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BIT NEUE WEt/i
Nr. 172
haben, selbst mit dieser Verleumdung sksmpagne
abzurechnen, die vielleicht nicht auletst du Ziel ▼erfolgt,
das gute Einvernehmen zwischen der tscheehoslo«
wakischen Nation und den hier lebenden Juden
zu trüben."
Gründung einer „Jüdischen Reicfc*pftrtei M in der
Tschechoslowakei.
Prag, 26. Dezember. (J. T. A.) Für den 6. Jänner
ist nach Mähriseh-Ostrau eine Konferenz zur Grün¬
dung einer einheitlichen Jüdischen
Reichs partei für die gesamte Tschechoslowakei
einberufen. Durch die Gründung dieser Partei aoll den
durch die Politische Reichskommission des zionistischen
Landesverbandes vertretenen WHhlern in den histori¬
schen Ländern, der Slowakei und Karpathorußland,
sowie den durch die Jüdische Partei für Sloveneko ver¬
tretenen Wählern in der Slowakei, eine einheitliche
Parteiorganisation gegeben werden. Die Grtfndungs-
konferenz der Jüdischen Reichspartei wird auf Grund
eines auf dem Zionisfentag im Dezember 1929 gefaßten
Betschlusses einberufen.
Judenhaß in der tschechischen PHdagogik.
Prag, 28. Dezember. In dem vom Unter¬
richtsministerium geförderten tschechischen
pädagogischen „K o m e n s k y - V e r 1 a g" in Prag ist
eben ein Buch des bekannten tschechischen Pädagogen
und Schuldirektors Josef U1 e h 1 a erschienen, das den
Titel „Untersuchungen Über die Erziehung des Men¬
schen" trägt. Ein Kapitel des Buches befaßt sich auch
mit der Judenfrage. Ulehla, der die Tschechen als-
ein bereits aus prähistorischen Zeiten her mit hohen
kulturellen Missionen bedachtes Volk den Deutschen
gegenüberstellt, kommt 2u folgender Anschauung über
die Juden: „Sie bilden ein seßhaftes, ausgeprägtes Volk.
Der Weltkrieg hat gezeigt, daß sie ein einheitliches, aber
auch grausames und blutrünstiges Volk sind.
Die Machthaber im heutigen Rußland sind Juden. Die
Beamten sind Juden. Rußland ist ein jüdisches
Zarenreich. Von 50 sowjetischen Machthaber n sind
45 Juden. Als in Deutschland die Revolution ausbrach,
der Kaiser abdankte, die Regierung demissionierte,
nahmen Juden ihre Plätze ein."
Ulehla schildert dann, wie der kriegerische Stamm
der Deutschen die Welt im Kriege bezwingen wollte,
und sagt von den Juden: „Zu ihnen * gesellten sich die
Juden, ein Volk, das weder Gewerbe noch Ackerbau
kennt und sich bisher durch nichts anderes als durch
räuberischen Handel fortgebracht hat."
Unerhörte Steuerschikane gegen die jüdische Be¬
völkerung Karpathorußlands.
Prag, 28. Dezember. (J. T. A.) Die Lage der jüdi- ;
sehen Bevölkerung in K a rp a th o r u ß 1 a nd, die in
diesem' Jahre durch einen harten Winter, die bestehen¬
den Wirtschaftsverhältnisse und die nunmehr einge¬
tretenen Rückschläge aus dem Abbruch der tschecho¬
slowakisch-ungarischen'-' Handelsbeziehungen noch be¬
sonders erschwert wurde, hat durch eine rücksichts¬
lose Steuer-Eintreibungskampagne, die in den letzten
Tagen einsetzte, eine neuerliche und so schwerwiegende
Verschärfung erfahren, daß sich der jüdischen Be¬
völkerung in vielen Orten große Aufregung bemäch¬
tigte. Die Steuerexekutoren haben in den Städten, ins¬
besondere in Munkac z, und auf' dem flachen Land
eine Reihe rücksichtsloser Exekutionen vorgenommen,
und zwar auch bei gänzlich verarmten Familien, denen
in vielen Fällen buchstäblich das letzte K o p f-
kiss'en weggenommen wurde, und die nun der nackten
Not preisgegeben sind. Die Jüdische Partei wird sich
an den Finanzminister mit dem' dringenden Ersuchen
um eine Abstellung dieser rücksichtslosen Steuer¬
eintreibungskampagne wenden Und auf das Beispiel
anderer Länder hinweisen, in denen angesichts der be¬
stehenden wirtschaftlichen Verhältnisse die Steuer¬
gesetze milder gehandhabt werden.
Die erste öffentlich-rechtliche Judengemeinde in
Spanien.
Madrid, 27. Dezember, (J. T. A.) Zum erstenmal
seit 1492, dem Zeitpunkt der Vertreibung der
Juden aus Spanien, konnte sich in Madrid
öffentlich eine jüdische Gemeinde zum Gebet in einem
jüdischen Gotteshause, das als solches anerkannt ist,
versammeln. Ein Kreis von etwa 30 Männern hat mit
Genehmigung der Regierung die erste spanische
Synagogengemeinde gegründet. Die Feierlich¬
keit selbst spielte sich in schlichtem Rahmen ab. An-
wesend war auch ein Vertreter der Madrider Polizei¬
behörde. Der französische Bankier Bauer, der als
finnischer Generalkonsul fungiert, und dessen Familien¬
mitglieder in nahen persönlichen Beziehungen zu König
Alfons von Spanien stehen (die Tochter von Bankier.
NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE MODERNE
LEIHBIBLIOTHEK
DER BOCHfiRSTUBE M. RATH
*IIN, lt., TAftdftSTRASSE Nr. 20«
fEL.: R-43-1-68. ALLE NEUERSCHEINUNGEN I
REICHE AUSWAHL M MMAIKA UNO JUDAIKA!
MONATSGEBUHR NUR S 3.—
KEINE BANDGEBOHR I TÄGLICHER UMTAUSCH!
Batter gehört zur Suite der Königin), wurde zum P r ä¬
sidenten der Gemeinde gewählt. Seinen Inter¬
ventionen beim König ist es vor allem zu danken, wenn
jetzt nach langen Bemühungen die jüdische Gemeinde
anerkannt worden ist, und er war es auch, der einen
Erlaß durchsetzte, nach welchem — entgegen dem
Willen der kirchlichen Behörden — auf
dem Zivilfriedhof von Sevilla ein Feld für jüdische
Gräber reserviert wurde. Bankier Bauer hat auch diö:
finanziellen Lasten, die aus der Unterhaltung der Syna¬
goge entstehen, übernommen.
Nach der Gründungsfeier wurde ein Protokoll
und vorläufiges Gemeindestatut durch den anwesenden
Polizeioffizier verlesen und unterzeichnet. Der von
einem Gemeindemitglied gestellte Antrag auf Anstellung
eines Kultusbeamien wurde aus Mangel an finanziellen
Mitein abgelehnt. —'Das Gebäude, in dem sich die
Synagoge befindet, liegt im Zentrum der Stadt. Das Bet¬
haus seihst trägt sep bardische Prägung, in
einem Nebenraum ist eine kleine Bibliothek und eine
Sammlung von Kultgeräten, aus Privatbesitz und staat¬
lichen Museen stammend, tintergebradit word"*».
Lord Passfield — kein Judenstämmling.
Die antisemitischen und antizionistischeri Be¬
kenntnisse der Frau des englischen Kolonialministers,
Lady Passfield, welche einer jüdischen Familie
entstammt, hat besonders in der amerikanischen Presse
lebhafte Diskussionen ausgelöst; Da Lord Passfield' ziem¬
lich -viele Beziehungen zu amerikanischen Persönlich¬
keiten unterhält, wandte man sich'an"diese, tim. mög-
liehst viele Einzelheiten über das durch seinen Vorstoß
gegen den Zionismus so interessant gewordene Ehepaar
zu erfahren. Das führte zu einer pikanten Auseinander¬
setzung zwischen dem englischen Kolonialminister und
einer seiner. amerikanischen Freundinnen:
New York, 27. Dezember. (J. T. A.) Die bekannte
amerikanische Frauenrechtlerin und Präsidentin der
Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit,
Äffiß Jane Ad da ms, behauptet in einem Artikel im
^Chicago Courier" mit aller Bestimmtheit, daR
Lord Passfield jüdischer Abstammung sei. Er sei in
Whitechapel als Kind armer jüd isolier Eltern
geboren.
Miß Addern« ist die Leiterin des „H u II-
Haufies" in Chikago, einer durch sie im Jahre 1889
begründeten WohlfahrtsirtStitution. Seit 15 Jahren steht
sie als Präsidentin an der Spitze der Internatio¬
nalen Frauenliga für Frieden und Frei¬
heit. Sie hat eine Reihe von Werken über Frauen¬
bund Friedensfragen veröffentlidit, unter denen „Demo-
kraitsche und soziale Ethik" und „Neuere Friedens¬
ideale" hervorzuheben sind.
London, 25. Dezember. (J. T. A.) Auf eine im Zu¬
sammenhang mit obiger Nachricht von Lord Pass¬
field gerichtete Anfrage teilt Passfields Sekretär,
E. B. Boyd, der Jüdischen Telegraphen-Agentur mit,
Lord Passfield empfinde die Behauptung, daß er vott
armen jüdischen Eltern in Whitechapel abstamme,
durchaus nicht als diffamierend und hätte sich unter
gewöhnlichen Umständen nicht veranlaßt gesehen, die
Nachricht zu dementieren. Doch müsse er erklären,
daß er, in einem Stadtteil Londons geboren sei, der noch
weniger vornehm ist als Whitechapel. Seine Eltern, die
dem kleinen Mittelstand angehörten und für seine Er¬
ziehung und Ausbildung große Opfer gebracht haben,
hätten wohl in sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt,
doch könne er nicht sagen, daß er Not gelitten, hätte.
Schließlich müsse Lord Passfield im Interesse der
historischen Wahrheit feststellen, daß auf Grund seiner
genauen Kenntnisse - weder seine Eltern, noch
seine Groß e 11 e r ri, noch irgendwelche seiner ihm
bekannten Vorwärmen jüdischen Stammes oder
Glaubens, sondern durchwegs reinblütige
Angelsachsen aus Kent und Essex waren. Er könne,
nicht annehmen, daß Miß Jane Ad da ms, für deren
Lebensarbeit er höchste Bewunderung hege, wirklich
die Autorin des Artikels im „Chicago Courier'' sei.
da ihr seine, Jugend und seine Familienverhältnisse nicht
bekannt sein können.
Die zionistische .Welt steht Vor ..dem 17. f Kongreß.-
Vor einem Kongreß, der in - der Tat entscheidende Ver¬
änderungen bringen muß.,, Wenn auch... da., und dort
leichtes Wahlgeplänkel zu .verzeichnen, ist. so kann man.
dennoch konstatieren, daß im .ganzen und großen jene
Leidenschaft und ^Spannung fenlt, „ .die angesichts der
bevorstehenden . wichtigen L^ntscheidungen zu. erwarten
wäre. Das hat allem Anschein nach darin seinen Grund,
daß die bis jetzt alleinherrschenden, die zionistische
Politik bestimmenden Gnippen sich in eine Sack¬
gasse vermint haben, M Iii d i g k e W und Apathie
in ihren Reihen herrscht, ein nahezu tötender Skeptizis¬
mus ihre Aktivität außenpolitisch'und innenpolitisch
lähmt.
Von diesem Geist getragen ist z. B. ein Le'itäufsntz'
der „J ü d i s c h e n H u n d s c h a u" (der Autor birgt sich
hinter drei Sternchen), des unentwegten Orgaus des
Weizmann-Systems und des Bhlationalisimi's.' Darin
wird mit melancholischer Resignation eingestanden, daß
wohl die Zionistische Organisation nach dem karlsbader'
Kongreß nicht mehr Weizmann zum Präsidenten haben'
werde, und auf eine Spekulation eingegangen.
indem die möglichen Nachfolgekandidaten, und
zwar „Der Führer der Revisionisten" und
die Herren Louis B r a u d e i s, Menächem Mendel
Ussischkin, Harry S a c h e r und Pinchas 11 u t h e n-
berg derart zugestutzt werden, daß. sie als uaimög¬
lich erscheinen; wobei es einzelnen, z. B. Ussischkin,
sehr schlimm ergeht, den der Leitaufsatz als abgebraucht
hinstellt. Die „Jüdische] Rundschau" findet es an¬
scheinend für notwendig, schon in Opposition z^ gehen.
Sie bemerkt, sie wolle dem künftigen Präsidenten durch
vorweggenommene Kritik die Arbeit nicht
erschweren, tut aber mehr als das. Trachtet, ihn unmög¬
lich zu machen. Die Taktik ist durchsichtig. Weizmann
sollte gehen. Aber es ist kein anderer da. Also muß
Weizmann bleiben!
Außer der brennenden Leitungsfrage be¬
merkt man kaum ein Eingehen auf die noch schwierigere
Frage des verfahrenen Finanz- und W i r t s c h a f s-
systems der Organisation. Aber ganz unabhängig von
•all diesen. Problemen ist die Debatte über die Juden-
. s t,a a t f r a g e immer noch, auf dem Tapet.
Die große Aufgabe.
Man kennt in der jüdischen Welt den Namen
Oskar Osipowitsch Grusenberg. Man weiß, daß
dieser ehemalige Petersburger Rechtsanwalt seinerzeit
in den großen R i t ai a I m o r d p t o z e s s;e n des ..zaristi-
sdien Rußland eine mutige Verteidiger- und Anklage¬
rolle gespielt und sich .nach-.Ausbruch der bolsdiewiki-,
'sehen Revolution \n Riga als Advokat niedergelassen
hat. Das lettländische Judentum entsandte
'Grusenberg in den'Rat der erweiterten Jewish Agency,
seit welchem Zeitpunkt er,' der Nichtzionist, häufig über
zionistische und Palästina-Fragen das Wort ergreift. In"
•einem Gespräch mit dem Vertreter des Warschauer
„Hajnt" äußert sich Grusenberg charakteristischer¬
weise folgendermaßen: '
,J3ie alten Methoden der zionistischen Arbeit
gehen ihrem Ende entgegen. Es ist mit einem Erfolg im
Kampf gegen England vorläufig nicht zu rechnen. Man
muß den letzten Versuch machen und die Leitung der
Organisation dem-'begabten und ergebenen Führer des
Revisionismus, Jabot i'n s k y, übergeben. Ich bin nicht
sicher, daß dies die gewünschten Resultate bringen wird
Nach dem lyrischen Tenor des Professors Weizmann der
tiefe Baß Jabotinskys — ob die Aenderung der Modu¬
lation etwas bringen wird, ist zweifelhaft.
Es war unsererseits ein Fehler, daß wir nicht so¬
fort unsere Maximalforderungen aufgestellt
haben: Die Forderung nach einem j.üdi-
s c h en Staatund nicht nach einem Natio-'
n a 1 h e i m. Damals in der eruptiven Epoche hätten
wir ihn bekommen können. Jetzt ist die Gelegenheit
verpaßt. Das heißt aber nicht, daß ich an einen Erfolg
unserer Sache nicht glaube. Der Erfolg wird
kommen, aber auf ganz anderem Wege.
Schon jetzt reift der Gedanke der Vereinigten
Staaten Europas. Nach diesen muß es zu einer Ver¬
einigung der Kulturstaaten des nahen Orients kommen.
Hebräisdies Konzert
Großer Konzerfhaussaal
1* PebwiÄf
mi^^