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Vagerische
Israelitische Gememöezeitung
KachrichtenblaU üer Israelitischen Kultusgemeinüen in München unü Augsburg
unü ües Äerbanües Hagerischer Israelitischer Gemeinöen
Erscheint am 1. unü if. jeüen Monats. — Verlag: V. Heller, München,
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München, if. Mi Hc.14
Inhalt: Die Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Ge¬
meinden zu Aschasfenburg, 30. Juni und 1. Juli 1929 — Protokoll
der Verhandlungen der siebenten Tagung des Verbandes Bayeri¬
scher Israelitischer Gemeinden in Aschasfenburg am 30. Juni und 1
Juli 1929 — Aus dem Reiche — Aus dem Verbände — Aus der
Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Amtlicher
Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israeliti¬
scher Gemeinden — Bekanntmachung über Änderung der Verfassung
des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden — > Bekannt¬
machung über Änderung der Schiedsgerichtsordnung des Verbandes
Bayerischer Israelitischer Gemeinden — Bekanntmachung über
Jahresrechnung 1923 und Haushaltplan 1929 — Bekanntmachung
über die Einhebung von Kultusumlagen der Lohnsteuerpflichtigen
für das Kalenderjahr 1928 — Bekanntmachung über Beihilfen an
Gemeinden bei Unterbringung bedürftiger Gemeindeangehöriger in
Anstalten — Personalia.
vie lagung des Verbandes vayerischer Israelitiscder Semeinden
zu ttsckattenburg, 30. Juni und 1. Juli 1929
Während hier und dort in deutschen Landen der Auf- und
Ausbau der jüdisch-konfessionellen Landesorganisationen nur un¬
ter großen Schwierigkeiten und Hemmnissen vorwärts schreitet,
während die Reichsorganisation der deutschen Juden bisher daran
scheiterte, daß an dem Zustandekommen beteiligte Faktoren es an
der Einsicht in das praktisch Erreichbare fehlen ließen, geht die
Arbeit des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden
ihren ruhigen, unbeirrbaren Weg. Wenn auch nicht zu verkennen
ist, daß die politischen Verhältnisse Entstehung und Entwicklung
des Verbandes in Bayern mehr als sonstwo begünstigten, so wäre
eö gleichwohl ungerecht, die außerordentliche Arbeitsleistung und
zielbewußte Führung außer acht zu lassen, die den Verband auf
seine jetzige Höhe geführt hat. Während die Arbeiten der ersten
Tagungen der Errichtung des Fundamentes des Verbandes ge¬
golten hatten, der Schaffung seiner verfassungsmäßigen Grund¬
lagen, die die Voraussetzung bilden zu wirksamer Arbeit auf
religiösem, sozialem und kulturellem Gebiete, war die diesjährige
Tagung des Verbandes am 30. Juni und 1. Juli 1929 zu
Aschaffenburg dem Ausbau dieser Arbeiten gewidmet.
Die jährlich ftattfindenden Versammlungen des Rates und
der Tagung haben neben ihrer Arbeitsaufgabe auch noch eine
repräsentative Aufgabe sowohl der jüdischen, wie der nichtjüdischen
Öffentlichkeit gegenüber. Der jüdischen Öffentlichkeit gegenüber,
indem sie in einer Zeit der heftigsten Angriffe und Anfein¬
dungen dem einzelnen zeigen, daß er im Schutze einer größeren
Gesamtheit steht, auf die er sich verlassen kann, der nichtjüdischen
Öffentlichkeit gegenüber, inde^n sie dartun, daß wir einen nicht zu
umgehenden Faktor des öffentlichen Lebens darftellen und unsere
staatsbürgerlichen Rechte in vollem Umfange zu wahren gewillt
sind. Niemals kann ein solcher Appell an das öffentliche Gewissen
ohne Wirkung sein. Zur Bewillkommnung der Tagung schrieb
die „Aschaffenburger Zeitung" vom 29. Juni 1929:
„Eine besonders wichtige Tagung für unsere israelitischen Mit¬
bürger wird am morgigen Sonntag und Montag in Aschaffenburg
stattfinden. Der Landesverband der Bayerischen Israelitischen Ge¬
meinden hat Aschasfenburg zu seinem Versammlungsort gewählt.
Die Aschaffenburger Bürgerschaft, soweit sie den konfessionellen Frie¬
den will und allem abhold ist, was eine verderbliche, volksfeindliche
Bresche in die deutsche Volksgemeinschaft legen könnte, wird mit
Genugtuung davon Kenntnis nehmen, daß der Landesverband der
Bayerischen Israelitischen Gemeinden der Stadt Aschasfenburg und
seiner Bevölkerung Vertrauen schenkt und hier tagen und beraten
Unvernunft, Unduldsamkeit und fanatischer Haß, der keineswegs
immer ehrlicher Überzeugung entspringt, bringen es leider oft zu¬
wege, daß in der deutschen Republik, in der Gewissensfreiheit, Glau¬
bensfreiheit und nicht zuletzt auch der ungestörte Verlaus von Ver¬
sammlungen und Tagungen garantiert ist, durch vorgeschobene unreife
Jugend schwer beeinträchtigt wird.
Wenn es sich bei diesen dunklen Machenschaften auch nur um eine
vorübergehende Krisenerscheinung handelt, die nach den Stürmen des
Krieges in der Nachkriegszeit leichter als sonst möglich ist, so wird
jeder vernünftige, anständig denkende Mensch den Terror in dieser
Richtung als etwas Beschämendes in einem Kulturstaat bedauern
müssen.
Wir befinden uns in der Gemeinschaft der besten Vertreter der
beiden großen christlichen Konfessionen, von bedeutenden Theologen
der katholischen und evangelischen Konfession, wenn wir die Ver¬
leumdungen und schweren Beleidigungen, die den israelitischen Bür¬
gern von gewisser Seite zugefügt werden, als verwerflich und sowohl
mit den Lehren des Christentums als auch mit den Grundsätzen des
Kulturmenschentums nicht vereinbar verurteilen.
In Aschasfenburg will der überwiegende Teil der Bürgerschaft von
diesen häßlichen Dingen nichts wissen. Die Aschaffenburger Bürger¬
schaft will vielmehr mit den israelitischen Mitbürgern in Frieden
leben."
Wie üblich, begann die Tagung mit einer festlichen Eröffnungs¬
sitzung (im großen Saal des Bürgervereins Frohsinn) unter dem
Vorsitz von Oberstlandesgerichtsrat Prof. Dr. Silberschmidt.
Hiezu waren außer den Mitgliedern von Rat und Tagung er¬
schienen: Ministerialrat Dr. Mezger vom bayerischen Staats-