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klachcichtenblatt öer Israelitischen Uultusgemeinöe in München
unö öes VerbanöeS Sagerischer Israelitischer Gemeinöen
Hagerische
Israelitische Gemeinöezeitung
Erscheint am Anfang jeüen Monats. — Verlag: L. Heller, München, Lezugspreis für üie nicht öurch öie Isr. kultusgemeinöe München eingewie-
tzerzog Marstraße 4/Kernsprecher 5)0^-, Postscheckkonto Nr.;-S7 München, senen Lezieher: Mk. 4.— für üas Aahr. Anzeigenpreis: Sie 4gesp.«un-
Schristleitung: vc. Lugen vchmiöt, Rechtsanwalt ln München/ Karlstraße 6 . Zeile 40 Pfg./Kamilienanzeigen,Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Pfg.
192.6 München/1. Januar Ar. t
Inhalt: Bon der Landes- zur Reichsorganisation — Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum — Episoden aus der Geschichte der Juden
in Bayern — Das jüdische Lied — Die Behandlung des schwer erziehbaren jüdischen Kindes — Zur Inventarisierung der jüdischen Grab¬
inschriften in Bayern — Die Staatssubvention für leistungsschwache Synagogengemeinden bewilligt — Aus dem Verbände — Aus der
Gemeinde — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger — Personalnachrichten
Alle Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München, sämtliche Lehrer und Gemeindevorsteher sowie die Delegierten des Ver¬
bandes Bayerischer Israelischer Gemeinden erhalten die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung dauernd gratis zugestellt. Sollte
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Von der Landes- zur Reichsorganisation
Von OLGR. Dr. Neumeyer.
Im Vordergründe stehen zur Zeit die Bestrebungen, die deut¬
schen Juden in einer Gesamtorganisation zu verbinden.
Die jüdisch-liberale Zeitung hat an die Vorsitzenden der Landes¬
verbände eine Umfrage gerichtet mit dem Ersuchen um Stellung¬
nahme. Der Schreiber dieser Zeilen hat sich in I seiner Dar¬
legungen aus die Worte bezogen, die er der ersten Nummer unseres
Blattes zum Geleite mitgegeben, und sodann weiter ausgeführt:
II.
Die Juden wurden am Anfang des 19. Jahrhunderts als Ge¬
samtheit in Bayern ausgenommen und erhielten nach dem Reli¬
gionsedikt von 1818 die Rechtsstellung einer Privatkirchengesell¬
schaft. Von dieser Rechtsstellung aber konnten sie keinen Gebrauch
machen, da sie als Gesamtheit nicht organisiert waren. Die recht¬
lichen Erscheinungsformen der Gesellschaft waren einzig die Ge¬
meinden. Seit mehr als ICO Jahren bemühten sich Regierung
und Landtag, die Formen für eine Gesamtorganisation zu finden.
Alle Bemühungen scheiterten an der Uneinigkeit und dem Zwie¬
spalt der zunächst Beteiligten.
Im Jahre 1912, also noch unter der Herrschaft des alten
Staatskirchenrechts, nahmen die größeren und mittleren Gemein¬
den mit allem Nachdruck die Bestrebungen auf, zur Unterstützung
der leistungsschwachen Gemeinden und Besserstellung der ganz im
argen liegenden Gehalts- und Versorgungsbezüge der Rabbiner,
Lehrer und Kultusbeamten eine Landeskasse zu gründen und im
Benehmen mit der Staatsregierung die staatskirchenrechtlichen
Verhältnisse der israelitischen Bevölkerung in Bayern auf eine
neue Grundlage zu stellen. Voraussetzung für eine solche Neu¬
ordnung war nach der Erklärung der Staatöregierung die Eini¬
gung der Gemeinden und religiösen Richtungen. Eine solche Ei¬
nigung wurde am 30. Juni 1914 in einer Versammlung in
Nürnberg erzielt. Der Krieg hemmte die weiteren Arbeiten,
räumte aber auch alle staatsrechtlichen Hindernisse für eine freie
Gestaltung des Zusammenschlusses der Gemeinden aus dem Wege.
Am 20. April 1920 wurde in Nürnberg unter dem Vorsitz des
Geh. IuftizratS Dr. Held und auf das Referat des Unterfertigten
unter d.er begeisterten Zustimmung aller Teilnehmer der Verband
Bayerischer Israelitischer Gemeinden gegründet. Die religiösen
Richtungen, die Gemeinden, Rabbiner und Lehrer hatten Ver¬
trauen. zueinander gefaßt, und einmütig gab die verfassunggebende
Versammlung dem Verbände das Grundgesetz.
Hierbei waren die bewegenden Kräfte weniger die rechtlich¬
organisatorischen Gedanken, als der schöpferische Wille, aufzubauen
und zu gestalten, den Schwachen und Verkümmerten Hilfe zu
bringen, für unsere geistigen Führer zu sorgen, unsere Gemein¬
schaft fest zu fügen, daß wir imstande wären, die Tendenzen der
Zeit in ihrer Auflösung und Zersplitterung zu überwinden, für
den Kampf nach außen gerüstet zu sein und unser altüberkommenes
sittliches und religiöses Erbe durch die gefährdeten Zeiten unver¬
sehrt weiterzutragen. Darum galt es, die Liebe und Begeisterung
der beteiligten Kreise für den Gemeinschastsgedanken wachzurusen
und das Verständnis zu wecken, daß jedes Glied für den Gesamt¬
organismus nötig fei und dieser nur gedeihen könne, wenn alle
Glieder sich ungestört entfalten könnten.
Die vorläufige Verfassung, welche die zur Schaffung eines
Reichsverbandes vorliegenden Entwürfe berücksichtigte und seit¬
dem in stetiger Arbeit ausgebaut wurde, soll in den ersten Monaten
des nächsten Jahres endgültig feftgelegt werden. Sie beruht auf
folgenden Grundlinien:
Gemeinden und Vereinigungen von Gemeinden bilden den
Verband, dem die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen
Rechts verliehen sind. Der Beitritt zum Verband steht jeder
Gemeinde frei. Tatsächlich sind die sämtlichen Gemeinden in