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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung
Nr. 14
Ministerium für Unterricht und Kultus, der Oberbürgermeister
der Stadt Aschaffenburg Geheimrat Dr. Matt, zugleich als Ver¬
treter der Kreisregierung von Unterfranken und Aschaffenburg,
die Bürgermeister Dr. Schwind und Schindling, die Stadträte
Trockenbrodt, Link, Oestreicher, Pohl und Eser. Die Israelitische
Kultusgemeinde Aschaffenburg bewies ihr Interesse durch den
Besuch zahlreicher Mitglieder.
Zur Begrüßung sprach namens der Israelitischen Kultusge¬
meinde Aschaffenburg deren 1. Vorsitzender Herr Alex Trier.
Oberbürgermeister Geheimrat Dr. Matt überbrachte die Glück¬
wünsche des unterfränkischen Regierungspräsidenten Dr. von
Henle und der Stadt Aschaffenburg und führte aus, daß in dem
Bestreben, die Religion zur Grundlage des öffentlichen und pri¬
vaten Handelns zu machen, der Verband im selben Geiste wie
die christlichen Konfessionen tätig sei und die Möglichkeit der
Zusammenarbeit habe. Ministerialrat Dr. Mezger übermittelte
die Grüße des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht
und Kultus und gedachte in anerkennender Weise der stillen Auf¬
bauarbeit und der umsichtigen Finanzpolitik des Verbandes. Zur
Frage der Reichsorganisation der deutschen Juden gab er der
Hoffnung Ausdruck, es möge diese Organisation auf der Grund¬
lage des letzten Entwurfs Zustandekommen. (Bekanntlich schei¬
terte dieser Entwurf an dem Widerstande der preußischen Landes-
vcrsammlung, die ihn mit der Mehrheit von einer Stimme ver¬
warf.)
Im Mittelpunkt des Interesses stand der nun folgende Be¬
richt von OberlandeSgerichtsrat Dr. Neumeyer über die Tätig¬
keit des Verbandes, der ein anschauliches Bild von den Aufgaben
und Leistungen des Verbandes, von den Problemen des baye¬
rischen und deutschen Judentums und von den mannigfachen
Sorgen der Zukunft bot. Dr. Neumeyer ging aus von der in
Bälde bevorstehenden 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses
Mendelsohns, der die Verbindung herbeiführte zwischen Juden¬
tum und moderner Kultur, zwischen Deutschtum und Judentum.
Mendelssohn habe den deutschen Juden die Bibel wiedergegeben;
was Luther für das deutsche Volk, habe Mendelssohn für seine
Glaubensgenossen getan.
Aus dem Berichte entnehmen wir — abgesehen von den weiter
unten behandelten Etatziffern —, daß der Staatszuschuß für das
Jahr 1929 von 60 000 RM. auf 70 000 RM. erhöht worden
ist, ein Betrag, der allerdings, gemessen an den Aufwendungen
des Verbandes und der Gemeinden, die zusammen etwa 3 ^ Mil¬
lionen betragen, immer noch ein sehr geringer ist, aber doch eine
Anerkennung der Staatsregierung bedeutet. Sämtliche Rab-
binate des Landes erhalten einen Zuschuß von 50 Prozent, ein¬
zelne mehr. Regelmäßige Gehaltszuschüsse erhalten 56 Gemein¬
den, Bauzuschüsse 44 Gemeinden im Gesamtbeträge von 28 000
RM. Insbesondere wurden erhebliche Zuschüsse für die Wieder¬
herstellung der Synagoge in Heidingsfeld gewährt. Die Restau¬
rierung wird im Herbst vollendet und das Bauwerk seiner ur¬
sprünglichen Bestimmung wiedergegeben werden. Wie sich aus
diesen Zahlen ergibt, würde das religiöse Leben in vielen Land¬
gemeinden ohne die tatkräftige Unterstützung des Verbandes
verkümmern.
Besonders hervorgehoben wurde das Siechenheim in Würz¬
burg, eine eigene Wohlfahrtsanftalt des Verbandes. Der weitere
Ausbau dieses Siechenheims, wofür verschiedene Projekte zur
Abstimmung Vorlagen, bildete einen der Hauptpunke der dies¬
maligen Tagung. Die bayerischen Wohlfahrtsanftalten mit mehr
als lokaler Bedeutung erhalten etwa 40 000 RM. Mit danken¬
den Worten gedachte der Redner der langjährigen Tätigkeit des
Vorstandes der Waisenanftalt, Direktor Dr. Deutsch, der nun¬
mehr in den Ruhestand getreten ist. Die israelitischen Lehrer¬
bildungsanstalten in Würzburg und Höchberg erfordern an Be¬
triebszuschüssen den Betrag von 58 000 RM. Da die Lehrer¬
bildungsanstalt Würzburg den gesteigerten Zustrom an Schülern
nicht mehr aufzunehmen vermag, ist ein weiterer Ausbau dieser
Anstalt dringend notwendig. Es liegt der Tagung ein Antrag auf
Erlveiterung dieser Anstalt mit erheblichen Mitteln vor. Die
Inventarisation der Kunftdenkmäler in Bayern schreitet vor¬
wärts. Die jüdische Landessiedlung wird gefördert.
Zur Ablehnung des Entwurfes der Verfassung für einen
Reichsverband der deutschen Juden durch die preußische Landes¬
versammlung erklärte der Redner, daß der bayerische Verband
wie auch die übrigen süddeutschen Landesverbände erst neuerdings
einmütig der Anschauung Ausdruck gegeben hätten, daß ein
Reichsverband nur auf dem durch die Geschichte vorgezeichneten
Wege, nämlich durch, den Zusammenschluß der Landesverbände
gebildet werden könne.
Weniger erfreulich war, was Dr. Neumeyer über die Ver¬
hältnisse nach außen zu berichten hatte. Der Bayerische Landtag
hat vor kurzer Zeit, wie schon früher einmal im Jahre 1926,
die Staasregierung um Vorlage eines Gesetzentwurfes ersucht,
wonach die Schlachttiere vor Beginn des Blutentzuges zu be¬
täuben und als Betäubungsmittel nach Möglichkeit mechanische
Geräte, wie Schußbolzen, zu verwenden sind. Es muß daher
damit gerechnet werden, daß dem Bayerischen Landtag in nächster
Zeit ein solcher Gesetzesentwurf zugeht. Die Bemühungen des
Verbandes, eine Betäubungsmethode zu ermitteln, die den
religionsgesetzlichen Vorschriften entspricht, haben bisher noch
keine Ergebnisse gezeitigt. — Der allgemeine Studentenausschuß
der technischen Hochschule München hat vor einiger.Zeit einen
Beschluß gefaßt, wonach die Einführung des Numerus clausus
für jüdische Studierende von der deutschen Studentenschaft mit
allen Mitteln angeftrebt werden soll. Dieser Beschluß wurde von
einer allerdings nur von zehn Prozent der Studierenden be¬
suchten Vollversammlung bestätigt. Bekanntlich sind in Würz¬
burg und Erlangen ähnliche Beschlüsse gefaßt worden. Der
Redner legte Verwahrung dagegen ein, daß staatlich anerkannte
Zwangsorganisationen ihre verfassungsmäßige Neutralität und
unsere Gleichberechtigung und Ehre in so schwerer Weise ver¬
letzen. — Dr. Neumeyer ging ferner aus die Ritualmordlüge
von Manau ein, die bekanntlich seinerzeit große Aufregung aus¬
löste und über die wir bereits ausführlich berichteten. Er schloß
mit der Überzeugung, daß der äußere Feind uns zwar schaden,
uns aber nicht vernichten könne, und mit den Worten aus
„Nathan der Weise": „ich stand und ries zu Gott: ich will,
wenn Du nur willst, daß ich will!"
Die sachlichen Beratungen der Tagung begannen Sonntag
nachmittag mit dem Finanzbericht von Kommerzienrat Rosenzweig,
Nürnberg, dem Schatzmeister des Verbandes. Darnach haben
die Steuereingänge des Jahres 1928 den Voranschlag wesent¬
lich überstiegen. Sie betrugen 635 232 RM. gegenüber einem
Voranschlag von 463 638 RM. Mit Rücksicht auf die gegen¬
wärtigen Wirtschaftsverhältnisse hielt der Referent eine vor¬
sichtige Beurteilung der künftigen Eingänge für angezeigt. Auf
der Ausgabenseite interessieren: 313 148 RM. Besoldungs¬
zuschüsse an die Gemeinden (Vorjahr 173 899 RM. Die
wesentliche Erhöhung ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß
seit 1. April 1928 sämtliche Rabbinate des Landes einen Zu-