Page
Preis 30 Groschen
V. b. b.
IEUE WELT
BEZUGSBEDINGUNGEN : Oesterreich monatlich S 1.50,
vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich
Zloty 2;—, vierteljährig Zloty 6.— ; Tschechoslowakei
mortailich Kc. ft-, vierteljährig Kc. 15 -; Jugo¬
slawien monatli ch Dinar 14.—, vlertel'ährlg Dinar 40.-;
Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—.
R E V U E
BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich
Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monat¬
lich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60*-*; Italien
monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.— ; Schweiz
und die übrigen Lander , mo atlich Schweber
Francs 1.50, vlerleljal rij Schweizer Francs 4.50.
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
Redaktion and Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag
Jahrgang 1
Freitag, den 30. Dezember 1927
Nr. 15
Aus. dem Inhalte:
Wladimir J a b o t i n s k y : Deserteure.
Abg. Jitzchak Griinbaum: Der Nationalitäten-
block und seine Gegner.
Leo L a n i a: Exzellenz Rubinstein.
—y: Die Dezemberverfassung.
Zum Wahlrechtskampf in der Wiener jüdischen
Gemeinde.
Hocheneggs „Mul". — Juden unterm Weihnachtsbaum.
Dr. Ephraim W a s c h i t z, Haifa: Zur Ostjordan¬
frage.
Die portugiesischen/ Marannen.
Juden im Dienst der Sowjet-Union.
Die Stimme des Rabbi im Radio.
Aus der jüdischen Turri- und Sportbewegung.
Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Kaufleute,
Jüdischer Humor.
Schalom Asch: Die Zauberin von Kastilien.
WORSTEL-BIEL
I. Schottenring 14 und I.Führichgasse 3
GarantjertereiDesr liBonges Gänseschmalz per Kg. S 4.—
Für \Vlener Kunden bd.Abna
RUNDSCHAU^
Die deutsch« Justiz
leistet sich : immer wieder das Vergnügen, in jü¬
dischen Dingen ihren wahren Charakter zu zeigen.
Sö oft sie mit Juden zu tun- hat, läßt sie die Binde
der Themis fallen und enthüllt die antisemitische
Fratze. Von dem unglücklichen Weimarer Staats¬
anwalt Frieders, der ein Opfer der hakenkreuzle-
rischen Tollhäusler geworden ist, war hier schon die
Rede; ebenso yon den Schöffen in Halberstadt, die
einen Ritualmordjüngling freisprachen, weil er doch
nicht die Juden des Ortes, sondern die ganze jü¬
dische .Rasse, beleidigt habe. Diesmal liegt wieder
ein Schandurteil vor, mit dem sich die Münchener
Strafkammer ein Ehrenzeugnis ausstellt. Gelegent¬
lich eines „deutschen Tages", der berüchtigten
natipnalsozialiistiscihen Revuen, hatte das Hitler-Blatt
„Der • völkische Beobachter" die Juden von Nassau
an der Lahn beschuldigt, sie hätten von der franzö¬
sischen Besatzungsbehörde das Verbot der Feier
verlangt. Das hätte man ihnen nach den Erfahrungen,
die . man mit den Hitler-Leuten so oft gemacht hat,
nicht übelnehmen können. Aber dies war nicht der
Fall und 24 Kultusvorstände des Bezirkes erhoben
die Beleidigungsklage. Der verantwortliche Redak¬
teur wurde in der ersten Instanz freigesprochen,
weil er nicht alle Juden des Bezirkes gemeint habe.
Es. wurde Berufung eingelegt und das Münchener
Landgericht ging wieder mit Freisprach vor. Be¬
gründung: Ein Wahrheitsbeweis ist zwar nicht er¬
bracht worden, aber es bestellt doch die 'Wahr¬
scheinlichkeit, daß ein oder mehrere Juden sich an
die . französische • Besatzungsbehörde gewendet
hätten; Dem Hitler-Schreiber muß also die Wahrung
berechtigter Interessen zugebilligt werden,-denn, die
Wahrheit seiner Behauptungen vorausgesetzt, habe
er zu einem scharfen Urteil kommen müssen. Das
ist wörtlich zitiert und man muß dieses Erkennt¬
nis, einigemal lesen, y iim die Gesinnung zu begreifen,
die darin enthalten ''ist. • Diese Abscheulichkeit ist
nicht die erste ihrer Art, aber so offen hat sich der
Zynismus ■ dieser Justiz noch selten gezeigt.
, . Der Terror an den Wiener Hochschulen
wurde: in der Vorwoche im Bucfgetausschuß des
österreichischen Nationalrates wieder zur Sprache
gebracht und es war. wieder der sozialdemokratische
Abgeordnete L e u t h n e r, der dies tat. Und wieder
antwortete kein Minister und wieder geschah nichts
weiter. Es gehört schon zur politischen Tagesord¬
nung des Parlamentes, daß Herr Leuthner seine
Rede hält und damit den Gerechtigkeitssinn seiner
Eine neue Ritualmordhetze in Rumänien.
Der „verschwundene" Gymnasiast Joan Muresant. — Die Direktion des Klausenburger
Gymnasiums konstituiert einen Ritualmord.
Die siebenbürgische Judenschaft ist nach den
von den rumänischen ■ Studenten veranstalteten
Pogromen neuerlich in die größte Aufregung ver¬
setzt In dem rumänisch-antisemitischen Klausen¬
burger Blatt „Natiunea" erschien vor einigen Tagen
nachstehende Ankündigung:-
„Das Verschwinden eines, Mittelschülers. Der
, Schüler der ersten B-Klasse des „Dr. Anghelesco-
Gymnasiums", J oan Mmresant, ist über Be¬
treiben des orthodoxen Rabbinates verfolgt worden,
, weil er am Ufer des Szanosüusses ein jüdisches
Gebetbuch vom Boden aufgehoben hatte. Der
Schüler hat inzwischen das Gebetbuch wieder zu¬
rückgegeben, ist aber seither weder in die Schule,
noch in das Elternhaus zatrückgekehrt. Wir fordern
hiemit die Siguranza .(Staatspolizei), das Rabbinat
und das Publikum auf, sich an der Suche nach dem
Knaben zu beteiligen und Meldungen an die Schule
zu erstatten. — Die Schuildirektion."
Das Antisemitenblatt gegleitete .diese Ankündi¬
gung mit Hetzartikeln, in Reichen, das Klausenburger
Rabbinat direkt' des R.if li a l m o r d e 's berichtigt
•wird und förderte zur „Rache" auf. Nach Erscheinen
•der aufreizenden Meldung ging der Redakteur des
in Klausenburg' erscheinenden jüdisch-politischen
Tagblattes „Uj Kelet" in die Schuldirektion, um den
Tatbestand festzustellen.. Er ermittelte zunächst, daß
bei der Direktion des Gymnasiums tatsächlich eine
Eingabe der orthodoxen Kultusgemeinde eingelangt
ist. Bei den letzten Stüdentenunruhen wurden, wie
bekannt, Synagogen geplündert und Thorarolien ge¬
raubt, besudelt, durch die Straßen- geschleift und dann
weggeworfen. Ein jüdischer Gymnasiast erzählte,
daß sein Mitschüler J o a n Mu r e s u n t sich gerühmt
hätte, er habe eine Thorarolle gefunden und an sich
genommen. Das Rabbinat, hievon verständigt, rich¬
tete nun an die Schuldirektion ein Schreiben, in
welchem ersucht wird, dem Schüler Muresaht die
Thorarolle abzunehmen. Joan Muresant wurde sei¬
tens der Direktion einem Verhöre unterzogen und
sagte aus, er habe keine Thorarolle, sondern nui
ein Gebetbuch gefunden und dieses eineim jüdischen
Mitschüler übergeben. Der Direktor forderte ihn auf,
diesen jüdischen Mitschüler ausfindig zu machen und
zur Stelle zu bringen. Muresant ging hierauf weg.
Seither, sagte der Direktionssekretär Professor
Nikolai Popp dem Redakteur des „Uj Kelet*',
iiat d!er Knabe verschwunden und das
orthodoxe Rabbinat ist für sein
Schicksal verantwortlich. Er dürfte
der'jüdischen Rache zum Opfer gefal¬
len sein! „Aber Sie wollen doch kein Ritual¬
mordmärchen erdichten?" fragte der Redakteur den
Professor. Worauf dieser zur Antwort gab: „Wenn
das Kind nicht zur Stelle geschafft wird, dann liegt
berechtigter Grund v^, d i e Rit u a 1 m'.o r d-
anklage zu erheben. Ich selbst glaube
an jüdische Ritualmorde auf Grund
der. . L e k t ü r e . w i s s e n s c h a ftlicher
Werke, welche d i e r c i ne W a h r h e i t ent¬
halten."
Dieser Ansicht hat übrigens die Direktion
des Gymnasiums in einem an das orthodoxe
Rabbinat gerichteten Schreiben o f f i z i e 11 A u s-
d r u c k verliehen. Das Schreiben lautet:
Direktion des Klausenburger i,Dr. C. Atighe-
: Iescu-Gymnasiums Nr. 290—1927. An die ortho¬
doxe Kultusgeimednde Klausenburg. Im -Besitze
Ihrer Zuschrift Nr. 691—1927 Jiaben wir den . Fall
untersucht und sind zum Schlüsse gekommen, daß
Ihre Beschwerde völlig unbegründet ist. Wir
. können aber nicht genug darüber staunen; daß
Si e den Mut 'bes,itzen, ha 1 bwüch sige
Kinder solcher Verbrechen zu be¬
schuldigen. Solches Vor gehen kann
ri u f aus. h aße:r;f ül i t e n} Herze; n u ii d
yom Hasse und Rache'gicr erfüllten
<3 e mitte r n k o m m e n. Wir machen ' diese
Feststellung auf Grund der Tatsache, daß das
Kind am 13. d. M., also , am selben Tage, als Sie
die unbegründete Anklage erhoben haben, v er¬
seil wund en ist. Demzufolge sind wir .ge¬
zwungen, Sie verantwortlich zu machen und wir
machen Sie auch tatsächlich für das
. Venschwlndeai . unseres Schülers
Joan Muresant verantwortlich. Unter¬
schriften: Der Direktor und der Sekretär."
Dieser niederträchtige Brief wurde nun durch
ganz Rumänien verbreitet. Nicht, die leichtgläubigen
Volksmassen, die „Intellektuellen" sind die Träger
der Agitation. Für das schändliche Treiben der anti¬
semitischen Studenten soll eine Rechtfertigung ge¬
schaffen werden. Die Rechtfertigung heißt: Die
Juden sind R i tu almör der ! Damit sind die
akademisch graduierten Banditen entschuldigt und
damit sollte der Boden für neue Pogrome vorbereitet
werden. ; .
Glücklicherweise aber bleibt der Gymnasiast
Muresant seinen Gesinnungsgenossen erhalten. . Er
würde von der Polizei in Aruncuta, einem Dorf bei
Klausenburg, aufgefunden, wo er bei seinem Onkel
weilte. Es besteht der begründete Verdacht, daß sich
Muresant auf Veranlassung des Sekretärs Popp aus
der Stadt entfernt hat, der einen Ritualmordfall kon¬
struieren wollte. Muresant wurde von einem Poli¬
zisten abgeholt, ist aber diesem wieder davonge¬
laufen. Als er wieder aufgefunden wurde, erklärte
er, er habe Angst, da ihm ein Professor mit Schlägen
gedroht habe. Die Regierung hat eine Untersuchung
dieses Zwischenfalles angeordnet.
Partei markiert. Wenn diese Partei, fast die. Hälfte
des Nationalrates, ernstlich wollte, so wäre der
akademische Terror schon längst eingestellt worden
und es wäre unnötig, daß außer einer Rede sich
nichts weiter rührt. Aber die Aiigenauswischereii ist
ein wesentlicher Teil -des Systems.
Die Volksabstimmung in Lettland
ist entgegen den Wünschen des antisemitischen Pö¬
bels ausgefallen. Das lettlänüische Parlament hatte,
wie noch erinnerlich, im Vorjahre ein Gesetz ange¬
nommen, das den während des Krieges nach Ruß-
. dN.Cr«, .v. MHOtni»A**fc u*. 2;
KOHLE * KOKS
fe, 31.2-87 ANTHRAZIT Te'. 56*40
«ab«»«««!!** des KR REN KAJEMgTft
land verschleppten und dann zurückgekehrten jü¬
dischen Einwohnern das volle Bürgerrecht verleiht.
Die antisemitischen Parteien hatten eine heftige
Kampagne entfaltet und die Volksabstimmung ge¬
fordert, da das Gesetz angeblich den höchsten Un-
• willen der ganzen Nation errege. Das Referendum
fand in der Vorwoche statt, blieb jedoch vollständig
unbeachtet, so daß bei etwa 200.000 abgegebenen
Stimmen ein negatives Resultat festgestellt wurde.
Das Gesetz tritt nunmehr ungeändert in Kraft,
Das ungarische statistische Amt ist zufrieden.
Das offizielle Organ des : ungarischen statisti¬
schen Amtes veröffentlicht in der letzten Nummer
mit großer Genugtuung das statistische Material, auf
Grund dessen festgestellt wird, daß die Zahl der
jüdischen Hochschüler seit dem Jahre
1923 auf die Hälfte gesunken ist. Während es ini
Schuljahre 1922-1923 noch 2157 jüdische Hochschüler