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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung
Nr. .11
Wir kommen dann zu Abteilung 8. Hier handelt es sich
also um eine Fürsorge für die, die durch irgendwelche Umstände,
vorübergehend unterstützungsbedürftig geworden sind, bei denen
aber die Fürsorge das Ziel hat, sie wieder wirtschaftlich unab¬
hängig zu machen. Schuld an den Notständen sind heute meist
die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse in Lenen kleine Exi¬
stenzen nicht konkurrenzfähig bleiben und zugrunde gehen, in
denen durch den Abbau Angestellte ihre Stellen verlieren usw.
Es sind natürlich die — wenigstens wirtschaftlich — Schwäch¬
sten, an denen sich die wirtschaftliche Depression zuerst und am
empfindlichsten auswirkt und hieraus erklärt sich's, daß Hilfe hier
meist nicht nur in einer tatsächlichen pekuniären Hilfe bestehen
kann, sondern daß unsere Fürsorge viel umfassender sein, sich hier
wirklich auf den ganzen Menschen und seine Verhältnisse erstrek-
ken muß. Damit hängt zusammen, daß in dieser Abteilung der
Sprechstundenbesuch so sehr groß ist, und noch ständig zunimmt.
Er betrug im Monatsdurchschnitt im Jahre 1925 395 im 1. Viertel¬
jahr 1926 477, im 2. Vierteljahr 1926 494 und im letzten Viertel¬
jahr 618. Wiicklich unterstützt werden nicht alle von diesen Sprech¬
stundenbesuchern.
Die Zahl der Unterstützten ist gegenüber dem Vorjahr sehr viel
größer geworden. 1925 standen durchschnittlich monatlich hier 68
Familien in Unterstützung, während es im laufenden Jahr 91 Fa¬
milien im Monatsdurchschnitt sind.
Die Möglichkeit durch Verschaffen einer Stelle Verdienstmöglich¬
keit zu erwirken ist noch immer klein. Wenn die Unterbringungs¬
ziffer, das ist die Prozentzahl der Unterbringungen zu der Zahl
der Stellensuchenden in diesem Jahr sehr viel günstiger ist als
im Vorjahr, 31 Prozent gegen 16 Prozent, so liegt das weniger
daran, daß uns mehr Vakanzen gemeldet wurden, als an der In¬
tensivierung der Arbeit dieser Abteilung, die unter Mithilfe der
Logen und des Frauenbundes eifrigst bemüht ist Stellen ausfindig
zu machen. Verglichen mit den Ziffern der Städt. Arbeitsämrer
z. B. sind unsere Ziffern übrigens recht günstig. Und wenn wir
erreichen könnten, daß jüdische Geschäfte und Haushaltungen in
noch größerem Maße als bisher jüdisches Personal einstellten,
dürften sich diese. Ziffern noch günstiger gestalten. Dadurch wäre
nicht nur die in jeder Beziehung entsetzliche Zeit der Arbeitslosig¬
keit für viele gekürzt oder vermieden, wir würden auch sehr viel
Mittel, die wir jetzt als eine Art Erwerbslofenunterftutzung als
Ersatz oder zum Teil als Ergänzung der öffentlichen gehen, ein¬
sparen können.
Es soll gerade jetzt — zusammen mit dem Frauenbund und den
Logen — ein Versuch gemacht werden, wenigstens einige der Ar¬
beitslosen zu beschäftigen. Es ist geplant Peah-Werkstatten
einzurichten, in Geschäften und Haushaltungen Abfälle zu sam¬
meln, zu sortieren und nach Möglichkeit zu verwerten. Man hofft
dadurch wenigstens Beschäftigung für einige und gerade auch für
die sogenannten „halben Kräfte" zu finden, die man doch jetzt
kaum im freien Wirtschaftsleben unterbringen kann und für die
ganz besonders die Zeit der Arbeitslosigkeit verbunden mit dem
ständigen Almosennehmen von entsetzlich demoralisierender Wir¬
kung ist. Das ganze ist nur als Versuch gedacht, für das wenig
Mittel ausgewendet werden sollen, bei dessen Gelingen dagegen
sehr mel Mittel eingespart werden können.
Die Hauptausgaben der Abteilung 8 werden heute, an Erwerbs¬
lose und Erwerbsbeschränkte bezahlt. Dazu kommen Ausgaben,
die zum Teil darlehensweise zur Errichtung oder Erhaltung einer
Existenz gegeben werden. Die Anforderungen, die in diesen Fäl¬
len an das Wohlfahrtsamt gestellt werden, mehren sich in letzter
Zeit ständig, gerade auch aus Kreisen des Mittelstandes: Klein¬
kaufleute, die aus eigener Kraft dem wirtschaftlichen Konkurrenz¬
kampf heute nicht mehr gewachsen sind und die für lange Zeit
mit ihren Familien dem Wohlfahrtsamt zur Last fielen, wenn
man ihnen in diesen kritischen Augenblicken nicht hilft.
Die Ausgaben waren daher auch größer als vorausgesehen war.
Sie betrugen im Monatsdurchschnitt M. 4234.— gegenüber
M. 2777.— im Vorjahr. Bei Feststellung des Etats waren die
Ziffern des Vorjahres zugrunde gelegt. Die Mittel die daher zur
Verfügung standen, reichten nicht, trotzdem wir noch einen Fonds
„soziales Hilfswerk" in diesem Jahre aufbrauchten. Ein vorläu¬
figer Vorschuß von M. 6000.—>, der durch den Vorsitzenden des
Sozialen Ausschusses beim Vorstand beantragt wurde, ist inzwi¬
schen genehmigt worden. Ein weiterer Antrag auf eine Nachbewil¬
ligung von M. 5000.— soll dem sozialen Ausschuß zur Befür¬
wortung vorgelegt werden. Es ist dies die Mindestsumme, die
auch bei größter Einschränkung bis zu Beginn des neuen Jahres
noch nötig ist.
Vom preußischen Landesverband
jüdischer Semeinden.
Eine Sitzung der Mitglieder des engeren Rates des Landes¬
verbandes soll zum 16. Oktober d. I. abends und eine Sitzung des
großen Rates zum 17. Oktober d. I. einberufen werdend Einen
wichtigen Punkt der Tagesordnung werden die Beratungen über
den zu Zündenden Reichsverband jüdischer Gemeinden bilden. Fer¬
ner wird über die Neuregelung und Vereinheitlichung der Juden¬
gesetzgebung verhandelt werden. Die Etats für die Jahre 1926 und
1927 werden zur Vorlage kommen. Für den Fall, daß die Tages¬
ordnung an dem einen Tage nicht erschöpft wird, soll Fortsetzung
der Beratungen am nächsten Tage oder eine neue Sitzung 14 Tage
später in Aussicht genommen werden.
Der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Ge¬
meinden trat am 17. Oktober d. I. zu einer Sitzung zusammen.
Unter dem Vorsitz des Präsidenten, Herrn.Kammergerichtsrat
Wolfs, waren fast alle Mitglieder des Großen Rates vereinigt.
Auf der Tagesordnung stand eine Reihe wichtiger Angelegenheiten,
doch wurde die ganze Sitzung, die von vormittags 10 Uhr bis in
die späten Abendstunden dauerte, mit der Erörterung der Gründung
des Reichsverbandes ausgefüllt. Den gesamten Beratungen wurde
der von dem in München eingesetzten Unterausschuß ausgearbeitete
Entwurf zugrunde gelegt. Nach sehr eingehender Erläuterung
aller für die Gründung des Reichsverbandes maßgebenden Ge¬
sichtspunkte sowie aller einzelnen Bestimmungen wurde er von
dem Rat, abgesehen von einer Anzahl kleinerer Änderungen an¬
genommen. Nunmehr wird die auf den 21. November d. I. ein¬
zuberufende Verbandstagung zu der Gründung des Reichsverban¬
des Stellung nehmen.
In der Sitzung des Engeren Rates, die am 16. Oktober d. I.
ftattfand, wurde Herr Justizrat Lilienthal zum Vorsitzenden
des Liberalen Unterrichtsausschusses gewählt.
In der Sitzung des Engeren Rates am Samstag, dem 16. Ok¬
tober d. I. wurde beschlossen, dem Marannenkomitee in London
einmalig für das Jahr 1926 einen Betrag von M. 1000.— zu be¬
willigen. — Das Marannenkomitee hat sich, wie aus Zeitungs¬
nachrichten bekannt sein dürste, zur Aufgabe gemacht, die in eini¬
gen Städten Nord-Portugals lebenden geheimen Juden, Abkömm¬
linge der im Mittelalter zwangsweise zum Katholizismus be¬
kehrten Israeliten, zur jüdischen Religion zurückzuführen.
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