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Redensarten. Nicht jeder ist in der glücklichen Geistes-
Verfassung, die Weisheit derer zu würdigen, die, mutig das Prinzipien-
roß tummelnd, um so und so viel Zeilen willen auf wer weiß wie
lange hinaus die Judenheit in zwei prinzipiell geschiedene Lager
teilen wollen/‘ 1
Auf der Rabbinerversammlung zu Breslau im Jahre 1887, auf
der Höhe seines Lebens stehend, sprach er in der ihm eigenen milden
und doch so eindrucksvollen Weise über den Unterschied zwischen
seiner und der vorangegangenen Zeit: ,,Die ersten Rabbiner versa mm-
1 ungen vor nahezu einem halben Jahrhundert hatten etwas vor den
unsrigen voraus, was das Interesse sicherte, die Liebe und den
H a ß. Man begeisterte sich für ihre Vorschläge zur Veredelung
des Kultus, man begeisterte sich für ihre Darlegung des Judentums
in Ansprachen und Predigten, man begeisterte sich wohl auch für
ihre freiere Auffassung der rituellen und zere m o n i e 11 e n
Bräuche und Uebungen. Von anderer Seite sah man in ihnen Ab-
trünnige, Zerstörer. Das alles ist jetzt in ein ruhigeres Fahrwasser
hineingekommen. Darum erwarten wir weder so viel Liebe noch
so viel Haß, obwohl ich für den Haß nicht stehe, da es Menschen
gibt, die ein nicht beneidenswertes Talent zum Haß auch gegen das
friedlichst Gemeinte haben. Können wir nun selbst nur in bezug
auf die Themata den Faden einfach da wieder auf nehmen, wo ihn
die Früheren fallen gelassen hatten?.Warum wir auf die
Erörterung solcher Themata verzichten ? Wenn einem sein Haus
abzubrennen droht, so ist es nicht an der Zeit, darüber zu beraten,
ob er sein Sofa mit Plüsch oder mit Seide überziehen, oder ob er
die Zimmer mit Eichenholz- oder Mahagonimöbeln besetzen soll;
er sucht vor allem sein Haus zu retten. Ich sage nun nicht, daß
die Religion Israels in Gefahr ist, zu verbrennen; die Religion Israels
ist selbst ein Feuer, das nicht erlöschen wird durch alle Zeiten. Aber
wenn auch die Religion nicht erlischt, die Religiosität kann er-
löschen/‘ 2
Und bei der Totenfeier für Abraham Geiger, in der Neuen Syna-
goge zu Breslau, führt er aus: ״Die Zeiten verändern sich nicht
willkürlich, sondern naturnotwendig. So schön der Frühling ist,
sein Wesen ist nicht, die reife Sommerfrucht zu zeitigen. Auf die
Zeit des Werdens muß doch einmal folgen die Zeit des relativen
Gewordenseins. Ist es denn ein Kleines, daß heute über Vieles gar
nicht gesprochen wird, worüber einst erbitterte Kämpfe sind geführt
worden ? Daß die neue Zeit auch manches zu Ehren gebracht hat,
was damals in der berechtigten Hitze des Streites mit unter die
Unbrauchbarkeiten geworfen wurde, ist so wenig merkwürdig, daß
das Gegenteil das Merkwürdigere wäre. Tragen wir nur die Sorge,
daß die Gegenwart in ihrer Auffassung des Judentums sich so wenig
verflacht wie verroht, so können wir jede andere Sorge in der Be-
ziehung demjenigen überlassen, der die Menschen leitet.“ 3
1 A. a. O., Seite 30. — Auf den oben entwickelten Grundsätzen beruht
vor allem das Joel’sche Gebetbuch.
2 Bericht über die Tätigkeit des Rabbinerverbandes 1887, Seite 9 und 10.
3 Predigten aus dem Nachlaß von Dr. M. Joel, Seite 292 f.