, so""hat er jüdfsche
Manieren. Wie liegt dies aber m/ dem Falle' GelllnV
der eben in den deutschen Blättern erzählt wird? Da
hat der preußische Landtagsabgeordttete Herrmann
(Breslau) dem preußischen Justizminister den folgen¬
den Brief geschrieben:
„...Am 23. September 1927 suchte ich um
VtlO Uhr abends die angesehene und solide Weinstube
von Schroeder (in Breslau) auf... Gegen 11 Uhr rief
Herr Landgerichtsrat GeUin irgend etwas Beleidi¬
gendes über die Juden laut in das Lokal. Es ist wegen
der allgemeinen Unterhaltung und der spielenden Musik
nicht möglich gewesen, diese Beleidigung einwandfrei
festzustellen. Da aber daraufhin sofort Stille in dem
kleinen Räume entstand, war das Nachfolgende, mit
überlauter Stimme und ohne jede Veranlassung Ge¬
rufene deutlich zu verstehen. Herr Landgerichtsrat
G. schrie „Das .Berliner Tageblatt' ist das größte
Schundblatt! Es ist ein ganz gemeines Judenblatt! Es
tut mir leid, daß es noch existiert! Alle Juden sind
Betrüger' Mit Juden können Sie gar nichts tun! Juden
sind immer aggressiv!" usw.
Ich bin daraufhin an den Tisch getreten, da ich
erfahren hatte, daß der Beleidiger Richter sei, und
habe ihm in höflicher Form folgendes erklärt: „Ich bin
Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes" und nehme an
diesen Beleidigungen einer angesehenen Zeitung Anstoß
und bitte, zwecks Austausches unserer Namen, in den
Vorraum des Lokales zu "kommen." Herr G. hat dies
unter persönlichen Beleidigungen: „Sie Jude! Sie sind
wohl auch ein solcher Jude!" usw. abgelehnt. Herr G.
setzte die Aeußerungen. laut über das Lokal schreiend,
fort. Es war unvermeidbar, daß eine ungeheure Er¬
regung entstand. Es ist, was ich ebenfalls feststellen
will, von unserem Tische erwidert worden: „Das will
ein deutscher Richter sein! Wir verbitten uns ihre Be¬
leidigungen! Es ist ein Skandal; daß solche Menschen
als Richter amtieren können! Das Geld wird von der
Republik genommen, aber gegen die Bevölkerung
Beleidigungen ausgesprochen" usw.
Da die Beleidigungen fortgesetzt wurden, ent¬
fernte ich mich, um zur Feststellung der Personalien
einen Schupobeamten zu holen. Beim Eintreffen mit
dem begleitenden Beamten verließ Herr G. gerade das
Lokal. Der Schupobeamte hat in höflicher und dienst¬
licher Form das Ersuchen um Angabe des Namens an
Herrn G. gerichtet. Herr G. lehnte zunächst die Angabe
ab. Erst auf dringliches Zureden gab er an: Land¬
gerichtsrat Gellin. Breslau, Goetbestraße ■ 35-37. Da ich
dem Polizeibeamten ebenfalls meine Personalien an¬
geben mußte, rief er m|r erneut zu, in der Absicht der
Beleidigung: „Sie Jude! Schämen Sie sich, Sie Jude!
Sie wundern sich, daß ich so auf die Juden schimpfe:
Ich bin aus einer deutschen Familie." Ich bemerkte
kurz: „Ah Ihnen bat ein preußischer Justizminister auch
keine reine Freude!" Seine Antwortiaute,te: „Ich lege
keinen Wert auf den Herrn Justizmini^ter!"
Mir erscheint es undenkbar, sehr geehrter Herr
Justizminister, daß ein preußischer Richter, der in einer
derart unerhörten Weise, ohne voii irgend Jemanden
herausgefordert zu sein, sich im öffentlichen Lokale
benimmt und äußert, länger in der Ehrenstclluhg eines
Richters stehen kann..."
Wir wissen nicht, in welche nationale Kategorie
von Manieren der Oberlandesgerichtsrat Sieber, seinen
Br.esla.uer Kollegen einreihen würde. Aber er wird
sich dieses Dilemma wohl ersparen. ■ ■ .
Anders liegt die Sache für den Juden als Bürger
des Staates. Der jüdische Steuerzahler sieht* wieder
einmal seine Situation. Er muß sich von den Fiskali-
sten des Staates auspressen lassen und für. das Geld,
das ihm abgenommen wird, erhält er: eine Verwal¬
tung, die keinen Juden anstellt; eine Universität, an
der der jüdische Lehrer und der jüdische Hörer ge-,
krän;kt und besudelt werden; einen Richter, de ; r den
jüdischen Kläger verhöhnt. Scheinbar haben die.
Juden gegen diesen Zustand nichts einzuwenden. Sic
haben doch bei den letzten Rahlen .auf ihre eigene
Vertretung verzichtet und. sich den Feinden von
rechts und links anvertraut. Das sind; sicherlieh jüdi¬
sche Manieren und eine der Konsequenzen 'ist der,
Oberlandesgerichtsrat Sicher. .'
Judenstaat oder englische
Kronkolonie.
Von Robert Stricker. , \
Ein guter Breürid^hät^em^ ei*
teilt, pöerst W e d g e w o o d, 4er etjglische' r Abge¬
ordnete; uij$ frühere Minister im/-vsoÄia!istIschen*
Kabinett Macdonald, förderte irn konrJonef ^Je^ish *
Chronicle" die Zionisten auf, ihre Politik auf ; ein-'
neues Ziel umzustellen. Er schlägt vor, dabin zu
streben, Palästina zum Best ä h d t eile ■. d e s
en g 1 i s c h e n Weltreiches, zur b r i t i s e h e n
Kr o n Kolonie zu machen. Wedgewööd,,;/,' der
seiner Regierung beständig vorwirft, daß. sieVden
Zionisten beim Aufbauwerk in Palästina wörijgv öder
gar keine Hilfe leistet, also ihre mit der' Bal^our-/
deklaration übernommene Verpflichtung nicht'V: ehi» :
hält, Wedgewood meint, daß dann eine ersprießlich^;
Zusammenarbeit zwischen den Zionisten , und : derj;
englischen Regierung einsetzen und England ■'alles^
daran wenden würde, den Aufbau des jüdischen,
Heimes in Palästina rasch durchzuführen. Wedge¬
wood ist ein begeisterter Anhänger des'Zionismus.'
Er, der englische Nichtjude, hat die halbe Weif
durchreist, um für den Zionismus' Propaganda zu:
machen, um den Juden und Nichtjuden seine Be¬
geisterung für das zionistische Ideal mitzuteilen.
Immer und immer wieder ergreift er im englischen
Unterhaus das Wort für den Zionismus und fordert
stürmisch — manchem zionistischen; Leisetreter allzu
stürmisch — Einlösung des dem jüdischen 1 Vo^e se¬
gebenen Versprechens.
Und dieser beste Freund der zionistischen Sache
rät nun — den Zionismus zu entwurzeln, zum Ver¬
dorren zu bringen. Eine ' zionistische; .
deren Endziel nicht der Staat -für 'die-.. Jfiädiehv ^ofifeii'ii'
eine Kolonie für die Engländer ist, sei-V^'W^t'^l"^ -
jüdische Kolonie, hat' <iie-' ßxlisje^^ereciitigutt'y': v$r»
loren. Eine solche Bewegung hat .das.; Änrecht auf
allgemeine Anerkennung, auf Achiung.-und Sympathie
der Kulturwelt verwirkt. Das Größe, das Bezwingende
im Zionismus liegt darin, daß er Recht für ein un¬
glückliches, unterdrücktes Volk fordert, Recht für
das jüdische Volk und nichts anderes.
Daß er die jüdische'Sache endgültig loslöst von der
Willkür, der Berechnung und der Habsucht fremder
Faktoren, herausreißt aus dem Intrigenspiel der
Diplomatie. Ein Zionismus, der dieser Bestimmung
untreu wird, hat den Charakter der reinen Freiheits¬
bewegung verloren, hat keinen Anspruch auf das
Wohlwollen der zivilisierten W(elt. Die Preisgabe
der Idee der Gründung eines Judenstaates zugunsten
der Idee der Gründung einer jüdisphen Kolojiie des
britischen Weltreiches macht den Zionismus als
Weltbewegung unmöglich. Kein Kulturstaat bat das
Recht, seinen jüdischen Bürgern die Mitarbeit .nm
Aufbau des Judenstaates zu verwehren. 13 er