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Nr. 7
Bayerische Israelitische Gemeindezeitung
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und Liebe in dem Schlamm und Schmutz der Wassermaffen un¬
tergehen müssen, ehe sie zusammengefunden und den Menschen
ihre Königsgaben der Einheit und Bruderliebe gebracht haben.
Und eine Königsgabe im besten Sinne des Wortes ist die Ein¬
leitung über „Nationalismus und Antisemitismus" zu nennen,
wie sie Pater Aloys Mager zu dem im Theatinerverlag Mün¬
chen erschienenen Büchlein „Alphons Maria Ratisbonne" ge¬
schrieben hat, eine Königsgabe an Juden wie Christen. Mager
zeigt sich hier als Brückenbauer, der über die Wasser des Juden¬
hasses und der Judengegnerschaft eine Brücke spannen möchte,
um so die beiden Königskinder, Gerechtigkeit und Liebe, auf
diesem Gebiet zusammenzuführen.
Mager verwirft Nationalismus und Antisemitismus in glei¬
cher Weise. Nationalismus, jene überspannte Idee, die das
eigene Volkstum in exzentrischer Weise hervorhebt, die einen
radikalen und ungesunden Selbsterhaltungstrieb züchtet, die sich
in der Methode der Raubtierftaaten gefällt und darum niemals
aufbauen sondern stets niederreißen wird. Wo aber nur totbrin¬
gende Kräfte im Vaterland an der Arbeit sind, kann von einer
Anlage und Fähigkeit eingestellten VolkSkultur nicht die Rede
lein; ein solches Treiben wird man auch nie als Vaterlands¬
liebe bezeichnen können, weil es der Kulturaufgabe eines Volkes
entgegenwirkt, falsche Wege einschlägt, statt auf der einen und
notwendigen Bahn sich zu begegnen, wie wahres Christentum er¬
fordert, auf der Bahn der Liebe, dem Weltgesetz des Christen¬
tums, das ein Volk zur Selbftvollendung und zur Selbst¬
achtung anderer führt, die einem Volkskörper Festigkeit und Zu¬
sammenschluß aller verleiht. Und wo der Nationalismus üppig
ins Kraut schießt, wie bei uns in deutschen Landen, da hat er
auch einen Bruder und Weggenossen, den Antisemitismus, der
aus dem Fruchtboden des Nationalismus, jener modernen Häre¬
sie, seine Nahrung zieht. Er liegt auf der gleichen Linie und ist
für ein Volksganzeö wie auch für die Volksführer von Übel;
denn er vergiftet die Volksmassen, verdirbt die Volksführer
und untergräbt den Volksgedanken, d. h. er zertrümmert die
Volkseinheit und Volksgemeinschaft. Darum kann der Anti¬
semitismus nie ftaatserhaltend, sondern immer nur staatszer¬
störend und volkszersetzend wirken.
Alle Volksglieder umfassen in Gerechtigkeit und Liebe, also
auch die Juden! Das ist die Parole Magers und der Kernge¬
danke seiner Einleitung! Das erfordert schon die gesellschaftliche
Ethik, die in dem Juden nie einen Bürger zweiter Klasse sehen
darf, den man einpreßt in baö Prokrustesbett der Unfreiheit und
Ausnahmegesetze, indem man dem Juden seine volle staatsbür¬
gerliche Freiheit nimmt und ihm seine Rechte in ungerecht¬
fertigter Weise kürzt. Die gesellschaftliche Ethik verlangt im
Gegenteil, dem Juden auf Grund seiner tausendjährigen Kultur,
seiner großen Kulturwerte und seiner unvergleichlichen Kultur-
leiftungen als ebenbürtig zu betrachten, nicht in Neid, Ohnmacht
und Unfähigkeit auf ihn zu blicken, sondern sich zu bestreben,
ihm gleichwertig zu werden, ihm ein Ebenbürtiges an die Seite
zu setzen. Dann erst wird bei den Christen das Gefühl der Brü¬
derlichkeit gegenüber dem Juden erwachen, dann erst wird man
den Juden schätzen lernen und eö werden die Keile, wie sie der
Antisemitismus in die Volksgemeinschaft zu treiben versucht,
verschwinden, der Jude wird vollwertiges Glied des Volkes in
uneingeschränkter Freiheit und voller Gleichberechtigung. Ein
edler Wettbewerb entsteht zwischen den beiden Gruppen, Juden
und Christen; geistige Stagnation, wie sie im Antisemitismus
wuchert, ist nicht möglich, der Weg des Volkes geht nicht mehr in
die Tiefe, sondern führt zur Höhe, weil ein einig Volk von Brü¬
dern, ohne gesellschaftliche Schranken und ohne Bruderzwist.
Und die politische Ethik! Die die Aufgabe hat, ftaatserhal¬
tend zu wirken, alles Zersetzende und Zerstörende vom Volks¬
und Staatsorganismus fernzuhalten! Auch ihr weiß Mager
goldene Worte zu sagen. Er geißelt die Falschheit des Anti¬
semitismus, der alles Schädliche den Juden zuschreibt und for¬
dert in offener Klarheit, daß alle solche Auswüchse bekämpfen
müssen, Juden wie Christen. Nicht Juden allein sind schuld an
dem sittlichen und kulturellen Untergang der Völker, sondern in
weit größerem Maße die Christen und darum muß ein Kampf
aller gegen alle zersetzenden Elemente in Religion, Sitte und
Kultur auf den Plan treten. Nur so kann das Volk gerettet
werden, weil der Kampf auch solche umfaßt, die heute die ge¬
hässigsten Antisemiten sind und das Volk auf diese Weise von
den wahren Giftkörpern gereinigt wird.
Und was Mager über den Punkt „Juden im Leben der Völ¬
ker" sagt, namentlich über Anteilnahme an Revolutionen und
am kulturellen Aufstieg oder Niedergang der Völker, muß auch
hoch bewertet werden. Nicht deshalb, weil er vieleicht in man¬
chen Punkten in seinen Behauptungen zu weit geht, sondern
weil er versucht die Lage der Juden im Laufe der Jahrhundete,
seit der Zerstörung Jerusalems, psychologisch zu verstehen und
hauptsächlich sich nicht scheut, das jüdische Verhalten in vielen
Fällen auf das Schuldkonto der Christen zu setzen und hier
Wandlung verlangt. Nicht eine Sündenskala nach antisemi¬
tischem Muster wird die Juden von ihren, oft nur mit allzu
großem Recht, ressentimentgesättigten Gefühlen befreien, sondern
einzig und allein Verstehen, Gerechtigkeit und Liebe. Mag auch
Mager hier und dort den jüdischen Einfluß überspannt haben,
weil er das Judentum als ungebrochene Einheit sieht oder weil
er infolge dieser lückenlosen völkischen Einheitslinie der Juden
ihren Einfluß in Dingen, wie Sitte, Kultur, Politik, Wirt¬
schaft, Kunst- und Theaterwesen, zu sehr in die Höste schraubte.
Eine Großtat bat Mager vollbracht. Er hat die beiden Cata-
pulte Nationalismus und Antisemitismus, die die Brücken¬
pfeiler der Verständigung, der Liebe und Gerechtigkeit, einrennen
sollen, klar und eindeutig verworfen und hat unserm deutschen
Volke großzügig und unumwunden den Weg zur Höhe, den
Weg zur Volksgemeinschaft gezeigt. Er ward zum Brücken¬
bauer.
Posner Arthur: Die Psalmen, das Religionsbuch der Menschhsn.
Berlin, C. A. Schwetschke & Sohn 1925.
Wenige Bücher der Bibel sind so oft nach Form und Inhalt er¬
forscht und erläutert worden wie die Psalmen. Nicht die Zahl
der Kommentare will der Verfasser vermehren sondern die Ge¬
dankenwelt der Psalmdichter uns nahe bringen. Er will uns zei¬
gen, wie das Gebetbuch der Menschheit auch ihr Religions¬
buch zu sein vermag. Der Mensch findet in den Psalmen nicht
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