Seite
Vagerische
Rachcichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinöe in München
unö ües Verbanöes Hagerischer Israelitischer Gemeinöen
Israelitische Gememüezeitung
Erscheint am 1. unö 15. jeöen Monats. — Verlag: V. Heller, München, Lezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4 — für öas
Herzog Marstraße 4 /Fernsprecher Postscheckkonto Nr.z-S 7 München. Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Pfennige.
Schristleitung: Sr. Lugen vchmiöt, Rechtsanwalt in München, Karlstraße 6 . Zamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Pfennige.
München, 15. Marz Kr. 5
Inhalt: Die Sendung Franz Kafkas —> Die Juden in Bayern — meinde — Bücherschau — Vereine — Amtlicher Anzeiger: Bekannt-
Vom Kern der Religion — Jakob Herz — Reichsverband der deut- machung der Israelitischen Kultusgemeinde München über Mazzoth-
schen Juden — Die Schändung des Israelitischen Friedhofes in Versorgung — Personal!«.
Essingen — Lehrerzeitung — Aus dem Verbände — Aus der Ge-
vie Sendung §ranz Kafkas
von Manfred
I.
Es erübrigt sich heute, fast vier Jahre nach dem Tode Franz
Kafkas, mit dem Nachdruck auf feine Bedeutung hinzuweisen,
die 1924 noch notwendig war, um sich Gehör zu verschaffen.
Allmählich ist die Gemeinde des Dichters gewachsen, die Kühl¬
sten und Fernstehendsten haben bei den gewaltigen Gaben seines
Nachlasses aufmerken müssen, und jene Wenigen, die noch zu
seinen Lebzeiten und unmittelbar nach dem Tode des Unverge߬
lichen immer wieder feine Größe klarzuftellen und feine zukünftige
Wirkungskraft zu prophezeien sich bemühten, jene Wenigen haben
eine beglückende Bestätigung erfahren dürfen und nicht zuletzt
die Gewißheit, daß Franz Kafka die Anerkennung und darüber
hinaus den Ruhm finden wird, der ihm gebührt. Noch ist es
nicht so weit. Wohl ist der Name Kafka im Kreise der litera¬
risch Interessierten längst kein unbekannter mehr, wohl wachsen
von Tag zu Tag die Stimmen, die den Vorstoß durch die Indif¬
ferenz weiterer Kreise intensivieren helfen - noch aber hat leider
dieser Vorstoß nicht jene Kraft erreicht, die allein letzte Ver¬
breitung und damit die Unvergänglichkeit des Werkes gewähr¬
leistet.
Franz Kafka ist ein jüdischer Dichter, nicht nur seiner Ab¬
stammung nach, sondern vor allem gemäß seiner geistigen Struk¬
tur und nach jener tragischen Besessenheit, mit welcher er ver¬
sucht, sich dem Gefüge der Welt einzuordnen. Franz Kafka ist
der Jude schlechthin. Es ist vielleicht gut zu sagen: Der Ewige
Jude. Kafka, der daö Maß beherrscht, wie kein zweiter Dichter
dieses Jahrhunderts, steht selber ungemeffen der Ordnung, dem
Kosmos gegenüber. Nirgends gibt es einen verborgenen Win¬
kel, in den er sich betten darf; was bei jedem Kuli eine Selbst¬
verständlichkeit ist, wird bei ihm zur Utopie. Er müht sich, er¬
niedrigt sich, zwingt sich mit heroischer Geduld zu immer erneu¬
tem Versuch. Aber es liegt doch gleichzeitig eine Hoffnungslosig¬
keit, eine Verzweiflung in dieser Bemühung, und indessen ent¬
blättert sich das Leben wie ein herbstlicher Baum. Das ist Kaf-
Sturmann
kas Melodie, die seiner selbst und die seiner Dichtung; denn
nirgends anders finden wir eine solche Einheit von Leben und
Werk wie bei ihm. Diese Melodie klingt aus der noch zu Leb¬
zeiten erschienenen Novelle „Die Verwandlung", aus den Ro¬
manen „Der Prozeß" und „Das Schloß" und schließlich aus
dem dritten Nachlaßband, der im folgenden noch näher betrachtet
werden wird?
Bedarf es noch eines Beweises, daß diese seine Melodie eine
jüdische ist? Ist Kafkas Thema nicht das jüdische Schicksal in
letzter Prägnanz? Jenes der Ordnung Gegenüberftehen, jene
Sehnsucht, seine Art zur Norm zu machen, jene Bemühung, in
die Reihe zu treten, nur um aufzuhören, ein Sondersall zu sein?
Wenn Joseph K. im „Prozeß" sein Leben hingibt im Kampf
mit einer geheimnisvollen Gerichtsbehörde, nur um den Grund
zu erforschen, weshalb er verfolgt und verurteilt ist; wenn K.
im „Schloß" feine letzten Energien verschwendet, nur um in
einer fremdartigen Umgebung Durchschnittsmensch zu werden;
wenn schließlich der sechzehnjährige Karl Roßmann im dritten
Nachlaßband „Amerika" trotz allem Fleiße und aller Entbeh¬
rung in seinem Bestreben, sich der Ordnung des fremden Konti¬
nents einzureihen, immer wieder versagt — wer spürte nicht über
den Leiden dieser Einsamen den Schlagschatten des jüdischen Ge¬
schicks?
Überall in Kafkas Werk stehen die Menschen gleich Zuschauern
um den Einzelfall, staunend zuweilen, doch oft auch mit Geläch¬
ter. „Es ist doch so einfach, dazusein!" denken sie. Kann die Pa¬
rallele noch deutlicher sein: Wie der Held in Kafkas Werk den
Zuschauern, so steht der Jude seiner Umgebung gegenüber, als
Einzelfall, als betrachtens- und vielleicht bemitleidenswerte
Extravaganz. Im „Prozeß" erzählt Kafka eine Legende, in der
ein Mensch zum Türhüter des Gesetzes wandert und Einlaß be-
1 Der Novellenband „Der Hungerkünstler" und der Roman „Der Pro¬
zeß" erschienen im Verlag Die Schmiede, Berlin; alle übrigen Werke
bei Kurt Wolfs in München.