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Erscheint am La. 15. jeden Monats. — Verlas: B.Heller, München,
Pllnsanserstr.64, Tel. 73 6 64 u. 73665, Postscbeck München 3987,
Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden.
Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das
Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach »anlegendem Ta¬
rif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarlt
X. Jahrgang München, 15. August 1933 Nummer 16
Inhalt: Trost aus der Geschichte — Justizrat Elias Straus.:— dem Reiche — Geschäftsnachrichten — Amtlicher Anzeiger:
Das Porträt eines jüdischen Anwalts — Praktische Wirtschafts- Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer
und Berufsfragen der Gegenwart — Von der hebräischen Gemeinden: Bekanntmachung über Ersatzwahlen — Personalia.
Sprache in Palästina — Aus der Gemeinde München — Aus
Trost aus der Geschichte
Von Studienrat Dr. Willy Cohn- Breslau
.Ein frommes Wort des alten Bismarck: „Wie Gott will,
es ist ja doch nur alles eine Zeitfrage, Völker und Men¬
schen, Torheit und Weisheit, Krieg und Frieden, sie
kommen und gehen wie Wasserwogen, und das Meer
bleibt. Was sind unsre Staaten und ihre Macht und ihre
. Ehre vor Gott anders als. Ameisenhaufen und Bienen¬
stöcke, die der Huf eines Ochsen zertritt oder das Ge¬
schick in Gestalt eines Honigbauers ereilt."
; Der jüdische Mensch, der die letzten Monate ohne Zu¬
sammenhang mit der Vergangenheit seiner Gemeinschaft
erlebt hat, stand den Ereignissen meist innerlich fassungs¬
los gegenüber. Immer wieder fragte er sich, warum ge¬
rade ihm und seiner Generation dies geschehen mußte,
warum gerade er es plötzlich zu erfahren hatte, ^daß man
ihn nicht zu dem Volke zählte, unter dem er seit Genera¬
tionen, lebte.
Wer aber die Geschichte des Judentums nur in großen.
Zügen kennt,.der weiß, daß das, was wir erfahren, ledig¬
lich eine Wiederkehr des Gleichen ist; er wird die Er¬
eignisse mit viel stärkerer innerer. Fassung über sich er¬
gehen lassen, und er wird sich mit den unzähligen Gene¬
rationen der Vergangenheit gleichen Sinnes fühlen, die
keine Katastrophe in ihrem Willen zum Judentum, in
ihrem Willen zum Judesein gehemmt hat.
So sollen im Folgenden diejenigen Epochen der jüdi¬
schen Geschichte, die Ähnliches gezeigt haben und doch
wieder abgeklungen sind und zu neuem Leben geführt
haben, aufgezeigt werden.
Der erste Tempel war zerstört. Die Juden waren in
babylonische Gefangenschaft geführt, es schien am Ende
zu sein mit der Volkskraft. Und schaute man auf andere
Völker, die ähnliches erfahren haben, so mußte man sich,
damit abfinden, daß das kleine Volk aus Palästina auf¬
gehen würde unter dem großen Volke, das es weggeführt,
hatte. Aber es kam anders. Die Herrschaft der Babylo-
nier wurde von der der Perser abgelöst. Und wer in dem
Jahrhundert der Verbannung den Willen zum: Judesein
nicht verloren hatte, in wessen Familie die Tradition
lebendig geblieben war und die Treue erhalten wurde,
der kehrte zurück. So entstand auf dem alten Boden un¬
ter der Führung von Esra und-Nehemia eine neue Ge¬
meinschaft. Nicht alle kehrten zurück; sicherlich wird ein
großer Teil der Verlockung unter den viel bequemeren
Bedingungen Babyloniens weiterzuleben, nicht, wider¬
standen haben. Aber die Wiedergeburt des Volkes ge¬
schah stets aus den Wenigen. . ^ •
, Jahrhunderte sind vergangen. Vor den Toren Jerusa¬
lems standen die Römer, und es war nur noch eine Frage
von Tagen, daß der Tempelberg fallen würde. Wieder
stand das Volk scheinbar vor dem Untergang. Aber in
der großen Tat der Gründung der Schule von Jawne hat
sich das um seine nationale Existenz gebrachte Volk eine
neue Form des Daseins geschaffen. In dem Augenblick,
in dem das Land der Väter sich dem Judentum verschloß,
öffneten sich die Tore der Welt. Und wenn auch von
diesem Tage an das Volk der Bibel in den Ländern der
Zerstreuung leben mußte,, so hat es doch in jedem Augen¬
blick, wenn ein Land es aus seinen Grenzen wies, in
einem .anderen Aufnahme gefunden.
Der religiöse Mensch wird in diesem einzigartigen Ge¬
schehen sichtbar die Hand Gottes erkennen, die seine Ge¬
treuen niemals zugrunde gehen ließ.
Gewiß, als der zweite Tempel zerstört war, da war die
Welt dünn bevölkert. Überall war Platz zum Aufbau,
überall brauchte man Menschen, die mit dem Einsatz ihrer
ganzen Persönlichkeit gewillt waren, dem Lande, das sie
aufnahm, zu dienen, und die glücklich gewesen sind, wenn
man sie in der Ausübung ihres Glaubens in der Treue zu
den. Gebräuchen ihrer Väter nicht behinderte. So kam es,
daß die Juden sich nicht nur über das ganze Mittelmeer¬
gebiet verteilten, daß sie an der afrikanischen Küste bis