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Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats. —Verlag: B. Heller, München,
Piinganserstr.64, Tel. 73 6 64 u. 73 6 65. Postscheck München 3987,
Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden.
Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das
Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif.
Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif.
X. Jahrgang
München, 15. Februar 1934
Nummer 4
Inhalt: Salomon Schechter — Sorge und Besinnung um unsere
geistige Situation _— Erinnerung an das Purim-Fest — Zu
Hermann Stehrs 70. Geburtstag am 16. Februar 1934 — Ein
Kapitel, über die Begabung der Jüdin für die Schauspielkunst
— Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Der
Jüdische Kulturbund in Bayern ins Leben gerufen — Aus der
Gemeinde Augsburg — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger:
Bekanntmachungen des. Verbandes Bayerischer Israelitischer
Gemeinden: Bekanntmachung über Empfehlungsverträge mit
Versicherungsgesellschaften — Bekanntmachung über Erwei¬
terung des Gebietes der Israelitischen Kultusgemeinde Erlan¬
gen — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde
München: Bekanntmachung über Ergänzungswahlen für ge¬
meindliche Ausschüsse — Bekanntmachung über Mazzoth-
Versorgung. — Personalia.
Salomon Schechfer
Forscher und Führer
Ja — ich weiß, woher ich stamme
Ungesättigt gleich der Flamme
Glüh ich und verzehr ich mich
Licht wird alles was ich fasse
Kohle alles was ich lasse
Flamme bin ich sicherlich.
Wer diesen Mann auch nur einmal im Leben sah, der hat
ihn nie vergessen: den grauen Wald seiner wirren Haare, den
breiten Hut und den wehenden Mantel, das tiefdurchfurchte
Antlitz und das stählerne Feuer seiner blauen Augen, Mit dem
Nürnberger Ratsherrn Hieronymus Holzschuher verglichen
ihn seine Freunde, wie er auf Dürers Meisterbildnis immer
noch lebt. Aber dieser Ratsherr hatte das Herz und die Lei¬
denschaft eines Juden... und die Unrast, die seit je und je
unser Schicksal kennzeichnet. Gewiß, Salomon Schechter,
Universitätsdozent von Cambridge und später Leiter des Rab¬
binerseminars in New York war ein hochgelehrter Mann —
einer der größten Gelehrten seiner Generation. Aber wenn
man an ihn denkt, so sieht man nicht etwa das Studierzimmer
in Cambridge oder in New York vor sich, wo die Bücher von
allen Tischen und Stühlen purzeln — sondern man sieht den
abenteuerlichen Entdeckungsreisenden im fliegenden Mantel,
wie. er in der alten Synagoge von Kairo nach Handschriften
gräbt wie andere Entdecker nach Gold und in der G e n i z a h
unschätzbare Funde mit heim bringt. Schechter war kein
„Korb voller Bücher" wie unsere Alten einen Bücherwurm
spottend zu nennen pflegten; alles was er trieb, Denken,
Suchen, Künden, wurde zur Leidenschaft: Flamme war er
sicherlich...
Es scheint, als ob dieses Menschen leidenschaftliche Seele
sein Schicksal mit geformt hätte. Diesem großen Gelehrten
war es beschieden, durch eine folgenschwere Entdeckung he¬
bräischer Handschriften, die im Anbau einer alten Synagoge
in Kairo vergraben waren (daher der Name Genizah, d. h. das
Verborgene) allen Bibelforschern und Bibellesern unschätz¬
bare. Dienste zu leisten. Aber wäre er nur Forscher und nur
Gelehrter gewesen, so könnte sein Bild heute nicht mit der
Lebendigkeit vor uns stehen, als ob er unter uns weilte und
mit uns redete. Doch, aus dem Forscher ward der Führer, der
Kämpfer für ein lebendiges Judentum in einer in dumpfem
Schlafe befangenen Zeit; aus dem Gelehrten von Cambridge
ward der Vorkämpfer des amerikanischen Judentums, der
Leiter des Rabbiner-Seminars in New York, dessen Schüler
noch heute mehr oder weniger der amerikanischen Judenheit
ihr Gepräge geben. Darum begrüßen wir mit doppelter Freude
eine höchst lebendige knappe Darstellung seines Lebens und
Wirkens, die wir vor kurzem durch den auch bei uns wohl¬
bekannten Norman Bentwich erhielten; durch dies Büchlein
werden die früheren Bilder dieses Mannes, ganz besonders die
schöne Schilderung seiner wissenschaftlichen Bedeutung durch
Louis Ginsberg aufs Glücklichste ergänzt. Denn es ist auch
für uns heute wichtig, diesen Unvergessenen heraufzubeschwö¬
ren: hier ist der Fels, aus dem wir gemeißelt wurden, und aus
diesem Urgestein jüdischen Wesens strömen lebendige Quel¬
len der Kraft zu uns herüber — die wir heut all unsere Kraft
brauchen.
Schechter, der in der kleinen rumänischen Stadt Focsani
1847 geboren war, entstammte einem alten Geschlecht polni¬
scher Chassidim; nicht umsonst hat er später dem Chassidis-
mus eine seiner bedeutendsten Studien gewidmet. Aber seine
wissenschaftliche Schulung erhielt er in Österreich und
Deutschland, zumal in Berlin, wo damals eine Reihe der be¬
deutendsten jüdischen Forscher — Zunz, Berliner. Frankl —
sich zusammengefunden hatten. Es ist von hohem Reiz, wenn
wir gerade jetzt durch die Lebenserinnerungen von Schemaria
Levin einmal wieder hören, wie für den Ostjuden in jenen
Jahrzehnten Deutschland oder Österreich geradezu den Be¬
griff des „Paradieses auf Erden" verkörperten. „Lernen, Ler¬
nen!", das wollten sie alle, die damals wie einst Moses Men¬
delssohn durchs Rosenthaler Tor in Berlin einzogen. Aber
hier scheiden sich die Wege.
Kü&ifnjer muttutbunD in töapern: fröffntmssfotwtf, Sonntag, 25.jfeoruar
in der Hauptsynagoge (Soli — Orchester — Orgel)