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״Das Geheimnis einer großen Natur“, so hat er selbst einen Großen
in Israels Vergangenheit zu ergründen versucht, ,,liegt in der Vereini-
gung von scheinbar einander ausschließenden Gegensätzen. Das
einseitig Große tritt in die Erscheinung als Virtuosität und erregt
weit eher Verwunderung, als jene zugleich demütigende und zugleich
erhebende, darum sittlich fördernde Empfindung, die wir Bewunde-
rung nennen. Erst wo das nach der gewöhnlichen Erfahrung Ge-
trennte, nur in einer Summe von Individuen Anzutreffende durch
die Macht einer hervorragenden Individualität in unbegreiflicher,
und doch wieder in organischer Weise vereinigt auftritt, fühlen wir
uns von dem Zauberhauche des trotz seiner Unbegreiflichkeit
Klassischen, trotz seiner Rätselhaftigkeit vom Gefühl Begriffenen
wunderbar angeweht. Der Mann, dessen Lebensbild wir im Folgenden
unsern Lesern zu entwerfen beabsichtigen, war eben einer jener
seltenen Menschen, deren Geist und Charakter, ohne den geringsten
Widerspruch zu enthalten, dennoch die entlegensten Gegensätze
umspannt“ 1 .
Solch ein Mann war Joel selbst. Eine Persönlichkeit, in der
keine Zwiespältigkeit war. ,,Rien 11' empeche tant d'etre naturel
que l'envie de le paraitre,“ sagt Rochefoucauld 2 . Abhold allem Schein,
fern von Eitelkeit, war er in seiner Schlichtheit und Natürlichkeit
ein lebendiger Protest gegen alles Gemachte, Gespreizte״ Zurecht-
gelegte. Feind jeder Pose war er aller steifen Amtswürde, alles sal-
bungsvollen Pathos' bar. Immer und überall war er derselbe, ob er
auf der Kanzel stand oder auf dem Katheder, ob er in Sitzungen
beriet, oder in alltäglichem Umgang heiteres Gespräch pflog. In
ihn! verband sich das Starke und das Zarte, Kraft und Milde, Weisheit
und Güte, Würde und Anmut, Bescheidenheit und Selbstbewußtsein,
der tiefe sittliche Ernst und der sonnige Frohsinn, der wie ein heller
Strahl aus seinen Augen leuchtete. Er war einer der herrlich Gefügten,
deren Lebenslinie aufrecht emporsteigt aus einer ungebrochenen
Seele. Voll Beweglichkeit des Geistes und übersprudelnden Tempera-
mentes war er von stiller Gelassenheit. Voll munterer Laune und stets
bereiten, schlagfertigen, treffsicheren Witzes war er von gehaltener
Form, zartfühlend, begabt mit einem bewundernswerten Takte, der,
aus tiefster Menschenkenntnis entsprungen, die möglichen Wirkungen
jedes Wortes intuitiv herausfühlt. Voll bezwingender Liebenswürdig-
keit und Mitteilsamkeit war er von würdevoller Zurückhaltung und
Vornehmheit. Ein abgesagter Feind aller Romantik und Mystik
war er erfüllt von schlichter Frömmigkeit, von jener Ehrfurcht, die
den vornehmsten Typus des Menschengeschlechts darstellt. Die
kritische Exaktheit des gewissenhaften Forschers verschwisterte sich
in ihm mit der warmen Ergriffenheit des glaubensstarken Apologeten,
die gereifte Weisheit des Philosophen mit dem harmlosen Gemüte
eines Kindes. Der Adel einer reinen Seele strahlte aus seinen edlen Zügen.
Ein unabhängiger Charakter, voll Unantastbarkeit der Gesinnung,
erfüllt von Pflichtbewußtsein, das nie etwas aus sich machte, nie
1 Rabbi Meir, eine biographische Skizze von Dr. M. Joöl, in Frankels
Monatsschrift, IV, Seite 88 f. Vergl. Joels Rede an der Bfthre Z. Frankels in
Predigten aus dem Nachlaß II, Seite 296, wo derselbe Gedanke auftritt.
2 Maximes Nr. 453.