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Homerische
Israelitische GememÜezeitung
Kachrichtenblatt 6er Israelitischen Kultuögemeinüen in München uns Augsburg
unü ües VerbanüeS Bagerischee Israelitischer Gemeinüen
erscheint am T. unü 15. jeden Monats. — Verlag: V. Heller, München,
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192,9 München, 1 . Januar Ar. i
Inhalt: Das Bibelwerk des Mose Arragel — Alexander Eliasberg —
Emanuel Lasker zu seinem 60. Geburtstag am 24. Dezember 1928 —
Eine Regierungsentschließung über jüdische Friedhosskunst — Aus
dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Bücherschau —
Vereine — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachung der Israel. Kultus¬
gemeinde München über Geschästsstunden — Bekanntmachung der
Israel. Kultusgemeinde Augsburg über das Ergebnis der Gemeinde¬
wahlen 1928 — Personalia
Vas bibelwerk des Moje flrragel
Von Seminaroberlehrer Dr. Max Golde
In nachfolgendem Aufsatz bringt der bekannte Autor und Mit¬
arbeiter an der Bno^elopädia Judaica das Ergebnis seiner neuesten
religionswissenschaftlichen und linguistischen Forschungen auf dem
Gebiete des spanischen Judentums.
Im Mittelalter wurde die Religion einseitig als eine Forde¬
rung der V.ernunfttätigkeit angesehen, darum führte man erbit¬
terte Geisteskämpfe zur Lösung der Frage, welches der drei herr¬
schenden Glaubensbekenntnisie das gottgefällige und wahre sei.
Die Araber, die damals nach dem europäischen Westen vor¬
zustoßen trachteten, griffen in streithaften Auseinandersetzungen
und Abhandlungen das Christtentum, in einer geringeren Zahl
gleichzeitig die Juden an, und wenige sind gegen diese allein ge¬
richtet, deren Glauben hier, wie in dem Kusari des Iehuda Ha-
levi die „gedrückte Religion" genannt wird. Eine amtliche An¬
weisung vom 1. Februar 1308 spricht auch von einer im Regie-
rungöschlosie zu Damaskus den Emiren vorgelesenen Verordnung
des Sultans, nach der die Christen von allen öffentlichen Äm¬
tern im Staatsdienst der Islamiten auözuschließen seien. Beson¬
ders dürften sie nicht Schreiber, nämlich Staats- oder Gerichis-
schreiber, und Steuereinnehmer seirst. Eine geringere Zahl von
Gegenschriften, wie die berühmte des jüdischen Dichters ver¬
suchten jene Angriffe zu widerlegen und den eigenen Glauben zu
verteidigen. Dieser wild lodernde Eifer, durch Bekehrte, unter
dem Druck der arabischen Oberherrschaft zum Islam Übergetre-
tene noch verschärft, war durch die Vergötterung eines Men¬
schen entfacht worden, der sich zum Führer blindwütiger Scharen
aufgeschwungen hatte. Seine elementar wirkende Kraft hat auch
den sonnenhaften Blick des greisen Goethe auf sich gezogen, so
daß er seinen Führergeift in dem Iubelhymnus: „Mohameds
Gesang" feierte. Ein lebender Augenzeuge jener Glaubens-
1 (Moritz Steinschneider, Polemische und apologetische Literatur
in arabischer Sprache. Leipzig 1877.)
kämpfe aber sagte von den Islamiten, sie seien „eine niedere
Sekte und nicht wert, daß in ihrer Mitte der Messias erscheine".
Der so hart über den allerdins schon im Niedergang begriffenen
Islam urteilende Gelehrte war Rabbi Mose Arragel
aus Guadalfajara bei Toledo.
Dieser Weise bildete einen Mittelpunkt in dem Kampf um
die Auseinandersetzung mit den höchsten religiösen Fragen. Denn
in der Reihe der Prachtwerke, die damals aus dem Studium
der Bibel entstanden, ist das herrlichste, das B i b e l w e r k
d es Arragel, von dem auch die Berliner jüdische Gemeinde¬
bibliothek eine Buchausgabe' besitzt. — Der reich begüterte
Hochmeister von Calatrava, dessen Titel der König von Spanien
noch heute führt, ein feingeiftig angelegter und von literarischem
Ehrgeiz gespornter Fürst, forderte, der unaufhörlichen Glau¬
bens- und Parteikämpfe sowie der einförmigen Vergnügungen
des Hoflebens überdrüßig, 1422 von dem Rabbi eine von den
bisherigen Fehlern freie Übersetzung der Bibel ins Kastilische
und dazu Erklärungen, welche die dunkeln Stellen aufhellten,
sowie die historische Veranschaulichung ihres Inhalts. Um die
Auffassungen des jüdischen aber zugleich die des römischen Glau¬
bens zu besitzen, bestellte er zu seiner Beratung gelehrte Mönche
aus seiner Umgebung. Trotz der Einwendung des Rabbis, daß
er den rein geistigen Gott nicht in körperlichen Formen darftel-
len könne, mußte er sich schließlich zur Übernahme des Auftrages
bereit erklären. In den mit feinster Eleganz ausgeftatteten Bü¬
chereien des Franziskanerklofters traf er mit vielen Gelehrten
der Kirche zusammen. So entstand die Übersetzung des Alten
Testaments und nach jedem Buch auch ein Anhang von Erläute¬
rungen. Nach des Kirchenfürsten Weisung wurde die nach mehr
als achtjähriger mühevoller Arbeit zuftandegekommene Bibel-
- (Mose Arragel, Bit)1ia Antiquo Testamente». Madrid 1920/22.
2 Bde. 845 u. 992 Stn.) "