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In seinen Predigten und Vorträgen schuf Joel einen neuen Stil.
Von seiner rednerischen Wirksamkeit auf der Kanzel des jüdisch-
theologischen Seminars her war er gewohnt, sich an die Gebildeteten
unter seinen Hörern zu wenden. Davon wich er auch auf der größeren
Kanzel der Neuen Synagoge in Breslau nicht ab. ,,Wir wissen es
alle, wie viel Einfluß die Haltung des Gebildeten, sein Urteil uncl
die Meinung, die er ausspricht, auf gewöhnliche Leute hat 1 . Hüten
wir uns darum, so zu sprechen, daß der Gebildete leer ausgeht, daß
er sich für berechtigt hält, geringschätzig über den Wert einer Predigt
abzuurteilen. In letzter Instanz trifft das die Religion selbst /' 2
,,Dabei werden wir selbstverständlich mit allen Mitteln, die uns
Gott verliehen, danach ringen, auch dem gewöhnlichen Manne faßlich
und deutlich zu werden. Das Beste sagen und dieses Beste dennoch
so sagen, daß nicht bloß die Besten es verstehen, das wäre der Höhe-
punkt der Popularität /" 3 An die Gebildeten wendet er sich, um
sie zu überzeugen, um Gedanken und Gesinnungen, Willen uncl Tat
dem Gotteswort untertan zu machen 4 . Er wußte, daß dies kein
Geschlecht sei, das man mit leerem Stroh füttern kann. Darum
war in seinen Reden die tiefste Weisheit des Jahrhunderts und die
letzte Reife des abgeklärten Weltw r eisen. Den religiösen Genius des
Judentums in die Begriffe einer modernen Zeit umzugießen, die
ganze Tiefe der Schriftgedanken diesem Geschlechte lebendig zu
machen, dem Unscheinbaren neue glänzende Seiten abzugewinnen,
daß es in hellen Farben leuchtete, das war der neue Typ der Joelschen
Predigt. Feind alles Salbungsvollen und bloß Rhetorischen, unfähig,
eine inhaltslose Phrase über die Lippen zu bringen, nie trivial, voll
Kernhaftigkeit und Gedrungenheit der Sprache, voll Anschaulichkeit,
voll treffender Anspielungen, sinnreicher Vergleiche, packender,
geistreicher, oft witziger Wendungen, mit der seltenen Fähigkeit
begabt, jedem Thema die interessantesten, charakteristischsten
Gedanken abzuhorchen und sie gedrängt, plastisch, schlagend, mit
kristallner Klarheit und kraftvoller Bestimmtheit wiederzugeben,
schuf Joel den neuen Stil der jüdischen Predigt. Der Gelehrte war es,
der der Rede die Bedeutung, die seltene umfassende Geistesbildung
war es, die ihr den Inhalt, der Takt und geläuterte Geschmack, der
Geist und Scharfsinn war es, der ihr den Reiz gab.
Viele suchten dem Meister nachzuahmen. Aber wo findet sich
so leicht wieder Einer, in dem so viele Vorzüge sich zusammen-
finden, um eine so einzigartige Persönlichkeit zu schaffen, wie Joel war ?
ג Bei einem unserer unvergeßlichen Sabbatnachmittag-Spaziergänge er-
zählte mir Joäl einmal in seiner launigen Art, wie er in Breslau zum Rabbiner
gewählt wurde. In der ersten Reihe der Synagoge saß der hochgebildete Dr. L.
und neben ihm ein bekannter ,,Killeruderer“, der ebenso rührig wie ungebildet
war< Als Joel seine Gastpredigt beendet hatte, machte der Letztere eine
geringschätzige Kopfbewegung und meinte: ,,Bah!“ Da stieß ihn Dr. L. in
die Seite und rief: ,,Sie sind ein Schafskopf! 4 ‘ Dieses ,,Schafskopf“ bewirkte,
daß der Killeruderer in ganz Breslau herumlief mit der Parole: ,,Das ist unser
Mann, so eine Predigt war noch nie dal“
2 Joel, Festpredigten, 1867, Seite XII.
* 3 ib. Seite X und XII.
4 Siehe Joel, Festpredigten (1867), Seite XIII f., wo Joel in einer
,,klassischen Homiletik in nuce“ die Wirkung auf den Willen für den Redner
oirdert.