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V. b. b.
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R E V U E
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HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
Redaktion und Verwaltung: Wfön, IX,, Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25~2-82 — Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 7
Freitag, den 25. November 1927
Nr. 70
Aus dem Inhalte:
Rundschau.
—y: Der Feind im Hause.
Ein getaufter Professor als Förderer der Haken-
kreuzler.
Hans Klee: Berliner Brief.
Dr. Otto Abel es: Drei Prager Jüdinnen.
Die Judenzählung in der deutschen Armee.
N. R., Warschau: Brief aus Polen.
Schalom Schwarzbart.
Ans Palästina.
Eine Rede Weizmanns in Berlin.
Die jüdischen Adelsfamiüeu in Italien.
Aus der jüdischen Sport- und turnbewegung.
Jüdischer Humor.
Schaloin Asch: Die Zauberin von Kastilien.
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RUNDSCHAU.
Der chemische Krieg ward uns allgemein
als ein Schrecken kommender Zeiten bezeichnet.
Aber er ist schon heute da und ist ein gerne ange¬
wandtes Mittel der Politik. Man ist einstweilen noch
human und vergast nicht die Körper; die Geister
sind schon vergiftet und nun ist die Wirtschaft an
der Reihe. Ungarn hat vor zwei Jahren die Initiative
ergriffen und die führenden Personen der Gesell¬
schaft wirkten einträclitiglicli samt und sonders da¬
ran, in i t gefälschte m Geld, d i e höhere n,
Z i e 1 ; e der m a* g y a r 1 s c h e n Revanche¬
idee zu realisieren. Der Skandal war riesengroß
und die ungarischen Gerichte mußten unter dem
Druck der allgemeinen Empörung sich dazu ent¬
schließen ,eine Justizkornödie zu spielen." Windisch-
grätz, Nadossy, Baroß und noch einige ihrer Kom¬
plicen wurden mit Kerkerstrafen belegt. Windisch-
grätz ist jetzt im Sanatorium, Nadossy in einer Kur¬
anstalt, über die anderen weiß man nichts Gewis¬
ses. Der Patriotismus ist aber wie die Liebe. Er
höret nimmer auf. Und so ist von Ungarn aus die
Verschwörung gegen den Weltfrieden mit neuen
Impulsen verseilen worden. : Geht's nicht mit dem
Franc, so geht's 'mit dem Tscherwonetz. Und
war der falsche Franc nur zur'Nahrung der magya¬
rischen Irredeiita bestimmt, was den Budapester
Genies : in Paris übel vermerkt wurde, so ist'der
falsche Tscherwonetz ein gutes Werkzeug gegen
den 'Bolschewismus und das ist eine Parole, auf die
vie|e w in-Europa hören und die sich auch einen
größeren Radius schaffen kann. Was die Magyaren
nicht 1 ■ treffen, besorgt ihnen das g e i s t i g v e r-
wahdte Hakenk-reuz,-das ja über alle Meister¬
schaft im Organisieren verfügt, das immer weiß,, wo
Ungarn bleibt beim Numerus clausus ?
Vertagung der Revision des antisemitischen Gesetzes
Aus Budapest wird berichtet:
Das nationale Organ „Magyarsag" teilt mit,
daß die Regierung beabsichtige, das Gesetz über
die Milderung des Numerus clausus auf einige
Monate, voraussichtlich bis März nächsten Jahres,
zu vertagen, in der Hoffnung, daß bis dahin der
Widerstand der Studenten und der gesellschaft¬
lichen Kreise gegen dieses Gesetz nachlassen und
die Regierung das Gesetz dem Parlament unter
günstigeren Umständen werde unterbreiten können.
Die Genfer Vertretung der ungarischen
Regierung ist daher mit dem Völker bund-
Sekretariat in Verbindung getreten, um zu
erreichen, daß das von der English Jewish Associa^
tiou im Namen der gesamten Judenschaft dem
Völkerbund unterbreitete Memorandum, das den
Anstoß zur Revision des Numerus clausus-Ge-
setzes gegeben hat, niicht auf die Tages-
Ordnung der ^jfr&e.rab,8rty^un.gj v des
Anknüpfungspunkte zu finden sind, und das auch aus
Fehlern lernt. Die Windischgratz-Husaren wären
seinerzeit nach Holland geritten und dort erwischt
worden. Das Hakenkreuz macht's besser. Da ist eine
fast unbekannte georgische Nation, die von den
Bolschewiken schikaniert' wird. Emigranten leben
überall und sie stellen in ihrer Verbitterung ein
treffliches Kontingent zur Armee der Malkontenten
und derer, die an der Unzufriedenheit zu verdienen
verstehen. So ist die Affäre entstanden, die gegen¬
wärtig alle Polizeibehörden in Atem hält und die
die internationalen Zusammenhänge des Giftmischer-
tums wieder einmal bloßlegt. Die Geschichte Europas
seit dem Krieg ist da kondensiert. Hitlerputschisten,
magyarische Glücksritter, ein georgischer Student,
nationalsozialistische Drucker, russische Monarchi¬
sten, Reisläufer und Landsknechte im bunten
Durcheinander, eine üble Sippschaft, die aus dem
Krieg kommt und sich vom Krieg ernähren lassen
will. Und alle, alle bindet der Judenhaß aneinander,
alle, alle zeugen für die seelische und geistige Gefahr,
die das Judentum darstellt und die in den
Geheimnissen der Weisen von Zion an¬
schaulich beschrieben ist. Dieses Buclj, dem
Henry Ford die Anregungen zu seinein inzwischen
abgeleugneten und zurückgezogenen „Internatio¬
nalen Juden" entnommen hat, prangt jetzt nach
kurzer Pause wieder im Erdgeschoß der Wiener
Universität in einem Anschlagkasten der deutschen
Studentenschaft. Das Rektorat ist bisher noch nicht-
eingeschritteu. Selbstverständlich noch nicht. Denn
man ist dort sehr empfindlich für Kritik, aber nur
dann, wenn sie die Leitung der Universität trifft, und
der abgetretene Rektor M o 1 i s c h hat kürzlich
herzbewegende Worte über die Beschuldigungen
gesprochen. Ein anderer abtretender Rektor, näm¬
lich der der Hochschule für Welthandel, hat es im
Gegensatz zum Hofrat Moliseh für notwendig ge¬
funden, die Jugend vor der politischen Verhetzung
zu warnen und ein dritter Rektor, der technischen
Hochschule, hat sich über clen. Rückgang der Fre¬
quenz, der Hörerscjiaft beschwert, ohne aber den
Gründen für diese Erscheinung nachzugehen. Wir
wollen diesem Maugel abhelfen. Der Niedc r- (
gang des Hochschulwesens ist eine
dir e k t.e Wir ku n g des H akenkr e u z-
g.e i s t e s, der die Jugend zur Lüge, zur Ueber-
schätzüng der rohen Gewalt und zum Verschwörer-
tum führt. Die Jugend gerät nicht von selbst auf
Abwege, sie wird dirigiert, das einemal von politi-
Völkerfumdrates gesetzt werde. Die un¬
garische Regierung will sich dagegen v e r p f 1 i ch-
t e ii, den Gesetzentwurf bis zur März-Session
durchzubringen.
• . , . .#
. Der ungarische Ministerpräsident hält es mit
dem Holofernes bei Nestroy: Ich will sehen, wer
stärker ist, ich oder ich! Graf Bethlen hat zugesagt,
das Hallersche Schandgesetz abändern zu lassen;
hernach hat er durch seinen Schwager, den Grafen
Paul Telekl den antisemitischen Pöbel mobilisieren
lassen. Der Kampf würde an den Hochschulen.selbst
geführt, während im Parlament die Regierung ihre
scheinheiligen Versicherungen wiederholte. Jetzt ist
die Bewegung so weit, daß sie für den Grafen
B e t Ii I e n den gewünschten Vorwand liefert, seine
Versprechu ngen nicht einzuhalten. Die jüdische
Öefferitliclikei t darf- dieses nichtswürdige Spiel - nicht
dulden. ■ , - * { '* ,
sehen Brunnenvergiftern, -das. anderemal von ; brot¬
neidigen Professoren. Die vollen Wirkungen r dieses
Ungeistes haben wir'bereits gesehen. Die politischen
Führer Deutschlands und Oesterreichs, die' den Krieg
•anzündeten, kämen aus der nationalistischen ;Schüle.
Wie wird aber die Zukunft aussehen, wenn die
•nächsten Führer und Lehrer des Volkes an' den
•Geheimnissen der Weisen ' von Zion und ähnlichen
Schändungen der Buchdruckerkunst ' ausgebildet'
werden?
Trotzki, Sinowjew, • Radek und ihre Anhänger
sind von der bolschewikischeu. Zentrale durch Aus¬
schluß aus der Partei gemaßregelt worden. Sie
hatten Opposition - betrieben und das ist ein Ver¬
brechen. In Rußland gilt noch immer Lenins Wort,
daß die Freiheit ein bürgerliches Vorurteil ist. Lenins
Politik ist aufgegeben, aber ihre äußerlichen Merk¬
male, die politische Polizei, die Zensur, die Knebelung
der Presse und der Meinungsäußerung sind geblieben
und das mußte die Opposition erfahren, vor allere
aber ihre jüdischen Angehörigen. Rußland will sicli
wieder populär' machen und da auch der beste Willen
,an der russischen Spielart des Kommunismus nichts
Nachahmenswertes finden kann, so versucht es die
Moskauer Diktatur mit dem praktischen Antisemitis¬
mus'. Sie entfernt konsequent die jüdischen Politiker
und läßt keinerlei Sentimentalität aufkommen. Trotzki
ist der Organisator des Eisenbahnwesens und der
■Armee gewesen. Er hat die Grundlagen geschaffen,
. auf denen das System steht.'Ohne seine Arbeit war
der Leninismus undenkbar. Aber Trotzki ist ein Jude,
nicht dem Bekenntnis nach, nicht nach Willen und
Gefühl, aber nach Abkunft und Wesen. Er muß weg
und mit ihm Sinowjew, der die Volkserhebung leitete,
•Radek, der die diplomatischen Beziehungen des
Sowjetstaates einrenkte und ihre Verbindungen mit
dem Ausland wieder herstellte. Joffe, der Rußlands
Politik im fernen Osten begründete, hat Selbstmord
begangen. Sie ernten alle den Dank des Vaterlandes
.und, der Partei, diese,jüdischen Genies, die so wert¬
voll für die Aufbauarbeit des jüdischen Volkes ge¬
wesen wären und doch das Volk ihrer Herkunft, ihrer
Familie und ihres Blutes von sich gestoßen und ver¬
leugnet haben.
In der antijüdischen Propaganda spielt seit jeher
der jüdische Mädchenhandel eine wichtige- Rolle.
Seine Existenz ist noch nie bewiesen worden. Daß
Juden in diesem Schandgewerbe anzutreffen sind,
sei nicht bestritten. Aber alle Sachverständigen