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DIE NEUE WELT
IPIE NEUE II ELI
BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50,
vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.— ; Polen monatlich
Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei
" " vierteljährig Kc 15.— ; Jugo-
ar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—;
Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—.
monatlich Kc. 6.— t
slawien monatli ch Dinar
R EV U E
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2 - 82
BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich
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lich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.— ; Italien
monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz
und die übrigen Länder monatlich Schwei2er
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Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 1
Fzeitag, den 4. November 7927
Nr . 7
Aus dem Inhalte:
Maximilian Harden.
Die Numerus clausus-Koinödie in Ungarn.
Christlich-germanische Weltanschauung.
Robert S t r i c k e r: Dreitausend Judenkinder ohne
Schule.
—y: Nach dem Freispruch.
Achad H aant: Erinnerungen an die Entstehung der
Balfour- Deklaration.
Maxim G o r k i über die Schwarzbart-Affäre.
Der Kaiser des Ku-Klux-Klan.
Der jüdische Selbstschutz in Rußland.
J. Perez: Unfreiwilliger Fasttag.
Heinz Hermann H u s s e r 1: Mit dem Generalgouver-
. neur und seinem Opfer.
Mitteilungen des Verbandes jüdischer Kaufleute.
Jüdische Sport- und Turnbewegung.
Jüdischer Humor.
Austritte aus dem Judentum.
Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien.
1^
./v;M&!m1Bini Jffardehi Am 3L : Öktober ist ;in -Mpn-
«mnac 4n" ;der Schweiz"Maximilian - H ä r.d c n. im.66. Le-.
be^Sr^.^iestpr^.e^.., Seine einstiftals so berühmte
Zeitsch^f ,^Die!^ukün#^.w^ still ge¬
worden,, wie auch Harden selbst 4em Gedächtnis der
Zeit entschwunden war. Und •.doch war er ein sehr
mächtiger Mann gewesen, auf *des|en Wort die gei¬
stige Welt nicht bloß DeutschlandsVeinmal sehr auf¬
merksam geachtet hatte. Er stammte aus einer nach
Berlin eingewanderten jüdischen Familie aus dem
Osten und diese seine Abkunft hat ihm unendlich
mehr erbitterte Feindschaft geschaffen als die poli¬
tische Stellung, die er sich gewählt hatte. Er war ein
Kämpfer voll Leidenschaft, Wissen und Rücksichts¬
losigkeit. Er stand immer rechts und seine berühm¬
testen Artikel wandten sich gegen den Kaiser und
seine Umgebung, denen er Schwächlichkeit und
mangelnde Sorge um Deutschlands Heer und Geltung
vorwarf. Für die Notwendigkeiten der sozialen
Entwicklung hatte der zur Großbourgeoisie neigende
Harden wenig Verständnis und er beging mit vielen
anderen den großen und folgenschweren Fehler, die
BSismarctasche Aera, die ihr - Schöpfer schon ver¬
lassen hatte, mit ihrer militärischen Ueberspitzung
des nationalen Expansionsdränges für die unverrück¬
bare und unentwickelbare Grundlage, für das letzte
Wort der Staatskunst zu erklären. In zahllosen Auf¬
sätzen',, die in einer merkwürdigen, oft fast unver¬
ständlichen geschraubten Sprach« geschrieben waren,
führte Harden seine Sache und stets waren, die Pfeile,
die er schonungslos versandte, von tödlicher Wir¬
kung. Unter erregter Aufmerksamkeit der Oeffent-
lichkeit rollte enden Kreis der um. Wilhelm stehen¬
den Speichellecker und sexual entarteten Höflinge
auf und wandte sich dann schroff und mit einem Mut,
der das Byzäntinertum in Schrecken jagte, gegen den
Kaiser selbst; aber nicht wegen der unaufhörlichen
Provokationen des mißtrauischen Auslandes, sondern
wegen der angeblichen Vernachlässigung der Macht.
So wurde Harden eigentlich der Wortführer des
Großbürgertums,^das genau sq. nationalistisch fühlte
wie der Hof : Und. die Generalität,. Erst während'- 'des
Krieges,:als .die furchtbare Situation der Mittelmächte
von detyWissendOn noch .verschleiert und verleugnet
wurde,'brachte Harden den Mut auf, sich zur vollen
Wahrheit zu-bekennen. Dies verfehmte ihn und fast;
hätte er in der Zeit der moralischen Verwilderung
Deutschlands das Schicksal Rathenaus geteilt. ■■• Er
wurde von-; ■ zwei HakenkreuzvSöldlingen tiberfallen
und schwer, mißhandelt. Seine Attentäter kamenvmit
leichten Strafen davon. .
Für; das Judentum und die jüdischen Palästina¬
bestrebungen hatte Harpen keine Sympathie und
kein' Verständnis. Die antisemitische Hetze ging von
seiner jüdischen Abkunft aus und warf ihm immer den
ursprünglichen Namen Isidor Wittkowski vor.
In einem Manne von geradem, männlichem Empfinden
hätte dies den Trotz herausgefordert, aber Harden,
der Publizist der reicllgewordenen, nach dem Glanz
Potsdams schielenden assimilierten Schicht, geriet in
trostlose Verlegenheit, wenn an diese wunde Stelle
gerührt wurde. Er war weit von jeder wahren'Frei¬
heitlichkeit und vielleicht ist es richtig, was ihm von
so vielen Gegnern ins Gesicht geworfen wurde, daß
er immer ein Schauspieler war, bar des ursprünglichen
echten Empfindens. Ein Jude wie so viele, clie sich
enthusiastisch und bis zur letzten Kraft der Funktion
des Hausjuden hingeben und ihre reichen Gaben, ihren
Mut und ihren Willen einem Götzen opfern. .. .
Die numerus-cIausus-Komödie in Ungarin ist
richtig von den Erwachenden zum Stillstand gebracht
worden. In Budapest sind die jüdischen Hörer aus
den Vorlesungen entfernt worden; im ganzen Lande
•haben die chauvinistischen Verbände eine heftige
Propaganda gegen die angeblichen;, Pläne der Re¬
gierung eingeleitet. Es wimmelt, von Taten und Dro¬
hungen des Terrors und es mag angezeichnet sein,
daß die stärkste Agitation .von dem» Rehmen verband
„Tüsz" 'ausgeht, an dessen'Spitze ein leibhaftiger E.rZr
therz.o'g aus dem Hause ,'Habsburg stdit ^ ;
selten "S^
rung eine sehr cfäiefr^olie^^ ".; ih%.
Läge eingetreten, die .siclr seitab
sie allein beschränkt. Für die ganze jüdische Bevöl¬
kerung Ungarns sind wieder schwere Tage gekom¬
men. Die Regierung hat ein 'Gaukelipielv^'urc^ffefiihrt';
sie hat vor dem Ausland und den{ Völkerbund ihren
guten Willen gezeigt, im Inland aber die Faus ; t. Sie
hat erklärt, daß sie die im Frieden von Trian.ph vor¬
gesehenen M i n o r i t ä t e n b c s t Im m u n gen •an¬
wenden wolle und dies auch im 'Hinblick'' auf.die
magyarischen Minoritäten in den abgetretenen Ge¬
bieten. Bei.'dieser Erklärung bleibt es, und selbst
wenn die angekündigte Novellierung des Hallelo¬
schen Gesetzes vom Parlament angenommen,
wird, hat die Regierung die bekannten und bewährten
Praktiken der Rassensohützler zur Hand, um das
neue Gesetz durch die angewandte Autonomie' der
Hochschulen sabotieren zu lassen. Es wird eine
Komödie aufgeführt und die magyarisch-jü¬
dische Demokratie unter Führung des ;,Pester
Lloyd" bildet eine stets bereite Komparserie.
Wie könnte es denn auch in diesem ;Staate
anders sein, dessen Rechtspflege eben jetzt in dem
Kommunistenprozeß gegen S z a n t q ix n d G e n o s-
sen enthüllt wird! Es sind neun Angklagte, unter
ihnen einige Juden. Die Anklage stützt sich auf die
Geständnisse dieser Neun. Diese Geständnisse sind
durch fast u n g i a u b 1 i c h e F ö 41 e r u n g e n erzielt
worden und im Gerichtssaal, in öffentlicher Verhand¬
lung sind Einzelheiten darüber mitgeteilt worden,
deren Wahrheit durch das Verhalten des .Senates
selbst bestätigt wird. Jeder, der -seine.; Schicksale in
den gepolsterten Zellen der ObersfadthauptmaiMi-
schaft schildert, wird niedergebrüllt und diszipli¬
narisch bestraft. Am schlimmsten ist es : den jüdischen
Untersuchüngshäftlingen ergangen, für die , keine
andere Bezeichnung gebraucht wurde» als „jüdi¬
sch es Sc h wein". Sie wurden geprüge 11, mit
Z a n gen g e z w i c k t, mit b r e n nn d e n : Ziga¬
retten yerbrannt, mit Ochsenziemern geschlagen,,
bei 'manchen wurde die S c Ii w e s te r oder' F r a u
als Geisel mitverhaftet,'um 'eine'Aussage zu er¬
pressen. Das ist der Rechtsstaat Ungaru, Mitglied des
Völkerbundes, der Staat, der immer iiber das Unrecht
weint, das ihm von den bösen Siegern zugefügt wird,
der Staat, für den sich Lord Rotherniere einsetzt. y
Die christlich-germanische Weltanschauung, die
einmal vom Hof rat und Burgtheaterdjr^ktor Millen-,
ko vicii -aj-svdas höchste Erfordernd;geistiger Kultur
gepredigt, wurde, wäre fast in Vergessenheit geraten,
Sie ist jetzt von Herrn Lach, den der Unterrichts-
miuister zum Professor der Musikakademie ernannt
hat, wieder aufgefrischt worden. Er Imt in seiner An¬
trittsvorlesung den- Hörern auseinandergesetzt,
Studium'und Pflege der tönenden Kunst sei nur auf
der G r u n d 1 a g c c h r i s 11 i c Ji - g e r m a n a s c <h e r
AnscIia u 'Ung denkbar. Das stellt einigermaßeii4m
Gegensatz zu den Tatsachen, entspricht aber üer
Richtung, die der politischen Entwicklung des deut¬
schen Volkes von dem rassenmäßig fundierten Natio¬
nalismus vorgezeichnet werden soll. Wie weit dies
möglich ist, mag' unerörtert bleiben, zumal ja der
Niedergang des österreichischen Hochschulwesens
durch diese Devise eklatant geworden ist. Der Herr
Professor Lach müßte aber doch einmal auch er¬
klären, was er mit der romanischen, und slawischen
Musik beginnt, wohin er Mendelssohn und Bizet
steckt, und ein boshafter Jude ä la Offenbach würde
eine sehr lustige Operette rings um den Freimaurer
Mozart schreiben. Dieser Professor Lach, der die
.Geschichte und das Wesen seiner Disziplin so gut
kennt, ist aber der Nachfolger Guido Adlers ...
; ' Sodom und Gomorrha. Die Palästina-Regierung
hat, wie aus London berichtet wird, dem englischen
Chemie-Trust die Konzession zur Ausbeutung der
mineralischen Schätze des Toten. Meeres erteilt. An
-der Spitze dieses Trusts steht der Zionist Sir Alfred
•Hon d, ehemals Minister im Kabinett Lloyd George.
Aha! - schreit die sozialdemokratische , „Arbeiter-Zei¬
tung", jetzt weiß man;*,weshalb sich England für Palä-
•$ijft,^ih^ die Kreundschäft 1 .zum
Ziomsmus^stämtntl Jet^| weiß man; spottet sie, wes—
.halb : dptt;Feuei;A^ud ^ch^eM auf S o d p m und
'£* p in*!Ö"jf'r : J'f-ä- lia|';T'egrieii."V^aäsen. Wir meinen, daß
aueli der verbohrteste'; sozialistische Doktrinär sieh
freuen müßte, wenn eine blutarme Gegend auf ge¬
flossen, wenn -in Ä lagernde Schätze der
Allgemeinheit nutzbar gemacht werden un.d wenn
fiir ar beitswi 11 ige M ens ch en Ve r di en st
und Brot geschaffen wird. Aber der gesin-
nüngsfesten „Arbeiter-Zeitung", die über die soziale
Arbeit des J.udentums.;in. Palästina so gar nichts zu
•berichten weiß, entgeht' auch diese Seite der: Sache.
Ihr ist alles recht, wpraus sich nur Feuer und
Schwefel über den ZiomSmus machen läßt, und-des¬
halb verflucht sie auch die Konzession, aus der, Gott
behüte, Arbeit für jüdische Arbeiter entstehen könnte 1
Dreitausend Judenkihder
ohne Schule.
Von Robert Stricker.
Aus Jerusalem wird berichtet, •■ daß drei¬
tausend J u d e n k in de r ohne Sc hu 1 u n t e r-
rieht bleiben müssen. Das vom Zionistenkongreß
aufgebrachte Unterrichtsbudget ist so klein, daß
nicht .nur die Einrichtung neuer Schuleu für den
:Nachwuchs unmöglich ist, sondern .. auch: beatehende
Schulen gesperrt ' werden müssen. Der Fehlbetrag
.beläuft sich, auf ungefähr hundertfünfziglausend
Dollars. Wenn die Kinder nicht ohne jede Erziehung
bleiben sollen, wird >man sie in christliche Mis¬
sionsschule n; schicken müssen. Das jüdische
Aufbauwerk ist dadurch in seiner Grundlage er¬
schüttert. Eine gemeinsame Sitzung des National¬
rates und des Eraiehungsrates hat. sich mit diesem
lebenswichtigen Problem beschäftigt. Präsident
Dr. Weizmann und der Dichter Bialik waren an¬
wesend'. Vorschläge, durch Sparmaßnahmen •Erleicji-
terung zu schaffen, blieben .ergebnislos. Die Lehrer¬
gehalte sind bereits auf das Minimum herabgedrüc^t.
VVeizm,ann und Bialik wandten, sich telegraphisch an
die amerikanischen-Zionisten,'mit der Bitte, alle An-
'strengungen zu njachen, um, ihren Beitrag für das
palästinensische Erziehungswerk ;zu. erhöhen. Es geht
Um 'dreitausend Kinder und lumdertfünfzigtausend
Dollars.
- Die gleiche Post bringt eine Nachricht- .aus
C hlka go. Die i§t v|el lustiger. Dort wurde-unter
dem Vorsitze des Bankiers Warburg eine . Sitzung
nichtzionistischer Juden abgehalten, der ein Bericht
über die jüdischen Kolonien in der Ukraiua und der
Krim vorlag. Es wurde mitgeteilt, daß die unter;4em
Protektorate der Moskauer Bolschewiken betriebene