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DIE NEUE WELT
Seite 5
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dieser Gruppe in der Leitungsfrage ist gewiß nicht
voraus zu bestimmen. Was die Frage des Ersatzes des
Präsidenten durch ein Kollegium betrifft, so sollte eine
solche Lösung nicht mit Hinweis auf statutarische Be¬
stimmungen der Erweiterten Jewdsh Agency von der
Hand gewiesen werden. Sie ist vielleicht heute die einzig
mögliche und für die Zionistische Organisation ge¬
sündeste.
Die Juden und die tsdiedio*
slowakische Volkszählung*
Die ungarischen Assimilationsjuden mischen sich ein. —
Zurückweisung durch die Zionistcn und die tschecho*
slowakische Regierung.
Wenn irgendwo in der Welt von jüdischer Seite
ein Protest gegen die brutalen Verfolgungen
der Juden in Ungarn erhoben wurde, erklärten die
magyarischsassiraijatorisch eingestellten Führer der magya*
rischen Juden sofort, daß sie die „Einmischung" in
„interne" ungarische Angelegenheiten ablehnen. In ihrer
Knechtseligkeit gegenüber der eigenen Regierung
stellten sie sich auf den Standpunkt, daß die Juden alles
hinnehmen und schweigen müssen. Sich treten lassen und
schweigen ist ihr Patriotismus! Dafür mischen sie
sich in die „internen" Angelegenheiten der Juden in
anderen Staaten ein, wenn die Horthy*Gesellschaft es
ihnen befiehlt. So haben sie jetzt die Volkszählung in der
Slowakei zum Anlaß genommen, um von den dortigen
Juden zu verlangen, sich als Magyaren und nicht als
Juden zu bekennen, um den Glanz Magyariens zu er*
höhen und der tschechischen Regierung Schwierigkeiten
ZU bereiten. Ja, sie gehen so weit, den Völkerbund anzu*
rufen, er möge ihnen bei diesem zweifelhaften Geschäft
helfen.
Budapest, 25. Dezember. Die Union u n g a r i*
scher Juden hat sich in ihrer heutigen Sitzung unter
Vorsitz des Hofrats Samuel Stern mit der Volk sab*
Stimmung in der Tschechoslowakei befaßt und
mit Stimmeneinhelligkeit eine Resolution angenommen,
die besagt: Die Union lenkt die Aufmerksamkeit der
ganzen Kultur weit auf die Mißbräuche, die in der
Tschechoslowakei anläßlich der jüngsten Volkszählung
gegenüber der jüdischen Bevölkerung, die auf
Grund von Sprache, Kultur und Gefühlswelt sich zum
Ungartum bekennt, begangen wurden. Durch be*
nördlichen Druck sollten die Juden veranlaßt werden,
ihre. Zugehörigkeit zum Ungartum zu v e r*
leugnen. Die Union ungarischer Juden schließt sich der
von der ungarischen Minderheit der Tschechoslowakei
beim Völkerbund eingebrachten B c#
schwerde an und erwartet von der Judenheit der
ganzen Welt, daß sie die Sache der tschechoslowaki*
sehen Glaubensbrüder sich zu eigen macht und ihren
ganzen moralischen Einfluß aufbietet, damit das ihren
Glaubensgenossen zugefügte Unrecht im Geiste der
durch die ungarische Minderheit beim Völkerbunde ein*
gereichten Beschwerde gutgemacht werde.
#
Prag, 26. Dezomber. (J., ,T. A.) Zu der von der
Union ungarischer Juden gefaßten Resolution
über die Vorgänge bei der Völkszählung in der Tschecho*
Slowakei übergibt der Präsident des Jüdischen Na*
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tionalrats für die Tschechoslowakei Abg. Dr. Ludwig
Singer der Jüdischen Tclegraphen*Agcntur nach*
stehende Erklärung zur Veröffentlichung:
„Die von der Union ungarischer Juden gefaßte
Resolution ist ein Ausdruck der Assimilations*
tendenz, dieinallerWeltdiejiidischcSeele
verzerrt. Das Bekenntnis zur jüdischen Nation
bedeutet niemals einen Verrat an einem anderen Volke,
sondern ist nichts als ein Ausdruck der Treue zum
jüdischen Volk und nationalen Stolzes. Die tsche*
choslowakische Republik hat seit ihrer Errichtung den
Juden die Anerkennung ihrer Nationalität,
die ihnen in der alten Monarchie vorenthalten blieb, gc*
währleistet. Diese Anerkennung wurde vor allem durch
die persönliche Haltung des Präsidenten der Republik
Professor Thomas G. Masaryk herbeigeführt. Anlaß*
lieh der Volkszählung sind von jüdischer Seite in den
östlichen Teilen der Republik keinerlei Proteste gegen eine
Beeinflussung durch die Behörden erhoben worden. Die
Resolution der Union ungarischer Juden stellt eine Ver*
leumdung und einen Angriff auf die jüdische
Ehre dar. Die Tendenz des ungarischen Protestes ist
offenkundig. Die Union ungarischer Juden sollte begreifen,
daß gerade das Verhalten der Magyaren gegenüber
den Juden Ungarns den Grund dafür bildet, daß auch die
dem ungarischen Kulturkreis zugehörigen Juden der
Slowakei und Karpathorußlands sich in immer große*
rer Zahl zum jüdischen Volke bekennen."
*
Prag, 27. Dezember. Das Organ des Außenministe*
riums, „Prager Press e", schreibt zu der vom Verband
der ungarischen Juden gefaßten Resolution zur Volks*
Zählung in der Tschechoslowakei: „Aus dem Lande
des Numerus clausus, der Pogrome und des
klassischen Antisemitismus, in dem der
Heeresminister Gömbös soeben die Juden aus dem
Heldenkapitel ausgeschlossen hat, wird gerade
gegen die Tschechoslowakei, die in der ganzen Welt den
Ruf einer mehr als liberalen Toleranz gegen*
über der Judenschaft genießt, der Vorwurf irgend
einer Beeinflussung der Juden erhoben. Alle in der Resolu*
tioh angeführten konkreten Tatsachen sind erlogen.
Die Tschechoslowakei hat den Juden im Sinne ihrer
eigenen Forderungen die Möglichkeit gegeben, sich frei
zu ihrer Nationalität zu bekennen. Es wurde den Juden
vollste Freiheit belassen, zu welcher Nation sie sich be*
kennen wollen: zu ihrer eigenen oder zu ihrer Wirtsnation.
Wir können nur hoffen, daß die „Union ungarischer
Juden" im Namen eines engen Kreises und nicht etwa
tatsächlich im Namen der Juden Ungarns spricht. Die
tschechoslowakische Judenschaft wird noch Gelegenheit
Im Soldatenlager*
Eine Chanuka-Geschichte von M. K a t z (New York).
Vorabend. Die Gassen des Militärlagers, das den
ganzen Tag über von Soldaten und Zivilisten wimmelte,
werden allmählich «iiier und ruhiger. Die Fenster der
kleinen Holzbuden erhellen sich eines um das andere.
Da und dort erklingen Melodien, Soldaten singen ameri¬
kanische Nationallieder. Die Nacht rückt an. Die Melo¬
dien werden leiser, die Fenster dunkel, die Gassen leer,
still ringsum. Das Lager schläft.
Nur Robbies kann nicht schlafen. Seine Gedanken
tragen ihn weit fort vom Soldatenlager,, jenseits des
Meeres, in sein Städtchen Lamischin. Er weiß nicht, wes¬
halb er gerade heute von den Gedanken an sein litaui¬
sches Geburtsstädtchen und seine Familie nicht lasseu
kann. Was die nur dort jetzt machen? Der Winter-ist
wahrscheinlich in vollem Ornat, der F'rost ist groll.
Haben sie ein Stück Holz, den Ofen zu wärmen? Ein
Stück Brot, den Hunger zu stillen? Wer weiß, vielleicht
sind sie alle niclrt mehr auf der Welt. Vater und Mutter
— alte kranke Leute, haben sie es überdauern können?
Der Krieg hat ja alles dort verniditet.
Robbins erzittert. Er wälzt sich auf seinem Sol¬
datenlager. Ein Stöhnen entringt sich seiner Brust. Er
wickelt sich fester in die Decke und will einschlafen.
Aber Vergehens. Lang, lang liegt Robbins auf dem
Rücken, sieht ins Dunkel und Dinge der Heimat stehen
vor ihm: heimische Gassen, Häuser, Cheder, Beth Mid-
rasch, die Feiertage. Am liebsten hatte er Chanuka.
„Kinder, nach Hause", ruft der Lehrer, indem er
sich mit leuchtendem Gesicht erhebt, „Heute ist Cha¬
nuka, frei, eine ganze Woche hindurch, nur halbe Tage
Unterricht !*■
Mit freudigem Gesang stürmt mau aus dem Cheder.
Der weiße Schnee funkelt wie Diamanten. Die
Kinderschar eilt zu den Rasen, wo der Schnee noch
weißer ist, noch höher, noch weicher. Schneebälle sausen
Uber die' Köpfe. Fröhliche Stimmen hallen durch das
ganze Städtchen. Im Nu ist ein Schneemann da und die
Kinder drehen sich im Kreis und singen um ihn herum.
Und ebenso rasch erstehen neue, andere Schneemänner,
damit ein Minjam voll sei, und in der Mitte stellt der
erste, große, der Chasen. Die lusitgen Stimmen werden
immer munterer, die kalten Gesichter beginnen voll
Freude zu glänzen.
Es dämmert schon. Der Vater kommt nach Hause
aus dem Beth Midrasch. Er nimmt den Chauukaleuchter
vom Bücherschrank, putzt ihn auf Glanz, stellt ihn ins
Fenster der Gasse zu, steckt eine Kerze hinein, nimmt
eine zweite in die Hand, zündet sie an und sagt feierlich:
„Nun, Chanukakerzen anzünden!"
Alle stellen sich um ihn herum, die Mutter in der
Mitte, und der Vater beginnt mit halbgeschlossenen
verträumten Augen den Segensspruch zu sagen: „Bariich
atha . . ."
Alle antworten mit lautem „Ainen w und singen
mit. Dann sdiließt sich alles enger an den Vater, sieht
ihm in die Augen und wartet klopfenden Herzens. Nach
einer Weile klingen schon die Münzen in der Tasche,
die Pfannkuchen und Gäusegramraeln stehen schon auf
dem Tisch, es kommen Nachbarn herein, Bekannte, man
spielt „Dame". Es ist lustig, lebhaft, und die Kleinen
tun sich an einem Winkeltisch zusammen und spielen
„Kopf oder Adler'*, mit de?» soeben bekommenen
Chanuka-Geld.
„Wann haben wir Chanuka?", fragte sich Rob¬
bins plötzlich, vom Phantasieren erwachend, „wann
war Sukkoth? Vor fünf Wochen, vor sechs! Ja, ja, es
geht auf Chanuka . . . Wart nur! Wo ist denn mein
Kalender? . . ." '
Robbins schleicht sich leise vom Feldbett herunter,
reibt ein Streichholz an, sucht in seinem Kasten , nach
dem jüdisch-englischen Kalender, blättert, bis seine
Augen auf einem bestimmten Datum haften bleiben.
„Heut* ist Chanuka. Nicht umsonst hab' ich daran ge¬
dacht ..." Robbins wurde es wehmütig ums Herz. Noch
einmal, wie einst in der Jugend zu Hause sein, ' bei
Vater und Mutter, zu Chanuka-Zeiten! Noch einmal das
Chanuka-Licht anzünden, bevor es ins Feld nach
Frankreich geht!
Am nächsten Morgen tat sich Robbins mit den
anderen jüdischen Soldaten des Lagers zusammen, um
die Erlaubnis für einen Chanuka-Abend im Lager zu
erbitten. Den ganzen Tag über trafen sie die Vorberei¬
tungen, brachten Tische und Bänke herbei, dekorierten
die Wände mit amerikanischen und jüdischen Fahnen,
stellten einen Chanuka-Leuchter auf, verschafften Musik¬
instrumente und Eßwaren.
Alle fühlten sich feiertägig, besonders Robbins,
als wäre es sein Fest und als wären die anderen seine
Gäste. Er bat alle, Platz zu nehmen und stellie sich
selbst vor dem Leuchter auf. „Kameraden", sprach
Robbins, „ein Fest der Befreiung aller Unterdrückten
und unserer Nation feiern wir heute, die wir morgen
in den Kampf ziehen müssen. Der Augenblick gehört
dem Gedenken der Makkabäer. Sie waren Helden. Die
Weltgeschichte weiß von ihnen zu berichten. Chanuka
ist ihr Fest und das unsere, das wir begehen in alther¬
gebrachter Weise." Schon während Robbins den Segens¬
spruch sagte und das Licht zündete, brach aus den
rohen Soldatenkehlen die alte vertraute „Moaus zur"-
Melodie hervor und auf ihren Gesichtern malte sich
die Erinnerung an die frühe Jugend und an das jüdische
Städtchen mit der Familie, den Freunden und Verwand«
ten. Sie hatten ihre Soldatenmützen aufgesetzt, als sie
zu singen beganneu, und während die Instrumeute
eine rauschende Musik machten, bildeten die Soldaten
eine Runde und tanzten den jüdischen Tanz rings um
den Chanuka-Leuchter.
kange noch hörte man in den weiten leeren
Gassen des Soldatenlagers die fröhlichen Stimmen der
jüdischen Jungen durch die Nacht klingen, unter dem
sternbeglänzten Himmel.
Am nächsten Morgen ging's auf die e^r^äisoi|£|ö
Schlachtfelder. Man weiß nicht, wer von ihnen noch
einmal Chanuka feierte. .
V**;^