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Bayerische
IsraelMsche Gemeinöezeitung
Aachrichtenblatt öer Israelitischen KultuSgemeinöe in München
unö öes Llerbanües Vagerischer Israelitischer Gemeinöen
Lrscheint am Anfang jeüen Monats. — Verlag: V. Heller, München,
Herzog Marstraße 4 , Fernsprecher 9J099, Postscheckkonto ne. 5 987 München,
vchristleitung: Dr. Lugen vchmlöt, Rechtsanwalt ln München, Karlstraße 6 .
Lezugöpreis für nicht eingewiesene Lezieher: Mark 4*— für öas
Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Feile 40 Pfennige.
Familienanzeigen, Stellengesuche uns ähnliche Angebote if Pfennige.
f?£$ München, 15. Januar Hr. t
Inhalt: Episoden aus der Geschichte der Juden in Bayern — Odyssee
des unbekannten Soldaten — Tagung des Reichsverbandes der jü¬
dischen Lehrervereine — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde —
Bücherschau — Lehrerzeitung — Vereine — Amtlicher Anzeiger:
Bekanntmachung der Israelitischen Kultusgemeinde München: Be¬
kanntmachung über Preisausschreiben — Personalia.
Im neuen 4. Jahrgang 1928 wird die Bayerische Israeli¬
tische Gemeindezeitung vielfach geäußerten Wünschen entsprechend
vierzehntägig, jeweils am I. und 15. des Monats, erscheinen.
Infolge des Entgegenkommens des Verlages wird diese Er¬
weiterung des Umfanges ohne finanzielle Belastung der Gemeinde
und des Verbandes durchgeführt werden können.
Episoden aus der beschichte der luden in vavern
(Nach Berichten der Archive.)*
Von Rabbiner Dr. M. Weinberg in Neumarkt (Oberpfalz)
II.
Die Scheu vor der Ablegung des Eides.
Wir besitzen noch die Reiseberichte, die vor über tausend Jah¬
ren Eldad aus dem Stamme Dan herausgegeben hat. In diesen
schildert er die Erlebnisse, die er in Asien bei dem Besuche der
„10 Stämme" hatte. Sie sind zum Teil fabelhafter Natur, zum
Teil aber offenbar der Wirklichkeit entsprechend wiedergegeben.
Hierbei erzählt er nun unter anderem auch von einer eigenartigen
Beobachtung, die er gemacht hat. Er traf auf eine jüdische Be¬
völkerung, wo niemand zu bewegen gewesen wäre, einen Eid ab¬
zulegen. Diese Scheu vor dem Eide bestand zu allen Zeiten im
Judentum und besteht noch heute. Der Eid bietet das letzte Mit¬
tel, die Wahrheit zu ermitteln und zu bekräftigen, dort wo neben
Gott nur der Schwörende Aufklärung zu bieten vermag, und
damit letzten Endes das Fundament aller juridischen Rechtspre¬
chung. Es entspricht daher dieser autokratischen Unfehlbarkeit
des Schwures, daß Gott selbst, der über seine Richtigkeit allein
zu entscheiden vermag, zum Zeugen seiner Wahrheit angerufen
wird. Es müßte ein Jude sich schon sehr weit vom Urgrund sei¬
ner Religion entfernt haben, wenn die heilige Ehrfurcht vor der
Gottheit nicht auf das Tiefste in seinem innersten Wesen fundiert
' wäre. Weiß er doch, daß bei keinem der zehn Gebote die un¬
mittelbaren sträflichen Folgen einer Übertretung so eindringlich
gezeigt werden, wie im dritten. Daß ein Jude einen wissent¬
lichen Falscheid leistet, erscheint undenkbar; aber auch wegen einer
'Bagatellsache einen Wahrheitseid zu leisten, weift man von sich.
* Eine Artikelreihe, welche in zwangloser Folge erscheint. Fort¬
setzung von Nr. 1, Jahrgang 1926.
Gott zum Zeugen anzurufen —, das muß bei einer ganz großen,
bedeutungsvollen Sache geschehen. Darum ist ja auch die Nei¬
gung der Juden erklärlich, wenn irgend möglich sich jedes Eides
zu enthalten; und es ist oft genug in Gerichtssälen vorgekommen,
daß Glaubensgenossen einen ihnen zugeschobenen, mit bestem Ge¬
wissen zu leistenden Eid verweigerten, obwohl sie dadurch den
Gewinn ihrer wohlberechtigten Ansprüche aus der Hand gaben.
Eine solche Eidesverweigerung, bei der es sich überdies um
einen verpflichtenden allgemeinen Amtseid handelte, der mit
bester Überzeugung hätte abgelegt werden können, beschäftigte
vor etwa zweihundert Jahren bayerische Regierungsbehörden
und erregte in weiten Kreisen berechtigtes Aufsehen. In Schnait-
tach befand sich der Sitz des einzigen bayerischen Rabbinates.
Im Jahre 1721 war die Stelle neu zu besetzen. Aus Sparsam¬
keitsrücksicht beschloß der Bezirk, eine Personalunion mit der
Gemeinde Fürth einzugehen und den dortigen berühmten Rab¬
biner Baruch Rapoport mit der Mitverwaltung des Schnait-
tacher LandrabbinateS zu betrauen. In Schnaittach selbst waltete
ein Vizerabbiner, während bei Rapoport die Erledigung aller
autoritativen, besonders juridischen Angelegenheiten lag. Er galt
tatsächlich als pragmatischer Staatsbeamter, der unter der Hilfe
und dem Schutze des Staates alle Zivilprozeffe unter den Juden
zu erledigen hatte und dabei nach Befinden Eide auferlegen
konnte; hierin, besonders aber auch in Steuersachen, trug er
amtliche Verantwortung dem Staate gegenüber. Daher ver¬
langte die Schnaittacher Amtsbehörde (Pflegamt) von Rapoport,
daß er sich vereidigen lasse; die Regierung in Amberg schloß sich
dieser Forderung an, um so mehr als Fürth Ausland sei. Rapo-