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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung
Nr. 11
TVürzburg. Mittwoch, den 10. November 1926, abends 8 Uhr,
singt im „Russischen Hof" der in Münchner jüdischen Kreisen best
bekannte Bariton Max Gund er, „Die Winter reise"
von Schubert. Die Begleitung liegt in den Händen des bekannten
Münchner Gesangsmeisters Julius Schweitzer.
Attlhermsdorf. Am 25. Oktober vollendete in voller körperlicher
und geistiger Frische der erste Vorstand unseren Gemeinde, Ge¬
meinde- und Armenrat sowie Ersatzmann der Tagung des Ge-
mejndeoerbandes, Herr Heinrich Ehrenbacher, sein 70.. Lebensjahr.
Seit fast vier Jahrzehnten leitet er die Gemeinde in hingchungs-
vollller Treue und streut sich allenthalben durch sein vornehmes
Wesen und Betätigung im Dienste der Allgemeinheit der größten
Achtung. Bon der Gemeinde, deren Begirksrabbinate und den
Vereinen, denen er angehört, wurde er durch Geschenke und An¬
sprachen allseits geehrt. Möge dem verehrten Vorstandsveteran ein
recht glücklicher Lebensabend beschieden sein.
ttus der Semeinde
Vortrüge
3000 Jahre hebräische Sprache.
Über obiges Thema sprach im Rahmen der gemeindlichen Lehr¬
kurse Professor Dr. Felix Perles (Königsberg), der unseren
Lesern als Mitarbeiter unserer Zeitung bereits aus einen Reihe
von Aufsätzen bekannt ist. In anschaulicher Weise wußte der Ge¬
lehrte ein Bild von den verschiedenen Epochen im Entwicklungs¬
gang der hebräischen Sprache zu geben.
Die hebräische Sprache gehört zur westlichen Gruppe des
semitischen Sprachstammes. Die Bezeichnung „hebräisch" ist jung
und findet sich erst 130 v. Ehr. Bei Jesaias heißt sie die Sprache
Kanaans. Diese Bezeichnung ist die korrektere. Die Anfänge der
Sprache verlieren sich im Dunkel, jedoch steht fest, daß die Sprache
bereits vor der Religionsgründung da war, da verschiedene Wort¬
bildungen deutlich auf heidnische Gebräuche zurückgehen. Die 1.
Periode reicht bis zum 1. babylonischen Exil. Während dieser Zeit
ist ein gewisser Einfluß des Assyrischen zu verzeichnen. In der
darauffolgenden nachklassischen Epoche hörte das Hebräische auf,
die alleinige Sprache der Juden zu sein. In Babylon lernten die
Exilanten das Babylonische. Daher sind die gebräuchlichen Mo¬
natsnamen babylonischen Ursprungs. Die im Land Zurückgeblie¬
benen lernten neben dem Hebräischen das Aramäische. Auch diese
Sprache übte einen starken Einfluß aus; dies zeigt sich an den
Klageliedern, bei Ezechiel und anderen. Besonders sinnfällig ist
der Einfluß bei Esra und Daniel, wo einige Kapitel rein hebräisch,
andere rein aramäisch sind. Am stärksten ist der Einfluß u. a. in
den Büchern Koheleth, Chronik, Ruth. Auch das Griechische be¬
einflußte die Sprache, insbesondere die Phraseologie.
Es folgt hierauf die neuhebräische Epoche. Hier wird das Ara¬
mäische Umgangssprache, während das Hebräische Schul- und Li¬
teratursprache, jedoch nicht Kultsprache wird. Später allerdings
wird das Hebräische Kultsprache, zugleich setzt e,in starker Puris¬
mus ein. Die Mischnah ist neuhebräisch, dagegen die Gemarah
aramäisch. Einen starken Aufschwung erlebt die neuhebräische Lyrik
in den synagogalen Gesängen. Als Vertreter neuhebräischer Lyrik
sind besonders zu nennen Salomon Jbn Gabirol und Jehuda Ha-
leoi, sie sind die beiden ersten größten Lyriker im mittelalterlichen
Europa vor Petrarca und Walter von der Vogelweide, Aristoteles,
der ins Arabische und dann ins Hebräische übertragen wurde, kam
. erst auf diesem Umwege wieder zu den mittelalterlichen Christen,
’ bei denen er vergessen worden war.
Unte,r dem Einfluß des Ghettos verkümmerte die Pflege des
Hebräischen bei den Juden, in der Zeit Mendelsohns kommt es zu
einer vorübergehenden Blüte.
Dagegen entwickelt sich in Osteuropa eine große hebräische Lite¬
ratur, die von Männern wie Perez, unter den Lebenden Achad
Haam und Bialek geschaffen wird. Das ruhmvollste Kapitel der
hebräischen Sprache ist ihre Renaissance in Palästina, in den jü¬
dischen Kolonien. Wenn auch moderne Bezeichnungen dort zum
Teil dem Arabischen entlehnt sind, so ist doch der Charakter der
Sprache dadurch unbeeinflußt geblieben.
Der Redner schloß mit dem Aufruf zur Pflege der hebräischen
Sprache, die nicht nur ein kösüiches Gefäß, sondern auch der ge¬
meinsame Boden des Judentums sei. S.
Der moderne Mensch und die Religion.
Am 12. Oktober sprach Dr. Elk auf Einladung des Jüdischen
Jugendvereins im Museumssaal über „Der moderne Mensch und
die Religion":
Nicht jeder Mensch wird von den wirkenden Kräften unserer
Zeit bewegt. Dies ist nur ein kleiner Kreis, die städtische Mittel¬
und Oberschicht. Bei uns Juden ist dies allerdings ein verhältnis¬
mäßig großer Kreis.
Es sieht zunächst so aus, als ob der moderne Mensch keine, Be¬
ziehung mehr zur Religion hätte. Er leugnet den Offenbarungs¬
charakter der Religion, womit eine Stütze ihrer Autorität ent¬
fällt. Der moderne Mensch enffremdet sich dem Ritus und Kult
und entfremdet sich so der religiösen Gemeinschaft. Eine zuneh¬
mende Individualisierung und eine Atomisierung der religiösen
Gemeinschaft tritt ein.
Aber auch der einzelne hat das Interesse für jene Probleme
verloren, die früher die Gemüter bewegten. Der Begriff der Sünde
entschwindet zu dem Begriff einer seelischen Krankheit, die der
kundige Arzt zu heilen vermag. Man denkt nicht mehr an den
Tod, das Leben stellt zu viele Aufgaben. Man sucht nach
Ersatzbildungen und findet diese in der Kunst, vor allem in der
Musik und in einer Vergeistigung und Ästhetisierung der Natur.
So scheint es, daß für den Modernen in seiner Beziehung zur
Religion nichts übrig bleibt, als der Tatbestand, daß er an den
höchsten Tagen die Gotteshäuser zu besuchen pflegt. Es wäre, je¬
doch unrichtig, diese Erscheinung als bloße „Pietät" zu erklären.
Es ist dies vielmehr bei aller Entfremdung von der Religion ein
letzter Zweifel und eine letzte Angst, die ihn dazu
tre,ibt.
Diese Phänomen zu erklären, bedarf es eines Überblicks über
die Entwicklung der Religion. Was den primitiven Mensch zur
Religion treibt, ist das Bestreben die gewaltigen Mächte der Na¬
tur zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Er glaubt an eine primitive
Kraft, die in den Dingen steckt, da ihm noch nicht die Ergebnisse
einer jahrtausendealten Kultur zur Verfügung stehen. Aus ver¬
schiedenen Erscheinungen: Traum, Schlaf, Tod, kommt er zur
Seelenvorstellung. Zugleich ist die Religion dem primitiven Men¬
schen ein soziales Mittel. Die Gemeinschaft muß aufrechterhalten
bleiben, ihre Autorität wird erhöht, wenn ein höheres Wesen über
ihr steht. In einer weiteren Epoche enffteht das Bewußffein, von
dem was in der Umgebung ist, verschieden zu sein. Es enffteht
der Gedanke eines höheren Planes, der über der Menschheit wal¬
tet, der Glaube an den Sieg des Rechtes. Gott ist nicht mehr der
Garant der sozialen Ordnung, sondern etwas Höheres, auf den sich
der Glaube an die Seele und an die Gerechtigkeit gründet. Mit dem
Zeitalter der Renaissance und der Aufklärung wird dieses System
der Religion zerstört. Kopernikus reißt den Menschen aus dem
Mittelpunkt der Welt, Laplace stellt eine neue Theorie des Welt¬
geschehens auf, Darwin nimmt dem Menschen den Schein einer
besonderen Stellung, Kant gründet die Sittlichkeit auf die Ver-
Hat wirklich die Religion noch Platz in der modernen Kultur?
Es erscheint zunächst schwer die Frage noch bejahend zu be¬
antworten. Dennoch lebt in unserer Zeit eine Sehnsucht nach dem
Übersinnlichen, nach dem Religiösen. Dies rührt her von dem Be¬
wußten, um das Geheimnis in dem wir leben, das Geheimnis,
das durch keine Wissenschaft, durch keine Technik enthüllt werden
kann. In uns lebt auch der Glaube an das Recht, der in den
verschiedenen Bestrebungen sozialer Art zum Durchbruch kommt.
Wenn wit tiefer forschen, so sehen wir, daß ein Arbeiten an die¬
sen Aufgaben nur möglich ist, wenn wir glauben.
Religion bedeutet, daß in der Welt nicht eine blinde Kraft, son¬
dern ein leitender Wille herrscht. Wenn der moderne Mensch dies
erfaßt, dann gewinnt er wieder eine andere Stellung zur Reli¬
gion und auch eine andere Stellung zur Kulffprache der Religion.
Der Glaube, an dm Sieg des Rechtes, der Glaube, daß über der
Geschichte ein tieferer Sinn waltet, fordert auch die religiöse Ge¬
meinschaft, denn nur in der Gemeinschaft kann dieser Glaube ver¬
wirklicht werden. So findet der moderne Mensch den Weg zur re¬
ligiösen Gemeinschaft zurück. Das Religiöse hat noch Raum in
unserer Kultur. Der moderne Menfch gibt der Kultur sein Recht.
Ihren letzten Sinn jedoch erhält die Kultur durch den religiösen
Glauben, er erst hebt sie über den Stand der Zivilisation hinaus.
Die in großer Zahl erschienenen Zuhörer spendeten dem Vor¬
trag Dr. Elk reichen Beifall. S.