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SSapmfäe Israelitische Gemeindezeitung
Nr. 11
Geheimer Justizrat Dr. Held (Nürnberg),
gestorben am 30. August 1926.
ist ft}':
Hierzu kommen 4 Rabbiner, 3 Lehrer und 1 Kantor, bei
deren Wahl die beiden religiösen Hauptrichtungen gleichmäßig
berücksichtigt werden sollen (Protokollarerklärung zu § 9). Die
Wählbarkeit ist nicht von der Zugehörigkeit zu einer Organi¬
sation abhängig. Bis zur anderweitigen Beschlußfassung des
Rats wird die Wahl der Rabbiner von dem allgemeinen
Rabbinerverband in Deutschland, die Wahl der Lehrer von dem
Reichsverband der jüdischen Lehrervereine und die Wahl des
Kantors von dem Allgemeinen Deutschen Kantorenverband vor¬
genommen. In den Rat werden weiter abgeordnet 1 Vertre¬
ter der Zentralwohlfahrtsftelle der deutschen Juden und im
Falle seiner Mitgliedschaft 2 Vertreter des Deutsch-Israeliti¬
schen Gemeindebundes.
Die Zahl der Mitglieder des Rats beträgt demnach, den
Gemeindebund inbegriffen, 54. Ein bayerischer Antrag, der
den Schutz der Minoritäten durch Zuwahl von Vertretern
bezweckte, wurde abgelehnt.
Die Verhandlungen finden in der Regel öffentlich statt. Als
Exekutive erscheint ein neungliedriges Präsidium, in dem die
Hauptrichtungen vertreten sein sollen.
Die Mitglieder des Rats sind bei Abstimmungen an Wei¬
sungen nicht gebunden.
Zur Erörterung von Angelegenheiten, die besonders wichtige
Interessen des deutschen Judentums betreffen, also zur feier¬
lichen Verkündigung des Willens der deutschen Juden in le¬
benswichtigen Fragen, kann eine Reichstagung größeren oder
kleineren Stils einberufen werden.
Die große Reichstagung besteht aus den Mitgliedern der
Landeöversammlungen und Landesverwaltungen. Im Einzel¬
falle kann die Reichstagung -auf eine Abordnung der Landes¬
versammlungen und Landesvertretungen beschränkt werden. Eine
Reichstagung kann ebenso vom Rat wie von den Landesverbän¬
den nach näherer Bestimmung des § 15 Abs. 2 einberufen
werden.
Religiöse Fragen sind auf Antrag zur Begutachtung Aus¬
schüssen der beiden religösen Hauptrichtungen zu überweisen.
Gegen den Einspruch eines der beiden Ausschüsse kann ein Ver-
bandSbeschluß nicht zustande kommen. Wird der Verband von
Behörden zur Stellungnahme aufgefordert, so hat er etwaige
abweichende Anschauungen der Ausschüsse getrennt bekanntzu¬
geben. Die Vertretung der Angelegenheit geschieht grundsätzlich
durch Ratsmitglieder, insbesondere Rabbiner der beiden Rich¬
tungen (§ 17).
An repräsentativen Vertretungen des Reichsverbandes sol¬
len nach Möglichkeit rabbinische Mitglieder des Rats beider
religiösen Hauptrichtungen teilnehmen.
Die Mitglieder des Rats und der Ausschüsse erhalten Tage¬
gelder. Die Haushaltsperiode des Reichsverbandes beträgt drei
Jahre. Die Umlagen werden nach der Seelenzahl mit 2 / 3
Mehrheit festgesetzt. Beträgt die Umlage mehr als M. 1.—
für den Kopf der Bevölkerung, so hat jeder Landesverband das
Recht, seinen Austritt für das Ende des Geschäftsjahres zu
erklären. Auf den Antrag leistungsschwacher Verbände kann
der Rat die Umlagen ermäßigen oder Niederschlagen.
Verfassungsänderungen der zum Schutze der religiösen Min¬
derheit getroffenen Bestimmungen bedürfen einer ^-Mehrheit
und berechtigen die Landesverbände zum Austritt für das Ende
des Geschäftsjahres.
Zur Auflösung des Reichsverbandes ist eine ^-Mehrheit
erforderlich. Das Vermögen wird hier gemeinnützigen jüdi¬
schen Zwecken zugeführt, die allen religiösen Richtungen gemein¬
sam sind.
Die Verfassung tritt am 1. April 1927 in Kraft. Das
Zustandekommen des Reichsverbandes ist durch den Anschluß
des preußischen und bayerischen Landesverbandes bedingt. Die
bis zum Zusammentritt des Rats erforderlichen Geschäfte be¬
sorgt der engere Rat des Preußenverbandes.
II.
Die Verhandlungen, in denen Kammergerichtsrat Wolff,
der Präsident des Preußenverbandes, den Vorsitz und der Ver¬
fasser dieser Zeilen das Referat hatte, waren von einem starken
Gemeinschaftswillen getragen. Grundsätzliche Anschauungen
wurden zurückgestellt und entgegenstehende Anschauungen be¬
rücksichtigt, um diesen Gemeinschaftswillen in die Tat umzu¬
setzen.
Die norddeutschen Verbände hätten eine Verfassung auf
einer breiteren, mehr demokratischen Basis mit Urwahlen der
Gemeindemilglieder vorgezogen. Die süddeutschen Verbände er¬
klärten, nicht in der Lage zu sein, eine kostspielige, von den ein¬
zelnen Personen ausgehende Organisation zu schaffen. Es wer¬
den von Anfang an auch die Aufgaben nicht zu weit erstreckt
werden dürfen und es wird einem allmählichen Aufbau Raum
zu geben sein. Erweist sich der Reichsverband, als eine tatkräf¬
tige und zielbewußte Vertretung der Interessen unserer religiö¬
sen Gemeinschaft und erwirbt er sich durch seine Arbeit das Ver¬
trauen der jüdischen Bevölkerung im Reich und die Achtung
unserer Mitbürger, so kann die Organisation künftig auch auf
einer breiteren Grundlage durchgeführt werden.