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DIE NEUE WELT
BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50,
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REVUE
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
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Redaktion und Verwaltung: Wien, lK. t Universitätsstraße 6—8. Telephon: 25-2-82. — Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 7
Freitag, den 74. Oktober 7927
Nr. 4
Aus dem Inhalte:
-y i Das internationale Judeiiniord-Prograniin.
Die rote Assimilation und der Zionismus.
Vor dem Schwarzbarth-Prozeß.
Artur Kostler: Die Wirtschaftskrise in Palästina.
England und das Palästina-Mandat.
Die Leiden der russischen Zionisten.
S. J u s c h k e w i t s c h: Pogromgespenster.
Ein großes juderibrenneii im Jahre 1680.
Legenden aus der jüdischen Geschichte.
Dr. Otto Abel es: Wiener Theaterbrief.
Mitteilungen des Verbandes jüdischer Kaufleute.
Dr. Sanel Beer: Die Beschneidung bei den Juden.
jüdische Sport- und Turnbewegung.
Austritte aus dem Judentum.
Jüdischer Humor.
Schaloin Asch: Die Zauberin von Kastilien.
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... /rt ;-;'j;D^^jaüfJude als Pogromhetzer. Die Affäre des
pi;eußisclisH Örj^riähdes^eHciitsräles • "Ceih'n •• hat eine
pikante. ''^^^ü^^ÄQjjup^h f Dieser gute Richter
hatte ;iiüf ^entliehen Lpkälien Brandreden gegen die
Juden . gehalten ;und^seine-.lieben ; Mitbürger auf ge-
f order,' das . jüdische" Gezücht, das doch an allem
Ifebel. schuld' ist, auszurotten. Da er.hiebei zufällig
mit dem Redakteur einer großen Berliner Zeitung
ih : 'KonMk't geriet, mußte er in Untersuchung ge¬
zögen werden. Ein in Deutschland sehr ungewöhn¬
licher Falk Denn wenn alle reichsdeutschen Richter,
die auf Juden schimpfen, eingezogen würden, gäbe
es in-Deutschland ewige Gerichtsferien und Hoch¬
konjunktur, im Gefängnisibau. Herr Gellin wurde also
von seiner vorgesetzten Behörde streng befragt, und
da ergab sich, daß er g e t a u f t e r J u d e ist. Großes
Erstaunen im deutschen Blätterwalde, und doch ist
das Faktum gar nicht erstaunlich. Abtrünnige Juden
waren, immer die Drahtzieher gefährlicher Juden¬
hetzen. Vor wenigen Tagen erst wurde der Tod des
Artur Trebitsch gemeldet, getaufter Jude,
wissenschaftlicher Bearbeiter der Protokolle der
„Weisen von Zion". Wie die Früchte aussehen,
welche - aus der taufjüdischen Saat sprießen,
hat auch die Hindenburg-Amnestie in Er¬
sprießen, hat auch die Hindenburg-Amnestie in Er¬
innerung gebracht. Unter den Begnadigten befindet
sich, der Mörder Kurt Eisners, der Graf Arco.
Der hoffnungsvolle junge Mann ist der Leiter des
antisemitischesten bayrischen Hetzblattes. Wer
Ba;yeriv.^e"nt, wejß, was das heißt. Er ist der Sohn
einer.-getauften Jüdin. Es ließen sich noch un¬
zählige Beispiele anführen,-als Beleg dafür, daß aus
der Taufseuche dem Judentum die größten Gefahren
:er ; wäcljsen. Aber die jüdische Gesellschaft hat für
•diese-Gefahr nicht das geringste Verständnis. Sonst
müßte sie den Täuflingen gegenüber eine ganz andere
.Stellung einnehmen als die heute gebräuchliche.
Täuflinge können unbelästigt und ungestraft ihre ge¬
sellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen
Zivi Juden : aufrechterhalten. Wenn, sich ehr
.'Jude taufen läßt, wird er schlimmstenfalls
von seilen jüdischen Verwandten, Freunden und Be¬
kannten, ein wenig bewitzelt, sonst bleibt alles beim
alten. Nichts in dem Verhalten der jüdischen Ge¬
sellschaft bringt dem Renegaten zürn Bewußtsein, daß
er ein. Verräter und Feind geworden ist, nichts
schreckt, andere , ab, um irgend eines Vorteiles willen
dem Beispiel des Täuflings zu folgen.
Die Hoffnung au! den englisch-französischen
Krieg war zur Zeit des Kaisers Wilhelm eine tragende
Säule'der deutschen Außenpolitik. Die englische Re¬
gierung veröffentlicht jetzt eine Dokumentensamm¬
lung, und obzwar solche Publikationen immer sehr
vorsichtig zusammengestellt werden, geht doch aus
dieser mit voller Klarheit hervor, daß die englische
Politik sich in ihrem ureigensten Interesse auf. die
Wahrung des Friedens eingerichtet hatte. Die Not¬
wendigkeit, den großen überseeischen Besitz eng an
das Mutterland anzuschließen und mit ihm zu ver¬
schmelzen, forderte gebieterisch das Unterlassen von
Konflikten. Immer wieder erscheinen die Instruk¬
tionen der verantwortlichen Minister von Salisbury
bis Balfour, die auf die Sicherung, des Reiches unter
Vermeidung aller auf Kriegsgefahr abgestellten Hand¬
lungen hinauslaufen. Aber der deutsche Kaiser war
von dem Traumbild des englisch-französischen Krie¬
ges bis zur Zwangsvorstellung beherrscht. In einem
solchen Zusammenstoß würde, wie er meinte, Deutsch
land als der Vermittler auftreten und sich seinen
Platz an der Sonne erobern. Die Dokumente Eng¬
lands zeigen, wie die Londoner Regierung mit
Deutschland zu einer freundschaftlichen Verständi¬
gung zu kommen bemüht war. Der Berliner Mili¬
tarismus sabotierte alle Anstrengungen teils aus Mo<
tiveii der Machtgeltung, teils aber auch aus der ganz
merkwürdigen Vorstellung^ -daß England, als
von Juden b e h e r r s c$$; nach dem unbedingten
Imperium strebte. So wurde in Deutschland die
psychologische Stimmung geschaffen, die dann nach
dem Sarajevoer Mord den Zeitpunkt für günstig
hfel t; Aber auch, ii'd-u te iiödr -ist-^ der deutsche. Na¬
tionalismus 'voll der Hoffnung auf den englisch-fran¬
zösischen Krieg-; und es ist daraus .wje'der ein System
geworden. Komisch wirkt nur, daß in der "Vor*
Stellung von der jüdischen Gefahr England seihe
Rolle mit Frankreich teilen muß. Diese Psychose
macht, ^abgesehen von allen anderen Wirkungen, die
Politik' Deutschlands unfrei und in weiterer Folge
zweideutig.
Die Vergasung der Welt. In Warschau haben
Flug2eugmanöver stattgefunden, die selbstverständ¬
lich eine große Zuschauermenge anlockten. Die
Ueburigen schlössen mit einem bravourös durchge¬
führten Träneilgasangriff auf das Publikum, das
weinend und schimpfend vom Platze floh. Nachher
wurde erklärt, man habe der Bevölkerung demon¬
strieren wollen, wie notwendig der Besitz von
Schutzmasken sei. Also jeder Mann sein eigener
Krieg. Die Volkserziehung, in der es heute offiziell
vom Pazifismus nur so trieft, wählt sich sonderbare
Mittel.
Die Balfour-Deklaration für die Tschechen. Der.
tschechische Außenminister Dr. Benesch-hat jetzt
im Prager Orbis-Verlag seine Kriegserinnerungen
herausgegeben. Er erzählt unter anderem die Ge¬
schichte, wie die auswärtige tschechische Vertretung
die solenne Anerkennung ihrer Forderungen erzielte.
Im Mai 1918, als eben ein neuformiertes tschechisches
Regiment von Paris aus an die Verduner Front ab¬
gehen sollte, hatte die französische Regierung vor¬
geschlagen, diesen Kombattanten eine Fahne, zu ver¬
leihen. Benesch richtete nun an die französische Re¬
gierung eine Eingabe, in der er erklärte, daß vor
der Fahnenverleihung eine offizielle politische Deklara¬
tion der Entente erfolgen müsse. Er formulierte
ihren Inhalt dahin, daß sie die Anerkennung der histo¬
rischen Rechte der Tschechen auf den Staat und die
Anerkennung des (von Benesch und Masaryk ge¬
leiteten) Nationalstes aussprechen müsse. Diese
Forderung wurde nach langen Verhandlungen, die
bis in den Juni dauerten, angenommen, und B a 1-
f o u r richtete an Benesch die Deklaration, die dann
An die Leser in Wien und den
österreichischen Bundesländern!
Wir bitten, die zugesandten Bestellkarten und
Erlagscheine ausgefüllt an uns einzusenden, damit die
weitere Zustellung nicht unterbrochen wird.
Die Verwaltung.
die politische Grundlage des neu entstehenden Staates
wurde.
Die rote Inquisition. Sowjctrußland ist wieder ein¬
mal aus schwerer Not gerettet. Eine fürchterliche Ver¬
schwörung ist rechtzeitig aufgedeckt worden. Als An¬
stifter der gräßlichen Sache ist ein gewisser David Rein
aus dem Städtischen Lanzkarun im Kamenitzcr Kreise
stcllig gemacht worden. Dieser ruchlose Mensch, seines
Zeichens jüdischer K i n d e r 1 e h r e r, hat ein Dutzend
jüdischer Sowjetbürger im Alter von 5 bis 10 Jahren an
sich gelockt, und ihnen ein Chcder eingerichtet, das heißt,
er hat in ihre jungen Seelen das Gift der hebräisch e n
Sprache und der Bibel eingespritzt. Die Jewsectia,
das ist , die jüdische Abteilung der Sowjets, hat aber den
ruchlosen Verräter gefaßt. Er wurde vor Gericht gestellt
und zu neun Mona teu Zwangsarbeit und drei¬
jähriger Verschickung verdonnert. In unbegreif¬
licher Milde haben die allzu gütigen Richter davon abge¬
sehen, den Lumpen glatt erschießen zu lassen. — Rußland
bleibt Rußland. Von den Methoden des Zarismus kommt
Moskau nicht los. Erschießen, Hängen, Sibirien, Knebelung
der Worte und Gedanken, Herrschaft übermütiger und
feiger Schergen. Alles, ist geblieben. Was kann da
kommen?
Das internationale Juden*
mord-Programm*
tr-y, Wien, 14. Oktober.
Aus einem ryommissionsbericht des bayrischen
Landtages geraten jetzt interessante Enthüllungen
über die Geldquellen de r H itl er ei ans Ta¬
geslicht. Es war die Vorgeschichte der verschiede¬
nen Aufmärsche und des Novemberputsches der Na¬
tionalsozialisten zu untersuchen, und hiebei ergab sich
naturgemäß die Frage nach den. Spendern der in an¬
sehnlicher Höhe eingehenden Beträge. Dem Münch¬
ner Tapezierer und Trommler unterstand eine
ziffernmäßig nicht zu unterschätzende Heeresmacht
die auch militärisch ernst zu nehmen war, da sie
aus den Reihen der verabschiedeten aktiven Offiziere
ihre Führer bezog, die in der Wissenschaft des Mas¬
senmordes recht gut ausgebildet waren. Dieses bunte
Kontingent aus Reisläufern, patriotisch aufgepeitsch¬
ten Studenten, Arbeitslosen und Landsknechten war
in erster Reihe zum Pogrom bestimmt, und wie es
im Koburgischen bei dem berühmten Aufmarsch ge¬
gen die Juden zugegangen ist, das ist aus mannig¬
fachen Gerichtsakten bekannt. Immerhin konnte man
nicht alles aus den Juden herauspressen. Krieg kostet
Geld und Hitler wußte die Sehnsuchten und Hoffnun¬
gen der Schwerindustrie recht gut in klingende Münze
.umzusetzen. Was ihm nicht gelang, das besorgte
Ludendorff. Aus der Schweiz kamen Fränkli,
aus Amerika sandte Henry Ford gute Dollars.
Reichsmark und tschechische Kronen flössen in Menge
ein, und „die Beziehungen zu französischem Geld
konnten nicht erwiesen. werden", obzwar sie im
F.uchs-Machaus-Prozeß erwiesen wurden,
und obzwar am Tage vor dem Ausbruch der glor¬
reichen Brauhaus-Revolution in München alle fran¬
zösischen Garnisonen im Rhein- und Ruhrland
marschbereit an die pfälzische Grenze vorgeschoben
worden waren. Aus dem Hitler-Putsch sollte ein
Marsch nach Berlin werden und da hätten dann die
Senegalneger von den Schwarzweißroten den Vor¬
wand zur 1 Intervention. erhalten. Hauptsache blieb
aber der , Pogrom und im Zusammenhang mit dieser
Devise gab es zur gleichen Zeit Exzesse in U n g a r n
un.d in Rumänien, Numerus-clausus-Krawalle in
W i e n, in Graz und in P o 1 e n. Es war unverkenn¬
bar, um was es zunächst ging und was den Organi¬
satoren als erstes Ziel vorschwebte: Die Au st 11-
gung 'jüdischen Lebens. Das war der Auf¬
trag des antisemitischen Zentrums, das zweifellos
existiert und sich mir zu seiner Verschleierung das
Märchen von der geheimen jüdischen Zentrale er¬
funden hat.
Die blutigen Pläne sind damals nicht ausgereift.
Sie wurden zurückgestellt und der Haß geht andere,