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Rabbiner Dr. Manuel J081
zu seinem hundertjährigen Geburtstage*
19. Oktober 1926.
Sein Leben und seine Persönlichkeit.
Von C. Selig mann in Frankfurt a. M.
In der Geschichte des Judentums des neunzehnten Jahrhunderts
gebührt Manuel Joel ein ruhmreiches Kapitel. Der großen
Kette glänzender, schöpferischer Persönlichkeiten, die auf einen
weiten Kreis bestimmend und richtunggebend wirkten, reiht sich
sein Name ebenbürtig an. Wer nur seine Werke kennt und nicht
ihn selber in dem ganzen wunderbaren Zauber, der von ihm ausging,
zu erleben das Glück hatte, dem offenbart sich nur ein schwacher
Abglanz seiner einzigartigen Persönlichkeit. So groß er als Gelehrter,
als Prediger, als schöpferischer Theologe war, größer noch war er
als Mensch. So bedeutsam, lebendig und packend auch alles ist,
was er geschrieben hat, mehr als sein Werk ist der Mann.
Am 19. Oktober 1826 (dem 4. Chol-hamoed-Tage) als Sohn des
nachmals in Schwerin a. W. als Rabbiner wirkenden Heimann Joel
in Birnbaum geboren, empfing er vom Elternhaus als Erbe den
besten Geist des altrabbinischen Judentums, von dem er in späteren
Lebensjahren mit rührenden Worten redet: ,,Wer in seiner Knabenzeit
das Glück hatte, die edelsten Vertreter des alten Rabbinats noch
zu sehen, für den ist es für immer mit einem Schimmer umgeben,
den keine Zeit verwischen kann. Das alte Rabbinat hat gerade vor
seinem Abschiede Männer hervorgebracht, auf die wir mit gerechtem
Stolze hinweisen können, sprechend: ,,So weit kann es ein sogenannter
Talmudjude, bei einer geradezu erstaunlichen Gelehrsamkeit auf dem
Gebiete des Talmud, in Heiligkeit und .Unantastbarkeit des Lebens-
wandeis bringen. . . ; . . Ja, das alte Rabbinat ging unter; schön
wie ein Sonnenuntergang, etwa wie einst das Gaonat erlosch, indem
gerade die letzten Vertreter desselben, Scherira und Hai, nahezu
die bedeutendsten waren/' * 1
* Anläßlich der 100. Wiederkehr des Geburtstages Manuel Jcöls, der
einen erheblichen Teil seiner Arbeiten in der MGWJ veröffentlicht hat,
widmen wir eine Reihe von Beiträgen — bis zu dem des Herrn Dr. Marmor-
stein — seinem Andenken. Durch die Anregung zu dieser Veranstaltung
und durch Gewinnung der meisten Beiträge hat sich Herr Rabbiner
Dr. Eckstein in Bamberg unseren herzlichen Dank verdient.
Die Schriftleitung.
1 Aus der bedeutsamen Rede zur Eröffnung der Rabbinerversammlung
in Breslau am 5. Juli 1887, abgedruckt in ,,Bericht über die Tätigkeit des
Rabbinerverbandes in Deutschland 1887“, Seite 5 f. — Die letzten großen
Vertreter des alten Rabbinats, die Joel damals im Auge hatte, sind wohl, neben
seinem Vater, dem er in kindlicher Pietät, mehr als zwei Jahrzehnte nach
seinem Tode, seine 1867 erschienenen Festpredigten widmet, vor allem R.Akiba
Eger, R. Jakob Lissa, R. Mordechai Banet und R. Moses Sopher, die alle
während der erwähnten ׳ Knabenzeit noch lebten. Sie starben zwischen den
Jahren 1829 und 1840. — Das Biographische nach der Skizze von seinem
Sohne Carl Joäl in: ,,Gedenkblätter zur Erinnerung an Dr. Manuel Joöl“,
Seite 11—20, und nach eigenen Erinnerungen.
Monatsschrift, 70. Jahrgang.
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