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V. b. b.
DIE NEUERE
BEZUGSBEDINOUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50,
vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich
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slawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—;
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R E V U E
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich
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lich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.— ; Italien
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und die übrigen Länder monatlich Schwefeer
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Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitäts&traße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag
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Nr. 9
Jahrgang 1
Freitag, den IS. November 1927
Aus dem Inhalte:
Der ungarische numerus clausus.
Die Verhältnisse in Litauen.
Der Ritualmordprozeß von Dobrzyn.
Erklärungen Balfotirs und Ormsby-Gores .
Hans Klein, Kobe (Japan): Jüdischer Brief aus
Ostasien.
A. S. Ben Ischai, Tel-Awiw: Die nicht in die
Verbannung gingen
Der palästinensisch-syrische Handelsvertrag.
Der Delegiertentag der österreichischen Zionisten.
Zum Mord an Else Niego.
Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Kau Heute
und Gewerbetreibenden.
Dr. Sänel Beer: Die unmodernen dicken Beine.
Jüdische Turn, und Sportbewegung.
Jüdischer Humor.
Austritte aus dem Judentum.
Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien.
RUNDSCHAU.
Die österreichischen Sozialdemokraten propa»
gieren den Abfall vom Judentum. • Bisher hat es die
österreichischesozialidemokratiSGhe. Partei dabei ge¬
nug sein lassen, ihre jüdischen, Anhänger dem Juden¬
tum zu entfremden- und -sie•; 'dazu zu erziehen, mit
Geringschätzung und Verachtung allem Jüdischen
gegenüberzustehen.. Nunmehr .ist sie zur Propaganda
der Tat übergegangen. Man verlängte den Austritt
a u s d e r j ü d i sehe n G e m e in s c h' a f t, die Tren¬
nung von der „jüdischen Kirche" (so lautet die geist¬
reiche Umschreibung) als Erfüllung einer Parteipflicht.
Vor uns liegt ein gedrucktes Formular, das den
jüdischen Genossen, welche schulpflichtige Kinder
haben, mit der Aufforderung zum Gebrauche zuge¬
stellt' wird. Es lautet: .
Geehrte Schulleitung!
Ich bitte zur Kenntnis nehmen zu wollen,
daß ich nicht einverstanden bin, /mein Kind.....
Schüler(in) der ....Klasse, am mosaischen Re¬
ligionsunterricht teilnehmen zu lassen.
Die Lehren desselben stehen im Wider¬
spruche mit der in meiner Familie herrschenden
Auffassung von Naturereignissen und Menschen¬
rechten und sind auch keinesfalls geeignet, Kin¬
der sittlich zu beeinflussen und'zu aufrechten Re¬
publikanern zu erziehen.
Mein Kind hat daher den Auftrag, dem Re¬
ligionsunterrichte fernzubleiben.
Hochachtungsvoll
-Name: . ... , . . .
Adresse: . . V , . . .
' Diese gedruckte Verfluchung und Verächtlich¬
machung der jüdischen Lehren und Grundsätze wird
von den gehorsamen, braven jüdischen Genossen
mit Unterschrift und Adresse versehen an die
christliche n Schulleitungen -abgeschickt und von
diesen der J u den gemeinde zur „Aeußerüng"
übermittelt. Der Jude gibt's den Christen schwarz
auf weißj . daß die Lehren der Juden im Gegensatze
zu den Jen s c h enrec h t e n stehen, daß sie
Sitten verderbend sind I und die Kinder zu
V e r r ä t e r,n .an der r e p u b 1 i k a n <i sehen Ver¬
fassung werden lassen. Vor drei :Jahrhunderten sind
ähnliche jüdische Bekenntnisse ^ dazu behützt worden,
um einige Hundert Juden auf Scheiterhaufen zu.ver¬
brennen. Heute bringen es diese „Denunzianten auf
Parteibefehr nur dahin, daß der jüdischen Gesellschaft
noch-mehr Verachtung zuteil wird. Für die geistige
Verfassung, in welcher sich die vielfach von abtrün¬
nigen Juden geführte österreichische Sozialdemokratie
befindet, ist diese Handlungsweise bezeichnend.
Noch bezeichnender aber für das „sittliche Niveau" der
österreichischen Sozialdemokratie ist der Umstand,
daß sie sich d''rcti -diese Handlungsweise anderseits
nicht davon abhalten läßt, unter jüdischen R e-
ligion sieh rem und Funktionären der
Die Tragödie eines Juden in England.
Der Fall Oscar Slater. - 177 2 Jahre unschuldig in Zuchthaus.
Das englische Arbeiterblatt „Daily Herald" ver¬
öffentlichte am 4. November einen Aufsehen erregen¬
den Artikel über den Fall Oskar Slater, des ehe¬
maligen reichsdeutschen Staatsangehörigen jüdischer
Abstammung, der im Jahre 1908 nach Amerika -aus¬
wanderte, jedoch auf britisches Verlangen wieder
ausgeliefert wurde, weil er im Verdacht stand, in Glas¬
gow einen Ra u bra o r d an einer älteren wohlhaben¬
den Frau begangen zu haben. Das hauptbelastende
Moment gegen Slater bestand darin, daß er eine wert¬
volle Diamaiitbroche für 50 Pfund versetzt hatte, die
angeblich der Ermordeten gehört hatte. Später stellte
sich heraus, daß die Versetzung vier Wochen
vor dem Mord geschah, daß also die Brosche der
Ermordeten nicht gehört hatte. Dennoch war Slater
im Mai 1909 vom. Schwurgericht in Edinburg zum
Tode verurteilt worden. , %
Am Vorabend der Hinrichtung
erreichte eine von 20.000 Bürgern unterzeichnete- Pe¬
tition, die den Schuldbeweis j}h> .mchl: genügend be¬
zeichnete, daß 'SäterrZU'}^
begnadigt wurde! Schon.' 1921 sollte er wegen' guter
Führung entlassen werden, ".allein da Slater wegen
zehnjähriger Abwesenheit.' von. Deutschland seine
deutsche Reichsangehörigkeit verloren hat und „staa¬
tenlos" geworden ist, kann seine Entlassung nicht
verfügt werden."
Die englische Presse hat sich nun des Falles
Slater bemächtigt und widmet ihm größere Aufsätze.
Die liberale „Daily News" publiziert die schriftliche
Erklärung der Hauptbelastungszeugin, die damals ein
15jähtfLges Mädchen war und jetzt eine 34jährige ver¬
heiratete Frau namens Mary Barrowman ist. Sie.
erklärt nun, daß sie damals nach New-York gebracht,
wurde, wo das Auslieferungsverfahren bei den ameri¬
kanischen Behörden auf Verlangen der britischen Re¬
gierung schwebte. Bei der Gegenüberstell'ung mit Sla¬
ter hatte die Zeugin lediglich gemeint,
©s bestehe eine starke Aehnlichkeit zwischen dem
Mörder und Slater.
Nach ihrer Rückkehr nach Glasgow wurde sie
nun vom Oberstaatsanwalt Hart 14 Tage lang ver¬
nommen; er ließ ihr keine Ruhe, bis sie ihre ur¬
sprünglich e A uss a g e von der Aehn Ii ch¬
ic e i t d a h i n, ä n d e r t e, d a ß s i e i n S1 a t*e r p o¬
sitiv den Mann wiedererkenne, dem sie
bei seiner Flucht begegnet war. Frau Barrowman
w i d erruft jetzt die damals dem Oberstaatsanwalt
Hart gegebene Aussage und erklärt, sie habe nur eine
Aehnlichkeit und keine Identität festgestellt. Inter¬
essant ist die Mitteilung der „Daily News", daß diese
Zeugin damals die Hälfte der von der Polizei ausge¬
setzten Belohnungen von 4000 Mark erhielt. Das
liberale Organ fügt hinzu, daß eine andere Zeugin,
Frau Adams, die kurzsichtig war . und bei ihrer Be¬
gegnung mit dem Mörder ihre Brille nicht tr.ug, stets
erklärt hat, sie hätte in ihrer Aussage nichts weiter
als eine Aehnlichkeit zwischen/Slater und dem Mör¬
der festgestellt. Eine dritte Zeugin, Fräulein L a m bie,
jetzt Frau Gi M o n, hat sogar die Identität zwischen
Slater und dem Mörder ausdrücklich- verneint. Sie
-ist* zurzeit' unauffindbar. ;, 7 üaiiy News" erlassen reine.»-
Aufruf,, lim ihren jetzigen Aufenthalt festzustellen.
■[ Oskar Slater aus der Haft entlassen.
Aus London, .11. d.,- wird berichtet: Der
Staatssekretär für Schottland, Sir John G i 1 rn o u r,
gibt bekannt, daß d a s Unterhaus die Freilassung
Oskar Slaters verfügt hat. Die Aufhebung des Urteils,
riach dem Slater bereits. 18 Jahre seiner Strafe im
Zuchthaus zu Glasgow verbüßt hat, erfolgt auf Grund
des vor einigen Tagen . erfolgten Widerrufs' der ur¬
sprünglichen Afuss^gen der Hauptbelastungszeugin.
Wie aus Edinburgh weiter telegraphiert
wird,
hat der Minister für Schottland bereits die Ent¬
lassung Slaters aus dem Zuchthaus verfügt.
Aus der Mitteilung des Ministerrats ist zu er¬
sehen, daß es sich um die Aufhebung eines s c h w e-
r e n Ju s t i z i r r t u m s handelt, dessen • Opfer
Slater "geworden war.
K u 11 u s g e m e i n- d e zu werben und sie p o 1 i-
t i s c h - s o z i a 1 d e m.o k r a t i s c h zu organisieren.
Man will eben unter je^er Bedingung Stimmen und
Mitgliedsbeiträge, sei es auch von den Trägern und
Verkündern der Lehren gegen Menschenrechte und
Republik, sei es auch von-solchen, welche jüdischen
Religionsunterricht erteilen; das heißt, die Kinder ent r
sittlichen! Ja noch mehr! Die österreichische Sozial¬
demokratie verlangt von ihren jüdischen Genossen
die Eroberung der Wie n.e r israelitischen
K u 11 u s g e m e i n d e. Unter ihrer Patronanz hat
sich eine Organisation sozialdemokratischer jüdischer
Genossen gebildet und diese Organisation führt den
Kampf um die Mandate in der Wiener Kultus¬
gemeinde! Menschen, mit solchen „sittlichen" Grund¬
sätzen können es natürlich nicht zulassen, daß ihren
Kindern das Gift der „sittenlosen" jüdischen Lehren
eingeträufelt-werde. . Zur Ehre der Arbeiterparteien
aller anderen Länder und Völker muß gesagt werden,
daß der Fall der österreichischen Sozialdemokratie
ein einzigartiger ist. ' _
Der zwölfte November, der Geburtstag der Re¬
publik Oesterreich, würde 1 so begangen, wie dies in
diesem Staate schon zum Usus geworden ist. Eine
kalte, vom Gesetz und von der Rücksicht auf das
Ausland diktierte Staatsfeier und eine, große Straßen¬
demonstration der Sozialdemokratie. Die regierenden
Parteien zeigen sich einverstanden damit, daß die
Opposition den Tag als den. ihren reklamiert und sie
tragen selbst Schuld daran, wenn ein vollständig
falsches Bild der Tatsachen entsteht. Die Republik
als Staatsform ist heute fest und gesichert. Sie steht
in der Hut aller Werktätigen und es sind wie bei
der Gründung Arbeiter, Bürger und Bauern zu ihrem
Schutz vereinigt. Alle wissen es, was die Restaura¬
tion bedeuten würde, die. Wiederkehr • der Kaserne
und die Einbeziehung Oesterreichs in die großen
weltpolitischen Kämpfe. Woran es aber fehlt, ist die
Freude'an dem Staate, zu dem sich keine Partei so
mit dem ganzen Herzen stellen will, weil keine die
Eierschalen der vergangenen Zeit abstreifen.kann und
weil jede noch von dem Geist dieser Vergangenheit
beherrscht ist. Oesterreich war eine parlamentarisch
' verkleidete- Autokratie, in der alle Schichten der Be¬
völkerung ihre Entwicklung von oben her sich hatten
.diktieren lassen. Sie hatten kein Vertrauen zu sich
selbst, zu ihrer eigenen Kraft und Tüchtigkeit und sie
•ließen es geschehen, daß ihre-Volksvertretung wie
ein lästiger Junge behandelt und beiseite geschoben
werden konnte, als es .sich um Entschlüsse über
Leben und Tod handelte. In . der Republik gilt der
Staat auch vor den Augen sejner Bevölkerung als
ein Provisorium. Die Lebensunfähigkeit ist zu einer
starren Phrase geworden, als-wären- sechseinhalb
Millionen-Menschen nicht stark genug, sich ein ge¬
meinsames. Heim zu bauen und'aus sich selbst zu
erhalten. ; Uneins sind sie nur in bezug auf das end¬
liche Schicksal. Die einen wollen zu Deutschland, die
anderen wünschen den Anschluß an irgend eine
neue •.mitteleuropäische Konstellation. Eine Bejahung
dieses Staates an sich ist kaum zu verspüren. Dieser
Mangel läßt den republikanischen Geist nicht auf¬
kommen und verwandelt das innere Leben in einen
grotesken Abklatsch der Weltanschauungskämpfe, die
sieh draußen vollziehen, Es ist kein Ringen der
Geister, sondern ein Lauern auf eine physische