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Jährgang 8
Freitag/ den 10* August 1934
Nr« 389
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Zeitung vom Verleger versendet
„Journal expetliö par rediteur"
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REVUE
HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER
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Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitätssir, 8, TeL A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag
Pogrome m Nordafrika — eine Wehgefahr
Die Nacht zum Montag, den 5. August, der Beginn pogromartiger Ausschreitungen arabischen Mobs gegen
die jüdische Bevölkerung in Constantino signalisiert eine Gefahr, deren Ausmaß heute noch nicht überblickt
werden kann. Jedenfalls ist es notwendig, sich nicht mit der Tatsache zu begnügen, daß die Niederhaltung der
aufgewühlten mohammedanischen Bevölkerung Constantines gelungen ist, sondern alle Triebkräfte in Augenschelu
sa nehmen, die hier am Werke sind.
Die algerische Stadt Constantine, wo kürzlich inohammedanische Horden das jüdische Viertel über¬
fielen, 27 Juden töteten und zahlreiche jüdische Häuser und Kaufläden durch Brand vernichteten.
Die Meldungen, die aus Constantine Uber Paris ein¬
treffen, lassen erkennen, daß der Ueberfall der moham¬
medanischen Araber auf 1 die Juden ein viel: ernsterer Vor- >
fall ist, als im ersten-,Augenblick angenommen, wurde. Die
Zahl der Toten reicht an 30 heran, darunter viele Frauen.,
und Kinder, die in den Wohnungen niedergemetzelt, ja
abgeschlachtet wurden. Das Erscheinen der französischen
Truppen machte Eindruck auf die mordenden und plün¬
dernden Araber, die .Buhe ist wiederhergestellt, aber, der,
beigelegte „lokale Zwischenfall" kann die Sorge um die
Zukunft nicht verscheuchen.
Der äußere Anlaß,' über den wir im nachstehenden
berichten, war einer jener Zufälle, die von Haus aus mit
einer politischen Bewegung nichts zu tun haben. Er war
die Folge bloßer Gerüchte. Aber der Hintergrund
des Auf ruhrs, der Impuls zum Pogrom hängt — das
ist für die eingeweihton Kreise feststehende Tatsache —.
mit einer systematischen Propaganda unter der moham¬
medanischen Bevölkerung in Französisch-Nordafrika zu¬
sammen. Die Symptome dieser Propaganda wiesen von
allem Anfang auf den deutschen Nationalsozia¬
lismus hin, der gleich nach seinem Sieg mit einer.
weltumspannenden Agitationsarbeit einsetzte.
Man wird.sich erinnern, daß bereits im Soramet
und Herbst vorigen Jahres Teile der palästinensi¬
schen Araber eine feindselige Haltung gegenüber den
Juden ohne ersichtlichen aktuellen Anlaß einnahmen. Ein
wenig später tauchten unter den Arabern der Küstenstädte
Palästinas Naziflugblätterjudcnfeindlichen
Inhalts in französischer Sprache auf, die von einem
reichsdeutschen Offizier des Dampfers „Smyrna" der
deutschen Levante-Linie stammten. Gleichzeitig setzte in
Oran (Tunis) eine antijüdische Hetze ein. Antisemitische
Flugschriften in französischer und arabschcr Sprache.
wurden unter die Bevölkerung verteilt, und als die Menge
zu Gewalttaten gegen die jüdischen Einwohner schritt,
war es der deutsche Konsul in Tunis, der die von
der französischen Behörde gesuchten Mörder und Mord¬
brenner beherbergte und ein wirksames Einschreiten
verhinderte.
In Beirut (Syrien) und in Bagdad (IraKj
drucken die arabischen Zeitungen Hitlers „Mein Kampf"
unbeanstandet ab. Die arabische Presse Aegyptens er¬
hält nachgewiesenermaßen Zuwendungen aus Hitler-
Deutschland. Geradezu grotesk wirkt die Tatsache, daß
Goebbels In Kairo eine Nazl-Propagaudastelle errichtet
hat und daß arabische Agenten eine spezielle Ausbildung
im Berliner Iieichspropagandaministerium erhalten.
Der Palästina-Besuch des deutschen Reichsinnen-
minlsters Dr. Frich im heurigen Frühjahr hatte, wie
wir bereits in unserer Ausgabe vom 17. Juli gemeldet
haben, den Zweck, der arabischen Exekutive, der Führerin
der arabischen extremen Nationalisten, Instruktionen zur
Verschärfung der arabischen Kampagne gegen die Juden
zu geben, wobei Frick dem berüchtigten Großmufti von
Jerusalem einen Scheck von 120.000 Pfund Sterling auf
eine ägyptische Bank hinterließ.
Die judenfeindllcho Propaganda in Smyrna
PENSION MERAK
(kleinasiatische Türkei), welche auf die antisemitischen
Exzesse im türkischen Thrazien folgte, geht zweifellos
■ auf die vom Hakenkreuz inszenierte Hetze zurück. Der
Londoner „Daily «Expreß" weiß ' aus Istanbul (Konstan¬
tinopel) zu * berichten, daß deutsche Ingenieure und
Techniker, die '
. von der, türkischen • Regierung • in der europäischen
und . in der asiatischen Türkei beschäftigt werden und
. die sich nebenbei, zum Teil sogar-im Hauptberuf, als
deutsche nationalsozialistische Propa-
g a n d ist e n betätigen, es verstanden haben, die
. lokalen türkischen Beamten zu der antisemitischen
. Aktion der Austreibung zu bewegen. Türkische Be¬
amte -wurden direkt zu dem Zwecke bestochen, um
- antijüdische Aktionen bei der. Bevölkerung auszulösen.
Die angeführten Vorfälle bezeugen einwandfrei, daß
das Hakenkreuz — in Constantine wurden beim arabi¬
schen Mob Kisten mit Hakenkreuzabzeichen gefunden —
seine Propagandatätigkeit auf die Länder rings um
das Mittelmeer ausgedehnt und es in erster Linie
auf das Entstehen antijüdischer Exzesse abgesehen hat.
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Die Aufpeitschung der Mohammedaner, die schließlich zu
blutigen Revolten führt, ist ein Teil des nationalsozialisti¬
schen Auslandspropagandaprogramms.
Es Ist die natürlichste Folge, daß es bei den blutigen
Ueberfallen auf Juden nicht bleibt. Der Unruheherd
läßt sich mit den gewöhnlichen Mitteln des Standrechts
nur für kurze Zeit eindämmen. Hier droht eine Gefahr,
deren man sich rechtzeitig bewußt werden muß. Ist doch
durch zahlreiche Erscheinungen festgestellt, daß die anti¬
semitische Propaganda Hitler-Deutschlands in den
mohammedanischen Ländern gleichzeitig gegen die Man¬
datarmächte Frankreich, bezw. England gerichtet ist und
somit einen feindseligen Akt gegen Europa als Ver¬
walterin dieser Gebiete darstellt.
Unter diesem Aspekt ist die Feststellung des fran¬
zösischen Generalgouverneurs C a r d e in bezug auf den
Hintergrund der algerischen Revolte ungerechtfertigt
optimistisch, ja geradezu leichtfertig. Monsieur Carde will
vielleicht seiner vorgesetzten Behörde und den interessier¬
ten Kreisen zu verstehen geben, daß seine Verwaltungs¬
tätigkeit zu keinerlei Besorgnis Anlaß gebe und man sich
auf ihn verlassen könne. Das ist sein gutes Recht. Er
darf aber lücht die Welt glauben machen, daß die moham¬
medanische Bevölkerung Algeriens und der anderen nord¬
afrikanischen Gebiete, nachdem ihr Blutdurst gestillt ist,
wieder friedlich zum Alltag zurückkehren und vielleicht
gar die französische Verwaltung lobpreisen werde. Der
Generalgouverneur erklärte nämlich nach einer Havas-
Meldung aus Algier:
„Ich lege Wert darauf, den rein antisemi¬
tischen C harakte r der Unruhen in Constantino
zu betonen, der durch die Tatsache bewiesen ist, daß
in den Vierteln, in denen die Zusammenstöße statt-
faanden, die Häuser der .Christen' gesohont wurden."
Der „rein antisemitische Charakter der Unruhen" im
französischen Verwaltungsgebiet bietet keinerlei Gewähr
dafür, daß hier nicht die Stimmung- ins Allgemelnpolitlsche
umschlägt, wie dies beispielsweise in Fez der Fall war,
wo es gegen den von Frankreich eingesetzten Sultan
von Marokko zu Demonstrationen seitens arabischer
Chauvinisten kam.
Die nationalsozialistische Propaganda hat sich die
mohammedanischen, von England und Frankreich ver¬
walteten Gebiete am Mittelländischen Meer zum Angriffs¬
punkt gewählt. Die erste Etappe dieses Angriffs, die
Hetze gegen die Juden, die bis zu blutigen Pogromen ge¬
führt hat, darf nicht bagatellisiert werden. Revolten»
welcher Art immer, können sich zu einer Weltgefahr
auswachsen.
Nachstehend bringen wir die wichtigsten Meldun¬
gen über die Exzesse in Constantine. Bekanntlich ver¬
breiteten die Mohammedaner das Gerücht, ein jüdischer
Soldat sei in trunkenem Zustand in eine Moschee einge¬
drungen und hätte den Gottesdienst gestört.
7. August. (Tel.-Comp.)
Ein Sonderberichterstatter des „M a t i n" meldet
aus Constantine, daß die Eingeborenen, die in die
jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser eingedrungen seien,
Benzinkannen mit sich geführt hätten, um die Gebäude
schnell in Brand stecken zu können. Sie hätten zunächst
alles ausgeplündert, die jüdischen Bewohner und
Geschäftsleute verletzt oder getötet und dann Feuer
angelegt, so daß zahlreiche Verletzte in den Flammen
den Tod fanden.
Zeitweise habe , man befürchten müssen, daß die
ganze Stadt in Flammen aufgehe, da es der Feuerwehr
infolge des Wassermangels unmöglich gewesen sei, die
zahlreichen Brandherde zu löschen.
Ueber die Stadt Constantine ist der Belagerung»-.
zustand verhängt worden. Fortgesetzt treffen in Sonder¬
zügen neue Kolonnen von Truppen und Polizeiverstärkun¬
gen aus anderen Städten Algeriens ein. Flugzeuge über¬
fliegen die Stadt und schwerbewaffnete Patrouillen durch¬
ziehen die Straßen, in denen noch große Blutlachen von
den vorangegangenen schweren Kämpfen Zeugnis geben;
Die Juden flüchten in Scharen aus der Stadt. Man
befürchtet, daß sich die judenfeindliche. Bewegung auf das
ganze Land ausdehnen wird. Aus mehreren Dörfern der
Umgebung werden bereits Ausschreitungen gemeldet, bei
denen eine Anzahl Juden ums Leben gekommen ist.
Im Laufe des Montags ist es trotz den aus allen
Nachbarstädten herangezogenen Verstärkungen, erneut
zu schweren.Zusammenstößen gekommen, in
deren Verlauf wieder zahlreiche Personen verletzt wurden
und auch mehrere Tote zu beklagen sind.
Nach Berichten eines Augenzeugen, die vom „M a-
t i n" wiedergegeben werden, haben die Einwohner zahl¬
reiche in den Hauptstraßen der Stadt gelegene jüdische
Geschäftshäuser vollständig zerstört. Im Laufe der Un¬
ruhen sei es wiederholt zu schweren Schießereien gekom¬
men, die zahlreiche Opfer gefordert und die ganze Stadt
in Schrecken versetzt hätten.
Paris, 7. August. (Havas.?
Die über die Lage in Constantine hier eingelangten
Nachrichten zeigen, daß das Einlangen von Truppenver¬
stärkungen dazu beigetragen -hat, die Ruhe wiederherzu¬
stellen, und daß der Tag ohne Zwischenfälle verlaufen ist.
Man zählt 25 Todesopfer, darunter 22 Juden, welche
im allgemeinen in ihren Häusern ermordet wurden, und
30 Verletzte. Unter den Juden waren mehrere als Ge¬
schäftsagenten und Geldverleiher bekannt und sie wurden
wahrscheinlich Opfer privater Rache.
Nach einer Mitteilung des Generalgouverneurs
Carde ist die Ruhe vollständig wiederherge¬
stellt. Erst die nächsten Tage werden die Bestätigung
dieser Nachricht bringen.
Paris, 8. August. (T. C.) In Constantine fand am Mitt¬
woch morgens die Beisetzung der 27 Opfer der .iudenfeindlichen
Ausschreitungen statt.
Die judenfeindliche Bewegung droht sich nunmehr auf das
flache Land auszudehnen. Aus mehreren Ortschaften wird
berichtet, daß die Eingebornen jüdische Geschäfte und Wohn-
hliuser geplündert und in Brand gesteckt haben. Todesopfer
werden bisher nicht gemeldet.
Die Zahl der verhafteten Araber hat sich auf drei¬
hundert erhöht. Es handelt sich dabei meist um Eingeborne,
die beim Plündern oder bei Brandstiftungen angetroffen wurden.
Dagegen ist es nur in zwei Fällen gelungen, der Mörder von
Juden habhaft zu werden.
Die Haltung der Truppen während der Unruhen hat
scharfe Proteste der algerischen Presse ausgelöst. Nach den Dar¬
stellungen der Blätter hat das Militär die Ausschreitungen gegen
die Juden stillschweigend geduldet. So wird be¬
richtet, daß mehrere Lastwagen mit Militär die Hauptstraße der
Stadt durchfuhren, als gerade jüdische Geschäfte in Brand ge¬
steckt und die Familien der Besitzer getötet wurden. Die Soldaten
hätten sich das Schauspie! sehr interessiert angesehen und seien
dann weitergefahren, ohne einzugreifen. Die „Depeche Alge¬
rt o n n e" schreibt, die Plünderer hätten ihre Arbeit straflos
unter den Augen der Truppen verrichten können. Alles habe sich
so abgespielt, als ob die Hüter der Ordnung nur als Zeugen
aufgestellt gewesen wären.
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