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V. b. b.
DIE NEUE WELT
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Jahrgang 1
Freitag, den 16. Dezember 1927
Nr. 13
Oberrabbiner Dr^ Chajes plötzlich
gestorbeile
Am Dienstag, den 13. Dezember, gegen ein viertel 10 Uhr abends ist
Oberrabbiner Professor Dr. Zwi Perez Chajes in seiner Wohnung plötzlich
verschieden.
Das jüdische Volk hat einen
seiner besten Söhne verloren.
Einen Führer, Rater, Freund,
einen großen Gelehrten und aus¬
gezeichneten reinen Menschen
hat ihm der Tod entrissen, einen
Mann, der jede Stunde seines
.Gebens sein ganzes überreiche«
Wissen und Können dem Wohle
des Volkes und der Sache des
Friedens gewidmet 'und den Adel
seines Wesens als ein Geschenk
von unschätzbarem Werte der
jüdischen Gemeinschaft darge¬
bracht hatte. Was Dr. Chajes
dem Judentum bedeutete, das
wird erst (langsam sichtbar wer¬
den in dem Maße, als uns allen
sein Vorbild, sein Rat und seine
treusorgliche Aflbeit fehlen wird.
Kein, Gebiet öffentlichen Wirkens
hat es gegeben, auf dem nioht
Dr. Chajes Großes und Vorbild¬
liches geleistet hätte, keine jü¬
dische Frage, zu , der er nicht
Gutes und Wertvolles _u sagen
hatte. Er war im schönsten Sinne
des Wortes ein jüdischer Politi¬
ker, einer von denen, die der jü¬
dischen Gemeinschaft den Weg
in eine freie Zukunft gewiesen
haben. Am tiefsten empfindet die
zionistische , Bewegung ,, den,
Schlag, der sie in einer schweren
Zeit mit lähmender Kraft betrof¬
fen hat. Dr. Chajes war der zioni¬
stischen Idee mit Herz und Hirn
ergeben, einer ihrer berufenen
Wortführer und Vorkämpfer, der
das Leben des jüdischen Volkes
von einer hohen Warte übersah.
Im Dienst am Volke ist er plötz¬
lich von uns gegangen und uns
bleibt nur die Erinnerung an einen
gütigen, warmherzigen Mann von
einer biblischen Einfachheit und
Schlichtheit des Wesens, von
einer' tiefen ■ Menschlichkeit und
von einer prophetenihaften Kraft
der Rede. Das ganze große jü¬
dische Volk ist in Schmerz und
Trauer gesunken.
Dr. Zwi Perez Chajes war am 13. Oktober 1876 in Brody
geboren. Er entstammte einer alteiv. jüdisphen Gelehrtenfamilie und absol¬
vierte in seiner Geburtsstadt das Gymnasium. Dann studierte er an der
^Wiener theologisch-israelitischen, Lehranstalt und besuchte -zugleich die
philosophische Fakultät der Wiener Universität. Im Jahre 1902 ging er als
Dozent an das Rabbinersemiritr nach 'Florenz. Er wurde dort bald der Mittel
punkt der jüdischen Gemeinde und die Universität berief ihn in die Reihe
ihrer ordentlichen •Professoren. Er las mehrere Jahre' über Weltgeschichte
und jüdische Geschichte und die Universität gab seine Vorträge im Druck <
heraus. Im Jahre 1912 kam Dr. Chajes als Oberrabbiner nach Triest. Sechs'v
Jahre später berief,ihn die" Wiener Gemeinde als Substituten für den erf
krankten Oiberrabbiner Dr. Güdemann nach Wien und nach des sein]
Tode trat er am 3. August 1918
das Amt als Oberrabbiner dei .
Wiener jüdischen Gemeinde ani
In . der . zionistischen : Bewe-f;
gutig;, •der er sich schon in jungen''
Jahren- angeschlossen. hatte,. .tra#
Dr. Chajes sehr bald an;die. fljfaf *
ren-de Stelle* Ihm war jdas "'jütli^
sehe Volk eine nationale Einheit'
deren politische und kulturell)
Entwicklung zu einer nationale?"
vollberechtigten Individualität ei"
lenkend, und bestimmend ' mit- v
machte. Er hat'.zu ; jenen gehört*/
die ein politisches'Leben 'des Ju- '
dentums mitsohafferi • geholfen
haben und die mit feurigem Eifer
für den, jüdischen Heimstättenge¬
danken und für die Verständigung
des jüdischen Volkes mit den
anderen Völkern wirkte. ' Die
Idee des Völkerbundes, die Cha¬
jes aus dem jüdischen Sittenge¬
setz und den Lehren der Prophe¬
ten ableitete, fand an ihm einen
beredten Verfechter, wie er denn
überhaupt an allen Problemen der
sozialen un[d kulturellen Neuord¬
nung der Menschheit regstes In¬
teresse nahm. Auf großen Reisen,
die ihn Überall! hin führten, wo
Juden lebten, lernte er Welt und
Menschen kennen, trat in Berüh¬
rung mit den hervorragendsten
Persönlichkeiten, -'die sich'willig
dem' Zauber seiner Persönlichkeit
hingaben. Ausgestattet mit einer
glänzenden Rednergabe und mit
einer umfassenden universellen
Bildung — er beherrschte fast
sämtliche Kuiltursprachen in
Wort und Schrift — war Ohajes
ein vornehmer Repräsentant des
jüdischen Idealismus. Seinen
Namen kannte die Gelehrtenwelt
und die politische • Welt und
nannte ihn stets in Ehren.
Fast unübersehbar ist die
Reihe seiner Schöpfungen im jü¬
dischen Leben Wiens, dem er
neue Impulse gegeben hat. Jede
Schichte der jüdischen Gemein-,
(aus dem photogr. Atelier Katz, i., .stubenring 18.). schafft, jede nationale, religiöse,
soziale oder charitative Organi¬
sation fand in ihm einen verständnisvollen Förderer. Er kam immer, wenn
man ihn rief, auf die Rednertribüne, in die Vereinssitzung; er lieh.Bürgern,
Arbeitern, Studenten seinenRät und seine Tatkraft. Er hat mit besonderer-
Liebe das 'jüdische •Bildun'gswesen betreut, das Pädagogium, das Real¬
gymnasium überwacht 'Er war einer der Vorkämpfer der hebräischen Uni¬
versität in: Jerusalem, Es is-t fast unmöglich, eine Uebersieht aller Institu¬
tionen zu geben, die'von'Dr. Ohajes geschaffen worden sind.
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