Seite
Preis 30 Groschen V. b. b.
DIE NEUE WELT
BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50,
vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich
Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei
monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugo¬
slawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— ;
~ ~ • vierteljährig Lei 120.—.
R E V U E
Rumänien monatlich Lei 40.-
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6+-8 Telephon: A25-2-82
BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich
Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.— ; Bulgarien monat¬
lich Lewa 20,—, vierteljährig Lewa 60.— ; Italien
monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz
und die übrigen Länder monatlich Schweizer
Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50.
Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 7
Freitag, den 7 7. November 1927
Nr. 8
Aus dem Inhalte:
Rundschau: Entpolitisierung und Abrüstung. — Man¬
dat und Annexion. — Die Kossuth-Feier. — Der
Streit um das Mittelmeer.
—y: Trotzkis Jubiläum.
Robert Stricker: Erkenntnis, die spät kommt.
Stephen Wise in der Opposition.
Aus Palästina.
'Judentum, Freimaurerei, Vatikan und Fascismus.
Der Antisemitismus in - Amerika.
Dr. Otto Abel es: Zwei Wieney Ghetto-Episoden.
Dr. E. M. Z w e i g, Jerusalem: Die Versicherungs-
aktion des Jüdischen Nationalionds.
Dr. Sanel Beer: Der Kampf gegen den Rheumatis-
• inus. - ' . ).. ■ /:
Mitteilungen des Verbandes jüdischer Kaufleute.
'Jüdischer Humor. v
Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien.
^MjNöäci^ir -
• Entpolitisierung tmdfAbriistung; •••steht- -auf der
politischen ^Tagesordnung" ÖestetreichsV,' ,Die Fragen,
in deren Bann die Großen seufzen, sind auch in dein
Mikrökosmös; an''der' -Donau-' zu Problemen ange¬
wachsen, an deren Lösung viel ' Scheiüarbeit,' 'aber
wenig guter Wille gesetzt wird. Jede' Partei schiebt
der anteen, gegnerischen die ; Verpfliclitijiig des An¬
fanges ••zii, und aus diesem Spier sind die Zustände
erwächsen, die- Oesterreich seines Lebens nicht froh
Verden lässeii. Der republikanische Mut zur Initia-
•tttve; .Mt --steh nie entwickeln können und jede
Gruppe : in dem Staat .läßt ,,sic]i : das .Gesetz
des Bandeins von a u ß e n her /diktieren.
Der sozialdemokratische Parteitag hat sich halb
und halb mit Ach und Weh 'für die Teil-
^. nahnie ^an der Koalition ausgesprochen, wobei er
. klar i erkannte, daß damit auch die innere Abrüstung
. ver|unden sein müsse. Aber diese klare Erkenntnis
wür^e^SLrän^^nüpft, daß sie auchv^er Gegner be¬
herzigen müsse, und dies wurde mit allen Zeichen
des Mißtrauens, rnit geballter, Faust; ausgesprochen.
Der: Gegner, antwortete, wie ; dies nicht anders zu
erwarten war, mit einer : Heimwehren.tagung, und es
fiel die Drohung von. dem Marsch-^üf Wien. Das ist
nun: wieder das Signal für die sozialdemokratischen
Ra.4'ikal : inskis, 1 und so lebt Hnks' voti rechts und
rechts, von links; Zwischen-beiden-steckt der jü¬
dische Steuerzahler, der jüdische Intellektuelle,
Kaufmann, Reisende, das. Stiefkind des Staates und
der, ewige Prügelknabe. Auf seinem[ Rücken werden
d^>Kä^pfe ausgetragen,.: und offen oder versteckt
biicte.fr. immer der Jude das Objekt, insbesondere
aber-..seit dem unglücklichen 15. Juli, in dessen Ge-
' folge * die Reaktion: marschiert. Sie will nicht ab-
rüsteii, im Gegenteil, sie ist offensiver denn je und
, sterbt:-; der 'antisemitischen Parole eine neue Aus¬
dehnung'gegeben:
Mandat und Annexion. li\ der Mandatskommis¬
sion' des Völkerbundes, die ain 24, Oktober wieder
zusammentrat (diesmal bereits unter''Anteilnahme des
deutschen Vertreters), lenkte der Vizepräsident van'
Re e s (Holland) die Aufmerksamkeit auf die Be¬
schwerden des französischen Staatsreohtlers P r u d-
hömjme ux, daß in den offiziellen Löhrbüchern die,
Rlf ncla^gebiete als. annektierte ■ Länder angeführt
w^#deh, ;die nach Kriegsrecht .in - den Besitz des sie-
gejrden,Staates übergegangen sind. Das ist in der
Tat ; 'e^'ne'; ig^ähri'jiQhe'.uttd unheilvoll Uebung, die auf
eine bewußte Verschiebung der Tatsachen hinaus.^
Jäüft. Sie dröfit sich in den Schuien einzunisten, nach¬
dem : sjej bereits Bestandteil der 'Politik geworden ist,
MSfi^ch'^wir^' diqs ttuir. deshalb,, weil die Friede;isver-,
träge''und) ihre Ges.chichte ,fäst unbekannt sind, Jeder
Stsaät'-'h^l das • Bestreben,, • •sie--:'86 auszulegen,- wie, es
ihm paßt, und da sich in der Praxis Staat und Mehr-
h^itsnaöou decken, wird das Bestreben, die Wahrheit
zu entstellen, zum System. Da« verspüren die Mino-
Ist Schwarzbart ein Einbrecher?
Die Geschichte des angeblichen Diebstahls in Wien.
Am ersten Tage "des Prozesses gegen Schalom
Schwarzbart war, wie berichtet, auf Verlangen
des Vertreters der Familie Petljura eine Note der
Wiener Polizei verlesen worden, in welcher mitge¬
teilt wurde, daß Schwarzbart im Jahre 1908 in Wien
wegen eines Einbruchsversuches zu drei Monaten
Kerkers verurteilt worden war.- Schwarzbart,
der aus Rußland über Czerriowitz zu Fuß nach Wien
gekonimen war, war hier iii einen anarchistischen
K^reis geraten, der sich um den bekannten; Schrift¬
steller Pierre R a m u s und dessen Organ. „W o h 1-
stand für all e" gruppierte. Zu den : näheren
Freunden Schwarzbarts gehörte, ein K e 1 l.ne r, der
in der Weinstube Passe'c'ker in der Siebenstern¬
gasse bedienstet war, sowie ein unter dem Pseu¬
donym „P e t e r d e r Maler'' .bekannter Anarchist
ukrainischer Nationalität. Yon- diesem hat Sich
Schwarzbart zu bisher, unbekanntem Zweck ver¬
leiten läsisenV. . , • - '" v » *
steh in die Weinstube einschließen zu lassen
und es kam 1 zu dem Vorfäll; - dermis-E i n b r u c h s-
v e r s u,c h bezeichnet}; 1 ^ wurde,; jedoch vollständig
unaufgeklärt geblieben, ist., Schwarzbart wurde in
dem Lokal s c h 1 a f.e n d angetrolfen. Er wurde vom
Personal festgenommen, und ' der • Polizei übergeben.
Man fand bei Schwarzbart den Betrag- von 23 Hellern.
* N a c h t r ä g 1 i c h erklärte der 1 Besitzer der Wein¬
stube, daß ihm aus der Kasse die Summe von
143 Kronen fehlte. , ' .
Die Polizei nahm nun an, daß Schwarzbart
dieses Geld entwendet und durch eine Spalte
des Rollbalkens seinem auf der Straße wartenden
Freund zugeschoben habe.
Doch konnte die Polizei n,i cht a uf k l ä r e n,
weshalb Schwarzbart, wenn er die Möglichkeit hatte,
sich des Geldes zu entledigen, nicht g ef i oh en,
sondern in dem Lokal zurückgeblieben war.
Schwarzbart selbst verweigerte jede Aus¬
sage. Er ließ alles stumm und schweigend über
sich ergehen.
Auch vor dem I^andesgericht hielt er an dem
Stillschweigen .fest. Die Verhandlung fand im
Juni 1908 statt, also in einer politisch bewegten Zeit,
in der Oesterreich eben die An ne x i o n Bosniens
vorbereitete. Die Gerichte waren' gegen ausländische
Einwanderer s ehr str en g und die Verhandlung
gegen Schwarzbart verlief sehr s u m m a r i s eh.
Sie dauerte kaum eine halbe Stunde. Es wurde die
Anklage verlesen, der Angeklagte gab auf keine
Frage eine Antwort und würde yerurteilt.
Ebenso schweigend ertrug er die Strafe.
Die anarchistischen Genossen seines Kreises schwie¬
gen ebenfalls und so ist Sch war zbar t'■ ve r-
urteilt worden, ohne daß seine Schu 1 d
n a c h g e w i e s e n w ü r d e. „Peter der Maler" war
sofort nach der Verhaftung Schwarzbarts aus Wien
verschwunden. Er ist zwei Jahre später bei einem
anarchistischen Attentatsversuch in London ge¬
tötet worden. .:. • ! -
iitäten> und, wie man liier erfährt, auch die: Mandats¬
völker. .Wer denkt heute noch daran,' daß die;■Man¬
datsgebiete an die Gesamtheit der Entente abgetreten
und yom^ Völkerbund übernoi^imen wurden, , der sie
dann; gewissermaßen im übertragenen Wirkungskreis,
einreihen .Staaten zugewiesen hat? Es kann keinen
2;wei|eJ ^arari geben, daß die Dauer , des Mandates
nicht'für ewige Zeiten ausgesprochen ist und daß sie
ijir En^e in dem Äugenblfcfefiftden;m.uß,.-wo.da^ Man.-.'
datsVblJc invd^r Lage ist, seinen Weg in die'Geschichte
allein^uiid; s^bjiändig als Freier anzutreten. Die Man-
datspräxis allerdings, tut so, als handle es sich um
erobertes und annektiertes Gebiet, dessen Entwicklung
"sich den ßriordern^s^n d«s Mandatars zu fügen hat.
Diese Angelegenheit, die wir hier nach Mit¬
teilungen einer informierten Persönlichkeit schildern,
gelangte nun auf bisher unaufgeklärte Weise zur
Kenntnis des Komitees, das sich aus Freunden Petl-
juras gebildet hatte, und wurde dem Untersuchungs¬
richter angezeigt; Dieser ließ durch das französische
Ministerium des Aeiußern bei der österreichischen. Ge¬
sandtschaft in Paris- anfragen; diese wandte sich an
das Wiener Bundeskanzleramt, welches seinerseits
die Polizeidirektion um Auskunft anging. Es wurde
der Akt beim Landesgericht ausgehoben und ejin Aus¬
zug angefertigt, der durch die Pariser Gesandtschaft
der Untersuchungsbehörde zur Verfügung gestellt
wurde.
In dieser Nöte nun war der auf dem Akt
; befindliche Vermerk, daß die Strafe inzwischen
bereits getilgt worden war, nicht angeführt, eine
schwerwiegende Unterlassung, die der Vertei¬
diger Tores im Gerichtssaal mit scharfen Worten
rügte.'
: . Das französische- .Gericht konnte, aber mit die¬
sem völlig mysteriösen Einbruchsversuch nichts be¬
ginnen urid so blieben allei 'Bestrebungen der .Petjjura-
Anhänger, Schalom Schwarzbart als einen Dieb zu
diffamieren, resultatlos...- : .
Es lag übrigens auch eine Mitteilung der B u d a-
pester .Oberstadthauptmannschaft vor, wonach
Schwarzbart im Jähre 1909 dort wegen eines ähn¬
lichen Deliktes verurteilt.worden war. \ *
Diese Note machte jedoch über seine Person
völlig unrichtige Angaben
und da Schwarzbart energisch bestritt, je in Budapest
gewesen zu sein, y erschwand auch diese Buda¬
pester Mitteilung aus .der Diskussion, die sich nun¬
mehr einzig und allein mit dem Attentat zu beschäfti¬
gen hatte und schließlich zum Prozeß gegen
Pe11 jura und die Pogrombanden wurde.
„Ukrainer und Juden sind aufeinander angewiesen."
Die Pariser Blätter bringen noch immer cha¬
rakteristische Einzelheiten der Vorgänge nach dem
Fr eispr uch Schwarzbarts. So . wird er¬
zählt, daß es besonders sensationell gewirkt
habe, daß wenige'Minuten nach der Urteilsverkün¬
dung der ukrainische Führer und ehemalige Ge¬
neral Schapowal, der als Zeuge im Prozeß
fungierte, auf den Präsidenten des Verteidigungs-
kömitees Leo M o t z k i n zutrat, ihm' die Hand reichte
und zur Befreiung Schwarzbarts ' g r a't u 1 i e r t e.
„Nun müsse alles, was bisher geschehen ist, , verges¬
sen werden — sagte Schapowal — und man mUß sich
dessen bewußt, werden, daß unsere beiden Nationen
aufeinander, angewiesen sind, daß das jüdische und
ukrainische Volk ? in der Vergangenheit zusammen¬
gelebt haben und auch in Zukunft werden beisammen
leben müssen." M o t z k i n dankte dem ukrainischen '
Führer und gab der Hoffnung und dem Wunsch Aus¬
druck, daß das ukrainische Volk diese Worte beher¬
zigen werde. Am guten Willen des jüdischen -Volkes
werde es nicht fehlen!
Ein Exempel, an dem wir dies studieren können, ist
Raiästina, das als J üdisehei-Staat gedacht
war, aber als Kolonie verwaltet wird. Es fehlt eben
die klare D ef jn i t i o n de « rech M i c h e n
V.e r h ä Lt n d s s e s zwisc He n Man da t s g e-
b i e t .u n d V ö 1 k e r b u n d. Diese Verschleierung
ist'; schädlich und undemokratisch. Sie wird beseitigt
werden m.ii ss en. und es wird immer öfter und lauter
die Forderung erhoben werden müssen, daß auch die
unter Mandat, gestellten Völker gleichberechtigte Mit¬
glieder des Völkerbundes sein müssen. Auch das
jüdische Volk.
Die Kossuth-Feier in Budapest war der An¬
laß zu einer großen Demonstration aller Nicht-