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klassischen Jahre, wo die religiösen Wahrheiten in originaler ,Werde•־
lust 5 dem gotterfüllten Prophetengeiste sich entwinden, als die be-
stimmenden und maßgebenden annimmt. Vielmehr in der Stunde,
wo die Orthodoxie erwacht, ist die religiöse Schöpferkraft erloschen.
Das religiöse Leben erstarrt in Paragraphen, das Unformulierbare
wird Formel. An Stelle der Gläubigkeit tritt die Rechtgläubigkeit /' 1
Seine neue Aufgabe sieht Joel im Kampf gegen die verflachende
empirische Richtung der Zeit, im Kampf gegen den Dünkel eines
materialistisch eingestellten Geschlechts, im Kampf für die ewige
Wahrheit der Religion, für die Ehre des Judentums. In Wissenschaft,
Predigt, in Vorträgen und Flugschriften 2 ist er der unermüdliche
Streiter und Vorkämpfer voll Gedankenwucht, Schlagfertigkeit und
zwingender Kraft der Logik.
In seinen religionsphilosophischen und religionsgeschichtlichen
Werken tritt immer mehr als treibendes Motiv aller seiner wissen■־
schaffliehen Untersuchungen die Willensrichtung hervor, das Juden-
tum in die Gesamtheit der allgemeinen Kultur zu stellen, um ihm
den ihm gebührenden Rang und die vorenthaltene Anerkennung
zu gewinnen. Daß die jüdische Gedankenarbeit der großen spanischen
Religionsphilosophen einen fruchtbaren Keim in der Entwicklung
des menschlichen Denkens bedeutet, daß ,,sie geschichtlich fort-
schreitend, durch die Vertreibung aus Spanien wohl gebrochen, im
Grunde jedoch bei Spinoza einmündet und durch ihn in den Strom
moderner Gedankenrichtung sich ergießt “ 3 , daß die Anfänge des
Christentums ebensowenig ohne Aufdeckung der Beziehungen zum
Judentum zu verstehen sind, wie die radikalen Maßnahmen und
Bestimmungen der Tannaim ohne Einsicht in die Beziehungen zu
Rom und zum jungen Christentum, die scharfsinnige und gelehrte
Aufhellung dieser Tatsachen ist das große wissenschaftliche Verdienst
Joels 4 ,
1 Religiös-philosophische Zeitfragen, Seite 9f. Die obige Charakie-
risiening bezieht sich nicht speziell auf die jüdische Orthodoxie, überhaupt
nicht äuf irgend eine gegenwärtige religiöse Parteirichtung, sondern auf
Orthodoxie au sich.
2 Offener Brief an Prof. H. v. Treitschke 1899. — Mein aus Veranlassung
eines Prozesses abgegebenes Gutachten über den Talmud, in erweiterter Form
herausgegeben, 1899. — Zum Schutz gegen ,,Trutz“, eine notgedrungene
Ergänzung der Schrift ,,Zur Orientierung in der Kultusfrage“ 1869. — Vor
allem in diesen polemischen Schriften tritt die Eigenart, die Wucht, die spielende
Ironie, der treffende Witz, der dialektische Scharfsinn des Joöl’schen Stils
hervor, der fast an Lessing erinnert.
3 Siehe Gedenkblätter, Seite 68, und Geschichte des jüd.-theol. Seminars,
Seite 88 f. Seine Schrift ,,Zur Genesis der Lehre Spinozas“ führt Joel mit
den Worten ein: ,,Mit dieser Schrift entledige ich mich insofern einer Pflicht,
als ich in früheren Abhandlungen von einem Zusammenhänge Spinozas mit
jüdischen Religionsphilosophen in einer Weise geredet, die übertrieben gewesen
wäre, wenn mir nicht noch weitere Belege zu Gebote gestanden hätten. Ich
gehe sie im Folgenden.“ Das insbesondere von Kuno Fischer mit unzulänglichen
Einwänden bestrittene Ergebnis Joelscher Forschung ist in den neuesten
Biographien Spinozas zur Anerkennung gelangt. — Wie weit die ,Tendenz
Joels geht, für die Ehre des Judentums eine Lanze einzulegen, beweist der
im Lessing-Mendelssohn-Gedenkbuch S. 240—254 abgedruckte Aufsatz Joels:
,,Ein Wort gegen Lessing, zu Ehren Lessings“ (der, nebenbei bemerkt, in dem
Brann’schen Verzeichnis, Gesch. d. jüd.-theol. Seminars, S. 129, fehlt).
4 Siehe Gedenkblätter, Seite 70. לי