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Homerische
ülachrichtenblatt üer Israelitischen KultuSgemeinöe in München
unö öeS Verbanöes Vagerischer Israelitischer Gemeinden
Israelitische Gememöezeitung
Erscheint am Anfang jeden Monats. — Verlag: B. Heller, München,
Herzog Marslraße 4 , Zernsprecher 53099/ Postscheckkonto Nr. 3987 München.
Bchristleitung: Or. Eugen Bchmiüt, Rechtsanwalt in München, Karlstraste 6.
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t?z6 München/ 7 . August Kr. $
Inhalt: Lebenslust und Lebenskampf — Die Schächtfrage im Baye¬
rischen Landtag — Auf dem Wege zum Jüdischen Reichsverband —
Zur Geschichte der Juden in München (Forts.) — Aus dem Verbände
— Aus der Gemeinde — Bücherschau — Vereine — Amtl. An¬
zeiger. Bekanntmachungen des Verbandes: Bekanntmachung über
die Konstituierung des Rats. — Bekanntmachung über Stipendien
für jüdische Landwirte und Handwerker. — Bekanntmachung über
die Aufwertung der Markanleihen der Kultusgemeinden. — Be¬
kanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Be¬
kanntmachung über die Aufwertung des Synagogenbauanlehens
der Israelitischen Kultusgemeinde München von 1887. — Bekannt¬
machung. Betreff: Glückwunschablösung 1926. — Bekanntmachung.
Betreff: Filialgottesdienst an den hohen Feiertagen. Vermietung
von Synagogenbesstühlen. — Personalnachrichten.
Lebenslust und Lebenskampf
Von Fabius Schach, Berlin.
Lebenslust ist der natürliche Ausdruck des Selbsterhaltungs¬
triebes. Der innere Trieb zum Leben, zur Selbfterhaltung und
Selbfterweiterung, den eine höhere Macht in unsere Brust ge¬
legt, erzeugt Lebensmut, Lebenslust und Lebensfreude. Tragen
wir das Bewußtsein in uns, daß das Leben kein Zufall ist, daß es
einen tieferen Sinn hat, daß es der Träger einer Idee ist, dann
finden wir den Mut, zu leben. Wir begreifen dann das trivial
gewordene und doch tiefe Wort Goethes, daß LebenKampf
bedeutet, Kampf mit uns selber, Kampf mit äußeren Schwie¬
rigkeiten, ein ewiges Überwinden, ein ewiges Verzichten, und wir
finden den Mut, den Lebenskampf seines Zieles wegen aufzuneh¬
men. Und erreichen wir auch selten den Gipfel unserer Wünsche,
so sind schon die Etappen voller Größe und Schönheit, und wir
lernen, uns bescheiden, uns begnügen. Was schadet's, wenn wir
das Höchste nicht erreicht haben, unsere Kinder werden weiter
kommen, — wir sind ja nur ein Glied in der Kette.
Diese Lebensanschauung setzt eine tiefe Religiosität, einen Glau¬
ben an die Ewigkeit, aus dem wir ein Teil sind, voraus. L e -
bensmut heißt Selbstvertrauen haben, einen
festen Glauben hegen, daß der Kampf gelingen wird, und das
wiederum setzt Gottvertrauen voraus. Denn wir fühlen
die Begrenztheit unserer Kraft, wir müssen eine höhere Quelle
haben, aus der wir unseren Mut, unseren Glauben beziehen.
Im Glauben, daß unser Leben kein Mechanismus ist, daß Gott
uns zu einem gewissen Zweck geschaffen hat, ja, uns täglich neu¬
schafft, ruht die stärkste Kraft unseres Lebens. ,Man üejabid
chaja, jahib mesono,, (Wer uns das Leben gegeben hat, wird
uns auch Nahrung geben), sagt der Talmud schlicht. Das be¬
deutet nicht Manna vom Himmel erwarten, sondern Exiftenz-
möglichkeit durch unsere Arbeit, durch den natürlichen Kampf
umS Dasein suchen.
So dachten unsere Väter, und darin lag ihre Stärke. Eö gab
kein lebenszäheres Element als die Iudenheit. Und wie schwer
war ihr Leben! Im Vergleich zu den vergangenen Jahrhunder¬
ten ist unser Schicksal, mag -es noch so hart scheinen, noch immer
erträglich. Wenn man geschichtlich denkt, schämt man sich fast,
die Klagen der Gegenwart zu hören. Das Leben unserer Vor¬
fahren war ein Spielball der Launen draußen, bei jedem politi¬
schen und wirtschaftlichen Schicksal waren sie die ersten Opfer.
Gehaßt und verfolgt, gingen sie doch den Weg, d^n die Vor¬
sehung ihnen vorgezeichnet hat, weil sie groß im Hoffen, stark
im Glauben waren. Sie philosophierten nicht über das Le¬
ben, — sie l e b t e n es , schlicht und recht, wie Menschen,
die ein großes Ziel vor Augen haben. Schon das Klügeln
verscheucht das Aroma des Lebens, das gesunde Empfinden nur
verleiht ihm Kraft und Mut. Man schlage die jüdische Geschichte
auf, man lese irgend ein Kapitel der Vergangenheit, und man
wird darin die Gewalt des Glaubens bestätigt finden. Voller
Sorgen über das, was der nächste Tag bringen wird, verkannt in
ihrem höchsten Wollen, geplagt und zermürbt, trugen die Juden
der Vorzeit die Lebensbürde und verzweifelten nicht, weil sie das
stolze Bewußtsein hatten, daß Israel zu Großem auserkoren ist
und der Welt noch viel zu geben hat, weil sie wußten, daß jeder
einzelne die Pflicht hat, den jüdischen Idealismus zu repräsen¬
tieren. Ja, der Idealismus ist kein Luxus und kein Trugbild,
sondern die Ausstrahlung einer starken Seele, die Kraft, die Wun¬
der bewirkt. Ohne Idealismus ist unser Leben trist und arm. Leben
ist Kampf, und es ist genau mit dem Lebenskampf wie mit dem