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Nachrlchtenblatt 6er Israelittschen Kultusgemeinöen in München unö Augsburg
unö 6eS Verbanöes Vagerischer Israelitischer Gemeinüen
Väterliche
Israelitische GemeinÜezeitung
erscheint am 1. unö 15. seöen Monats. — Verlag: S. Heller, München, Bezugspreis für nicht elngewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öas
pllnganserstraße ö 4 , Kernruf 7*566$ unö 75665, Postscheck München 5987• Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 RetchSpfeanlg
vchristleitung: Sr. Luüwlg Keuchtwanger, München, Grillparzerstraße 58 Kamlllenanzetgen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Retchspfenntg
VI. Jahrgang München, I. Januar Nr.^
Inhalt: Der goldene Leuchter zwischen den zwei Ölbäumen — Zum Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Be-
Gedenken — Franz Rosenzweig — „Ein Ende setzt er der Finsternis" kanntmachung über das Ergebnis der Ergänzungswahlen zum Ge-
Erklärung der Bayerischen Rabbinerkonserenz — Tradition und Kritik meindeoorstand für die Wahlperiode 1930 bis 1932 — Bekanntmachung
im Judentum — Ein neues Quellenwerk über die Lehren des Juden- über die Besetzung der Ausschüsse und die Ernennung der Beaustrag-
tums — Dank für Rechtsanwalt Dr. Eugen Schmidt — Ehrung für ten der Gemeinde; hier Ergänzungswahlen — Perfonalia
Rofalie Perles — Aus der Gemeinde München — Amtlicher Anzeiger:
Der goldene Leuchter zwischen den zwei Oelbäumen
Bemerkungen zu Chanukkah
Von Ludwig Feuchtwanger
Das Chanukkahfeft wird zur Erinnerung an die Weihe des
Tempels unter Juda Makkabi, vom 25. Kislev ab acht Tage
lang gefeiert; es fällt in diesem Jahr besonders spät, vom 27.
Dezember bis zum 3. Januar. Das Fest bietet nach seinem
historisch-politischen Hintergrund, vielleicht aber noch mehr nach
seiner nicht immer gleich gebliebenen Wertung innerhalb der
jüdischen Frömmigkeitsgeschichte Anlaß, weit über die konven¬
tionellen Betrachtungen hinaus, über Sinn und Aufgaben eines
beseelten Judentums nachzudenken. Wer sich in die jüngste Dar¬
stellung von der Geschichte unseres Festes von nicht-jüdischer
Seite her, in das große Werk des Altmeisters der antiken Ge¬
schichte, Eduard Meyer, vertieft hat, wird die grundlegende Be
lehrung, die er hier über die Entstehung des Chanukkahfeftes
erfährt, nicht vergessen; er wird aber ebensowenig vergessen den
EiShauch gelehrter liebloser Distanz, der daraus entgegenweht,
und die unerfreulichen Tagesaffekte, mit denen Eduard Meyer
das Ergebnis seiner Forschungen vorträgt. Dadurch wird das
Studium eines der bedeutendsten Grundwerke der antiken und
der jüdischen Geschichte schwer beeinträchtigt, ja vergiftet.
Einer eigentümlichen Umwertung und unangebrachten Ak¬
tualisierung unseres Festes haben sich aber auch moderne jüdische
Kreise schuldig gemacht und auf diese Weise den echten zeitlosen
Glanz, die hohe rein religiöse Würde des Chanukkahfeftes ge¬
trübt. Ich glaube, man kommt seinem Geist näher, wenn man es
von jeder Tagesftimmung und Aktualität, von jeder Verftänd-
lichmachung durch Begriffe, die um uns herum in der Luft lie¬
gen, und von allen abgeleiteten, nachempfundenen, fremden Ge¬
fühlen fernhält.
Vielleicht offenbart sich der tiefe religiöse Eigenwert auch bei
diesem Fest am klarsten in den gottesdienstlichen Gebräuchen,
die mit seiner Feier von altersher verbunden sind. Die Ver¬
änderung, die der regelmäßige Gottesdienst am Sabbat und
an Werktagen infolge des Chanukkahfeftes erfährt,, ist ja sehr
gering und beschränkt sich fast auf die Einschaltung des Al-Ha-
nissim, des Dankes für Wunder und Errettung, in das vorletzte
Stück der Tefilla. Wer sich aber den Gottesdienst am Sabbat-
Chanukkah ins Gedächtnis zurückruft, dem wird immer unver¬
geßlich bleiben der Prophetenabschnitt nach Beendigung der auch
an diesem Tag unveränderten regelmäßigen Thoravorlesung.
Diese Haphtarah hängt eng zusammen mit einem der klangvoll¬
sten und gedankenreichsten Piutim (Piut — Synagogale Hymne)
von Salomon ibn Gabirol im Sabbatmorgengebet des glei¬
chen TagS; mir klingt noch heute der jubelnde Ton des
scheneyj zejthim, des 2 '»-?' ' 12 -' aus meiner Jugend im Ohr.
Die Haphtarah am Sabbat-Chanukkah ist (wie teilweise auch
der Piut beim Morgengebet) den denkwürdigen Visionen
des Propheten Sacharja entnommen und beginnt mit den
Sätzen: „Juble und freue dich, Tochter Zion! Denn alsbald
erscheine ich, um in deiner Mitte zu wohnen, so spricht der
Ewige." Sacharja berichtet über seine prophetische Tätigkeit in
Jerusalem um 520 vor Beginn unserer Zeitrechnung. Wie
Haggai will er mit allen Kräften den Wiederaufbau des zer¬
störten Tempels fördern, mit dessen Errichtung er das mef-
sianische Glück des jüdischen Volkes verbindet. Das Mittelstück
des Buches sind die gewaltigen acht Nachtgesichte des Propheten,
die er am Himmelstor empfängt und deren Verständnis ihm
durch einen dolmetschenden Engel vermittelt wird. Das Wort
Gottes über die Herstellung des Tempels lautet: „Nicht durch
Macht und nicht durch Gewalt, sondern durch Meinen Geist,
spricht der Ewige der Heerscharen." Sacharja sieht einen gol¬
denen Leuchter mit sieben Lichtern zwischen zwei Olbäumen, die
nachher als die beiden gesalbten Diener des Herrn der Erde er¬
klärt werden. Das Ganze bedeutet, daß nach Wiederaufrichtung
der selbständigen jüdischen Herrschaft der Hohepriester Iehoschua