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Erscheint am l.u. 15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller,München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das
Plinganserstr. 64, Tel. 73 6 64 u. 73 6 65. Postscheck München 39 87, Jahr. Anzeigenpreis: Gescbäftsanzeigen nach anfliegendem Tarif.
Herausgeber: Verband Bayerisc her Israelitischer Gemeinden. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif.
X. Jahrgang München, 1. Januar 1934 Nummer 1
Inhalt: Parteibefreites Judentum — Franz Werf eis neuer Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des
Roman — Vier Rabbiner-Bücher — Vom israelitischen Ho- Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekannt¬
spital zu Fürth — Sorgen um jüdische Jugend — Die Juden machung betreffend den Revisionsausschuß des Verbandes;
Wiens — Aus der Gemeinde München — Aus dem Reiche — Bekanntmachung über Ersatzwahl — Personalia
Parteibefreii
Von Rabbiner Dr. I g n a z M
Das Vorbild Franz Rosenzweigs
Das Judentum des 19. Jahrhunderts steht in drei scharf ge¬
trennten Lagern einander gegenüber. Franz Rosenzweig ist
die erste Persönlichkeit, die als jüdische Erscheinung weder
als liberal noch als orthodox angesprochen werden kann und
der auch nicht Nationaljude ist. Die drei jüdischen Parteirich¬
tungen des 19. Jahrhunderts sind alle nicht berechtigt, Franz
Rosenzweigs Judentum sich zuzuordnen. Der großen Bedeu¬
tung, die darin liegt, daß in unserer Mitte eine jüdische Hal¬
tung erstand, die sich von allen vorhandenen jüdischen
Parteigruppen distanzierte und doch zu ihnen in innigem Zu¬
sammenhang stand, muß aufs aufmerksamste nachgegangen
werden. Falsch ist es zu sagen, Franz Rosenzweigs Genie
lasse sich wie eben jedes Genie nirgends einordnen; er sei als
große Persönlichkeit jenseits der jüdischen Parteien, die aber
damit ihre Berechtigung weiter behielten. Franz Rosenzweig
hat besiimmt vieles, das vom Genialen in seiner Persönlich¬
keit zu sprechen Anlaß gibt. Hätte sich dieses Geniale aus¬
wirken dürfen, so wäre das deutsche Geistesleben wieder ein¬
mal durch die Leistung eines Juden bereichert worden. Rosen¬
zweig wäre in die Ruhmeshalle eingerückt, die das deutsche
Judentum in der deutschen Geschichte besitzt, sei es, daß
dieser Ruhm die deutsche Geschichte allein betrifft wie bei
Rathenau, sei es, daß diese Wirksamkeit auch das Judentum
berührt wie das bei Hermann Cohen der Fall war. Da traf die
Gnade Gottes das Leben Rosenzweigs. Berufung ist nicht An¬
lage, die sich entfaltet, sondern Schicksal, das trifft. Der
Engel berührte die Lippen Jesajas mit glühender Kohle und
weihte sie, Gottes Wort sprechen zu dürfen. Die Gnade
Gottes, zu der Rosenzweig schon vor seiner Krankheit zu¬
rückgefunden hatte, zerbrach sein Genie, und er wurde einer
von uns, einer aus dem Volke, ein Jude. Nicht als Genie hat
er seinen Platz in den jüdischen Parteien. Vor Gott muß auch
Judentum
ybaum, Frankfurt a. d. Oder
das Genie in Einfalt stehen. Als Jude, in seinem Beten, Be¬
kennen und Existieren, konnte er nicht orthodoxer, liberaler,
nationaljüdischer Jude sein, wie andere vor ihm und um ihn.
Der Schüler Rosenzweig ist in den bestehenden Parteien,
soweit sie ihr aus dem 19. Jahrhundert stammendes Gepräge
beibehalten, heimatlos. Rosenzweigs Leben und Lernen hat
die im 19. Jahrundert entstandenen Parteisysteme, die jüdische
Orthodoxie, den jüdischen Liberalismus und den jüdischen
Nationalismus — der Zionismus ist noch etwas anderes als
jüdischer Nationalismus — vernichtet. Das heraufkommende
jüdische Leben trägt ein Gepräge, für das die alte Parteiab-
stempelung vollkommen unbrauchbar geworden ist.
Die Orthodoxie
Für den politischen Liberalismus, der Europa vom Westen
her eroberte, ist es kennzeichnend, daß in ihm letzten Endes
die Moral allein vorhanden ist, und daß das religiöse Ver¬
halten wie Beten, Bekennen, das Sich-Beugen vor Symbol und
Brauch entweder ganz ausgeschaltet ist oder gerade noch
am Rand dieser verstandesklaren Welt verkümmert vorhanden
bleibt. Es zeigt sich nun, daß die Orthodoxie des S.R.Hirsch
— eine andere gibt es nicht — in einem Punkt gleichfalls der
Liberalisierung verfiel, und zwar in einem Punkt, der das
Herz dieser treuen Gemeinde, die die Tradition ungebrochen
zu halten glaubt, betrifft, nämlich ihre Gesetzestreue. Franz
Rosenzweig macht der westlichen Orthodoxie gegenüber die
Feststellung, daß in ihr eine Auffassung des jüdischen Ge¬
setzes herrscht, die etwas durchaus Neues und zwar ein nicht
zu billigendes Neues darstellt. 1 S. R. Hirsch sprach von jüdi¬
schen Pflichten. Die Pflicht ist aber etwas, was zunächst hin¬
weist auf die Moral. Das jüdische Gesetz betrifft eine Fülle
von Vorschriften, die das sittliche Leben betreffen, aber es ist
doch Religionsgesetz, nicht Sittengesetz. Die Forderung, die
dtonjert iillünrtiner luDifrtier ßünjtler, am Donnerstag, Den 4. Hanum )m,
atJenöa $ llfjr im iltlufeumsfaal. * ♦ * lÄä&eieg fie&e Seite 10.