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DIE NEUEW
V. b. b.
BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50,
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R IV U E
HERAUSOEÖfeR: ROBERT STRICKER
Redaktion und Verwaltung: V^ien, IX., Univ er sitais Straße 6—8. Telephon: 25-2-82. — Erscheint jeden Freitag
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lich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.— ; Italien
monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweix
und die übrigen Länder monatlich Schweizer
Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50.
Jahrgang 7
Freitag, äejd 28. Oktober 7927
Nr. 6
Schwarzbari fre^
Alle Schuldfragen von den Geschworenen einstimmig
verneint.
Nach Fertigstellung unserer heutigen Ausgabe
ist die Nachricht vom Freispruch Schwarzbarts ein¬
getroffen. Unter der Wucht der Aussagen über das
Wüten der unter Petljuras Kommando stehenden
Mörderhorden haben die Geschworenen Schwarz¬
barts Tat als begreiflich inid gerecht erkannt. Sie
haben ihn einstimmig freigesprochen und mit diesem
Urteil die am jüdischen Volke begangenen fürchter¬
lichen Greuel verdammt.'. pie • '^ul|tfrtoen^hhei.t'. .-h^at-
in diesen Geschworenen Vertreter gefunden. . •
Der Schwarzbart-Prozeß ist zum Pogrom-
Prozeß geworden. Nicht der Attentäter steht im
Vordergrund des Tribunals, sondern der Mann, unter
dessen Namen die Gräiiel in der Ukraine verübt wor¬
den sind. Das Geschworenengericht ist zum Welt¬
gerichtshof-geworden, wie ihn sich der greise Phy¬
siker Lange vi n ersehnt. Das ist die große über
'den Tag hinausreichende Bedeutung dieses Kriminal-'
falles, daß zum ersten Male über die bestialischeste
'Ausartung des Judenhasses geurteilt .wird und wie
immer der Wahlspruch der Volksrichter lauten wird,
'das-eine- ist zur festen Tatsache geworden, : d;a ß .e s.
au c h f ü r d e n J u.d e n in o r d ei nc St u n d e
d e r 'Verant wo r t ung gibt. Die Partei des
Hefmäus Petljura kämpfte erbittert,, ihn- .und -.das
ukrainische Volk von der Blutschuld zu entlasten. Sie
empfindet, wie schließlich jeder normale Mensch, die
tiefe, sittliche Berechtigung der Tat Schwarzbarts.
Lunge Jahre konnte der Hetmau in Paris unange¬
fochten leben. Er war, Gast in glänzenden Zirkeln,
Männer der Regierung, der Diplomatie verkelirferi mit
Aus dem Inhalte:
Der Prozeß Schwarzbart in Paris.
Robert Stricker: Ein Verbrechen am jüdischen
Volk.
jüdisch-Politisches aus Polen.
Dr. Hugo Schachtel, Breslau: Herr Holitscher
über Palästina.
—y: Die BaUour-Deklaratioii.
Anitta Müller über ihre Erfahrungen in Palästina. *
Neue antisemitische Skandale in Ungarn.
Die Forderungen des österreichischen Antisemiten¬
bundes.
Dr. Otto Abeles: Die Sagen der Juden.
Dr. Sauel Becr: Die Behandlung der Blutarmut.
'Jüdische Sport- und Turnbewegung.
Mitteilungen des Verbandes jüdischer Kautieute und
Gewerbetreibender.
'Jttdiscfyer Humor.
Schalow Asch: Die Zauberin von Kastilien.
ihm, niemandem war seine große Schuld unbekannt.
Alle reichten ihm die Hand. Die Personen, seines
Kreises; seine konnationälen Freunde sahen in ihm
den politischen Führer und erwarteten die Stunde, die
ihn zu neuem Aufstieg rufen Wird. Auch sie wußten
'um die Massenmorde. Wie er, so wähnten auch, sie.
daß diese Tage ins Meer der Vergessenheit, ins
Massengrab der Märtyrer. von .Prokur'ow gestiegen,
seien. Aber jqtzt, wo/die ■Toten zu . reden begiruieu,
wollen alle nachweisen, d-alP ityr TQter^^cJiuldig. ist.
Nicht das Recht, nicht das Gewissen hat sie ge¬
zwungen, Öffentlich den Judenmord. zu v.efleugnen.
Der Revolver Schwarzbarts «war esv Und -deshalb
ist der Pariser Prozeß bereits ein Ur¬
teil an sich. Er ist 1 die Verdammung des Pogroms.
Aber dieses Urteil bleibt in seinem Wirkungskreis
beschränkt. Es haben sehr viele Petljuras gelebt,
'solche wie er, die nach" der Tat' eine Proklamation
erlassen haben, und solche, die nicht einmal das ge¬
tan haben. Nicht alle hatten die Macht, so solenne
Satansfeiern zu begehen, aber alle den Willen, und
alle haben die Freiheit angerufe/i. Im Namen des
Vaterlandes, der i Nation, der Reinigung .'des Lebens
sind jüdische Menschen, zumeist Frauen, Greise,
Kinder, gemartert worden. Nur die Register der
Friedhöfe, nur das Gedächtnis der 1h reif bewahren
An unsere Leser
in Wien und den
österre.chischen Bundeslländern!
Wir haben unseren Lösern Bestellkarten
und Erlagscheine;zugesandt; Wir .drjBjicijiei.n'.
um umgehehde'Biehülzung der Bestellkarten
. uhti Erlagscheine, da wir; sonst genötigt
wftren.. die weitere Zusendung"^unserer
Revue einzustellen. , -,';.., > , '
die Erinnerung ; auf. Das jüdische Volk hat sie nicht
vergessen; aber die übrige Welt geht über sie ,hinweg.
K einen Ger i c Ii t s h o f - g i b t e s-'- für "d i e
P o g r o m i s t'e n undy wäre nicht' Schwarzbart/ ge-^
wesen, so würde der Hetmau Petljura weiter in allen
Ehren leben. Er ist, bestraft worden, aber seinem Ge¬
nossen im Judenmprd" freuen sich des Lichtes'und
denken über neue Taten nach. Vielleicht wird aber
dieser Prozeß den Massen, die in Schändung und
Folter Wehrloser auch Schändung und Folter , ihr.es/
eigenen /..Volkes'., erkennen,, ein .Signal sein.' t Viel'
leiclit . . - ■'. • - V' : '• ;
Der Fortgang des Zeugenverhörs.
Wir haben in der vorigen Woche über den
ersten Tag des Seh vv a rzbarth-Pro'zesses
in Paris berichtet. An diesem Tag nahm der' Vor¬
sitzende, Präsident • F l o r y, das. Verhör des , An¬
geklagten vor und -der Rechtsvertreter der Familie
Petljura Versuchte bei dieser Gelegenheit den Knall¬
effekt,/ -das Vorleben des Angeklagten in ungünsti¬
gem Licht erscheinen zu lassen. Dieses Be¬
mühen war von vornherein zum Scheitern ver¬
urteilt, weil die angeblich von JSchwarzbart
im Jahre .1908 begangene Tat in keiner Weise mit
dem Gegenstand v des Prozesses in'Verbindung zu
bringen war. Das weitere Bemühen der Anklage,
Sch wa rz"b ar t s Tat a 1 s die e ines, b o 1-
s c h e wik i s c h e n A g e irt e n d a r z u s t e 11 e n
und Petljura vöij jeder Schuld ah den -Pt)grqmeu zu
.'entlasten', bra.cjite 1 den. Prozeß auf das politiv
fs c h e G eTe i s/e und' gab.- der Verteidigung, die Ge-
■legenheit.V'das.-.. überreiche' Material aus den. -blutigen
Tagen in' der Ukraine dem Gericht und der Oeffent-
Iichkeit vorzulegen.' So wurde die. Verhandlung zu
dem großen; Pogromprozeß, ziu dem'/erst'bn ,dieser Art..
.Die Schatten der -Toten- yqiV-ProsJ^wöw-'und-.-Felsclitiii•
und. der . A'ielen andereil Märtyrerorte traten an-.
'klagencji vor'den Pariser ; Gerichtshof. ..
v An das Verhör S c h \va r % b'a r t s- 'scljlöji sich- am'
19. Oktober, dem zweiten Tag des Prozesses, das Zeugen-
verhör, das bisher noch fortdauert und das Bild der Affäre
vom Grund ans; geändert hat, Zunächst wurden am MittT
wöch/die' Polizisten und - Augenzeugen des Attentates anT
Petljura vernommen» ^ren Darlegungen nicht« von Belang
erbrachten. Der englische Sprachlehrer S in i t Ii trat in
heilten Worten für Schwarzbart ein, der, wie er sagte, nach
der Tat
das Gesicht eines Missionärs, eines Richters und eines
* ehrlichen Mannes
zugleich hatte. Dann wendete sich das Verhör den Po¬
gromen zu. Das Attentat trat vollständig in den Hinter¬
grund, mid es begann.das Defile der' Opf er der .Metzeleien....
Der Gerichtshof 'trat in die Behandlung
der Pogrome in Proskurow und Felschtin
ein. Iis waren dies die ersten entsetzliehen Pogrome, die
von Petljura direkt unterstellten Truppenteilen veranstaltet
wurden. An einem Sanistag nachmittags wurde der jüdische
Teil der Stadt Proskurow von regulären Truppenteilen
Petljuras, die unter dem Befehl des Atamans .S e m a-
senko standen, umzingelt, einzelne Trupps begaben sich
iu die Häuser und schlachteten ganze Familien ab. Greise,
Frauen und Kinder wurden nicht geschont. 1700 jüdische
Opfer zählte r uian an diesem Tage. * Ein anderer Truppen¬
teil Sernasehkos umzingelte die- benachbarte, • hauptsächlich
von Juden bewohntq Stadt F eise h>t i n und tötete etwa
800 Juden. ' : " :
• . ' Bei Verlesung der Akten über ProskurpAV geriet
r'S-c h w a r z b a r.t in groUe Erregung und rief aus: „Das
'jüdische Volk hatte immer seine Märtyrer gehabt; aber irre
h ö r t e in a n v o u s o 1 c h er B e s t i a 1 i t ä t'^-Zur Ab-
;Schwächung der.Aeul.ierungen Schwarz'barts läß,t die ZiviN
Partei einen Briet, des Sozialrevolutionärs D a b k.o w s k i
.verlesen, der erklärt, Schwarzbart'sei Anarchist und habe
stets Verbindung 'mit Age.n ten der dritten
lht er nationale gehabt. Schwarzbart erwidert darauf,
alles, was Dubkowski berichtet, sei Dummheit und Lag«,
er habe persönlich Dubkowski viel geholfen, jetzt handle
Dubkowski an ihm wie ein Judas. Der Verteidiger TQTCtf
•teilt mit, er habe Beweise, dafür, d aß Dubko.w«krf»
der Zarenzeit sich als Pr o vokatettr