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So dachte, lehrte und wirkte Joel als Rabbiner der Breslauer
Gemeinde, im Sinne der heute zum Sieg gelangten jüdischen Einheits-
gemeinde, mit dem Erfolge, daß in der von religiösen Streitigkeiten
zerklüfteten Gemeinde der Friede einzog und daß an der Bahre
Joels der konservative Nachfolger Tiktins, Rabbiner Rosenthal,
dem liberalen Kollegen die Worte nachrufen durfte: ,,Unvergessen
seien ihm seine Verdienste um den Frieden unserer Gemeinde, in
deren Mitte er im Geiste Ahrons eintrat, um die durch einen langen
Parteienkampf Getrennten und Gespalteten zu versöhnen und zu
vereinigen; unvergessen sein frommer, religiöser und historischer
Sinn, denn er war im Grunde seines Herzens frommer, religiöser
und auch konservativer, als die Extremen von Rechts und Links
fürchteten oder erwarteten /* 1
Liberal im Sinne der religiösen Weltanschauung, auf dem Stand-
punkt der historischen Entwicklung der Religion stehend, war Joel
niemals Parteimann, nie in eine Schablone zu pressen. Mißtrauisch
gegen alles Uebertriebene, Herausfordernde, Unduldsame, hörte er
nie auf Schlagworte, sondern folgte dem Gesetz seiner eigenen har-
monischen Natur. Niemals hat er aus kluger Vorsicht mit seiner
Meinung zurückgehalten. Wo es darauf ankam, war er nicht ängstlich,
sich zu seinem freien Standpunkt zu bekennen. Er kannte die ver-
führerische Gefahr der bedingungslosen Hingabe an die dämonischen
Mächte der Mystik und romantischen Gefühle. Darum warnt er:
,,So hoch wir auch das Gefühl der Pietät stellen, so sehr wir ja selbst
von demselben uns leiten lassen, darf der Mensch seine ganze Lebens-
führung einem dunklen Drange überlassen, muß er nicht nach Klarheit
und Wahrheit in seinem Denken und Tun ringen, wird es recht sein,
wenn er aus Pietät Irrtümer gutheißt und falsche Vorstellungen zu,
den seinigen macht? Muß da nicht eine Grenze gezogen werden,
wo die Pietät auf hört ?** 2 Die Authenthie der Bibel war ihm so
wenig ein Dogma wie die Verpflichtung zum Glauben an die Wunder-
erzählung von Elia und Elisa 3 , die nicht endgültige Fixierung der
Dogmen sieht er als ein Glück für das Judentum an, weil dadurch
die freie Forschung nicht beschränkt wurde und es keinen
anderen Gerichtshof für unsere Zugehörigkeit zum Judentum gibt,
als den des eigenen Gewissens 4 . Die Orthodoxie charakterisiert
er mit treffender Schärfe: ,,Daß die ,Rechtgläubigen* es mit der
Religion gut meinen, wäre unrecht in Abrede zu stellen. Aber gibt
es nicht genug Sachen wie Personen in der Welt, die durch ihre
ungeschickten Freunde am meisten bloßgestellt werden ? Das Wesen
aller Rechtgläubigkeit besteht darin, daß sie einen Zeitpunkt in
der Weltgeschichte willkürlich fixiert und die Auflassung
dieses Zeitpunktes als bindende Norm für alle Zeiten hinstellt. Man
kann auch sagen, es besteht darin, daß sie das, was seiner Natur nach
immer ein Werdendes ist, als ein Seiendes auffaßt. Die Willkür
aber, von der wir reden, sehen wir darin, daß sie keineswegs die
1 Gedenkblätter zur Erinnerung* an Manuel Joel, Seite 37 f.
3 Predigten aus dem Nachlaß I, Seite 127 f.
3 Joel, Religiös-philosophische Streitfragen,. Seite 10.
4 Zum Schutz gegen ״Trutz“, Seite 9.