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Nr. 389
DIE NEUE WELT
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Neue §dhurken§*rei'die des Hi'llerfreundes Streicher
Er besudelt den Präsidenten
Die Nürnberger Zeitung „Der Stürmer", welche
vom intimsten Freunde Adolf Hitlers, dem be¬
kannten Pogromantisemiten J u I i u -? Streicher,
herausgegeben wird, hat nach der in der ganzen Welt
Aufsehen und Abscheu erregenden Ritualmord-
Nummer nunmehr eine Ausgabe veranstaltet,
welche den Titel „Geheimnisse" trägt.- Diese
Nummer befaßt sich im Zusammenhang mit der
JudenfragÄ auch mit der Person des Staatsober¬
hauptes der Tschechoslowakei Präsi¬
denten Th. G. Masaryk. Dieser, von der ganzen
Welt mit größter Ehrfurcht betrachtete Mann wird
in der schmählichsten Weise beschimpft. Anlaß bietet
die Besprechung eines Buches von Bruno Adler
„Kampf um Polna", in welchem selbstverständlich
auch der Rolle des Präsidenten Masaryk gedacht
Nach
en
Gesellschaftsreise und Einzelreisen mit Schnelldampfern
der S. M. R.
Reisedauer Wien-Haifa 4 Tage, mäßige Preise erster,
zweiter und dritter Klasse.
P A S S A G v B Ö R O, Wien IV, Wiedner Gürtel 1B
gegenüber dem üiidbahnhof
wird, welcher damals unerschrocken gegen eine ver¬
hetzte große Majorität des eigenen Volkes den
Kampf für die Wahrheit, das heißt gegen die B 1 u t-
mordlüge geführt hat. Im „Stürmer" heißt es:
„Dieser Märtyrer — um es gleich vorwegzu¬
nehmen — ist der Polnaer Jude H i 1 s n e r, der 7Avei
Christenmädchen schachtete und deren Blut die
Polnaer Judenge mein de zu rituellen Zwecken
mißbrauchte. Hilsner wurde von einem Gericht, dem
man nichts weniger als Judenfeindlichkeit nachsagen
konnte, infolge erdrückender Indizienbeweise eines
nach allen Regeln der Kunst verübten Ritual¬
mordes zum Tode verurteilt, und das in
jeder Hinsicht gerechte Urteil wurde, obgleich der
Prozeß alle Instanzen durchlief, nicht aufge-
h o b e n."
„Erst als es dem Judentum gelang, den damali¬
gen Abgeordneten Th. G. M a s a r y k zu kau f e n
(heute ist dieser halbjüdische Helden¬
greis Präsident der Tschechei) und dieser
wiederum maßgebende Wiener Kreise zu b e s t e c he n
wußte, wurde das Todesurteil in lebensläng¬
liches Zuchthaus umgewandelt. Als die
Tschechei ausgerufen wurde, holte Masaryk
seinen Freund selbstverständlich aus dem Ge¬
fängnis, ernannte ihn zum Rabbiner einer
kleinen tschechischen Stadt und ent¬
schädigte ihn mit rund einer Million
DL' Schechen krönen. In einem Wiener Sanatorium
starb Hilsner später an Paralyse. Dies die kurz ura-
rissenen Tatsachen."
„Aber Adler weiß es besser. Nicht der Mörder,
nein die ermordeten Opfer waren die Schuldigen. Er
schüttet Unratkübel über Unratkübel über sie aus,
schmäht, verleumdet ihre Familien, verdächtigt den
Pfarrer des Orts und verbraucht dreihundert Seiten
Seife, um Hilsners Seele rein, blütenrein zu waschen.
Thomas Garrigue Masaryk, diesen jüdi¬
schen Siegfried, lobpreist er, weil er gegen den
Drachen des Antisemitismus so tapfer zu Felde zog."
„Da gibt es nun in Prag ein übles Blättchen, das
sich die „Neue Wcltbülmo" nennt, und dieses bezeich¬
net den Roman als literarisches Weltereignis., und
bringt auf Seite 683 bis 688 seiner Folge vom 31. Mai
1934 sogar einen Kapitelabdruck, der jene stürmische
Studentenszene schildert, in der die Hörer
gegen den gekauften Halbjuden Masaryk
demonstrieren, dessen damals zutage tretende
Feigheit Adler in makkabäischen Mut umzu-
fälschen sucht. Die Mohrenwäsche mißlingt ihm
gründlich. Masaryks eigenhändig geschriebene Bro¬
schüre, die das Judentum enthusiastisch verherrlicht,
zeugt wider ihn selbst. Zwei Tatsachen stehen un¬
widerleglich fest:
1. Jude Hilsner hat zwei Morde begangen, an
denen das gesamte Judentum schuldig ist. Für diese
einwandfrei bewiesenen Ritualmorde wurde er zum
Tode verurteilt.
2. Thomas Garrigue Masaryk, heute Präsi¬
dent der tschechischen Republik, hat das
tschechische Volk an die Juden verraten! Ver¬
raten und verkauft!"
„Wir glauben nicht, Aaß Adler seinem Blute mit
diesem „Schrieb" einen guten Dienst erwies. Der In¬
halt stinkt zu sehr!"
Es erübrigt sich wohl, über dieses Pamphlet, so¬
weit es Präsidenten Masaryk betrifft, etwas zu sagen.
Nur um die Verlogenheit zu charakterisieren, sei be¬
merkt: Leopold Hilsner ist nicht vom Präsidenten
Masaryk, sondern zwei Jahre* bevor e§ überhaupt
einen tschechischen Staat gab, von Kaiser Karl
von Oesterreich begnadigt worden. Er war
selbstverständlich nie Rabbiner, und hat nie
eine Entschädigung erhalten. Der arme Mann mit
höchst primitiver Vorbildung, er war Dorfgeher, hat
nach seiner Freilassung in Wien einen kleinen Hausier¬
handel betrieben, hat von diesem und Almosen o^iebt
und ist auf der Armenabteilung des Spitals der Wiener
Judengemeinde an einer Lungenentzündung gestorben.
Nun im Zusammenhang ein Charakterbild der
Hitler-Regierung: Diese unflätige Beschimpfung eines
Staatsoberhauptes schien auch der Hitler-Regierung
als etwas zu gewagt und kurz nach Erscheinen des
Blattes ließ Herr Hitler in der ganzen Welt verbreiten,
daß die Ausgabe des „Stürmers" wegen
Beleidigung des Oberhauptes eines
fremden Staates beschlagnahmt und
ihre Verbreitung verboten worden sei. Das wurde auch
dem tschechischen Gesandten in Berlin offiziell
mitgeteilt. Alles erlogen! Daas uns vorliegende
Exemplar des „Stürmer" wurde acht Tage nach der
„Beschlagnahme" von einem Freunde unseres Blattes
in Leipzig bei einer öffentlichen Kolpor¬
tagestelle gekauft und uns übermittelt!
Streicher fälscht frech neue
„Protokolle"
In derselben Nummer des „Stürmer" beginnt
Streicher unter dem Titel „Geheimnisse des
Prager Ghettos und seine Verbrechen"
eine Serie von bisher unbekannten authentischen „Pro¬
tokollen" aus dem Prager Ghetto. Die erste Veröffent¬
lichung betrifft die Geschichte des Prager jüdischen
Augenarztes Dr. Wassory. Sie lautet:
^eben dem Tor ist ein porzellanenes Schild an¬
gebracht :
M. U. Dr. Sally Wassory,
Augenarzt,
Sprechzeit 10—5 Uhr.
Dr. Wassory ist vornehm gekleidet* seine Anzüge
sind teuerstes englisches Tuch, sein krötengleiches,
aufgedunsenes Gesicht mit der platten Nase und den
froschartigen Lippen aber ist jüdisch, erzvaterhaft
jüdisch, wenngleich er sich einen anderen Namen ge¬
kauft!
Die Menschen, die bei ihm Hilfe suchen, sind
augenkrank. Ein Schleier hat sich vor ihren Blick ge¬
legt, sie sehen doppelt, die Umrisse der Gestaltung
verschwimmen ihnen mit einem Male, sie sehen farbige
Silhouetten.
Es sind nur reiche Patienten, die den Weg zu
Dr. Wassory finden, denn er verlangt fünfzig Gulden
für die Ordination. Aber die Angst, zu erblinden, läßt
sie diese hohe Summe gern zahlen.
Ein anderer Arzt würde ihnen eine Brille ver¬
schrieben haben oder eine Salbe, wenn es sich um eine
Verdickung der Hornhaut handelte, denn die Mehrzahl
der Fälle sind harmlos. Kurz- und Weitsichtigkeit des
Auges, angeborener Astigmatismus.
Doktor Wassory legte bei diesen Untersuchungen,
die er für die Patienten stets möglichst schmerzhaft
gestaltete, die Stirn in ernste, besorgte Falten.
„Glaukom! Grüner Star!" —- „Das bedeutet?" —
„Das bedeutet Erblindung in kürzester Zeit!"
„Die Kranken erbleichen. „Sichere Erblindung in
kürzester Zeit? Gibt es gar keine Rettung?"
Da nickte Doktor Wassory. „Doch, es gibt
Verwöhnte Strohwitwer speisen vorzüglich im
Re§taurant Höfel Sl efaraie
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Reichhaltige Menüs von S 1.60 aufwärts Täglich frische Fische
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eine Rettung! Schleunigste Operation! Durch mich
ausgeführt! Diese Operation kostet dreitausend
Gulden!"
Manche Kranke erschraken. Manche zögerten.
Wollten zuvor doch noch einen anderen Arzt konsul¬
tieren.
Doktor Wassory lächelte gefroren. Setzte seine
eisigste Miene auf.
„Bitte. Aber ich mache Sie aufmerksam, daß Ihr
Auge eine zweite Spiegeluntersuchung nicht aushält
und eine sofortige Erblindung die Folge ist!"
Da ließen sich die Geängstigten widerstandslos
zur Operationsbank führen. Nun ruft diese Operation
einen Zustand des Geblendetseins hervor, der das
Leben zur steten Qual gestaltet, wenngleich eine völ¬
lige Erblindung nicht eintritt. Zudem kann nach er¬
folgter Operation kein Arzt den Nachweis erbringen,
ob das Auge vorher glaukomkrank war oder nicht.
So schien Wassory also vor jeder Entdeckung
geschützt, mordete Hunderten ihre gesun¬
den Augen — mit dem stets gleichen, krötenartigen
Grinsen. Und das Bankkonto, bei seinem Onkel K i s c h
angelegt, wuchs und wuchs.
Kurzsichtige, Augenschwache, solche, denen «ine
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| sucht Stundenbeschäftigung §
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E Zuschriften unter „Beste Referenzen" an dir Adm. E
E diesem Blattes 5
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BrVi- genügt hätte, wurden seine Opfer. Bis ein
deutscher Arzt auf Wassorys Treiben aufmerk¬
sam wurde, sich selbst als Patient in seine Behandlung
begab. Auch bei ihm stellte der Verbrecher „Grünen
Star" fest, auch bei ihm riet er zur Operation.
Der Arzt benachrichtigte den Staatsanwalt.
Aber Staatsanwalt und Juden waren im
alten Oesterreich stets gute Freunde.
So wurde Wassory gewarnt und bereitete sich zur
Flucht.
Da aber stellte sich ihm seine Wirtschafterin
entgegen, eine Tschechin, die er vor Jahren verge¬
waltigt und dann zu sich ins Haus genommen hatte.
Sie, die Mitwisserin seiner ungezählten Verbrechen,
wollte nicht, allein zurückbleiben, wollte mit ihm
fliehen.
Wassory war Jude! Was galt ihm das Leben
einer Goja? Nichts! Denn der Talmud lehrt es
ja, daß ein Nichtjude weniger gilt als ein
Stück Vieh. So beschloß er, sich ihrer zu ent¬
ledigen. Goß zwei Gläser voll Wein, tropfte in das eine
Amylnitrit. Schob dieses Glas seiner Haushälterin zu.
Die mochte die Absicht Wassorys durchschaut haben,
vielleicht war es auch nur eine schicksalhafte Fügung 1 ,
daß der Jude nach dem falschen Glas griff und es.
mit einem Zuge leerte! Die eindringende Polizei fand
ihn tot am Boden liegen."
*
Diesen dramatischen „authentischen" Bericht
über die Mordgeheimnisse des Prager Judenghettos
bringt Streicher in einer Form, als handelte es sich um
Auszüge aus Polizeiprotokollen, zeitge¬
nössischen Berichten usw. Woher stammt
aber diese ganze Geschichte von dem dämonischen
jüdischen Augenarzt Dr. Sally Wassory in
Wirklichkeit?
Im Jahre 1917 ist im Verlage Kurt Wolff in
Leipzig der abenteuerliche Roman „Der Go 1 em" des
durch seine phantastischen Darstellungen berühmten,
vor drei Jahren gestorbenen Prager Dichters Gustav
Meyrink erschienen. Eine der Hauptfiguren dieses
Romans heißt Dr. Sally Wassory und die ganze
Geschichte im „Stürmer" ist eine Abschrift
aus dem. Roman. Streicher hat sich nicht einmal
die Mühe genommen, den Namen und die im Roman
geschilderten Vorgänge zu variieren. Buchstäblich ab¬
geschrieben hat er und präsentiert ganz unver¬
schämt dem 70-Millioneu-Volk der Deutschen ein
Kapitel aus einem phantastischen Roman als „Prot o-
k o 11 e" und „Enthüllte Geheimnisse und
Verbrechen aus dem Prager Juden¬
ghetto"!
Hier scheint die schurkische Frechheit der Fäl¬
scher der „Protokolle der Weisen von Zion" übertroffen.
//
IVfasaiyk und der //Kampf um Polna
Der J. T. A. (Prag) wird geschrieben:
„In nächster Nähe eines Landstädtchens an der
böhmisch-mährischen Grenze wird die Leiche eines Mäd¬
chens gefunden. Ihr Verschwinden, die häuslichen Verhält¬
nisse, allerlei auffällige Umstände bei der Entdeckung des
Verbrechens deuten darauf hin, daß der Bruder und die
Mutter der Ermordeten mit der Untat in Verbindung
stehen. Aber die Leiche hat neben anderen Verletzungen
auch einen Schnitt durch den Hals, und schon —
es ist um Ostern des Jahres 1898 — steht es fest: ein
Ritualmord! Als Täter bezeichnet man — ohne daß
auch nur der Schatten eines Beweises vorliegt — einen
jungen jüdischen Lumpenproletarier: Leopold Hilsner
in Polna. Das Volk droht mit Lynchjustiz und nimmt, ver¬
treten durch den Ortsgendarmen, die Verhaftung vor. Und
nun hebt ein Treiben an, das in der Geschichte der
Justizmorde nicht seinesgleichen hat. Die kleine
Stadt, fanatisch hinter ihrem Opfer her, erhält Sukkurs
aus Prag und Wien. Journalisten und Politiker wit¬
tern die Chance und stürzen sich kopfüber in die Affäre.
Pogrome werden inszeniert, ein privates Nebengericht
etabliert sich und reißt die Führung der Untersuchung an
sich, Aussagen werden beeinflußt, erschlichen und diktiert,
im Reichsrat und in den Landtagen häufen sich
die Skandalszenen, auf den Straßen der Städte, in den
Dörfern, in Zeitungen und in Versammlungen, von Kanzeln
und Kathedern hallt es mit tausend Stimmen: Ritual¬
mord! Ein Mördervolk lebt unter uns! Jeder
ist ihm preisgegeben! Als eine organische Konsequenz er¬
gibt sich aus dieser Kampagne das Todesurteil, das
die Geschwornen in Kuttenberg fällen.
. Jetzt aber steht ein Mann auf und spricht. Ein Ein¬
zelner gegen ein ganzes verhetztes Volk, gegen ein ganzes
verdummtes Weltreich. Es ist der Universitätsprofessor
T. G. Masaryk, der noch nie die Gelegenheit versäumt
hat, sich für die Wahrheit einzusetzen, auch wenn sie ihr»
bei seiner Nation unbeliebt machte. Immer tiefer wird er
in den Wirbel der Affäre hineingezogen, immer fester ver¬
beißt er sich in das juristische, kriminalistische und sozio¬
logische Problem. Mit dem Erfolg, daß das ganze Volk
sich gegen ihn stellt, daß die Studenten ihn boykottieren
und ihn und seine Frau insultieren. Seinem Eingreifen und
einer Kabinettsumbildung in Wien in die Revision
des Urteils zu verdanken. Nun, vor dem zweiten Pro¬
zeß, lodert der Paroxysmus um so gewaltiger auf. Ein
älterer Mordfall wird aus den Akten ausgegraben und
gleichfalls Hilsner zugeschrieben ...
Man lese all dies in dem soeben erschienenen Bucha
Bruno Adlers „Kampf um Polna", M. Kacba.-Verlagi,
Prag, nach.