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Kachrichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinüe in München
unü öes Äerbanües Bayerischer Israelitischer Gemeinöen
Vagerische
Israelitische Gemeinöezeitung
Erscheint am Anfang jeüen Monats. — Verlag: L. Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4.— für öa?
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Vchristleitung: Or. Lugen Vchmiöt, Rechtsanwalt in München, Karlstraße 6 , Kamilienanzeigen, Stellengesuche unü ähnliche Angebote 15 Pfennige.
München/ 7. Juli Hc. 7
Inhalt: Vom Jüdischen Reichsverband — Entwurf einer Ver¬
fassung des Jüdischen Reichsoerbands nach den Beschlüssen des
Verfassungsausschusses vom 6. Juni 1926 — Die Judenflurnamen
in Unterfranken — Zur Geschichte der Juden in München — Ein
Doppeljubiläum in Uffenheim — Ärztliches und Erzieherisches
aus dem Kinderheim in Wolfratshausen — Tagung der Zentral¬
wohlfahrtsstelle der deutschen Juden in Düsseldorf im Juni 1926
— Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde — Bücherschau —
Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachung über die Verbandsverfassung
vom 22. Februar 1926 — Bekanntmachung über das Ergebnis
der Wahlen zum Rat des Verbandes für den Wahlabschnitt
1926/31 — Personalnachrichten — Kalendarium.
Vom jüdischen Neichsverband
Von Dr. Alfred Neumeiter.
Der von den einzelnen Landesverbänden eingesetzte Aus¬
schuß zur Ausarbeitung des Entwurfs einer Verfassung für
den Jüdischen Reichsverband trat am 6. Juni 1926 in Ber¬
lin zusammen. Der Beratung lag ein Entwurf des Präsi¬
denten des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden
zugrunde, der mit einigen Änderungen Annahme fand. Die¬
ser Entwurf soll der auf den 18. Juli nach München einbe-
rufenen Sitzung der von den Landesverbänden bestellten
Vertreterversammlung zur nochmaligen Überprüfung und
endgültigen Festlegung unterbreitet werden.
Alsdann werden die Landesverbände in ihren Körper¬
schaften zu beschließen haben, ob der Beitritt zum Reichs¬
verband auf Grund des Verfassungsentwurfs erfolgt.
Den Wortlaut des Entwurfs bringen wir anschließend an
nachfolgenden Aufsatz. Die Schriftleitung.
Der Entwurf einer Verfassung für einen jüdischen Reichsver¬
band ist am 6. Juni 1926 einer von den Vertretern der Landes¬
verbände und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes bestell¬
ten Kommission Vorgelegen und hat in abgeänderter Form die Bil¬
ligung der Versammlung gefunden.
Als dem Urheber dieses Entwurfes sei es mir gestattet, einige
Erläuterungen beizufügen.
. 1. Als Name des Verbandes wurde vorgeschlagen: Reichsver¬
band jüdischer Landesorganisationen, Reichsverband der deutschen
Juden, jüdischer Reichsverband. Die ersterwähnte Bezeichnung
erschien korrekt, aber für den Verkehr nicht geeignet. „Reichsver¬
band der deutschen Juden" klingt gut, ist aber nicht zutreffend,
weil er auf einen Verband hinweift, der durch allgemeine Wahlen
zustande gekommen ist. Die Ausdrucksweise „Jüdischer Reichs¬
verband" wurde wegen ihrer Kürze und Allgemeinheit als geeignet
erachtet.
2. Die Gemeinden, die Zellen der jüdischen religiösen Gemein¬
schaft, schließen sich zum Landesverband, die Landesverbände zum
Reichsverband zusammen. Das ist die natürliche und organische
Entwicklung, in gleicher Weise bedingt durch die Aufgaben der
Organisationen, wie durch die notwendige Anlehnung an die poli¬
tische Gliederung des Reiches. Den Gemeinden verbleibt ihre
eigene religiöse Prägung und die Fürsorge für Kultus und Unter¬
richt. Die Landesverbände, ausgeftattet mit eigener Finanzgewalt,
erfüllen die dem Ganzen obliegenden kulturellen Aufgaben, sie
sorgen für Rabbiner, Lehrer und andere Beamte und gewährleisten
den Bestand der leistungsschwachen Gemeinden, sofern diese le¬
benskräftig sind. Jede religiöse Richtung soll unter ihrem Schutze
sich frei bewegen können, es gibt keinen Mehrheitsbeschluß in Ge-
wiffensfragen. Aufgaben aber, die über die Kräfte des einzelnen
Landes hinausgehen und gemeinsame Angelegenheiten der Länder
sind, bedürfen zu ihrer Lösung des Zusammenschlusses der Landes¬
organisationen, des Reichöverbandes. Als das Reich Gelder ver¬
teilen wollte zur Hebung der Not der Religionsgesellschaften, war
keine jüdische Stelle vorhanden. Als der Reichspräsident Vertre¬
ter der jüdischen Religionsgesellschaft im Reiche empfangen wollte,
waren solche nicht vorhanden. So drängt die allenthalben ein¬
setzende Bildung von Landesverbänden zu ihrem naturgemäßen
Abschluß, zur Schaffung des Reichsverbandes.
In geschichtlich denkwürdiger Weise hat der Deutsch-Israelitische
Gemeindebund, lange Jahre der einzige Träger des jüdischen Ge-