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vorgetragen werden. Es sind bereits mehrere Wissenszweige aus
dem Talmud mit grösserer oder geringerer Ausführlichkeit dar-
gestellt worden. Alle diese Monographieen ergeben, dass im
Talmud Lehrsätze angeführt werden, zu deren Yerständniss ein
tieferes Eingehen in die betreffende Wissenschaft erforderlich ist.
Hieraus lässt sich nicht nur auf die Vorgefundene Summe von
Kenntnissen, die den Begründern des Talmuds bekannt war,
schliessen, sondern auch annehmen, dass sie tiefer in diese
Wissenschaften eingedrungen sind, zumal der Einfluss, den der
Verkehr mit Babyloniern, Persern, Griechen und Römern aus-
übte, sich auch nach der wissenschaftlichen Seite hin geltend
machen musste. Von der Mathematik im Talmud insbesondere
ist wohl folgendes bekannt: Es werden darin verschiedene An-
Wendungen von Sätzen aus der Planimetrie und Stereometrie ge-
macht. Von der Arithmetik kommen die sogenannten bürgerlichen
Rechnungen sowohl in ganzen Zahlen als in Brüchen bei sehr
vielen Discussionen vor. Auch das dekadische Zahlensystem wird
darin angedeutet, wenn Raba ( רבא ) anführt, dass «Zehn» von den
Persern «Eins» genannt wird 1 ). In mehreren Stellen der Tractate
Erubin und Baba batra wird Vieles aus der Feldmesskunst vor-
getragen. Es werden Zeitsteine oder Sonnenuhren erwähnt 2 ). Eine
Art Fernrohr (ohne Gläser) im Besitze des R. Gamaliel wurde
zur Angabe von Ortsentfernungen und zur Messung der Tiefe
eines Thaies angewendet, und die Länge des Schattens benutzte
man zur Messung der Höhe eines Baumes 3 ). Wichtige Fragen
der Astronomie werden in vielen Stellen des Tractats Rosch
haschana und in einigen anderen Tractaten erörtert und mehrere
J ) Bechorot 60a. Der babyl. Talmud, Nasir 8b und Baba batra 164b, erwähnt
die Ausdrücke digon, trigon, tetragon, pentagon sowohl im geometrischen Sinne zwei-,
drei-, vier- und fünfeckig als auch in arithmetischer Bedeutung zwei-, drei- vier- und
fünfmal. Siehe Donath in Berliners Magazin für jüdische Geschichte und Literatur,
2. Jahrgang, S. 99 f.
2 ) Edujot III, 8. Kelim XII, 4.
s ) Erubin IV, 2 und Erubin 48b.