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Nr. 619 vom 31. Dezember 1Ö36
ME NEUE WELT
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Juden — Faschismus —
Nazismus
London, 22. Dezember. (J. T. Aj Bei der in
London am Sonntag, den 20. Dezember, abgehaltenen Be¬
ratung des Board of Deputier öf British .Jews (Verband
der englischen Judengenieindeh) kam es zu einer Aus¬
sprache darüber, daß vielfach die jüdische Gemeinschaft
mit dem Kampf gegen den Faschismus identi¬
fiziert" wird, besonders seitdem der Antisemitismus zum
politischen Glaubensbekenntnis der Päschisten in
England geworden ist..
Der Vizepräsident Sir Robert Waley Cohen trat
dieser irrigen Auffassung. entgegen. Andererseits stellte
«r Aeußerungen der Presse in Abrede, dehenzufolge er
„beinahe" Faschist .sei. ....
Auf die Tätigkeit der. „British Union of Fascists"
verweisend, sagte Sir Robert: Charakteristisch für die
Nazi-Methoden ist die Behauptung, daß, „j6 größer die
Lüge, desto größer die Chance sei, daß sie geglaubt
werde". Diese Methode habe sich die Mo sley-Orga¬
nisation zu eigen gemacht. Während ihre Anhänger
sich Faschisten nennen, sind sie in Wirklichkeit Nazis
des unerquicklichsten und am meisten dis-
kreditierten Typus.
Faschismus bedeutet weniger Gefahr für die Welt
als Nazismus. Wir müssen den Unterschied zwischen
Faschismus und Nazismus betonen. Es ist kein Zweifel,
daß die tiefstehende und diskreditierte Philosophie des
deutschen Nazismus, die einem krimihellen Menschentyp
Zuflucht bietet, mich die Philosophie ist, die die geistige
Heimat, von Sir. Oswald Mosleys Organisation darstellt.
Diese Bewegung wird mit mehr Recht als au s D e u t sc h-
land importierter Nazismus, denn als aus Ita¬
lien importierter Faschismus angesehen. Italien ist seinen
Juden gegenüber freundlich eingestellt.
Der Präsident Leonard G. Montefiore er¬
wähnte ein. anläßlich des Weihnachtsfestes in Deutsch¬
land herausgebrachtes Kinderbilderbuch. Sogar
Nazis schämen sich dieses Buches. Der „Völkische Be¬
obachter" erwähnte in seinen Berichten über den Frank¬
furter-Prozeß das Buch und erklärte es für „unglaub¬
haft, daß es in Deutschland gedruckt worden sein soll".
Das Buch aber kommt aus dem „S t ü r m e r" - V e r-
I a g und ist seiner würdig. In ekelerregenden Versen und
Bildern wird den Kindern gesagt, daß des Juden Vater
der Teufel ist, die Juden der Abschaum der Menschheit
sind und für sie kein Platz in Deutschland sei.
Wer das wahre Gesicht des heutigen
Deutschland kennen lernen will, fuhr Montefiore
fort, wird aus dieser Art Propaganda mehr lernen als'
aus Ansprachen deutscher Botschafter oder den
Berichten jen#r Leute, die von einem kurzen Deuts ehr
land-Besuch zurückkehrten. '
Antisemitischer Abgeordneter von jüdischen Offizieren
gefordert ,
Aus W a rach äu: Der Abgeordnete B u d z y n-
ski, der im polnischen Sejm eine scharfe juden¬
feindliche Rede gehalten hat, ist von mehreren jüdi¬
schen Offizieren der polnischen Armee zum Zwei¬
kampf herausgefordert worden, weil er in seiner Rede
auch das Andenken der im Kampf gegen Sowjetrußland
gefallenen jüdischen Soldaten geschmäht hat. Die
jüdischen Offiziere erklärten, daß Budzynski. der selbst
ehemaliger Offizier ist, dadurch, daß er die. gefallenen
Kameraden beschimpfte, zugleich auch die jüdischen An¬
gehörigen der Armee persönlich beleidigt hat.
Energischen Protest gegen die Rede des Ab¬
geordneten Budzynski, hat auch der Verband der jüdischen
Kriegsteilnehmer erhoben. An den polnischen Ge¬
neralissimus, Marschall Rydz-Smigly, wurde ein Tele¬
gramm gesandt, in dem die Empörung der jüdischen An¬
gehörigen der bewaffneten Macht Polens Über die
Schändung des Namens der für das Vaterland gefallenen
jüdischen Soldaten zum Ausdruck gebracht wird.
*
Abg. Budzynski, welcher vor seiner Wahl eine Er¬
klärung gegen den Antisemitismus abgegeben hatte,
wurde mit Hilfe jüdischer Stimmen gewählt.
Judeiigememde Krakau
Aus Krakau: Mit Rücksicht darauf, daß die bis¬
her getrennten jüdischen Gemeinden von Krakau und
P o d g o r'z e vereinigt werden sollen, ist die Verwaltung
der Jüdischen, Gemeinde. Krakau aufgelöst worden. Es
wurde von der Behörde eine kommise arische
Lei.tun, g eingesetzt, in die, auch drei Zionisten
berufen wurden. Diese halfen aus. grundsätzlichen Er¬
wägungen heraus die Berufung, abgelehnt,
Der War«diauer jüdische Gemeinderat
vor der Auflösung
Aus Warschau (J. T. A.): Die .wochenlange
Krise in der Repräsentanz der Warschauer Jüdischen
Gemeinde soll jetzt dadurch gelöst werden, daß ein Re¬
gierurigskommissär und ein ernannter Beirat
mit der Leitung der Gemeindegeschäfte betraut werden.,.
Als Regierungskommissär ist der kaufmännisöhe Ver¬
treter Maurice M e i s 1 in Aussicht genommen. Der Bei¬
rat soll aus Vertretern der jüdischen Wirtschaftsorgani¬
sationen, der orthodoxen „Ag u d a" und der Zionisten
bestehen.
In jüdischen demokratischen Kreisen wird die be¬
absichtigte Auflösung als ein Eingriff in die .letzten Reste,
jüdischer Selbstverwaltung in Polen tief bc-'
dauert. Man erwartet, daß das Zionistische Zentral¬
komitee, ebenso wie seinerzeit bei der Einsetzung einer
ernannten Stadtvertretung in Warschau, die Mitglieder
der Organisation auffordern wird, etwaige Berufungen in
den Beirat der Jüdischen Gemeinde nicht anzu¬
nehmen.
Die jetzige Repräsentantenversammlung ist am
6. September gewählt worden. Die im nationalen Block
zusammengeschlossenen zionistischen Gruppen, der s o-
z i a 1 i s t i s c h e „Bund" und die „Aguda" waren unge¬
fähr gleich stark. Die Bildung einer arbeitsfähigen Mehr¬
heit stieß deshalb auf große Schwierigkeiten. Der Vor¬
schlag der Zionisten, eine Konzentrations¬
leitung unter gleichmäßiger Beteiligung aller drei
Gruppen zu bilden, konnte nicht verwirklicht werden,
weil einerseits die „Aguda" das Zusammengehen mit den
antireligiösen Vertretern des „Bund" ablehnte und an¬
dererseits diese unbedingt den Posten des Vor¬
sitzenden für sich beanspruchen.
*
Aus Warschau: 28. tiezember. (Z. T. A.) In
zweitägigen Beratungen sämtlicher Fraktionen, die der
Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde Warschau ange¬
hören, wurden die durch die angekündigte Auflösung der
gewählten Gemeindevertretung geschaffenen Verhältnisse
erörtert. Sämtliche Fraktionen mit Ausnahme der
„Aguda", deren Vertreter erklärten, noch nicht Stellung
nehmen zu können, nahmen eine Entschließung an, die
sich gegen #die Verletzung der jüdischen Ge¬
meindeautonomie wendet und die Angehörigen der
einzelnen Fraktionen verpflichtet, eine Berufung in eine
kommissarische Gemeindevertretung abzulehnen.
Einige jüdische Zeitungen, die gegen die beabsich¬
tigte Einsetzung einer kommissarischen Gemeindevertre-
-tühg in der Warschauer Jüdischen Gemeinde polemisiert
hatten, sind beschlagnahmt worden. Den Blättern
wurde seitens der Regierung jede Stellungnahme gegen
den Plan einer kommissarischen Gemeindevertretung ver¬
boten.- :
David und Else Nebenzahl danken auf diesem
Wege allen Organisationen,' Freunden und Bekannten für
die überaus zahlreichen und herzlichen Gratulationen' an¬
läßlich ihrer silbernen Hochzeit.
Medizmstudflum in Palästina
Der bekannte Mediziner und Professor an der He¬
bräischen J e r u s a le rn e r U n i v e r s i t ä t Prof. Bern¬
hard Z o n d e k, der * einige Tage in Wien weilte, teilte dem
J. T. A.-Vertreter mit: • ' . :. .....
. Die EhtvÄl&g d3r*''m'Mztnischeri Wissenschaft'in
Palästina nimmt ohne^Rücksicht auf die Ereignisse in
der letzten Zeit einen''ungewöhnlichen Aufschwung, der
sich ohne Zweifel für den'g an z e n Orient in segens¬
reicher Weise auswirken wird. Auch die Wissenschaft der
ganzen Welt wird durch die eifrigen Bemühungen jüdischer
Gelehrter und Forscher, die in immer größerem Ausmaß
nach Palästina einströmen, bereichert werden. Das im
Bau, befindliche Spital am Universitätsplatz
wird das hervorragendste Zentrum der Krankenheilkunde
im ganzen Orient werden. Die Entwicklung der Jerusalemer
Universität gibt zu den kühnsten Erwartungen Anlaß.
Unter* den jüdischen Forschern und Gelehrten herrscht
eine uneingeschränkte Zuversicht bezüglich der weiteren
Fortschritte auf allen Gebieten des jüdischen Lebens. Dem
Genius des jüdischen Volkes wird es gelingen,
im eigenen Lande diese Arbeit auf dem Gebiete der
Wissenschaft fortzusetzen, an der es in anderen Ländern
in so hervorragender Weise Anteil nahm.
Derzeit befaßt sich Prof. Zondek mit den weiteren
Forschungen über die Hirnanhangsdrüse, deren Vörder-
,läppen, wie er gemeinsam mit Dr. Aschheim feststellte,
der Regulator der Sexualfunktion ist. In diesem Zu¬
sammenhange wird auch die Entdeckung eines neuen
Hirnänhangshormons erwähnt, das Prof. Zondek Prol an
nannte. Versuche'ergaben, daß dieses Prolan auch das
Wachstum von Geschw ülsten beeinflußt, so daß
Prof. Zondek, der auf dem Gebiete der Krebsforschung
mit seinem Bruder, Professor Hermann Zondek, eng zu¬
sammenarbeitet, hoffen kann, damit einer wirksamen Be¬
handlung- der. Krebskrankheit nähergekommen zu sein.
Ueber die letzten Ereignisse in Palästina befragt,
erklärte Prof. Zondek, er habe die größte Zuversicht, daß
alle Schwierigkeiten durch den geeinten Jischuw über¬
wunden werden und die Weiterentwicklung Palästinas zu
den schönsten Hoffnungen berechtigt.
Prof. Zondek gehört zu den führenden Gelehrten
Europas auf dem Gebiete der Gynäkologie und
Hormonforschung. Er mußte Deutschland nach dem Um¬
sturz verlassen, von wo er für kurze Zeit nach Stockholm
und später dauernd nach Jerusalem übersiedelte. Er ent¬
stammt einer. Familie, von der sechs Mitglieder als be¬
deutende Mediziner, davon drei jetzt in Palästina,
wirken.
Letzte Nachriditen au§ Palästina
Neue Gewaltakte
Aus Jerusalem wird gemeldet:
Auf der Straße Tiberias—Nazareth sind vier von
jüdischen Chauffeuren gelenkte Lastwagen von
bewaffneten Arabern angehalten worden. Während
zwei Autos entkommen konnten, wurden die beiden
anderen ausgeplündert.
Der Vorsitzende des arabischen Arbeiterverbandes,
Michel Mifri, wurde von arabischen Attentätern durch
Revolverschüsse verletzt.
Zum ersten Mal seit der Beendigung des Streiks
ist die Chaussee J c r u s a 1 e m—T e 1 - A v i v wieder mit
Nägeln bestreut worden, in der offenkundigen Absicht,
den lebhaften Autoverkehr auf dieser Straße zu stören.
In der Nähe des arabischen Dorfes Jezur, dessen Ein¬
wohner wiederholt Angriffe auf Juden verübt haben,
wurden zwei auf der Straße Jerusalem—Tel-Aviv ver¬
kehrende jüdische Autobusse mit Steinen beworfen.
In Jerusalem und in Jaffa kam es erneut zu Zu¬
sammenstößen zwischen Christen und Moslems,
Wobei mehrere Christen verwundet wurden. Der Haifaer
arabische Arbeiterklub erließ eine Proklamation gegen die
destruktive Tätigkeit der Banden und für Frieden in ganz
Palästina.
Verstärkung der PoI«zeikrafie
Aus London wird gemeldet: „Daily Telegraph"
teilt aus zuverlässiger Quelle mit, daß der High Com-
missioner beim Colonial Office in London um Erhöhung
der Zahl der englischen Polizisten in Palästina an¬
gesucht hat.
Von den Londoner Kronagenten für die Kolonien
wurden bereits 50 Personen für den Polizeidienst in Palä¬
stina rekrutiert und werden sich Anfang Jänner nach
Palästina einschiffen.
Es verlautet, daß mit Rücksicht auf die in letzter
Zeit unbefriedigenden Sicherheitsverhältnisse im Lande
die Entlassung sämtlicher Hilfspolizisten zum 1. Jänner,
die diesen vor kurzem schriftlich mitgeteilt wurde*
zurückgenommen werden wird.
Die Palästina-Regierung hat mit der Anwerbung
von 500 neuen'Polizisten begonnen. Die Verwal¬
tungen der jüdischen Kolonien wurden von der Leitung
der Polizei ersucht, ihr Listen von Kandidaten, die in die
Polizei eintreten wollen, zu überreichen.
Christlidt-muselmatHsdie Zwisligkeif en
Aus Jerusalem meldet die J. T. A.:
In einem Jaffaer Kaffeehaus wurde durch einen
muselmanischen Araber das christliche Mitglied des
höchsten arabischen Rates, Alfred Rokh, blutig ge¬
schlagen.
Die Gottesdienste in der Weihnachtsnacht in einer
der Kirchen von Öethlehem, der sogenannten „Geburts¬
kirche", wurden durch arabische Terroristen gestört,
welche gerade in dem Augenblick eine Schießerei gegen
die Kirche begannen, als sich dort eine große betende
Menge. versammelt hatte. Von den Terroristen konnte
niemand erwischt werden.
Dieser Zwischenfall hat auf die christliche
Bevölkerimg des Landes starken Eindruck gemacht und
man rechnet damit, daß sich die • zwischen den christ¬
lichen und muselmanischen Arabern bestehende Spannung
noch verschärfen werde.
Jüdische Volksbibliothek „Zion", Wien, II., Kleine
Mohrengasse 3. Samstag, den 2. Jänner, ViS Uhr abends, findet
im Festsaal unseres Heimes ein Teeabend mit literarischem
Teil und Gesang statt. Alle Mitglieder, Leser und Gäste sind
höflich eingeladen. Kein Regiebeitrag, Entree frei.
und ninf) den SJeiertagen
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