Seite
Nr. 388
DIE NEUE WELT
Seite 3
RUNDSCHAU
Beamten-Aristokratie
oder:
Wie der Herrgott in Frankreich
Gott sei Dunk, wir haben bereit's etwas in Erez
Israel, das man die ..gute GesellschafI" nennt; ex¬
klusive Kreise; Menschen, zu denen man nur mit
Empfehlungen 'Antritt hat; eine neue Aristokratie,
zum erstenmal seit 2000 Jahren. I ml da sage man
noch, daß mir ein armes, geplagtes Volk sind. Der
Reiseberichtcrstat(er des ..Hamburger Israelitischen
J umilienblul ts" gibt nämlich folgende höchst lesens¬
werte Schilderung dieser guten Gesellschaft. die
sieb's gehen läßt mie der Herrgott in Frankreich:
Es gibt so etwas wie eine „gute. Gesell¬
schaft" im jüdischen Jerusalem, eine Society deutsch-
jüdischer, englisch-jüdischer, amerikanisch-jüdischer Aka¬
demiker, Funktionäre der Jewish Agcncy, des
Keren Hajesso d, des Jüdischen National¬
fonds, der „akkreditierten" (und der zahlreichen un-
akkreditierten) Journalisten, und der jüdischen Jerusa-
lemer Großkaufleute westeuropäischer Herkunft. Nicht
zu vergessen: die Dozenten der hebräischen Univer¬
sität, die Lektoren der Nationalbibliothek, die
Lehrer der Seminare und der Jevusalemer jüdischen
Schulen.
Für das Bestehen dieser „guten Gesellschaft" ist
vielleicht nichts so bezeichnend wie die Tatsache der
„jours fixes", feststehender Empfangsnachmittage, auf
denen sich „Kreise" gebildeter Menschen gleicher Inter¬
essen und gleicher Lebensauffassung treffen.
Es gibt drei derartige Kreise, wie man mir sagte:
den einen im Hause des Professors F . . ., des Agrikul¬
turchemikers der Universität — um ihn und seine Gattin
versammeln sich vornehmlich Menschen wissenschaft¬
licher Neigung —; den zweiten im Hause des Dr. T . . .,
eines bekannten Jerusalemer jüdischen Augenarztes —
dort spricht „man" Über Literatur —; und den letzten in
den Räumen Dr. Arje F . . . s, eines anderen Okulisten,
der an einem bestimmten Nachmittag der Woche, an
seinem jour fix, Musikliebende und Musikausübende um
sich schart.
Ich machte Dr. F . . ., dem zuletzt Genannten,
einen Besuch, sorgsam mit Empfehlungen gemeinsamer
Bekannten versehen. (Um zu diesen Kreisen in Fühlung
zu kommen, empfiehlt es sich, mit derartigen
Referenzen vorzusprechen, ich überlasse es dem
Standpunkt des Lesers, diese Tatsache zu begrüßen oder
zu kritisieren.)
Sein Haus — es ist ein Haus, nicht etwa nur eine
Mietswohnung — liegt in einer stillen, vornehmen Seiten¬
straße der Jaffa-Road; inmitten eines Gartens, dessen
Blumenpracht sich, befindet man sich erst hinter der
hohen, alles abschließenden Mauer auftut. Maulbeerbäume
und Zitronenbäume beschatten die Beete. Der Hausherr
hat sich das Gebäude offenbar nach eigenen Ideen, mit
außerordentlichem Geschmack eingerichtet. Bucharische,
afghanische Seidenteppiche auf den Fußböden, an den
Wänden; niedrige orientalische Rauchtische; eigenartige
Bilder; kostbares Kristall in uneuropäischer Schleifart
wechselt mit ernsten, bücherbedeckten Wänden, mit Bildern
"bedeutender Mediziner ab . . . Ruhe, selbstverständliche
Behaglichkeit, Gelassenheit und der unsagbare Zauber
des märchenhaften Ostens erfüllen die Atmosphäre aufs
Geheimnisvollste.
Dieser unsagbare Zauber hat natürlich seine
Quelle. Die Jeiuish Agancy hat erst kürzlich mit
geschwelltem. Bauch gemeldet, daß da und dort die
Keren Hnjessod-Eingüngc gestiegen seien, und daß
das jüdische Volk i'erständnis für die A' olwencligkeil
der nationalen Fonds aufbringe. Es bringt so viel
Verständnis auf. daß es sein letztes hergibt —
und zwar den Fondsreisenden, die sammeln, betteln
und schnorren ... Und wahrend Tausende junge
Juden sich um Zertifikate anstellen, während
hunderte „illegulc* > in j)aläslinensischen Gefüngiüssen
schmachten, Irinken die Herren der erweiterten
Agencij-Exekutwe und ihre Freunde auf dem
Skopus aus kostbarem Kristall in uneuropäischer
Schleifart. und schreiten mit pedikürten Füßen über
buchtirische, afghanische Seidenteppiche ...
Phantasien eines Wiener Realisten
Der routinierte Zeilungsleser ist abgestumpft
gegen die reisserischen Meldungen und Darstellungen
einer geioissen Sorte von Schreibern, deren Aufgabe
es sein sollte, sicli an die Wirklichkeit, Realität zu
halten. Die Kühe oor dem Wiener Parlament, die
Brieftasche des Wiener Versicherungsdirektors
Dr. Berliner für die österreichische Reaktion, die
letzten. Worte des in Wien verstorbenen Bialik hoben
den fieser auf eine harte Wahrheitsprobe gestellt.
Nun ist auch das allgemein-zionisliscJie Neio-
Yorker „Morning Journal" in die. Reihe der Talaren-
Blätter getreten — durch seine Wiener Korrespon*
denlen, die sich Abu Reichmann und Leonofskij (?)
nennen. Am 26, Juni veröffentlicht das „Morning
Journal' 6 unter dem Titel „Der blutige Sabbat in
Wien infolge des Sluioskij-Urleils" einen Bericht, der
wie folgt beginnt:
„Solch einen stürmischen Sabbat, wie es der
9. Juni war, hat das Wiener Judentum noch nie mit¬
gemacht. Es war dies ein Tag, reich an sonderbaren
Erlebnissen, Skandalen und Ueberfällen von Juden an
Juden ..."
Man sieht förmlich, wie dem Wiener Korre¬
spondenten des „Morning Journal"' oor lauter Ueber-
sdiiDung der Schaum vor dem Mund sieht, die Füll¬
feder geradezu zu bersten droht und das Kabel, das
Vor Einführung des Parlaments
Titich einer Mitteilung arabischer Zeitungen hat
das britische KolonJalamt in London, nachdem es die
offiziellen und nichtoffiziellen Berichte bezüglich der
Schaffung eines Gesetzgebenden Rates (Parla¬
ment) in Palästina erhalten hat, beschlossen, an die Bil¬
dung dieser Körperschaft unverzüglich heranzutreten.
Der GcsetzgelxMide Hat in Palästina soll zu seiner ersten
Session für den Mai 1985 einberufen werden. Diese Kör¬
perschaft wird nicht aus einer Wahl hervorgehen, son¬
dern deren Mivglicder-werden vom Oberkommissär
ernannt werden.
Wie die J. T. A. ans Itegierungski eisen erfährt,
gilt die Schaffung eines Gesetzgebenden Rats durch dio
Regierung als endgültig beschlossene Sache, hingegen ist
der Termin seiner Einberufung noch nicht definitiv
festgelegt.
PalastinasMeiperiiing züdhtef illegale Einwanderung
In einer Reihe von Aufsätzen, die mit dokumen¬
tarischem Material belegt waren, haben wir die Un-
gesetzmäßigkeit der jüdischen Einwanderungsbeschrän-
kung durch die britische Mandatarmacht klargelegt und
den von dieser geschaffenen Begriff „illegaler" Ein¬
wanderung zurückgewiesen. Besonders in der letzten Zeit
haben die Maßnahmen der Palästina-Regierung gegen die
sogenannten „illegalen" Immigranten an Schärfe zu¬
genommen, in einem Zeitpunkt also, wo das aufblühende
jüdische Land den krassesten Mangel an Arbeitshänden
aufweist.
Die soeben erschienene Nummer der dem Colonial
Office nahestehenden Zeitschrift „N e a r East and
I n d i a" behandelt unter anderem die illegale Einwan¬
derung nach Palästina, wobei sie zu der bemerkenswerten
Feststellung gelangt, daß diese Form der Einwanderung
zum großen Teil auf die Einschränkung der
gesetzmäßigen Einwanderung durch die
Palästina-Regierung zurückzuführen ist. In dem Artikel
heißt es unter anderem:
„Die meisten der zahlreichen Versuche, ohne Erlaub¬
nis in das Land zu kommen, müssen auf die Strenge
gewisser Einschränkungen zurückgeführt werden; so
können zum Beispiel Angehörige oder Verlobte
von in Palästina ansässigen Personen infolge der starken
Nachfrage keine Einreiseerlaubnisscheine bekommen und
versuchen infolgedessen, unbemerkt das Land zu betreten.
Ein zweiter Faktor in der illegalen Einwanderung ist
zweifellos die Tätigkeit geheim arbeitender skrupel¬
loser Agenturen in den Nachbarländern, die sich,
wie es heißt, 50 bis 60 Pfund per Kopf für das Ver¬
sprechen bezahlen lassen, ihre Opfr sicher nach Palästina
(ein Land, das jetzt von „Gold und Geld" fließt) zu brin¬
gen, und sie, sobald sie sie über die Grenze gebracht
haben, sich selbst überlassen, so daß die unerfahrenen
Leute der Polizei in die Hände fallen. Der Kampf geht
um die Behauptung der Jewish Agency, daß die Regie¬
rung die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit des
Landes beträchtlich unterschätzt hat."
die Meldung nach A en> York tragen soll, sich, vor
Neugierde krümmt. Immerhin ist. die ganze Dar¬
stellung noch harmlos.
.Inders bei Herrn Leonofskij, hinter dem
der Schriftsteller Eeon Scludit zu stecken scheint.
Am 22. Juli bringt, nämlich das „Morning Journal"
eine spezielle kubelmeldung seines Wiener Korre¬
spondenten. Sch. Leonofskij (Schuld Leon), die also
lautet:
„Als Resultat der Tatsache, daß Abraham
Stawsky vom Obersten Gericht in Palästina frei¬
gesprochen wurde, hat sich gestern Abend (Freitag,
den 20. Juli) eine schreckliche Sabbat-Schändung
ereignet, welche die ganze hiesige Judengemeinde heftig
erregt hat.
Während man in der hiesigen .polnischen Schul'
zu Abend betete, kam eine Bande von Trumpeldor-
Kerlen in das Bethaus hinein und begann als Ausdruck
ihrer Freude Uber Stawskys Freilassung revisionistische
Lieder zu singen."
Der Bericht steigert sich, zu einer über¬
raschenden Pointe. Man. ..erfährt.'' aus ihm etwas,
iüus man. auf Grund der bisherigen Erfahrung und
des linken Programines nie für möglich gehalten
hätte, nämlich:
„Als man die Trumpeldoriten bat, den Gottes¬
dienst nicht zu stören und das Singen einzustellen,
riefen sie Pfui auf (Marx, erwache!!) mehrere Poale-
Zionisten, die am Gottesdienst teilnahmen. Es entspann
sich eine blutige Schlägerei und es traf Polizei ein,
welche die Streitenden mit Gummiknüppeln aus¬
einandertrieb. Heute Vormittags steht de Schul unter
Polizeischutz."
Der Realist Leonofsky hat Phantasie. Es wäre
allerdings zweckmäßiger, wenn er sie auf einem
anderen Gebiet, beispielsweise bei seiner Schrift-
stellerei, bekunden würde ...
27. August bis 6. September oder
27, September
Wian-Krakau-Wien
Wien - Lemberg—Wien
$ 50.-
S 78.-
Wien, III., Rennweg t
Telephon U-16-4-90
Ein Jüdisches Schiff mit deutschen
»
Unterwegs nach Palästina befindet sich zur Zeit
ein Frachtschiff namens „A t i d", das Antwerpen mit 720
tons Ware verlassen hat. Die ganze Schiffsmannschaft
besteht aus jungen jüdisch-deutschen Flüchtlingen. Der
Kapitän des Schiffes ist ein Herr M. Rosenthal aus Ham¬
burg, ein gewesener Offizier der deutschen Flotte. Nach
dem Anlegen in Jaffa, Haifa, Port Said und verschiedenen
Häfen des Aegäischen und Schwarzen Meeres wird „Atid"
die Rückreise nach Belgien antreten.
Einwanderung im Juni
Wie amtlich mitgeteilt wird, sind im Juni 2722 Per¬
sonen, unter ihnen 2519 Juden, nach Palästina ein¬
gewandert. 554 Einwanderer waren im Besitz eines Vor¬
zeigegeldes von mindestens 1000 Pfund und sind mit ihren
Angehörigen auf Grund von „Kapitalisten-Visen" .ein¬
gewandert.
Von den österreichischen
Vom Vorstand der Israelitischen Kbltusgemeinde er¬
halten wir folgende Mitteilung:
Die Flut beunruhigender Berichte der Vorwoche,
welche durch die erschütternden Ereignisse des 25. Juli
ausgelöst wurde, hat auch unter den Wiener Juden eine
gewisse Nervosität hervorgerufen. Es ist uns eine Mit¬
teilung zugekommen, wonach jüdische Sommergäste per¬
sönlichen Belästigungen ausgesetzt gewesen sein sollen.
Diese Mitteilung hat uns bestimmt, sofort bei den zu¬
ständigen Stellen Erkundigungen einzuziehen.
Wir sind, auf Grund der uns zugekommenen authen¬
tischen Berichte in der Lage, dem jüdischen Publikum
folgendes mitzuteilen:
„In allen österreicliischcn Sommerfrischen und
Kurorten herrscht völlige Ruhe. Das einheimische
Publikum hat sieh gegenüber den jüdischen Sommer¬
gästen vollkommen einwandfrei verhalten, die lokalen
Behörden sowie das Hotel- und Gastgewerbe zeigten
Uberall das aufrichtige Bestreben, allen Kurgästen
ohne Unterschied mit dem größten Entgegenkommen
zu begegnen. Ks besteht für das jüdische Publikum
kein wie immer gearteter Anlaß zu irgend welchen
Bedenken, österreichische Fremdenverkehrsorte auf¬
zusuchen und dort den Urlaub zu verbringen."
Einwanderung deutscher Juden
Einer kürzlich veröffentlichten statistischen Zusam¬
menstellung ist zu entnehmen, daß seit Beginn des Jahres
1933 bis zum April .1934 über 15.000 Juden aus Deutsch¬
land eingewandert sind, während im Verlauf von zwölf
Jahren bis 1933 insgesamt 1948 deutsche Juden sich in
Palästina niedergelassen haben.
Die Zwei-Millionen-Pfund-Anleihe
In einer speziellen Ausgabe der „Officiei
Gazette" wurde das Gesetz betreffs der Palästina-
Anleihe in der Höhe von 2 Millionen Pfund, die auf
Grund der parlamentarischen Sanktion von der britischen
Regierung garantiert wurde, soeben veröffentlicht. Dia
Anleihe wird durch die „Bank of England" durch¬
geführt.
Austritt Farbsteins aus der Misrachi-Leitung
In Tel-Awiw fand soeben eine Tagung des Zentral¬
komitees des M i s r a c h i statt, auf welchem Rabbi Fish-
mann die Mitteilung machte, daß Herr H. Farbstein
wegen verschiedener Umstände aus der örtlichen Misrachi-
Leitung ausgetreten sei. In die neue Leitung des palästi¬
nensischen Misrachi sind die Herren M. Bauminger,
A. Perlmann und J. Warschafsky gewählt worden.
Nachspiel zum Brith-Habirjonim-Prozeß
Gegen den Herausgeber der revisionistischen Zeit¬
schrift „Chasith Haam" Dr. Y e v i n, einen der An¬
geklagten im Brith-Habirjonim-Prozeß, ist
erst jetzt das Urteil gesprochen worden. Dr. Yevin wurde
wegen Geheimbündelei zu vier Monaten Ge¬
fängnis verurteilt. Das Verfahren gegen ihn war
seinerzeit ausgesetzt worden, da er infolge Krankheit
nicht vernehmungsfähig war.
Bestrafte Illegale
Das Gericht von Tiberias hat neun bucha¬
rische und vier s y r i s c he Juden, welche ohne Visa
nach Palästina gekommen sind, zu zwei Monaten Gefäng¬
nis und anschließender Deportation verurteilt.
Dr. David Bukspan geht nach Palästina
Wie wir erfahren, wird Dr. David Bukspan, der
Vorstand der zionistisch-revisionistischen Union Oester¬
reichs, in Kürze Wien verlassen und nach Palästina über-,
siedeln.
Samstag, den 4. August, fand im Klublokal der
Z. A. V. „Ivria" ein Abschiedsabend statt, an der
zahlreiche Freunde, Gesinnungsgenossen und Studien¬
kollegen Dr. Bukspans teilnahmen und diesem die herz¬
lichsten Wünsche für seinen neuen Wirkungskreis in Erea
Israel mitgaben.