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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung
Nr. 1
Dorothea v. Sohlegel, geb. Mendelssohn
er das Werk Moses Mendelssohn und fordert ihn in der Wid-
inung öffentlich auf, „entweder die Schrift zu widerlegen oder
zu tun was Sokrates .getan hätte; wenn er diese Schrift gele¬
sen und unwiderleglich gefunden hätte".
Für Mendelssohn war diese Herausforderung gleichsam ein
Erwachen aus dem anessianischen Traume seiner Jugend. —
Aber seine Antwort ist bestimmt genug... „Ich bezeuge hier¬
mit vor dem Gott der Wahrheit,- Ihrem und meinem Erschöp¬
ferund Erhalter, bei dem Sie mich in Ihrer Zuschrift beschwo¬
ren haben* daß ich bei meinen Grundsätzen bleiben werde, so
lange meine ganze Seele nicht eine andere Natur annimmt."
Im Grunde war ihm diese Auseinandersetzung über die Grund¬
bedingungen seines jüdischem Seins nicht unwillkommen. Sehr
lebendig zeigt er das in seinen Briefen. „Wollte Gott! ich be¬
käme wieder eine solche Gelegenheit, so tue ich wieder, was
ich: «dieses Mal getan habe... Wenn ich bedenke, was man
zw. Anerkennung der Heiligkeit unseres Glaubens zu tun schul¬
dig ist, sojjegreife ich gar nicht, wie manche unserer Glaubens-
genossen.dimmer schreien, ich solle um des Himmels willen
nicht mehr.davon schreiben..."
• Von "nun an widmet er alle Kraft der Wirksamkeit für Ju¬
den und Judentum. Wenn man heute Joseis von Roßheim wie¬
der dankbar gedenkt, des Fürsprechs für seine Glaubensbrü-
der: eine ganz ähnliche Rolle hat Moses Mendelssohn unter
.den Juden, seiner Zeit •gespielt. Wjertn in der' Schweiz, in Kö¬
nigsberg, in Kursachsen oder sonstwo Juden vertrieben, be¬
schimpft oder angeklagt werden: immer ist es der Philosoph
von Berlin, der für sie eintritt. Er ist es, der den Kriegsrat
Dohm zu seiner epochemachenden Schrift „Uber die bürger¬
liche Verbesserung der Juden" veranlaßt. — Darüber hinaus
aber hat Moses Mendelssohn durch positiv jüdische Werke
seiner jüdischen Gemeinschaft zu nützen versucht. Aus dem
Unterricht seiner Kinder erwuchs ihm die deutsche Bibel¬
übersetzung, zu der grade in unseren Tagen wieder manch
Einer griff, weil sie schlicht und treu geformt ist wie der
Mann, der sie prägte. Und in zwei Werken seiner letzten Jahre
stellte er dann seinen Zeitgenossen das Judentum selbst dar,
wie es sich in ihm spiegelte: als eine Religion, der bei der
größten Sicherheit und Unverbrüchlichkeit für ihn' selbst doch
die weiteste Duldsamkeit gegenüber anderen Religionen inne¬
wohnte. — Das waren die Vorreden zur „Rettung der Juden"
"vön-"Mänas>eh.ben- Israel,- dem Amsterdamer -Rabbiner, aus- dem
17. Jahrhundert, dessen eindrucksvollen Kopf uns Rembrandt
zu wiederholten Malen wiedergegeben hat und sein großes
Werk „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum".
Darin verlangt er, weit noch über die Forderungen für seine
'Glaubensgenossen hinausgehend, grundsätzlich Trennung von
Kirche und Staat, Denk- und Glaubensfreiheit mit allen ihren
Konsequenzen. Hier ist er wirklich seiner. Zeit „um .mehr als
ein Menschenalter vorausgeeilt".
Nach seinem Tode aber erst beginnt die Tragik dieses ganzen
von reinstem Wollen erfüllten Lebens deutlich zu werden. Als
Moses Mendelssohn starb, da... starb sein Zeitalter mit ihm:
das Zeitalter der Aufklärung mit seinem kindlich grenzenlosen
Glauben an den Sieg der Vernunft. Von ferne sah man nun
schon phantastisch und mit geflügelter Sohle die Gestalt dei
Romantik auftauchen; und sie hat ein gut Teil nicht nur von
Mendelssohns Philosophie,' sondern auch von Mendelssohns
jüdischem Lebenswerk vernichtet. • Jetzt ergab sich, daß seine
Nächsten und Liebsten selbst den Inhalt seiner jüdischen Bot¬
schaft nicht verstanden hatten — oder vielleicht nicht stark
genug waren, sein schweres Werk zu vollenden. Während
Moses Mendelssohn selber der staunenden Umwelt das Bild
eines Mannes vorgelebt hatte, der sich im deutschen Bildungs¬
kreis mit vollendeter Sicherheit bewegte — ein Kant rühmte
ja seine deutsche Schreibweise — und dabei doch nichts, nicht
die kleinste Sitte und nicht den .' geringsten religiösen Gebrauch
von seinem Judentum preisgegeben hatte. Bekannt ist die
schöne und ergriffene Schilderung, die der Pädagoge Campe
von dem Freitag-Abend im Hause Moses Mendelssohns uns
hinterlassen hat. Aber seine Kinder hatten (diese Botschaft
nicht verstanden. Wir wissen; adle, daß seine Töchter Doro¬
thea und Henriette zum Katholizismus übertraten; und auch
sein Sohn Abraham, der Vater des Komponisten Felix . Men¬
delssohn, .führte seine Kinder dem Christentum zu, „weil es
die Glaubensform der meisten gesitteten Menschen ist". Das
ist die posthume Tragik von Moses Mendelssohns Leben.
Wir Heutigen verstehen heute klarer die Grenzen, die per¬
sönliche Anlage und .Zeitbedingtheit diesem seltenen Manne
gezogen hatten. Mit der ihm eigenen gewinnenden Offenheit
hat er selbst zu wiederholten Malen bekannt, daß ihm nichts
zeit seines Lebens so fremd geblieben sei wie die Geschichte.
Ja — er sucht diesen Mangel selbst mit der damaligen Lage
der .Juden zu erklären, die ja kein eigenes Staatswesen hätten,
also, nur zum Dulden, nicht zum •geschichtlichen Handeln mehr
bestimmt wären. Einmal schrieb ein Unbekannter, ein „Mann
Sonntag, den 12. Januar 1936:
Eintopf- und Pfundsammlung.
Bei dieser Sammlung wird die 2. Pfundspende für Januar miterhoben. Es wird daher dringend
gebeten, die Ablösung für die Pfundspende an diesem Tage entsprechend zu erhöhen.